"Warum ist Sofies Welt so erfolgreich?"

Burkhard Baltzer im Gespräch mit einer Buchhändlerin und einem Kulturwissenschaftler

Frau Lambeck, wer kauft dieses Buch?

Lambeck: Wir verkaufen es natürlich an Erwachsene. Erwachsene haben gehört, daß das Buch toll sein soll. Es gibt freilich kaum Rückmeldungen. Sofies Welt gehört sicher zu den Büchern, die am meisten gelobt und am wenigsten gelesen werden.

Auch das könnte sich ja herumsprechen. Trotzdem wächst und wächst die Auflage. Macht es Sie nicht neidisch, Herr Bausinger, daß ein populärwissenschaftlicher Titel die Wissenschaftler alt aussehen läßt?

Bausinger: Neid ist bei mir nicht sehr entwickelt. Man kann natürlich streiten, ob es ein wissenschaftliches Buch ist. Oder ob es wissenschaftlich daherkommt. Es legt jedenfalls großen Wert darauf, wissenschaftlichen Gehalt in Erzählung aufzulösen. Das gelingt nicht immer, und das ist für mich der Hauptmangel dieses Buches. Wissenschaftler müssen glücklich sein, daß es jemand fertigbringt, sowas so stark verbreitet unter die Leute zu bringen.

Gaarder sagt, die Fähigkeit, sich zu wundern, brauche man, um ein guter Philosoph zu werden. Lernt man mit dem Buch das Wundern?

Lambeck: Er meinte, daß philosophisches Denken mit dem Wundern beginnt. Sofie ist wohl für Leute vergnüglich, die sich ein wenig in der Philosophiegeschichte auskennen; für jene, die erkennen, wie Gaarder Philosophiegeschichte im Leben auflöst. Anderen bringt es Philosophie und Philosophiegeschichte nahe.

Das Gegenteil zur argumentativen Akrobatik, die Philosophie und Philosophiegeschichte heute ist?

Bausinger: Ja, und gleichzeitig mit dem Anspruch, daß philosophisch Bescheid weiß, der mit dem Buch durch ist. Ich finde schon, daß dieser Anspruch auf Sinngebung sehr, sehr stark ist. Wenn Sofie eines Tages den ersten längeren Brief in ihrem Briefkasten findet, so erinnert mich das an all die Zettel, die tatsächlich in meinem Briefkasten stecken, von irgendwelchen esoterischen Klüngeln, die mir auch die Welt erklären wollen. Gaarder ist da natürlich solider. Aber der umfassende Anspruch der Sinngebung ist für Leute, die sich durch Sofies Welt durchkämpfen, sicher ein ganz wichtiger Punkt. Die Auseinandersetzung von Sofie mit philosophischen Fragen halte ich zum Teil für ungeheuer reizvoll. Und dann diese Pointe: Eigentlich sei Philosophie wichtiger als Englischunterricht.

Aber das tröstet nicht über staubtrockene Passagen hinweg, in denen Philosophiegeschichte selbst schulmeisterlich abgehandelt wird. Ist eine allgemeine Sehnsucht nach Philosophie der Grund, daß das in Kauf genommen wird? Oder handelt es sich nicht doch um das neue Geschenkbuch für jeden Haushalt?

Lambeck: Das kann ich nicht sagen. Die Medien haben viel für den Erfolg getan mit Hörspielbearbeitung, Kassetten und Rundfunksendungen. Es ist ein Buch, bei dem man das Gefühl hat, man verschenkt einen Wert. Mit der behaupteten Sehnsucht nach Philosophie hat das nicht viel zu tun. Gaarder war Lehrer, hat das Buch auch für seine Schüler geschrieben. In Norwegen ist Philosophie ja ein Unterrichtsfach ab Klasse fünf.

Bausinger: Man muß zwischen Philosophie und Philosophiegeschichte unterscheiden. Wo das Buch sich mit philosophischen Fragen herumschlägt, halte ich es für sehr eindrucksvoll — gerade auch in der Popularisierung. Überall dort aber wo Philosophie gelehrt wird, gibt es die merkwürdige Tradition, zu 95 Prozent Philosophiegeschichte zu lehren, was nicht zwingend ist. Gaarder macht das auch, und das finde ich fragwürdig.

Der Roman wird als "Kriminal- und Abenteuerroman des Denkens" angekündigt. Ist das eine Erklärung dafür, daß er so konstruiert wirkt?

Bausinger: Und das mit ständigen Plädoyers für die Natur und das Naturleben,das ist schon raffiniert.

Lambeck: Gaarder spielt natürlich mit dem Schreiben über Schreiben. Das ist die Welt unserer Kinder mit allem Virtuellen, mit Abenteuer, Phantasy und Krimi.

Schwimmt das Buch nicht auch auf einer Welle, auf der schon Umberto Eco mit "Im Namen der Rose" geritten ist — auf ellenlange kulturgeschichtliche Passagen wird eine Story aufgepfropft?

Bausinger: Eco ist mit seinem Kloster-Krimi raffinierter. Anspruchsvoller, indem er viel stärker mit ironischen Brechungen arbeitet, anspruchsloser, weil er nicht an die Lösung der Welträtsel geht. Mir liegt es dennoch näher, Gaarder mit Michael Ende zu vergleichen, mit Momo, der Unendlichen Geschichte. Denn Momo erklärt sich die Welt. Das ist doch auch ein Buch, das von Erwachsenen gekauft wird, denen man sagte: Eigentlich ist das für Kinder— und dann ist es ein Kultbuch für junge Erwachsene geworden. Den Gaarder finde ich freilich in vielen Dingen angenehmer. Sein Buch changiert zwar ständig zwischen Wirklichkeit und Nichtwirklichkeit, aber es wird keine Phantasiewelt entwickelt, in der überhaupt nichts mehr stimmt.

Hermann Bausinger ist emeritierter Leiter des Instituts für empirische Kulturwissenschaft der Universität Tübingen.
Barbara Lambeck ist Buchhändlerin.

Mit den beiden sprach Burkhard Balzer. Erstveröffentlichung in der Saarbrücker Zeitung.