Wittgensteins Nachlass auf CD-ROM

Oxford University Press hat den Gesamtnachlass Ludwig Wittgensteins in digitaler Form auf sechs CD-ROMs auf den Markt gebracht, herausgegeben vom Wittgenstein-Archiv der Universität Bergen. Eine Edition, die gleich in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert ist. Zum einen, weil es seit dem Tode Ludwig Wittgensteins - vor nunmehr 50 Jahren – keinem Herausgeber gelungen ist, Wittgensteins Nachlass zu edieren. Zum anderen, weil die nun vorgelegte digitale Edition - im Unterschied zu digitalen Editionen der Werke anderer Philosophen - erstmals auch die Möglichkeit bietet, einen Gesamtnachlass im digitalen Faksimile aller Manuskripte und Typoskripte einzusehen. Darüber hinaus sind in dieser Edition – ebenfalls ein Novum - auch alle Zeichnungen und Graphiken Wittgensteins über Deskriptoren und Themen-Kategorien für den Druck und die Weiterverarbeitung aufbereitet worden. Nicht zuletzt enthält diese in Bergen (Norwegen) entstandene Edition auch etliche bisher unbekannte Texte Wittgensteins.

Das Ende einer Editionsoperette; denn seit 1951 sind vielfältige Bemühungen, den Gesamtnachlass zu veröffentlichen, unter gelegentlich bizarren Umständen gescheitert. Die Gründe hierfür bzw. für den zögerlichen Umgang mit Wittgensteins Nachlass sind weitgehend bekannt. Teils stemmten sich einige Nachlassverwalter jahrzehntelang gegen eine Veröffentlichung des Gesamtnachlasses in Faksimile-Form, teils fehlte schlicht das Geld, teils war das Fachwissen nicht vorhanden, teils schadeten selbsternannte Fachleute der Sache so gründlich, dass es einem kleinen Wunder gleichkam, diese Editionsbemühungen überhaupt an ein vorläufiges Ende gebracht zu sehen.

Bereits einem frühen Projekt der Cornell-University, in den sechziger Jahren, war wenig Erfolg beschieden. Zwar gelang es diesem sogenannten Cornell-Film erstmals, einen groben Gesamteindruck des nachgelassenen Werkes zu vermitteln, doch diese Nachlassverfilmung war qualitativ und systematisch unbefriedigend. Der Cornell-Film reproduzierte das Nachlassmaterial unvollständig und kaum aufbereitet. Viele Texte fehlten gänzlich, Seitenfolgen wurden durcheinander gewirbelt, Paginierungen von fremder Hand erweckten den Eindruck, es handle sich um Seitenzählungen Wittgensteins; massenhaft geschwärzte Textstellen verdeckten zudem all jene privaten Notizen, die einigen der Nachlassverwalter offenkundig nicht für die Veröffentlichung geeignet erschienen.

Es mag darum wenig verwundern, das Image eines solchen politisch korrekt und moralisch sauber zusammengezimmerten Wittgenstein noch heute durch derlei Zurichtungen geprägt zu sehen. - Um keinen falschen Eindruck entstehen zu lassen: G. H. von Wright, einer der Nachlassverwalter Wittgensteins, hat aus dieser teils abenteuerlichen, teils dilettantischen Editionspraxis die richtigen Schlussfolgerungen gezogen und seinerseits damit begonnen, den Nachlass Wittgensteins in Norwegen edieren zu lassen. Keine geschwärzten Stellen verunzieren länger diese Texte, keine getilgten Notizen trüben länger den Blick auf Wittgensteins Gesamtwerk.

Ein künftiges Standard-Referenzwerk

C. Huitfeldt und sein Team haben am Wittgenstein-Archiv der Universität Bergen mit dieser Arbeit zu einem Zeitpunkt begonnen, als digitale Medien, maschinenlesbare philosophische Werkeditionen zumal, innerhalb der Philosophie noch weitgehend als exotisch galten. Mit Weitblick und bewundernswerter Hartnäckigkeit ist es dem Wittgenstein-Archiv gelungen, ein Projekt zu verwirklichen, an dessen Umsetzung viele Wittgensteinforscher kaum noch zu glauben wagten. Mehr als 10 Jahre haben Forscher an dieser Nachlassedition gearbeitet. 21444 Seiten wurden in Faksimile digitalisiert, mehrfach transkribiert und gegengelesen, neue und unbekannte Textfunde wurden berücksichtigt und zahllose Bemerkungen, Aphorismen, Zettel und Notizen werden nun durch ihre Datierung erstmals auch in ihrer Entstehungsgeschichte transparent.

Insgesamt fehlen dieser Edition nur wenige Texte oder Textfragmente. (Beispielsweise das Typoskript 234, das zwar in von Wrights Katalog aufgenommen, nach seiner Katalogisierung jedoch verloren gegangen ist.) Un-ter den bisher unbekannten Manuskripten Wittgensteins finden sich in dieser Nachlass-Ausgabe auch ein bisher unbekanntes Notizbuch aus dem Nachlass von Rudolph und Elisabeth Koder, das nun unter der Katalognummer MS 183 zu finden ist.

Zwei Textschichten und ein Faksimile

Jeder Zettel, jede Seite dieser Ausgabe ist in drei – gleichsam parallel geordneten - Textstufen abrufbar. Das Wittgenstein-Archiv legt über die Bilddatei-Reproduktionen des Nachlasses zwei weitere Textschichten. Eine rein drucktechnische Reproduktion der Handschriften verzeichnet alle Streichungen, Einschübe, Anmerkungen und Korrekturen Wittgensteins. Diese detailgetreue sogenannte "diplomatische Fassung" ergänzend bietet ein "normalisierter", geglätteter Text, flüssig lesbare Drucktext-Varianten der Originalmanuskripte und -typoskripte. Geglättet in Orthographie und Wortstellung und den heutigen grammatischen Konventionen (ältere Rechtschreibung) angepasst, enthält dieser "normali-sierte" Text in der Regel nur jene Textvarianten, die - nach Meinung der Herausgeber - auch von Wittgenstein in einen endgültigen Drucktext hätten übernommen werden können. Anders formuliert: Der normalisierte Text entspricht weitgehend jenem, den wir auch aus den diversen bis heute erschienenen Druckfassungen der Werke Wittgensteins kennen.

Im Unterschied zur diplomatischen Textfassung ist in der normalisierten Textversion auch die von Wittgenstein fallweise verwendete "Geheimschrift" decodiert. In allen Zweifelsfällen kann aus jeder dieser drei Textschichten bzw. -ebenen unmittelbar auf eine der beide anderen Fassungen bzw. auf die Faksimile-Textbilder zurückgegriffen werden.

Es ist gelegentlich durchaus lustvoll, über diese Textschichten in den Dschungel all dieser Zettel, umfunktionierten "Kassenbücher", eingefügten und herausgerissenen Seiten, in die Bildreproduktionen der Originale abzusteigen, um sich - jenseits aller akademischen Sortierungszwänge – auf solchen Sprach-Baustellen umzusehen. Zwar mag es theoretisch strittig sein, ob die Reproduktion der Originalseiten wirklich für jenes Fundament eines Textes stehen mag, auf dem sich der philologische Spaten zurückbiegt, doch für die editorische Praxis dürfte es unbestreitbar sein, hinter die Originale bzw. ihre Faksimiles schlechterdings nicht zurückgehen zu können. Allenfalls die Anordnung solcherart reproduzierter Originale mag hier noch zur Diskussion stehen.

Wittgenstein, der zu Lebzeiten nur ein einziges philosophisches Buch in den Druck beförderte, hat an diesem schier unüberblickbar komplexen Textgemenge bis zu seinem Tode gearbeitet, ohne daraus je ein systematisch geordnetes Ganzes zu errichten. Nahezu alle heute bekannten Werktitel Wittgensteins beruhen deshalb auf mehr oder weniger hinterfragbaren Annahmen und Voraussetzungen der jeweiligen Herausgeber und/ oder Verleger. Nicht ein einziges Mal findet sich im Nachlass z.B. auch nur die Formulierung "Bemerkung(en)/ Anmerkung(en) über Gewissheit", oder: "Bemerkung(en)/Anmerkung(en) über die Farben". Einen Titel wie "Vorlesung über Mathematik" wird man dort ebenso wenig finden wie den Texttitel "Bemerkungen über Mathematik". Kurz: Der Gesamtnachlass zeigt in dieser Edition auch Nichtfachleuten deutlich, dass Wittgensteins Denken den üblichen philosophischen Systematisierungsmodellen höchst selten folgt. Eine Werkeinteilung findet sich - wenn überhaupt - nur in rudimentären Ansätzen. Beispielsweise in jenem - oben schon genannten - Big Typescript, das als einziges Werk - neben dem Tractatus - eine klar sortierte Themensammlung enthält. Wittgensteins Nachlass zeigt diese philosophische Anti-Systematik vor allem in den stetig variierten und wiederholten Zusammenstellungen unterschiedlichster philosophischer Gedanken. Oft für neue Zwecke, gelegentlich, um alte Gedanken wieder aufzugreifen und fortzuführen, bedient sich Wittgenstein immer wieder älterer Notizen und Aufzeichnungen. Zugleich jedoch pflegt er - wie kaum ein anderer Philosoph der Moderne - einen Arbeitsstil, der nahezu ohne jede Rücksicht auf mögliche oder künftige Veröffentlichungen für die vielleicht beste Illustration jenes wilden Denkens steht, das sich - vor Wittgenstein - allein bei Leibniz und Nietzsche in ähnlicher Weise finden lassen mag. In immer neuen Anläufen und Variationen stellte Wittgenstein diese Notizen zusammen, oft - wie es den Anschein hat - unvermittelt, ohne erkennbaren Grund. Andererseits werden einzelne Bemerkungen und Aufzeichnungen - nicht selten wortgleich - gelegentlich Jahre später wieder aufgegriffen, neu variiert und durch neue Überlegungen modifiziert, ergänzt, erweitert und damit weiter ausdifferenziert. Die philosophischen "Fäden" laufen gleichsam in alle Richtungen. Nicht, dass es an thematischen Schwerpunkten im Werke Wittgensteins mangelte. Die digitale Nachlassedition zeigt jedoch eher ein vages Kreisen um Themen, die kein wirkliches Zentrum erkennen lassen. Wer - wie Wittgenstein - auf schwankenden Brettern jenes sprichwörtlichen philosophischen Kahnes balanciert, findet seinen Schwerpunkt immer dort, wo er gerade steht.

Wittgenstein balancierte nicht nur auf diesem Kahn, er baute ihn auch noch - wie der Nachlass deutlich zeigt - während der Fahrt um. Die Bemühungen mancher Wittgensteinforscher, das Werk Wittgensteins – gewissermaßen sortierungstechnisch - in mehrere Perioden zu unterschieden, dürften sich jedoch spätestens mit dieser Edition als kaum durchführbar erweisen. Eine These, die H. Sluga bereits vor mehr als zehn Jahren vertrat, die aber – nach wie vor - umstritten scheint.

Spuren des Nationalsozialismus?

Wittgenstein, der vielen Philosophen als Ikone der Sprachphilosophie des 20. Jahrhunderts gilt, zeigt sich in dieser Nachlassedition auch von einer kaum bekannten Seite. Die Rede ist von Notizen und Bemerkungen Wittgensteins, die bisher nur unvollständig oder ohne genau Quellenangaben veröffentlicht worden sind:

"Die Geschichte der Juden wird darum in der Geschichte der Europäischen Völker nicht mit der Ausführlichkeit behandelt wie es ihr Eingriff in die Europäischen Ereignisse eigentlich verdiente, weil sie als eine Art Krankheit, Anomalie, in dieser Geschichte empfunden werden [...] Man kann sagen: diese Beule kann nur dann als ein Glied des Körpers betrachtet werden, wenn sich das ganze Gefühl für den Körper ändert (wenn sich das ganze Nationalgefühl für den Körper ändert). Sonst kann man sie höchstens dulden." (MS 154 , 23r)

"Man hat manchmal gesagt daß die Heimlichkeit und Verstecktheit der Juden durch die lange Verfolgung hervorgebracht worden sei. Das ist gewiß unwahr; dagegen ist es gewiß, daß sie, trotz dieser Verfolgung nur darum noch existieren, weil sie die Neigung zu dieser Heimlichkeit haben. Wie man sagen könnte daß das und das Tier nur darum noch nicht ausgerottet sei weil es die Möglichkeit oder Fähigkeit hat sich zu verstecken. Ich meine natürlich nicht, daß man darum diese Möglichkeit preisen soll, durchaus nicht." (MS 154, p. 25v-26r, 1.4. 1932)

"Der Gedanke daß unsere Rasse geschlagen werden soll deprimiert mich furchtbar denn ich bin ganz und gar deutsch!" (MS 101, 48v)

"Aber müssen wir denn über alles Rechnung geben können? Nein; aber manchmal wollen wir uns Rechenschaft über etwas ablegen, wenn die Ruhe der Reichsgrenzen durch Einfälle von Nachbarvölkern gestört wird." (MS 133, p.42v)

"Die Melodien der frühen Beethovenschen Werke haben (schon) ein anderes Rassegesicht als z.B. die Melodien Mozarts. Man könnte den Gesichtstypus zeichnen der [diesen| den] Rassen entspräche. Und zwar ist die Rasse Beethovens gedrungener, grobgliedriger, mit runderem oder viereckigerem Gesicht, die Rasse Mozarts mit feineren schlankeren und doch rundlichen Formen und die Haydens groß und schlank von der Art mancher österreichischer Aristokraten. Oder lasse ich mich da von dem Bild verführen das ich von den Gestalten dieser Männer habe. Ich glaube nicht." (MS 183, p. 99)

Hier spiegelt sich nationalsozialistische Diktion, auch wenn dieselbe über mehrere Rezeptionsecken gebrochen sein sollte. Es mag zwar zutreffen, dass solche Bemerkungen eine Relativierung erfahren, wenn man sie im Kontext der Weininger-Rezeption Wittgenstein liest. Eine Begründung wäre damit allerdings noch nicht gegeben, allenfalls eine Vertröstung auf dieselbe. Ob diese nun mit Weininger zu geben wäre -? Der Rezensent bezweifelt dies.

Es trifft ferner zu, dass diese Aufzeichnungen vermutlich nicht für eine Veröffentlichung bestimmt waren. Doch gilt diese Einschränkung – wie erwähnt – nahezu für das gesamte Werk Wittgensteins. In den bisher veröffentlichten Schriften Wittgensteins finden sich zwar in den sogenannten "Ver-mischten Bemerkungen" einige Notizen, im Stil und Inhalt der hier zitierten Aufzeichnungen, doch erst diese Edition erlaubt tiefere Einblicke in Wittgensteins politisches Denken; und zweifellos handelt es sich hier um ein solches.

Wittgensteins ‚gesammeltes Schweigen‘ zu den Ereignissen zweier Weltkriege, insbesondere aber das Schweigen über Auschwitz, dürfte jedoch kaum über Hinnahmen einer "Lebensform" zu begründen sein. Im Gegenteil: Die Berufung auf solche Lebensformen enthält bereits das ganze Problem derartiger Verweise aufs rein Faktische, das ein solches eben erst durch seine unkritische Hinnahme werden konnte.

Es ist ermutigend, dass zumindest einige wenige Autoren erste kritische Deutungsversuche dieser politischen Aufzeichnungen Wittgensteins unternommen haben (darunter C. Nyírí, A. Janik, B. Szabados, G. Wassermann, R. Monk und D. Stern).

Suchoptionen

Alle Texte dieser Edition werden über das Programm FolioViews bzw. InfoViews (für die Bild-Dateien) angezeigt; ein verbreitetes Programm, mit komfortablen Suchfunktionen. Gesucht werden können codierter Texte, Personennamen, einzelne Manuskripte oder Typoskripte, mathematische und logische Notationen, englische, französische oder lateinische Textstellen, bestimmte Phrasen, Begriffe im Wortnahbereich oder musikalische Notationen. Insbesondere die Deskriptorensuche über Grafiken und Zeich-nungen sei hier hervorgehoben, denn wie kein Philosoph zuvor hat Wittgenstein ausgiebig von Zeichnungen, Skizzen und Grafiken in seinen Arbeiten Gebrauch gemacht. Hunderte Piktogramme, technische Skizzen und geometrische Figuren finden sich im Nachlass. Diese dienen primär nicht zur Illustration von Sprachspielen; vielmehr versucht Wittgenstein - ähnlich wie O. Neurath - solche Zeichnungen und Grafiken in kontextübergreifender grammatischer Funktion zu gebrauchen. Diese Zeichnungen - im Nachlass als Bitmap-Bilddateien abgelegt - lassen sich beliebig zusammenstellen und in andere Bild- und/oder Textverarbeitungsprogramme exportieren.

Dennoch scheint dem Rezensenten eine Bildsuche mit Hilfe wortsprachlicher Deskriptoren ("Kreis", "Quadrat", "Spirale" etc.), eben diesen Bildern und Zeichnungen gewissermaßen ihren grammatischen Witz zu nehmen: Bilder können sich selbst vertreten; eine Deskriptoren-Wortliste kann allenfalls ein zusätzliches Hilfsmittel sein. Ein integrierter schlichter Bildbrowser hätte hier vermutlich bessere Dienste geleistet.

Kleinere Probleme

Kleinere Mängel schleichen sich natürlich auch in diese Edition ein. Probleme ergeben sich gelegentlich aus der zeitlichen Zuordnung der Texte und ihrer chronologischen Anordnung. So kann z.B. jenes Manuskript (MS 151, p. 46), in dem Wittgenstein über zerbombte deutsche Städte schreibt, schwerlich 1936 entstanden sein.

Wenn man von technischer Seite Kritik anbringen wollte, so wäre allerdings nachdrücklich auf die problematischen Text-Speicherformate hinzuweisen. Im Nachlass können sogenannte ShadowFiles (kopierbare Duplikate der CD-ROM-Texte) zwar im ASCII-Format oder in den völlig veralteten Formaten DosWord 5.5, WinWord 2.0, WordPerfect 5.0-6.0 abgespeichert werden, nicht jedoch in irgendeinem der neueren Dateiformate der entsprechenden Hersteller.

Gesamteindruck

Mit dieser Edition des Nachlasses hat das Wittgenstein-Archiv der Universität Bergen zweifellos einen Meilenstein der Wittgensteinforschung gesetzt. Die Oxford University Press-Ausgabe dürfte mit dieser digitalen Werkausgabe auch zu einer Referenz-adresse für alle bisher erschienen Teileditionen und Buchausgaben werden, denn die Druckversionen der Texte Wittgensteins leiden - zu einem überwiegenden Anteil - bis heute an einem erheblichen Mangel an Zuverlässigkeit der Textwiedergabe.

Eine solche Referenzausgabe ist auch dringend erforderlich, beispielsweise für das von M. Nedo kürzlich edierte sogenannte Big Typescript (TS 213). Vergleicht man etwa die Oxford University Press-Ausgabe des Big Typescripts mit jener Nedos, so könnte man leicht auf den Gedanken kommen, es handle sich um verschiedene Werke. (Schon 1991 hat J. Hintikka auf Probleme der Nedo-Edition hingewiesen.)

Ganz im Gegensatz hierzu bietet die Oxford University Press-Ausgabe einen authentischen Qualitätsmaßstab. Allein diese Edition konfrontiert alle bisherigen Printausgaben mit den Faksimile-Texten Wittgensteins. Alle eventuellen Problemfälle der Transkription lassen sich an den Faksimile-Re-produktionen der Originale klären und absichern.

Für Neuauflagen dieser CD-ROM-Edition wäre anzuregen, auch den Briefwechsel und andere bereits edierte biographische Dokumente sowie die vorhandenen Bibliographien aufzunehmen.

Es bleibt zu hoffen, dass Neuauflagen oder Nachbearbeitungen dieser Edition nicht an den Finanzmitteln scheitern. Gegenwärtig sieht es allerdings so aus, als ob die Zukunft des Archivs gesichert ist, das schon im Dezember dieses Jahres mit einer Wittgenstein-Konferenz an die Öffentlichkeit treten wird. Eine Konferenz, die u.a. die Fertigstellung der "Bergen Electronic Edition" zum Inhalt haben wird. (Vgl. http://www.hit.uib.no/ wab/w-konferanse/)

 

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Autor

Andreas Roser ist Privatdozent für Philosophie an der Universität Passau.