Das diesjährige, 24. Internationale Wittgenstein-Symposium, organisiert von Rudolf Haller und Klaus Puhl (beide Graz), stand im Zeichen von Wittgensteins 50. Todestag (Wittgenstein und die Zukunft der Philosophe. Eine Neubewertung nach 50 Jahren). Rund 270 Teilnehmerinnen und Teilnehmer setzten sich mit der Philosophie Ludwig Wittgensteins auseinander.
Stanley Cavell (Harvard) konzentrierte sich in seinem Eröffnungsvortrag auf kulturphilosophische und ästhetische Züge der Philosophischen Untersuchungen. Deren Paragraphen zeigen, so Cavell, in ihrer Diskontinuität und Kontinuität die Geschichten einer Kultur auf. Sie stellen damit ein Porträt des modernen Subjekts dar, den Versuch einer Darstellung unserer Leben sowie der Gefahr des Verlusts der Bindung an unsere "Naturgeschichte" durch den Kampf der Philosophie mit sich selbst. Dabei zeigt sich das metaphysische Bedürfnis des Menschen, seine Beunruhigung und seine Enttäuschung über die vorhandenen Sprachspiele, was ihn regelmäßig dazu dränge, diese zu durchbrechen. Gerade dieser Drang aber (als dessen Resultat z.B. auch der Tractatus selbst zu betrachten ist) ist dem Menschen auch wiederum natürlich. Wittgenstein versucht hin- gegen, diesem Bedürfnis mittels einer über- sichtlichen Darstellung entgegenzuwirken. Die so verstandene Philosophie als Therapie
bedeutet aber nicht, dass er uns von unserem Drang zum Philosophieren heilen will. Philosophie wäre nur dann beendet, wenn sie von der Metaphysik "entkräftet" würde und die Metaphysik durch das versuchte Lösen von durch skeptische Gedanken hervorgerufenen Problemen das gleiche Schicksal ereilte. Wenn aber Metaphysik uns sagen soll, wie die Dinge liegen, dann könne man auch jene philosophischen Prozesse, die beispielsweise durch Staunen motiviert werden, zur Metaphysik zählen und die künftige philosophische Arbeit so betreiben, dass man weitere Regionen unserer Naturgeschichte entdeckt und herausarbeitet.
Mit diesem postulierten Ende der Philosophie beschäftigte sich auch Simon Glendinning (Reading), der hierin vorwiegend die Forderung Wittgensteins nach dem Ende einer bestimmten philosophischen Tradition sah. Wittgenstein sei von den (von Glendinning so genannten) "apokalyptischen" Philosophen zu trennen, deren Ziel einer "völligen Klarheit" in der Hoffnung bestehe, über eine Analyse dessen, was ein sprachliches Phänomen "wesentlich" ausmacht, letztlich zu einer absoluten Eindeutigkeit bezüglich der Form des Ausdrucks, zu einem endgültigen Zustand der "vollkommenen Exaktheit" zu gelangen, um an diesem Punkt alle den Philosophen beunruhigenden Fragen ein für allemal beantwortet und somit das Ende der Philosophie erreicht zu haben. Vielmehr sei es genau dieses Philosophieverständnis, dessen Ende Wittgenstein erreichen und an dessen Stelle er ein neues Denken setzen wolle. Und dieses Denken, so Glendinning, ist ganz im Gegenteil ein endloses Philosophieren, welches man angesichts des ständigen Präsentierens von Beispielen zum Zweck der übersichtlichen Darstellung als ein Denken der Umwege und Abstecher, ein Denken der Seitenstraßen bezeichnen kann.
Damit sind wir bei der Wittgensteinschen Methodik angelangt, die immer wieder als das eigentlich Neue an Wittgensteins Denken angesehen wird - ein Thema, mit dem sich Joachim Schulte (Bielefeld) auseinandersetzte. Er zeigte den Wandel in Wittgensteins Einstellung zu seiner Methode auf: In den frühen dreißiger Jahren sei dieses Methodenverständnis - auf der Grundlage der damaligen Konzeption der Grammatik - ein sehr ambitioniertes gewesen. So vergleicht Wittgenstein im Big Typescript die Feststellung einer grammatischen Regel mit der Entdeckung einer Erklärung in der Physik (wie z.B. des kopernikanischen Systems). Mit der Feststellung und Ordnung grammatischer Regeln könne aufgezeigt werden, wie metaphysische Ideen und Konfusionen durch Mißverständnisse unserer Sprache entstehen und wie diese Konfusionen behoben werden können. Wittgenstein war zu jener Zeit davon überzeugt, eine neue Methode gefunden zu haben, also keine traditionelle, sondern "moderne" Philosophie zu betreiben. Bis 1936 hat er aber sowohl diese ambitionierte Vorstellung einer philosophischen Methode als auch die Vorstellung einer gleichbleibenden Gruppe von philosophischen Problemen, die auf bestimmte irreführende Eigenschaften der Sprache und ihrer Grammatik zurückzuführen ist, weitgehend aufgegeben. Später wurde die Idee einer speziellen philosophischen Methode von Wittgenstein generell verworfen. Übrig blieb davon nur, so Schulte, Wittgensteins Geschick bzw. Kunstfertigkeit, Philosophie zu betreiben.
Ein neues Verständnis der Werke Wittgensteins versuchte schließlich James Conant (Chicago) unter dem Stichwort einer "reso-luten Lesart" (resolute reading) des Tractatus vorzustellen. Hierzu wird ein Rahmen des Tractatus postuliert, der aus dem Vorwort einerseits und den Schlusssätzen ab 6.54 andererseits besteht. Durch diese Rahmenkonstruktion werde deutlich, dass Wittgenstein alle anderen Sätze des Tractatus als Unsinn betrachtet habe, also auch jene Sätze über das Unaussprechliche, welches sich nur zeigen könne. Wittgenstein habe somit mit dem Tractatus einen therapeutischen Zweck verfolgt. Auf die Warnung des Vorworts, so Conant, dass man dem Denken keine Grenzen ziehen könne und die Feststellung, dass alles jenseits der Sprache Liegende "einfach Unsinn" sei, folge im Kerntext eine vermeintliche Lehre, die aber am Schluss als Unsinn erkannt werden müsse. Das Haupt-ziel dieser Interpretation besteht in der vermuteten Ablehnung einer "substantiellen Konzeption" des Unsinns durch Wittgenstein zugunsten einer "strengen" Konzep- tion: Es gebe nur eine logisch mögliche Form des Unsinns "puren" Unsinn. Womit man wieder bei Frank Ramseys Ausspruch "Aber was wir nicht sagen können, können wir nicht sagen, und wir können es auch nicht pfeifen" angelangt wäre.
Stellt man sich nun die Frage nach einer Neubewertung im Sinne des Generalthemas der Tagung, so muss man festhalten, dass diese nicht erfolgt ist. Allerdings vorrangig deshalb, weil sich die meisten Vortragenden diese Frage gar nicht stellten (und noch viel weniger jene nach der Zukunft der Philosophie), sondern es vorzogen, sich spezifischen Einzelaspekten der Wittgensteinschen Philosophie zu widmen.
Eine generelle Neubewertung konnte zweitens schon deshalb nicht vorgenommen werden, weil die Meinungen, Interpretationen und Ziele schlicht zu unterschiedlich waren: Gibt es nun eine Kontinuität im Werk Wittgensteins, oder ist ein klarer Wechsel der Ansichten festzustellen? Und wenn man von einem Wechsel ausgeht, wie viele Sichtweisen sind es? Gibt es nur einen "frühen" und einen "späten" Wittgenstein? Oder vielleicht sogar noch einen dritten? Und wenn ja, wo wird dieser angesiedelt? In der Zeit von der 1929 erfolgten Rückkehr bis zur Arbeit an den Philosophischen Untersuchungen oder in jener Zeit der Arbeit an Über Gewißheit? Wenn man andererseits die Aussagen jener Interpreten heranzieht, die trotz des Zugeständnisses verschiedener Änderungen der Sichtweise davon ausgehen, dass gewisse Aspekte als kontinuierlich von zentraler Bedeutung für Wittgensteins Denken angesehen werden können, so stellt sich heraus, dass auch die Vermutungen darüber, worin diese Kontinuität besteht, unterschiedlicher nicht sein könnten: James Conant denkt hierbei an die vermutete Ablehnung der substantiellen Konzeption des Unsinns; für Mélika Ouelbani (Tunis) ist der Begriff des Gebrauchs zentral, Stanley Cavell sieht Wittgenstein als Philosoph des Metaphysischen (aufgrund der ständigen Auseinandersetzung mit entsprechenden Problemen), Peter Kampits (Wien) greift die Ethik auf, und bei Jaakko Hintikka (Boston) schließlich ist es die vermutete Legasthenie, die für die Kontinuität der Art seines Schreibens verantwortlich zeichnen soll.
Von Einigkeit, die Voraussetzung einer generellen Neubewertung ist, kann also keine Rede sein. Genau diese Vielfalt an An- und Einsichten, Meinungen und Interessen ist es aber auf der anderen Seite, die eventuell als Nachwirkungen des Symposiums zu verschiedenen "kleineren Neubewertungen" verschiedener Aspekte des Werkes Wittgensteins führen könnte. Da angesichts des dieses Jahr wohltuenderweise nicht so stark ausgeprägten analytischen Überhangs äusserst unterschiedliche Zugangsweisen zu Wittgensteins Werk präsentiert wurden, besteht zumindest die Möglichkeit, dass man Anregungen auch aus anderen Denkrichtungen erhalten haben könnte. Ob diese zu einer Neubewertung Wittgensteins (bzw. der eigenen Interpretation) führen, wird sich weisen. Positiver wird man das Ganze jedenfalls beantworten können, wenn man anstelle der ambitionierten Formulierung "Neubewer-tung" jene der "Korrektur" oder der "Modifikation" der Sichtweisen setzt.
AutorAnja Weiberg