Replik auf:
Philosophie an VHS versteht sich als "professionalisierte Reflexion der Prinzipien und Ordnungssysteme menschlicher Theorie und Praxis" (G. Behrens, VHS-Verband Baden-Württemberg). Als Anleitung zum selbständigen und teilweise selbstorganisierten Lernen verstehen sich die VHS-Kurse, die den Teilnehmern qualifiziertes Orientierungswis-sen anbieten. Wie das laufen kann, will ich kurz erläutern: Ein Thema wird angesprochen, inhaltlich nach Interessenlage aufgefaltet, Schwerpunkte werden festgelegt. Als Kursleiterin stelle ich im Laufe des Kurses Texte von Philosophen zusammen, die gelesen und eingehend besprochen werden. Die Teilnehmer schlagen Schlüsselbegriffe in den von ihnen und mir mitgebrachten philosophischen Wörterbüchern (z.B. Schülerduden Philosophie) und Philosophiegeschichtsbüchern. (z.B. Helferich) nach und vergleichen diese Informationen. Dieses Vorgehen bedeutet für die Teilnehmer etwas völlig anderes als eine kurze Erklärung durch den Kursleiter! - Mit Kurzreferaten (auch von Teilnehmern) werden die Themen danach besprochen und diskutiert. Auf dieser Grundlage entsteht ein Denkraum, der eigenes Philosophieren ermöglicht. Die didaktische Reduktion auf eng eingegrenzte Gebiete fördert eigenständiges Denken und bahnt gleichzeitig fruchtbaren Gesprächen den Weg. Auf diese Weise erarbeiten sich die Teilnehmer als entstehende "community of inquiry" wichtige Kenntnisse, ohne die ein philosophisches Gesprach blass, flüchtig und laienhaft bleibt. Viele Teilnehmer meiner Kurse würden sicher fernbleiben, wenn nur geredet würde. Wer hier "Schulmeisterei" vorwirft, geht an der Sache und an den Fähigkeiten und Bedürfnissen der Teilnehmer völlig vorbei. Kein(e) Erwachsenenbildungskollege/in aus anderen Gebieten, sei es Psychologie, Theologie, Biologie oder Jura, würde fachliche Gespräche ohne Vermittlung von Fachkenntnissen anbieten. Teilnehmern weiszumachen, sie würden philosophische Gespräche führen, wenn sie so ungefähr etwas gehört haben und darüber erzählen, ohne die "Arbeit des Begriffs" geleistet zu haben, heißt, sie zu täuschen. Eine Täuschung in mehrfacher Hinsicht:
Problematisch bleibt, wenn, wie von
Vollbrecht angeführt, vom Gesprächsleiter Physiker oder Biologen fürs Café
"philo-sophisch gestimmt werden". Oder gibt es die Gespräche nur mit solchen
Personen, denen die Theorien von Heisenberg und Monod geläufig sind? Während zwanzig
Jahren habe ich solche Teilnehmer nicht erlebt.
Ebenso problematisch ist, wenn "an
einem Begriff wie Zeit oder Glück die Tiefengrammatik von
Kulturen zugänglich wird, - von westlichen wie östlichen" - welch hoher Anspruch
angesichts so geringer Mittel! Das klingt wie Basteln von Mitbringseln - schnell, mühelos
und ohne Werkzeug! (Aber der Bastler erhebt nicht den Anspruch, Kunstwerke zu erarbeiten.)
Und wenn auf der bunten Verpackung "Tiefengrammatik" steht, dann ist sie
sicherlich auch drin. Böse ist, wer anderes denkt?
Das Vermittlungsproblem ist auch nicht
gelöst, wenn das philosophische Café als "hermeneutisches Projekt" bezeichnet
wird. Kriterien für hermeneutisches Vorgehen wurden von Vollbrecht nicht genannt.
"Anteilnahme am philosophischen Thema" und "Achtsamkeit für die
dialogische Runde" sind noch lange keine Hermeneutik. Also auch hier Verpackung an
Stelle von Inhalt.
Wenn Vollbrecht meint, in philosophischen Cafés würde grundsätzlich Neues entstehen und die Philosophie würde "den Erbhöfen der Universitäten, Forschungseinrichtungen und auch der Volkshochschulen" entwachsen, muss er sich ernsthaft fragen lassen, wie lange er schon nicht mehr an diesen Einrichtungen war. Denn ob die selbständige oder angeleitete Erarbeitung von Begriffen und Argumenten stattfindet, ist, nicht eine Frage des Ortes, auch nicht des Getränks, wohl aber eine Frage der fachlich versierten, verantwortungsbewussten Leitung der Gespräche."
Mechthild Ralla, Achern