Um einige der bedeutendsten Merkmale der Wissenschaftstheorie als metatheoretisches Unternehmen verstehen zu können, sei es zweckmäßig, diese als eine spezifische Form der Kunst zu betrachten und die Idee eines Kunststils auf sie anzuwenden. Diese verblüffende These vertritt , der Nachfolger von Wolfgang Stegmüller am Münchner Institut für Philosophie, Logik und Wissenschaftstheorie, in seinem Beitrag
Eine Anzahl ästhetischer Kategorien können in sinnvoller Weise auf die Wissenschaftstheorie angewendet werden, in ähnlicher Weise, wie sie in Kunstgattungen wie Malerei, Musik oder Dichtung angewendet werden können. Was der Maler mit einer Landschaft oder einem Menschen anstellt, unternimmt auch der formale Wissenschaftstheoretiker, wenn er eine Repräsentation oder Rekonstruktion von Dingen, die jedem Stu-denten der Naturwissenschaft so vertraut sind wie die klassische Mechanik oder der Begriff der Entropie, in einer neuartigen, synthetisierenden Weise durchführt.
Der Grad an Intensität der Erfahrung, die wir machen, wenn wir vor der künstlerischen Repräsentation eines Objektes stehen, hängt nicht von der Genauigkeit der deskriptiven bzw. der photographischen Repräsentation des Objektes ab. Vielmehr ist die Spiegelung des Objektes, etwa die eines Baumes, für den ästhetischen Wert der Repräsentation irrelevant. Genau dies ist auch in der Wissenschaftstheorie der Fall. Allerdings sind die Widerstände gegen diese Sichtweise einer deskriptiven Auffassung von Wissenschaftstheorie, groß. Dahinter steckt, so Moulines, ein "semantischer Kategorienfehler": Die adäquate Repräsentation eines Gegenstands wird mit einem isomorphen Abbild desselben verwechselt. Demjenigen, der diesen Kategorienfehler begeht, erscheint jede Rekonstruktion oder Darstellung, die nicht isomorph abbildend ist, als gescheitert.
Während der Durchschnittsbesucher einer modernen Kunstausstellung nicht mehr erwartet, daß Picassos "Guernica" die genaue graphische Reproduktion einer durch Bomben terrorisierten Ortschaft ist, reagiert der durchschnittliche Leser wissenschaftlicher Texte noch immer mit Abneigung oder gar Ärger, wenn er in einer vorgeschlagenen logischen Rekonstruktion der Mechanik nicht auf das trifft, was er gewöhnlich in solchen Texten vorfindet. Wenn wir jedoch - so Moulines - die Idee aufgeben, daß Me-tatheorien der Wissenschaft deskriptive Symbolsysteme sein sollten und akzeptieren, daß sie repräsentationaler Art sind, dann verliert die Vielfalt der logischen Rekonstruktionen ein und derselben Theorie ihren Anschein einer untragbaren Willkür und stellt sich als natürliches und sogar wünschenswertes Ergebnis heraus. Nicht-äquivalente Rekonstruktionen der gleichen wissenschaftlichen Theorie können in gleicher Weise Gültigkeit haben in dem Sinne, daß sie verschiedene, grundsätzlich gleich interessante Tiefenstrukturen derselben Objekt-Theorie aufzeigen. Wir sollten dabei die Kunst vor Augen haben: dort macht nie-mand einen Wirbel um die Tatsache, daß dasselbe symbolische Objekt, z.B. Christus am Kreuze, von Velázquez und Dalí auf ganz verschiedene Weise dargestellt wurde. In der Wissenschaftstheorie etwa sieht die von Balzer/Moulines erarbeitete struktu-ralistische Repräsentation des theoretischen Objektes "klassische Mechanik" ganz anders aus als die mengentheoretische Darstellung nach Patrick Suppes. Und genauso, wie es keinen Sinn macht zu fragen, ob die "Kreuzigung" von Velázquez "wahrer" ist als diejenige von Dalí, ist es sinnlos zu fragen, ob die strukturalistische Repräsentation wahrer oder falscher sei als die mengentheoretische.
Die markanten Unterschiede in der Wissenschaftstheorie entstehen durch Unterschiede im Stil, und zwar in einem ästhetischen Sinne. So muß man nach Moulines etwa Carnaps Logische Aufbau der Welt als authentisches Kunstwerk lesen, als eines der größten in der Wissenschaftstheorie dieses Jahrhunderts. Es besitzt den gleichen Elan - mitreißend und rationalistisch zugleich - wie etwa eine Komposition von Alban Berg oder ein Gebäude des "Bauhauses". Kurz nach der Publikation gab Carnap den konstruktiv-phänomenalistischen Stil auf. Wie jene Maler, die sich von einem Stil trennen, der ihnen bereits die Schaffung eines bedeutendes Werks ermöglicht hat, um mit neuen Techniken zu experimentie-ren, ging er über zu einem ganz anderen rekonstruktiven Verfahren für empirische Theorien, einem formalistischen.
Das bedeutet aber nicht, daß in Wissenschaftstheorie "anything goes", genausowenig wie aus der nichtdeskriptiven Natur der Sprache der Kunst folgt, daß irgendein Gemälde den gleichen ästhetischen Wert wie irgend ein anderes hat. Denn in beiden Fällen haben wir Wertmaßstäbe. In Falle von metatheoretischen Rekonstruktionen können wir genauso von einer "inneren Wahrheit" sprechen wie die Kunstkritiker von der inneren Wahrheit eines Gemäldes oder eines Romans. Die innere Wahrheit, die von dem Wissenschaftstheoretiker angestrebt wird, kann mit der Idee der Adäquatheit verglichen werden, die bei künstlerischen Darstellungen angewendet wird. Jedoch darf diese Art von Adäquatheit eben nicht mit der "adaequatio rei et intellectus" der klassischen Korrespondenztheorie der Wahrheit verwechselt werden. Vielmehr sollte der Term "Adäquatheit" im Sinne von Angemessenheit interpretiert werden, so wie wir sagen, daß ein bestimmtes Kleidungsstück für eine bestimmte Person angemessen ist. Ein Kleidungsstück kann nicht "wahr" oder "falsch" für eine Person, aber es kann mehr oder weniger geeignet für sie sein. Typische Ausdrücke, die sinnvoll verwendet werden können, wenn man eine Metatheorie als bevorzugt auswählt, sind: "Eleganz", "Kohärenz", "Transparenz", "Klarheit", "Tiefe" oder "Plastizität".
LiteraturBalzer, Wolfgang und C. U. Moulines: Structuralist Theory of Science []