Nun ist nicht immer richtig, was die Masse so denkt - auch nicht, wenn es die Masse der Philosophen ist. Und so ist es erst einmal ein gutes, mutiges Experiment, was der Philosoph auf dem Intendantenthron - also: Prof. Dieter Stolte - kurz vor dem Heruntersteigen vom Lerchenberg noch durchgesetzt hat: eine philosophische Talkshow. Daß ausgerechnet Peter Sloterdijk einer der beiden Stammtalker ist, mag als Zugeständnis an die Quote gewertet werden; allerdings erhöhte das in der Philosophenzunft nicht gerade das Zutrauen in das Projekt, denn der Karlsruher Professor ist ja eben als bunt schillernder Mediengelehrter verrufen. So war denn die Erwartungshaltung in der Zunft denkbar gering: Was sollte schon dabei herauskommen, wenn ausgerechnet im geistlosen TV philosophiert werden soll, und dann auch noch Sloterdijk mit dem bisher als Yeti- und eben nicht als Weisheitsfreund berühmten Messner als Diskussionspartner? Jahrmarktsgetöse, so wird die Masse geahnt haben.
Und, was war?
Erst einmal: Eine gesittete Herrenrunde war es. Vier Männer in gesetztem Alter, die ruhig miteinander plauderten. Keine hohen Emotionen, keine scharfen Polemiken. Gelegentlich ein wenig Applaus vom Publikum, das ansonsten buchstäblich im Dunkeln blieb. Keine Einspielfilme, erst recht keine Werbespots. Lediglich ein paar technische Bild- und Tonstörungen unterbrachen die Podiumsdiskussion (was erstaunlich ist, da die Debatte nicht live gesendet wurde). Insofern verbeugte sich das Medium Fernsehen vor dem klassischen Ideal philosophischer Diskussionsrunden. Und konnte, natürlich, doch nicht umhin auch Banal-Äusserliches und damit vom "reinen Inhalt" möglicherweise Ablenkendes zu transportieren. Etwa Sloterdijks professorale Lesebrille, Schorlemmers meist spöttischem Blick (was denkt der da?), Messners Rasputin-Bart und - vor allem! - Rüdger Safranskis Fahrrad-Krawatte (wieso trägt er bei so einem Gespräch eine Krawatte mit Fahrrad-Motiv? Hat er Angst vorm Radfahren oder was will er uns damit sagen?) Fazit: Man kann eben nicht nicht kommunizieren (Watzlawick). Nur: Das ist ja bei jedem philosophischen Vortrag oder Seminar auch so. Selbst ein Text macht unvermeidlich Eindruck mit seinen Schrifttypen, seinem Papier (holzfrei? recycelt?), seinem Umschlag (Plastik? Leder?) und Geruch. Also abhaken? Nein, durchaus nicht. Wenn diese Äusserlichkeiten schon unvermeidlich sind, so lassen sie sich trotzdem gezielt als Kommunikationsmittel einsetzen (was ja sowieso jeder erwartet, siehe die Fahrradkrawatte). Insofern blieb das Bild-Ton-Medium Fernsehen hinter seinen Möglichkeiten zurück, weil das Bild eben nur dazu genutzt wurde, Banales mitzuteilen: So sehen die vier Herren aus und hier sitzen sie, im Dresdner VW-Glashaus. Da hat man, ehrlich gesagt, schon philosophischere Bilder gesehen. Etwa bei Ulrich Boehms "Philosophie heute" vom WDR. Und auch da wurden die Grenzen des Fernsehens, Philosophie zu transportieren, durchaus nicht vollständig ausgelotet.
Das Konzept des "philosophischen Quartetts" ist aber eben ein anderes: nämlich nicht, die Audiovision originär zur Entwicklung und Darstellung philosophischer Thesen zu gebrauchen, sondern ein ganz klassisches Gespräch über philosophische Themen, wie es seit Anbeginn des Menschseins hätte stattfinden können, mittels TV in die Wohnzimmer zu übertragen. Anderes war nicht versprochen. Das mehr oder weniger "Experimentelle" war lediglich, dass hier Profis (die Philosophen Sloterdijk und Safranski, der Theologe Schorlemmer) mit einem Laien (Messner) diskutieren sollten.
Das Thema der vier Herren war die "Angst". Damit ging es, ganz ordentlich, um Anthropologisches: Die existenzielle Angst, scharf unterschieden von der konkreten Furcht. Heidegger und Nietzsche wurden zitiert, zum Abschied auch Kierkegaard. Aber solcherlei Zitate waren nur kleine Häppchen für Eingeweihte, das unvermeidliche Minimum an Namedropping. Tatsächlich wurde nicht über Philosophiegeschichte und korrekte Textexegese gestritten, sondern - philosophiert! So war es versprochen, so wurde es gehalten. Und - vielleicht noch erstaunlicher, vielleicht auch gerade nicht! - vor allem Reinhold Messner überraschte mit einem unbanalen Mass an Reflexion.
Konnte Sloterdijk noch eingangs feinsinnig spotten, Messner sei geladen als "Messdiener" (nomen est omen) und weil er "ohne Sauerstoffgerät Gott am nächsten gekommen" sei, so zeigte sich im Verlaufe des Gesprächs, dass Messner vielleicht als einziger in der Runde wirklich wusste, wovon die Rede war - und insofern der einzige buchstäbliche "Profi", war, nämlich der "Erfahrene". Hat er doch von wirklicher, existenzieller Angst nicht nur gelesen, sondern er hat sie am eigenen Leibe erlebt. Er hat sich in Jasperschen Grenzsituationen befunden, während die anderen drei doch immer nur die "Haustiere" im "Sicherheitstreibhaus" (Sloterdijk) geblieben waren. Nachdenkenswert war, was der "Angstsucher" Messner (so Sloterdijk) an eigenen Überlegungen darreichte - über die weitverbreitete "Angst vor der Angst" der Leute, die sonst gar keine Angst mehr haben, die "Angst nicht vor dem Tod, sondern vor dem Sterben", den evolutionsbiologischen Nutzen der Angst für die Entwicklung der Ratio ("Die Angst steht am Anfang des Intellekts" - Applaus!) und die Notwendigkeit einer Balance zwischen Angst und Wut, damit die Angst nur Alarmgeber für lebensnotwendige Handlungen ist und nicht zur lebensbedrohlichen Lähmung führt. Das alles war nicht umwerfend neu, aber so schön bodenständig, dass man geneigt sein konnte, im beredten Messner den schweigsamen schwäbischen Bauern zu entdecken.
Was die drei anderen beizutragen hatten, verblasste völlig vor diesem authentisch Erlebtem und Durchdachtem. Und vielleicht liegt darin ja die eigentliche Botschaft des Quartetts: die Erinnerung daran, dass philosophisches Denken sich an tradierten Erfahrungen und Überlegungen anderer zwar schärfen kann, aber nur aus eigenem Erleben entspringt. Und zwar einem Erleben ausserhalb der "Kulturtreibhäuser" (Sloterdijk), wie gerade Schulen und Universitäten sie par excellence verkörpern. Insofern ist das Experiment, das Fernsehen zum Marktplatz für richtige Philosophie zu machen, gerade indem Nicht-Fachphilosophen im Verbund mit akademisch geschulten Traditionskennern über Erlebtes reflektieren, absolut gelungen. So wird die als verstaubt verschrieene Philosophie auf einmal wieder ganz lebendig. Das Beispiel sollte Schule machen. Und Quote.
Michael Funken ist Mitherausgeber von "Information Philosophie im Internet", promovierter Philosoph und freier TV-Journalist (für ZDF, 3Sat, WDR).