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03 2019

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Peter Schulte und Fabian Hundertmark:
Teleosemantik weitergedacht. Über Grundlagen, Probleme, neue Entwicklungen

Aus: Heft 3/2019, S. 18-31

 

Ausgangsproblematik und Grundidee

Nehmen wir an, Sarah sitzt im Garten und sieht einen Igel, der wenige Meter von ihr entfernt über den Rasen läuft. Der Wahrnehmungszustand, den Sarah in diesem Moment ausbildet, beruht auf einem spezifischen Aktivitätsmuster in ihrem visuellen Cortex – einem Zustand, den wir der Einfachheit halber ‚N' nennen werden, und der auch als ‚neuronaler Realisierer' von Sarahs visueller Wahrnehmung beschrieben werden kann.

Zustand N ist zweifellos bemerkenswert. Zunächst gehört er, wie alle anderen neuronalen Zustände, zu einem bestimmten neurophysiologischen Typ, d. h. er weist bestimmte ‚intrinsische' neurophysiologische Eigenschaften auf. Darüber hinaus gilt aber auch: N bezieht sich auf einen Gegenstand in Sarahs Umgebung – den Igel – und repräsentiert ihn als einen Gegenstand mit bestimmten Eigenschaften (einer bestimmten Form, Größe, Farbe, etc.).

Diese Charakterisierung wirft eine grundlegende philosophische Frage auf: Wie kann es sein, dass Sarahs N-Zustand solche Eigenschaften besitzt? Oder, allgemeiner: Wie lassen sich die repräsentationalen (bzw. ‚intentionalen') Eigenschaften neuronaler Zustände erklären – im Fall von Wahrnehmungen wie auch im Fall von Meinungen, Wünschen und Absichten? Einige Theoretiker/-innen glauben, dass wirkliche Erklärungen hier gar nicht möglich sind; sie halten repräsentationale Eigenschaften für ontologisch fundamental. Andere Theoretiker/-innen – zu denen auch die Vertreter/-innen der Teleosemantik zählen – sind weniger pessimistisch. Sie sind der Ansicht, dass sich durchaus Erklärungen (sog. konstitutive Erklärungen) für repräsentationale Eigenschaften formulieren lassen, d. h. dass wir auf die Frage nach den Umständen, die dafür verantwortlich sind, dass bestimmte neuronale Zustände repräsentationale Eigenschaften haben, eine informative, nicht-zirkuläre Antwort geben können.

Diese Antwort liegt jedoch keinesfalls auf der Hand. Betrachten wir zur Illustration einen ersten, naiven Antwortversuch – die einfache kausale Theorie der Repräsentation (EKT). Nach EKT lässt sich der Weltbezug von Repräsentationen leicht erklären: Ein repräsentationaler Zustand bezieht sich auf einen Zustand in der Welt, weil er von diesem verursacht wird. Oder, etwas genauer: Ein interner Zustand vom Typ B – also z. B. ein neuronaler Zustand wie der N-Zustand von Sarah – repräsentiert genau dann, dass ein externer Umstand vom Typ U vorliegt, wenn interne Zustände vom Typ B stets durch externe Umstände vom Typ U verursacht werden. Alternativ können wir sagen, dass ein interner B-Zustand genau dann den Gehalt <U liegt vor> hat, wenn B-Zustände stets von U-Zuständen verursacht werden. EKT besagt also beispielsweise, dass ein Zustand eines bestimmten neurophysiologischen Typs genau dann eine Repräsentation mit dem Gehalt <Da ist ein roter Gegenstand> ist, wenn Zustände dieses Typs stets von roten Gegenständen verursacht werden.

Leider hat die einfache kausale Theorie einen großen Haken: Sie ist offensichtlich unhaltbar. Erstens impliziert EKT, dass Fehlrepräsentationen unmöglich sind. Wenn Zustände eines bestimmten Typs nur dann den Gehalt <Da ist ein roter Gegenstand> haben, wenn sie stets von roten Gegenständen verursacht werden, dann kann ein Zustand mit dem Gehalt <Da ist ein roter Gegenstand> niemals in Abwesenheit eines roten Gegenstandes auftreten. (Auf den ersten Blick mag es so scheinen, als könne man dieses Problem einfach dadurch lösen, dass man den Ausdruck ‚stets' in EKT durch ‚meistens' ersetzt. Eine solche Modifikation wirft jedoch zahlreiche Fragen auf, die sich – zumindest prima facie – nicht sinnvoll beantworten lassen: Welcher Anteil von B-Zuständen muss von U-Zuständen verursacht werden, damit wir Zuständen dieses Typs den Gehalt <U liegt vor> zuschreiben können? Über 50%, über 60% oder über 90%? Und: Welche Vorkommnisse von B müssen wir bei der Berechnung dieses Anteils berücksichtigen? Alle Vorkommnisse in der Geschichte des Universums, alle Vorkommnisse in den letzten 1000 Jahren auf dem Planeten Erde, oder alle Vorkommnisse im letzten Jahr in Niederbayern?)

Zweitens folgt aus EKT, dass (fast) jeder repräsentationaler Zustand zugleich mehrere, in einer Kausalkette miteinander verbundene Sachverhalte repräsentiert, da es eine offenkundige empirische Tatsache ist, dass (fast) jeder interne Systemzustand am Ende einer langen Kette von Ursachen steht. Ein R-Zustand, dessen (‚distale') Ursache (i) die Präsenz eines roten Gegenstands ist, hat zugleich weitere (‚proximale') Ursachen – und zwar, vereinfacht gesprochen, (ii) die Bewegung roter Lichtwellen in Richtung Auge und (iii) die Reizung von L-Zapfen auf der Retina. Nach EKT müssen R-Zustände mit dem Gehalt <Da ist ein roter Gegenstand> also zugleich die folgenden Gehalte besitzen: <Rote Lichtwellen bewegen sich in Richtung Auge> und <Die L-Zapfen auf der Retina sind gereizt>. Sowohl intuitiv wie auch aus Sicht der Kognitionswissenschaften scheint es jedoch weitaus plausibler, Wahrnehmungszuständen und Alltagsüberzeugungen rein distale Gehalte zuzuschreiben.

Drittens ist EKT eine extrem liberale Theorie der Repräsentation. Solange die Klasse der möglichen Systeme in keiner Weise eingeschränkt wird, verfügen nach EKT nicht nur Pflanzen, Protisten und Bakterien, sondern auch Planeten, Steine und Wasserstoffatome über Repräsentationen. (In einem Wasserstoffatom würde z. B. der Sprung des Elektrons vom 1s- auf das 2s-Orbital repräsentieren, dass ein Photon mit einer bestimmten Energie absorbiert wurde.) Diese Konsequenzen sind aber mit Sicherheit inakzeptabel.

 

Die einfache kausale Theorie der Repräsentation ist in der hier diskutierten Form niemals ernsthaft vertreten worden. Die Debatte der letzten Jahrzehnte hat jedoch gezeigt, dass auch raffiniertere kausale Theorien die drei genannten Probleme – das Problem der Fehlrepräsentation, das Distalitätsproblem und das Liberalismusproblem – nicht befriedigend lösen können. Dasselbe scheint auch für Theorien zu gelten, die zur Erklärung repräsentationaler Eigenschaften primär auf den Begriff der Information zurückgreifen.

Dies bringt uns zur Grundidee der Teleosemantik. Teleosemantiker/-innen glauben, dass kausale und informationale Begriffe nicht ausreichen, um Repräsentationen naturalistisch zu erklären. Dies, so ihre These, ist nur mit Hilfe des Begriffs der biologischen Funktion möglich. Biologische Funktionen sind (per Definition) mit funktionalen Standards verbunden: Wenn ein Herz Blut durch den Körper pumpt, sprechen wir davon, dass es ‚seine Funktion erfüllt'; andernfalls sprechen wir von einer ‚Fehlfunktion' des Herzens. Teleosemantiker/-innen sind der Ansicht, dass die Korrektheitsstandards für Repräsentationen in der einen oder anderen Weise auf solche funktionalen Standards zurückgeführt werden können – oder, anders ausgedrückt, dass der Unterschied zwischen korrekten und inkorrekten (wahren und falschen) Repräsentationen letztlich auf dem Unterschied zwischen Funktionserfüllung und Fehlfunktion beruht.

Auf Basis dieser Grundidee hat sich seit den 1980ern ein vielfältiges und erfolgversprechendes Forschungsprogramm entwickelt, das gerade in den letzten Jahren wieder verstärkt ins Zentrum der Debatte um mentale Repräsentationen gerückt ist. In den folgenden Abschnitten werden wir kurz die Geschichte des teleosemantischen Forschungsprogramms nachzeichnen und anschließend einige wichtige neue Entwicklungen auf diesem Gebiet näher beleuchten.

Eine kleine Geschichte der Teleosemantik

Die erste ausgearbeitete teleosemantische Theorie der Repräsentation hat Ruth Millikan im Jahr 1984 vorgelegt. Ihr Buch Language, Thought, and Other Biological Categories (LTOBC) ist ein Meilenstein in der Geschichte der Teleosemantik und nach wie vor ein zentraler Bezugspunkt in der Debatte. Die in LTOBC entwickelte Theorie hat Millikan in späteren Arbeiten ausgebaut und verfeinert (1, 14); sie vertritt jedoch bis heute einen im Wesentlichen unveränderten Ansatz (vgl. 19, S. 155-166).

Eine eng verwandte Theorie hat, ebenfalls im Jahr 1984, David Papineau formuliert (27, vgl. auch 3, 28). Obwohl Papineaus Version der Teleosemantik ebenfalls hochinteressant ist und sich in einigen wichtigen Hinsichten von Millikans Version unterscheidet, werden wir uns in diesem Abschnitt auf Millikan konzentrieren, da eine adäquate Darstellung beider Theorien den Rahmen dieses Überblicks sprengen würde. Auch die informationale Teleosemantik von Fred Dretske (11) wird hier nicht zur Sprache kommen; dafür werden wir im nächsten Abschnitt den von Dretske inspirierten Ansatz Karen Neanders ausführlich diskutieren.

Millikan setzt in ihrer Theorie eine sog. ätiologische Konzeption biologischer Funktionen voraus. Danach ist die Funktion eines Merkmals durch seine Entstehungsgeschichte festgelegt, d. h. in grundlegenden Fällen durch einen Prozess der natürlichen Selektion. In solchen Fällen gilt: Merkmal M hat die Funktion, zu ϕ-en (d.h. eine bestimmte Art von Effekt zu erzeugen), wenn M dafür selektiert wurde, zu ϕ-en. Mit anderen Worten, heutige Vorkommnisse des Merkmals M haben die Funktion, zu ϕ-en, wenn gilt: Frühere Vorkommnisse von M haben ge-ϕ-t und mit ihrem ϕ-en entscheidend zum evolutionären Erfolg ihrer Träger (und damit zur Verbreitung des Merkmals M) beigetragen. Die Streifen der Zebras beispielsweise haben nach neueren Erkenntnissen die Funktion, parasitische Insekten abzuschrecken, weil gilt: Frühere Vorkommnisse dieser Streifen, d. h. die Streifen der Vorfahren der heutigen Zebras, haben parasitische Insekten abgeschreckt und damit entscheidend zum evolutionären Erfolg ihrer Träger (und damit zur Verbreitung des Streifenmusters) beigetragen.

Die ätiologische Funktionskonzeption bildet die Grundlage, auf der Millikan ihre teleosemantische Theorie der Repräsentation aufbaut. (Millikans Terminologie ist uneinheitlich; in manchen Schriften nennt sie Zustände mit intentionalem Gehalt „intentional icons" (16), in anderen „representations" (18); wir werden in diesem Aufsatz stets den geläufigeren Ausdruck ‚Repräsentationen' verwenden.) Millikan betrachtet Repräsentationen grundsätzlich als Signale, die ein produzierender Mechanismus (Sender oder Produzent) an einen konsumierenden Mechanismus (Empfänger, Interpret oder Konsument) übermittelt. Bei mentalen Repräsentationen, die in diesem Artikel im Zentrum stehen sollen, sind Produzent und Konsument Subsysteme ein und desselben Organismus. In den einfachsten Fällen ist der Produzent ein sensorisches und der Konsument ein motorisches Subsystem. Der Produzent reagiert auf verschiedene externe Stimuli (‚sensorische Inputs') mit der Produktion verschiedener interner Signale, und der Konsument reagiert auf diese verschiedenen Signale dadurch, dass er unterschiedliche Arten von Verhalten produziert.

Wenn wir uns (wie bisher) auf deskriptive, ‚meinungsartige' Repräsentationen beschränken und direktive, ‚wunschartige' Repräsentationen außer Acht lassen, können wir Millikans Grundgedanken so wiedergeben: Repräsentationen sind Signale, die in systematischer Weise mit bestimmten Umweltbedingungen kovariieren müssen, damit der Konsument durch seine normalen Reaktionen auf diese Signale seine biologischen Funktionen erfüllen kann. Um diese These zu präziser zu fassen, müssen wir zunächst berücksichtigen, dass jeder repräsentationale Zustand nach Millikan zu einer systematisch strukturierten Klasse von Zuständen gehört. Wenn wir z. B. die Schwänzeltänze der Bienen betrachten, dann stellen wir fest, dass es unterschiedliche Typen von Tänzen gibt, die systematisch mit unterschiedlichen externen Bedingungen kovariieren, und die bei den Konsumenten (in diesem Fall: bei den anderen Bienen, an die sich die Tänze richten) jeweils unterschiedliche Reaktionen hervorrufen. Dasselbe gilt für interne Signale wie Sarahs N-Zustand; auch hier gibt es eine Menge alternativer neuronale Zustände, die das visuelle System von Sarah unter anderen externen Bedingungen (z.B. bei einer anderen Position, Größe oder Farbe des Igels) ausbilden würde, und die in Sarahs kognitivem System auf andere Weise verarbeitet würden. Zudem ist in beiden Fällen klar, dass die Kovariation der internen Zustände mit den externen Bedingungen eine wichtige Voraussetzung für erfolgreiches Konsumentenverhalten ist.

Millikan zufolge lassen sich diese Beobachtungen generalisieren. Jede deskriptive Repräsentation gehört danach zu einer Klasse von internen Zuständen R1, ..., Rn, für die folgendes gilt: (i) R1, ..., Rn sind Zustände, die vom Produzenten (in Reaktion auf unterschiedliche externe Stimuli) generiert werden und auf die der Konsument jeweils unterschiedlich reagiert, und (ii) um zu erklären, wie der Konsument seine biologischen Funktionen erfüllen kann, muss man darauf verweisen, dass die verschiedenen R-Zustände zusammen mit jeweils unterschiedlichen Umweltbedingungen auftreten – R1 zusammen mit Umweltbedingung p1, R2 zusammen mit p2, usw. (Diese Umweltbedingungen können als die variablen Bedingungen bezeichnet werden.) Genau genommen sollte man noch hinzufügen, dass hier nur Fälle betrachtet werden, in denen der Konsument seine Funktionen in biologisch normaler Weise erfüllt (vgl. dazu 16, S. 33-34); diese Qualifikation wird auch im Folgenden implizit vorausgesetzt, wenn von der Erfüllung von Funktionen die Rede ist.

Damit können wir Millikans teleosemantische Theorie so zusammenfassen:

(MTT) R ist eine deskriptive Repräsentation mit dem Gehalt <p> gdw. gilt: (i) R gehört zu einer Klasse von deskriptiven Repräsentationen (im oben erläuterten Sinn) und (ii) p ist diejenige variable Umweltbedingung, die vorliegen muss, damit der Konsument mit seiner spezifischen Reaktion auf R seine biologischen Funktionen erfüllen kann.

Diese Formulierung macht deutlich, dass nach MTT die Funktionen des Konsumenten entscheidend für den Gehalt von R sind. Millikans Theorie wird daher auch als eine Spielart der ‚Konsumenten-Teleosemantik' bezeichnet.

Kann MTT die Probleme lösen, an denen die einfache kausale Theorie gescheitert ist? Was das Problem der Fehlrepräsentation und das Distalitätsproblem betrifft, kann daran kaum ein Zweifel bestehen. Betrachten wir dazu ein Beispiel, das in der Literatur häufig zu Illustrationszwecken herangezogen wird: das Fangverhalten eines Froschs. Nehmen wir an, Frösche einer bestimmten Spezies reagieren auf kleine, dunkle, bewegliche Objekte in ihrem visuellen Feld (kurz: KDB-Objekte) mit Fangverhalten, also z. B. mit einem gezielten Herausschießen der Zunge. Der verhaltensgenerierende Prozess, der in solchen Fällen abläuft, lässt sich vereinfacht so beschreiben: Das visuelle System des Froschs reagiert auf KDB-Objekte damit, dass es einen neuronalen Zustand T generiert, der wiederum das motorische System des Frosches dazu veranlasst, Fangverhalten auszulösen. Zusätzlich setzen wir voraus, dass sich der beschriebene Mechanismus evolutionär entwickelt hat, weil er im natürlichen Lebensraum des Froschs (oft genug) dazu führt, dass der Frosch eine Fliege oder ein anderes Beutetier fängt (da es sich bei KDB-Objekten oft genug um Beutetiere handelt). (Diese Beschreibung ist offenkundig stark vereinfachend; eine realistische, durch empirische Daten gestützte Beschreibung eines ähnlichen Falls findet sich in 25 und 26, S. 97-123.)

Was ist nun der Gehalt eines T-Zustands? Nach MTT ist es derjenige variable Sachverhalt, der vorliegen muss, damit das motorische System des Froschs mit seiner spezifischen Reaktion auf T – d.h. mit der Produktion von Fangverhalten – seine biologischen Funktionen erfüllen kann. Das motorische System hat offenkundig die biologische Funktion, mit der Produktion von Fangverhalten dazu beizutragen, dass der Frosch ein Beutetier fängt und auf diese Weise Nährstoffe gewinnt. Dies kann jedoch nur gelingen, wenn zum Zeitpunkt der Produktion des Fangverhaltens in der unmittelbaren Umgebung des Frosches tatsächlich ein Beutetier vorhanden ist. Also gilt nach MTT: Der Gehalt von T ist (in etwa) <Da ist ein nahrhaftes Beutetier> oder, um eine gängige Formulierung aus der Literatur aufzugreifen, <Da ist Froschfutter> (17, S. 163).

Das Vorliegen von Froschfutter ist klarerweise ein distaler Sachverhalt; das Distalitätsproblem ist damit also gelöst. Zudem lässt sich nicht bestreiten, dass MTT die Möglichkeit von Fehlrepräsentationen zulässt: Wenn das visuelle System des Frosches einen T-Zustand in Abwesenheit von Froschfutter generiert, z.B. in Reaktion auf ein herabfallendes welkes Blatt, dann handelt es sich bei diesem Vorkommnis von T um eine Fehlrepräsentation.

Zum Liberalismusproblem ist schließlich zu sagen, dass MTT das Problem zumindest abmildert: Dinge, die keine biologischen Funktionen haben, sind als Träger von Repräsentationen ausgeschlossen. Planeten, Steine und Wasserstoffatome können demnach keine repräsentationalen Zustände besitzen. Das ist gegenüber EKT immerhin ein Fortschritt.

Soweit die Vorteile von MTT. Seit der Veröffentlichung von Millikans LTOBC im Jahr 1984 sind allerdings auch zahlreiche Einwände gegen ihre Theorie vorgebracht worden. Ein sehr populärer und viel diskutierter Einwand ist der Unbestimmtheitseinwand (12). Danach sind teleosemantische Theorien im Allgemeinen – und Millikans MTT im Besonderen – prinzipiell nicht dazu in der Lage, zwischen Gehalten wie <Da ist Froschfutter>, <Da ist eine Fliege> und <Da ist ein KDB-Objekt> zu differenzieren. Die ätiologische Konzeption biologischer Funktionen, so der Vorwurf, ist dafür zu grobkörnig. „Darwin cares how many flies you eat, but not what description you eat them under", wie es Jerry Fodor (12, S. 73) aphoristisch formuliert.

Dieser Einwand lässt sich jedoch durch eine genauere Betrachtung von MTT leicht entkräften. Nach MTT ist der Gehalt von T eindeutig <Da ist Froschfutter>, weil für das motorische System des Froschs (d.h. den Konsumenten von T) folgendes gilt: (i) Das motorische System reagiert auf T mit der Produktion von Fangverhalten und (ii) mit dieser Reaktion kann es nur dann für Nährstoffzufuhr sorgen (und so seine biologischen Funktionen erfüllen), wenn Froschfutter präsent ist. Die Tatsache, dass ein KDB-Objekts oder eine Fliege präsent ist, spielt für die Erfüllung der Konsumentenfunktionen keine Rolle. Daraus folgt, contra Fodor, dass Millikans Teleosemantik <Da ist ein KDB-Objekt> und <Da ist eine Fliege> als Gehalte für T ausschließt.

Doch auch wenn wir zugestehen, dass MTT mentalen Zuständen hinreichend klar bestimmte Gehalte zuschreibt, bleibt noch zu klären, ob diese Gehaltszuschreibungen auch plausibel sind. Dagegen hat vor allem Karen Neander argumentiert. Das erste Problem, das Neander aufwirft, kann als das Problem der übermäßig komplexen Gehalte bezeichnet werden (23, S. 126-127). Wie wir gesehen haben, sind nach MTT die biologischen Funktionen des Konsumenten entscheidend für den Gehalt einer Repräsentation. In unserem Standardbeispiel sind dies die Funktionen des motorischen Systems des Frosches, also grob gesprochen die Funktion, zur Nährstoffgewinnung beizutragen. Genau genommen hat das motorische System aber auch die Funktion, die Gesamtfitness des Frosches zu erhöhen (eine allgemeinere Funktion, die das System im Normalfall dadurch erfüllt, dass es seine spezifischere Funktion erfüllt, also zur Nährstoffgewinnung beiträgt). Die allgemeinere Funktion kann das motorische System jedoch nur dann erfüllen, wenn T zusammen mit Froschfutter auftritt, das hinreichend viele Kalorien enthält, um die für den Beutefang aufgewendete Energie auszugleichen, das verdaulich und nicht durch Gifte oder Krankheitserreger kontaminiert ist, und so weiter. Demnach müssten all diese Eigenschaften MTT zufolge ebenfalls im Gehalt von T auftauchen, und dies ist zweifellos höchst unplausibel. (Millikan diskutiert das Problem übermäßig komplexer Gehalte in einigen neueren Schriften, etwa in 18, S. 85-86 und 1, S. 404; dabei bleibt jedoch unklar, wie die vorgeschlagene Lösung genau funktionieren soll und ob sie mit Millikans ursprünglichem Ansatz vereinbar ist.)

Neanders zweites Problem ist grundsätzlicherer Natur; es besteht auch dann, wenn es Millikan gelingt, übermäßig komplexe Gehaltszuschreibungen zu vermeiden. Neander (25 und 26, S. 109-119) argumentiert dafür, dass MTT in vielen Fällen Gehalte impliziert, die mit unseren besten wissenschaftlichen Erklärungen kognitiver Prozesse in Konflikt stehen. Für den Fall des Froschs (oder, um genau zu sein, für den ähnlich gelagerten Fall der Kröte) versucht Neander zu zeigen, dass die besten Erklärungen der Kognitionswissenschaften den Gehalt <Da ist ein KDB-Objekt> gegenüber dem Gehalt <Da ist Froschfutter> favorisieren. Dies, so Neander, gibt uns einen guten Grund, MTT abzulehnen (vgl. auch Schulte, 30).

Neben diesen Problemen, die MTT im Besonderen betreffen, gibt es jedoch auch noch eine Reihe von Einwänden, die – wie der Unbestimmtheitseinwand – gegen die (Standard-) Teleosemantik im Allgemeinen ins Feld geführt werden (also gegen Millikan ebenso wie gegen Papineau, Dretske und Neander).
Der bekannteste Einwand dieser Art ist der Sumpfmann-Einwand, der auf einem berühmten Gedankenexperiment von Donald Davidson (10, S. 443) basiert. Nehmen wir an, ein Blitz schlägt in einen Baum ein, der irgendwo in einem Sumpf steht. Durch einen kosmischen Zufall schließen sich die Moleküle des Baums daraufhin zu einem komplexen Organismus zusammen, der de facto eine exakte Kopie (ein ‚intrinsisches Duplikat') von Donald Davidson ist. Wie nicht anders zu erwarten, verhält sich der Sumpfmann wie ein ganz normaler Mensch: Er liest, schreibt, äußert sinnvolle Sätze, reagiert angemessen auf komplexe soziale Situationen, und so weiter. Doch da sein Organismus nicht das Produkt eines Selektionsprozesses ist, haben seine Subsysteme nach der ätiologischen Funktionskonzeption keinerlei biologischen Funktionen. Aus MTT und allen anderen Standardversionen der Teleosemantik folgt daher, dass der Sumpfmann keine repräsentationalen Zustände (Meinungen, Wünsche, Absichten, usw.) besitzt. Diese Konsequenz halten die Vertreter des Sumpfmann-Einwands (anders als Davidson selbst!) für inakzeptabel (vgl. etwa Antony, 6; eine differenzierte Antwort auf den Einwand findet sich z. B. bei Neander, 24).

Ein zweites grundsätzliches Problem für die Teleosemantik ist das Problem der explanatorischen Rolle von Gehaltstatsachen (auch ‚Epiphänomenalismusproblem'). Im Alltag gehen wir davon aus, dass sich menschliches Verhalten (oft) durch die repräsentationalen Zustände des Akteurs erklären lässt: Der Autofahrer biegt ab, weil er glaubt, dass die Brücke gesperrt ist; das kleine Mädchen geht zum Eisstand, weil es ein Eis essen möchte; usw. Dieselbe Grundannahme findet sich in vielen unserer besten psychologischen und verhaltensbiologischen Theorien. Eine genuin explanatorische Rolle kommt repräsentationalen Zuständen jedoch nur dann zu, wenn sie aufgrund ihrer repräsentationalen Eigenschaften zur Erklärung von Verhalten beitragen (vgl. Dretske, 11, S. 79-82). Und hier liegt das Problem: Der (Standard-)Teleosemantik zufolge handelt es sich bei repräsentionalen Eigenschaften um hochgradig relationale Eigenschaften, die wenigstens zum Teil auf der Selektionsgeschichte eines Organismus beruhen. Wie kann es sein, dass interne Systemzustände aufgrund solcher Eigenschaften zur Erklärung von Verhalten beitragen? Sind die ‚lokalen', intrinsischen Charakteristika solcher Zustände nicht hinreichend, um das Verhalten des Systems zu erklären?

Drittens hat Tyler Burge (8) dafür argumentiert, dass das Liberalismusproblem von teleosemantischen Theorien aus prinzipiellen Gründen nicht befriedigend gelöst werden kann. Wie wir gesehen haben, ist MTT weniger liberal als die einfache kausale Theorie der Repräsentation, da sie Zustände von Planeten, Steinen und Wasserstoffatomen nicht als repräsentational klassifiziert. Das, so Burge, ist jedoch noch lange nicht genug. Die Bedingungen für Repräsentationen müssen so stark sein, dass auch interne Zustände von Bakterien, Pflanzen und einfachen Wirbellosen ausgeschlossen werden. Denn im Fall solcher Systeme können repräsentationale Charakterisierungen – der Argumentation Burges zufolge – keine genuine Rolle in wissenschaftlichen Erklärungen spielen, und dieser Umstand sollte sich in den Zuschreibungen einer adäquaten Theorie der Repräsentation widerspiegeln.

Die aktuelle Debatte

Die aktuelle Debatte um die Teleosemantik zeichnet sich durch komplexe Argumentationslinien und eine große thematische Vielfalt aus. Dennoch lassen sich drei Grundtendenzen identifizieren:

(1) Die Debatte ist stark geprägt durch die Entwicklung von Alternativen zur klassischen ‚Konsumenten-Teleosemantik' Millikans und Papineaus,
(2) Fragen nach der explanatorischen Rolle repräsentationaler Charakterisierungen wird eine immer größere Bedeutung beigemessen, und
(3) die Debatte um die ‚Naturalisierung' von Repräsentationen erlebt eine „naturalistische Wende" (Markus Wild), die sich vor allem in der empirisch informierten Diskussion realistischer Beispielfälle und dem gesteigerten Interesse an der Erklärungspraxis der Kognitionswissenschaften niederschlägt.

Alle diese Tendenzen manifestieren sich in den neuen Ansätzen, auf die wir nun zu sprechen kommen werden.

Neanders kausal-informationale Teleosemantik

Karen Neander hat nicht nur wichtige Einwände gegen MTT formuliert; sie hat mit ihrer Monographie A Mark of the Mental (26) zudem eine detailliert ausgearbeitete Alternative zu Millikans Teleosemantik vorgelegt. Anders als Millikan schränkt Neander ihre Theorie gleich zu Beginn in zwei Hinsichten ein. Erstens betrachtet sie nicht Repräsentationen im Allgemeinen, sondern ausschließlich perzeptuelle Repräsentationen (Wahrnehmungszustände). Zweitens versucht Neander nicht zu erklären, was einen Zustand zu einer perzeptuellen Repräsentation macht, sondern lediglich, was den Gehalt der Repräsentation festlegt (gegeben, dass es sich um eine perzeptuelle Repräsentation handelt). D. h., Neander formuliert eine Erklärung für den Gehalt, aber nicht für den Status perzeptueller Repräsentationen.

Die Grundidee ihres Ansatzes lautet wie folgt: Der Gehalt von Wahrnehmungszuständen wird durch die biologischen Funktionen des produzierenden Mechanismus, d. h. des Produzenten, festgelegt (und nicht, wie bei Millikan, durch die Funktionen des Konsumenten). Genau genommen sind es Produzenten-Funktionen einer bestimmten Art, die sog. Reaktionsfunktionen („response functions"), die für Wahrnehmungsgehalte entscheidend sind. Wenn ein perzeptuelles System die Funktion hat, auf externe Umstände vom Typ C mit der Produktion von R-Zuständen zu reagieren, dann ist der Gehalt der R-Zustände <Da ist ein C>. Noch etwas präziser ausgedrückt:

(NTT) Eine perzeptuelle Repräsentation vom Typ R hat den Gehalt <Da ist ein C> gdw. das perzeptuelle System, das R produziert, die Funktion hat, Zustände vom Typ R in Reaktion auf Zustände vom Typ C (und zwar aufgrund ihres C-Seins) auszubilden. (26, S. 151)

Was diese Theorie besagt, lässt sich am besten anhand eines konkreten Beispiels erläutern. Im oben beschriebenen Fall des Froschs ergibt sich aus NTT, dass der Gehalt von T durch die entsprechende Reaktionsfunktion des visuellen Systems des Froschs festgelegt wird. Neander würde sagen: Dieses System hat die Funktion, T-Zustände in Reaktion auf KDB-Objekte (kleine, dunkle, bewegliche Objekte) auszubilden, daher hat T den Gehalt <Da ist ein KDB-Objekt> (vgl. 26, S. 159).

Warum aber in Reaktion auf KDB-Objekte und nicht in Reaktion auf Froschfutter oder in Reaktion auf Fliegen? Hier kommt die kausale Komponente von Neanders Theorie ins Spiel. Reaktionsfunktionen sind per Definition kausal zu verstehen: Ein System hat nur dann die Funktion, auf Zustände vom Typ C mit der Produktion von R-Zuständen zu reagieren, wenn die Eigenschaft C kausal relevant für die Produktion der R-Zustände ist (daher auch der Zusatz „aufgrund ihres C-Seins" in NTT). Nun ist aber offenkundig, dass eine Fliege den Prozess der R-Produktion, der im visuellen System des Frosches abläuft, nicht deshalb auslöst, weil sie die Eigenschaft hat, eine Fliege zu sein, oder die Eigenschaft, als Froschfutter zu dienen, sondern weil sie klein, dunkel und beweglich ist. (Neander charakterisiert den Gehalt von R daher auch vereinfachend als die ‚normale Ursache' von R.) Auf diese Weise kann Neander das Unbestimmtheitsproblem vermeiden. Zudem hat ihre Theorie den Vorteil, dass sie Gehaltszuschreibungen generiert, die nicht übermäßig komplex sind und außerdem (so Neanders Argumentation) gut zu den besten wissenschaftlichen Erklärungen der relevanten kognitiven Prozesse passen.

NTT ist allerdings noch nicht Neanders endgültige Formulierung ihrer Theorie. Neander weist darauf hin, dass perzeptuelle Systeme die Fähigkeit haben, neue Repräsentationen zu generieren, d. h. Repräsentationen von Eigenschaften, die weder in der individuellen Lerngeschichte noch in der Stammesgeschichte des wahrnehmenden Subjekts eine Rolle gespielt haben. Ein Beispiel wäre die Wahrnehmung eines bestimmten, niemals zuvor erblickten Farbtons (nennen wir ihn ‚Blau142'). Um diese Fähigkeit perzeptueller Systeme zu erklären, bringt Neander – zusätzlich zu Funktionen und Kausalität – eine bestimmte Art von Ähnlichkeitsbeziehung als gehaltskonstitutiven Faktor ins Spiel (eine sog. ‚Ähnlichkeitsbeziehung zweiter Stufe', vgl. 26, S. 175-215). Ob diese Modifikation tatsächlich das leistet, was sie leisten soll, ist allerdings eine offene Frage (vgl. Hundertmark, 14, für eine kritische Einschätzung).

Zudem ist NTT, wie Neander selbst betont, mit dem Distalitätsproblem konfrontiert. Perzeptuelle Repräsentationen haben nicht nur distale, sondern auch proximale ‚normale Ursachen', daher scheint NTT (für sich genommen) zu implizieren, dass jede perzeptuelle Repräsentation neben einem distalen Gehalt (wie z.B. <Da ist ein rotes Ding>) auch mehrere proximale Gehalte besitzt (wie z. B. <Rote Lichtwellen bewegen sich in Richtung Auge> und <Die L-Zapfen auf der Retina sind gereizt>). Um dieses Problem zu lösen, ergänzt Neander ihre Theorie um ein sog. ‚Distalitätsprinzip' (26, S. 221-222); auch hier stellt sich jedoch die Frage, ob Neanders Lösung erfolgreich ist (für eine negative Antwort argumentiert Schulte, 32, S. 350-359).

Sheas Varitel-Semantik

Einen weiteren innovativen Vorschlag hat kürzlich Nicholas Shea in seinem Buch Representation in Cognitive Science (34) vorgelegt. Shea geht davon aus, dass die explanatorische Rolle von Gehaltstatsachen darin besteht, die erfolgreiche Erfüllung bestimmter Funktionen, sog. „task functions", zu erklären. Leicht vereinfachend können wir sagen, dass die Funktion eines Mechanismus M, eine Wirkung W zu produzieren, als „task function" gilt, wenn W von M auf ‚robuste' Weise (d. h. unter verschiedenen Bedingungen und in Reaktion auf unterschiedliche proximale Stimuli) produziert wird (34, S. 65 und S. 55). Im Fall des Froschs wäre daher z.B. die Funktion des motorischen Systems, den Fang nahrhafter Objekte herbeizuführen, eine „task function" dieses System.

Die Grundidee von Sheas Varitel-Semantik lautet nun so: Der Gehalt repräsentationaler Zustände wird durch ‚nutzbare Relationen' („exploitable relations") konstituiert, die zwischen den repräsentationalen Zuständen und externen Sachverhalten bestehen, und deren Bestehen die Erfüllung von „task functions" erklären kann. In vielen Fällen (z. B. im Fall der T-Zustände des Froschs) ist die relevante nutzbare Relation die Beziehung korrelationaler Information, die Shea probabilistisch versteht (34, Kap. 4); in anderen Fällen (z. B. im Fall der kognitiven Karten von Ratten) ist es die Beziehung struktureller Korrespondenz (34, Kap. 5). Die Existenz weiterer nutzbarer Relationen ist laut Shea durchaus möglich. Da die resultierende Theorie besagt, dass die gehaltskonstituierenden Tatsachen in verschiedenen Fällen von ganz unterschiedlicher Art sein können, wird sie von Shea als „Varitel Semantics" bezeichnet.

Sheas Theorie stellt eine höchst interessante neue Spielart der Teleosemantik dar. Wie Neander (26) orientiert sich Shea an realen Beispielfällen, die er unter Berücksichtigung neuester empirischer Erkenntnisse beschreibt, und zeigt großes Interesse an der explanatorischen Praxis der Kognitionswissenschaften. Trotz dieser methodologischen Gemeinsamkeiten gelangt er jedoch zu einer ganz anderen Theorie: Sheas Varitel-Semantik ist, ähnlich wie Millikans MTT, ‚output-orientiert' (ohne jedoch, wie Shea betont, auf die Existenz eines Repräsentationskonsumenten festgelegt zu sein!), und hat andere Implikationen für die Gehalte repräsentationaler Zustände als NTT – im Fall des Froschs favorisiert Shea (wie Millikan) den Gehalt <Da ist Froschfutter> gegenüber <Da ist ein KDB-Objekt> (34, S. 85). Ob Sheas Definitionen der „task functions" und der relevanten nutzbaren Relationen allerdings spezifisch genug sind, um Repräsentationen eindeutig determinierte Gehalte zuzuschreiben, und ob die von Shea vertretenen Gehaltszuschreibungen tatsächlich empirisch plausibel sind, muss die weitere Debatte zeigen.

‚Antiliberale' Varianten der Teleosemantik

Viele Theoretiker/-innen haben MTT und andere Standardversionen der Teleosemantik als zu liberal kritisiert. Wie wir gesehen haben, hat Burge (8) sogar die Ansicht vertreten, teleosemantische und andere ‚deflationäre' Theorien der Repräsentation seien aus prinzipiellen Gründen nicht dazu in der Lage, das Liberalismusproblem zu lösen.

Peter Schulte (31) hält die Kritik an den Standardversionen der Teleosemantik für berechtigt, argumentiert jedoch (contra Burge) dafür, dass sich das Liberalismusproblem im Rahmen einer teleosemantischen Theorie lösen lässt. Er skizziert eine Theorie der perzeptuellen Repräsentation, die wie Neanders NTT den Repräsentationsproduzenten in den Mittelpunkt rückt, aber (anders als NTT) auch erklären soll, unter welchen Bedingungen ein interner Systemzustand als perzeptuelle Repräsentation gelten kann (also den Status einer perzeptuellen Repräsentation hat). Nach Schultes Theorie gehört es zu diesen Bedingungen, dass der Systemzustand von einem sensorischen System hervorgebracht wird, das über Konstanzmechanismen verfügt. Diese Konstanzmechanismen (die auch in Burges eigener, nicht-reduktionistischer Theorie der Wahrnehmung eine zentrale Rolle spielen) sind dafür verantwortlich, dass wir unter verschiedenen Umweltbedingungen – trotz starker Variation in den proximalen sensorischen Stimuli – die stabilen Eigenschaften externer Objekte (Farbe, Form, Größe, Bewegung, Position) korrekt wahrnehmen. Anknüpfend an Sterelny (36) argumentiert Schulte dafür, dass seine Theorie nur in solchen Fällen (perzeptuelle) Repräsentationen zuschreibt, in denen repräsentationale Charakterisierungen des Systems eine genuine Rolle in Verhaltenserklärungen spielen. Die Theorie ist daher auch nach Burges eigenen Maßstäben nicht zu liberal. (Ein zusätzlicher Vorteil der Theorie besteht laut Schulte darin, dass sie über Ressourcen verfügt, die eine adäquate Lösung des Distalitätsproblems ermöglichen, vgl. 32, S. 359-367.)

Schultes Vorschlag ist in der Literatur kontrovers diskutiert worden. Marc Artiga (4) verteidigt die Standardversionen der Teleosemantik gegen Burge, Schulte und andere Kritiker, indem für die Vertretbarkeit eines weitgehenden Liberalismus in Bezug auf Repräsentationen argumentiert. Der Vorwurf, liberale Theorien würden repräsentationale Zustände auch in Fällen zuschreiben, in denen solche Zuschreibungen aus explanatorischer Perspektive unangemessen seien, stellt laut Artiga eine petitio principii gegen reduktionistische Repräsentationstheorien dar und ist aus diesem Grund als fehlgeleitet zu betrachten (für eine Entgegnung, vgl. Schulte, 33). Im Unterschied zu Artiga hält Patrick Butlin (9) einen weitgehenden Liberalismus für inakzeptabel. Allerdings argumentiert er contra Schulte (31), dass ein Produzent besonderer Art für repräsentationalen Status nicht zwangsläufig erforderlich sei; vielmehr sei in vielen Fällen eine spezielle Art von Konsument (ein sog. ‚aktiver Konsumenten') hinreichend.

Nicht-historische Theorien

So sehr sich die bisher besprochenen teleosemantischen Theorien auch voneinander unterscheiden, so greifen sie doch alle auf eine ätiologische Funktionskonzeption zurück, nach der die Funktion eines Merkmals durch seine Entstehungsgeschichte bestimmt ist. In den letzten Jahren sind jedoch auch Theorien formuliert worden, die auf alternative, nicht-historische Funktionskonzeptionen rekurrieren (22, 7).

Bence Nanay (22) z. B. plädiert für eine Kombination der Teleosemantik mit seiner eigenen modalen Analyse biologischer Funktionen (vgl. 20). Dieser Theorie zufolge sind Funktionen durch kontrafaktische Tatsachen festgelegt. Danach gilt, vereinfacht gesagt: Ein Merkmal M eines Organismus O hat die Funktion, zu ϕ-en, wenn das ϕ-en von M die Fitness von O steigern würde. Die Steifen eines Zebras haben also deshalb die Funktion, parasitische Insekten abzuschrecken, weil das Abschrecken parasitischer Insekten die Fitness des Zebras erhöhen würde – nicht etwa, weil Zebrastreifen für diesen Zweck selektiert wurden.

Die modale Theorie biologischer Funktionen ließe sich prinzipiell mit jedem der bisher besprochenen teleosemantischen Ansätze kombinieren. Nanay (22) entwickelt jedoch eine eigene teleosemantische Theorie, die lediglich für die Gehalte sog. pragmatischer Repräsentationen gelten soll. Diese Repräsentationen zeichnen sich dadurch aus, dass sie direkt zwischen sensorischem Input und motorischem Output vermitteln (siehe auch Nanay, 21). Ein Beispiel für eine pragmatische Repräsentation wäre demnach der neuronale Zustand T, den das visuelle System eines Frosches in Reaktion auf KDB-Objekte generiert und auf den sein motorisches System mit der Produktion von Fangverhalten reagiert. Die Grundidee von Nanays teleosemantischer Theorie besagt, dass eine pragmatische Repräsentation genau dann repräsentiert, dass F vorliegt, wenn sie die modale Funktion hat, die Information zu tragen, dass F vorliegt.

Die Kombination teleosemantischer Theorien mit einer nicht-historischen Funktionskonzeption ist zunächst vielversprechend. So hat Nanays Theorie offensichtlich kein Problem damit, den pragmatischen Repräsentationen eines Wesens ohne Selektionsgeschichte Gehalte zuzuschreiben. Folglich ist seine Theorie nicht von dem Sumpfmann-Einwand betroffen. Auch das Problem der explanatorischen Rolle von Gehaltstatsachen ist für Nanays Theorie prima facie weniger gravierend, da ihr zufolge die Gehaltseigenschaften pragmatischer Repräsentationen vom Organismus und seiner Umwelt, nicht aber von historischen Tatsachen abhängen.

Doch der Umstand, dass nach nicht-historischen Theorien allein gegenwärtige Tatsachen die Gehaltseigenschaften eines Systemzustands festlegen, stellt zugleich ein grundlegendes Problem für diese dar (vgl. Hundertmark, 13). Nanays teleosemantische Theorie impliziert z.B., dass eine pragmatische Repräsentation N nur dann das Vorliegen der Eigenschaft F repräsentiert, wenn gilt: Wenn N die Information tragen würde, dass F vorliegt, dann würde dies die Fitness des Organismus steigern. Die Wahrheit dieses Konditionals hängt jedoch entscheidend von dem Zustand des Organismus und den bestehenden Umweltbedingungen ab. Sollte es sich bei N beispielsweise um die pragmatische Repräsentation eines gelähmten Frosches handeln, so ist nicht zu sehen, dass sich die Fitness dieses Frosches dadurch erhöhen würde, dass N bestimmte Informationen trägt. Folglich scheint sich aus Nanays Theorie die unplausible Konsequenz zu ergeben, dass die pragmatischen Repräsentationen eines gelähmten Frosches keinen Gehalt haben.

Dieses Problem ließe sich lösen, wenn man bereit ist, von den tatsächlichen Umständen (etwa der Lähmung des Frosches) zu abstrahieren. Nanay könnte zum Beispiel behaupten, dass eine pragmatische Repräsentation N die Eigenschaft F genau dann repräsentiert, wenn gilt: Wenn N die Information tragen würde, dass F vorliegt, dann würde dies in einem normalen Organismus und unter normalen Umweltbedingungen die Fitness des Organismus steigern. Dieser Ansatz stellt die Vertreter einer nicht-historischen Teleosemantik jedoch vor die neue Herausforderung, die gewünschten ‚normalen Bedingungen' zu spezifizieren, ohne auf selektionsgeschichtliche Tatsachen Bezug zu nehmen.

Schluss und Ausblick

In unserer Überblicksdarstellung haben wir einige aktuelle Forschungsfelder im Bereich der Teleosemantik näher beleuchtet; andere neue Entwicklungen – die zweifellos ebenso wichtig und interessant sind – können hier nur kurz erwähnt werden. So gibt es z. B. eine Reihe von Autor/-innen, die Millikans Ansatz in unterschiedlicher Weise weiter verfolgt und verteidigt haben: Markus Wild (37) entwickelt eine „biosemantische Theorie des Sehens" und argumentiert dafür, dass die konsequente Ausformulierung eines solchen Ansatzes andere Gehaltszuschreibungen generiert als allgemein angenommen (demnach repräsentiert der Wahrnehmungszustand des Fro-sches das Beutetier nicht als nährstoffreiches Objekt, sondern als etwas, das ‚zum Fressen geeignet ist', also als einen Gegenstand, der eine bestimmte ‚affordance' besitzt), Ulrich Stegmann (35) schlägt eine radikal konsumentenorientierte Teleosemantik für Tiersignale vor, und Marc Artiga (5) wendet eine teleosemantische Erklärungsstrategie auf komplexe (‚kognitive') Repräsentationen an. Darüber hinaus gibt es weitere theoretische Alternativen, die hier nicht zur Sprache gekommen sind, wie etwa die Ansätze von Manolo Martínez (15) und Dan Ryder (29). Dennoch hoffen wir, dass eines deutlich geworden ist: Die Teleosemantik ist ein Forschungsprogramm mit Zukunft.

UNSERE AUTOREN:

Peter Schulte ist habilitierter Philosoph und gegenwärtig Akademischer Oberrat a.Z. an der Universität Bielefeld. Von ihm sind zahlreiche Aufsätze zum Thema erschienen, u.a. in Philosophical Quarterly, Philosophical Studies, Biology & Philosophy, Philosophia und Synthese. Eine thematisch verwandte Monographie ist in Vorbereitung.
Fabian Hundertmark ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bielefeld. Er hat zum Thema Teleosemantik und biologische Funktionen promoviert und ist derzeit dabei, seine Dissertation für die Veröffentlichung zu überarbeiten.

Die Arbeit an diesem Artikel wurde durch das DFG-Projekt „Advancing Teleosemantics/ Teleosemantik weitergedacht" (SCHU 2860/ 2-1, NI 1320/2-1) unterstützt.

Literatur

Zur Einführung:
[1] Millikan, Ruth (2009): Biosemantics, in B. McLaughlin, A. Beckermann, S. Walter (Hg.): The Oxford Handbook of Philosophy of Mind, Oxford: Oxford University Press, S. 394-406.
[2] Neander, Karen (2012): Teleological Theories of Mental Content, in E. Zalta (Hg.): The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Spring 2012 Edition), URL = <http://plato.stanford.edu/archives/spr2012/entries/content-teleological/>.
[3] Papineau, David (2016): Teleosemantics, in D. L. Smith (Hg.): How Biology Shapes Philosophy, Cambridge: Cambridge University Press, S. 95-120.

Weitere Literatur
[4] Artiga, Marc (2016): Liberal Representationalism: A Deflationist Defense, Dialectica 70, S. 407-430.
[5] Artiga, Marc (2016): Teleosemantic Modeling of Cognitive Representations, Biology & Philosophy 31, S. 483–505
[6] Antony, Louise (1996): Equal Rights for Swamp-persons, Mind & Language 11, S. 70-75.
[7] Bauer, Mark (2017): Ahistorical Teleosemantics: An Alternative to Nanay, The Southern Journal of Philosophy 55, S. 158-176.
[8] Burge, Tyler (2010): Origins of Objectivity, Oxford: Oxford University Press.
[9] Butlin, Patrick (im Erscheinen): Representation and the Active Consumer, erscheint in Synthese.
[10] Davidson, Donald (1987): Knowing One's Own Mind, Proceedings and Addresses of the American Philosophical Association 60, S. 441-458.
[11] Dretske, Fred (1988): Explaining Behavior. Cambridge, MA: MIT Press.
[12] Fodor, Jerry (1990): A Theory of Content, I: The Problem, in J. Fodor: A Theory of Content and Other Essays, Cambridge, MA: MIT Press, S. 51-87.
[13] Hundertmark, Fabian: Mind and Function. Teleosemantics Beyond Selected Effects, Dissertation.
[14] Hundertmark, Fabian: Explaining How to Perceive the New: Teleosemantics, Productive Response Functions and Difference-makers, unveröffentlicht.
[15] Martínez, Manolo (2013): Teleosemantics and Indeterminacy, Dialectica 67, S. 427-453.
[16] Millikan, Ruth (1984): Language, Thought, and Other Biological Categories, Cambridge, MA: MIT Press.
[17] Millikan, Ruth (1991): Speaking Up for Darwin, in B. Loewer, G. Rey (Hg.): Meaning in Mind. Fodor and his Critics, Oxford: Blackwell, S. 151-164.
[18] Millikan, Ruth (2004): Varieties of Meaning, Cambridge, MA: MIT Press.
[19] Millikan, Ruth (2017): Beyond Concepts, Oxford: Oxford University Press.
[20] Nanay, Bence (2010): A Modal Theory of Function, Journal of Philosophy 107, S. 412-431.
[21] Nanay, Bence (2013): Between perception and action, Oxford: Oxford University Press.
[22] Nanay, Bence (2014): Teleosemantics Without Etiology, Philosophy of Science 81(5), S. 798–810.
[23] Neander, Karen (1995): Misrepresenting & Malfunctioning, Philosophical Studies 79, S. 109-141.
[24] Neander, Karen (1996): Swampman and Swampcow, Mind & Language 11, S. 118-129.
[25] Neander, Karen (2006): Content for Cognitive Science, in G. MacDonald, D. Papineau (Hg.): Teleosemantics, Oxford: Oxford University Press, S. 167-194.
[26] Neander, Karen (2017): A Mark of the Mental, Cambridge, MA: MIT Press.
[27] Papineau, David (1984): Representation and Explanation, Philosophy of Science 51, S. 550–572.
[28] Papineau, David (1998): Teleosemantics and Indeterminacy, Australasian Journal of Philosophy 76, S. 1-14.
[29] Ryder, Dan (im Erscheinen): Models in the Brain, Oxford: Oxford University Press.
[30] Schulte, Peter (2012): How Frogs See the World: Putting Millikan's Teleosemantics to the Test, Philosophia 40, S. 483-496.
[31] Schulte, Peter (2015): Perceptual Representations: A Teleosemantic Answer to the Breadth-of- Application Problem, Biology and Philosophy 30, S. 119-136.
[32] Schulte, Peter (2018): Perceiving the World Outside: How to Solve the Distality Problem for Informational Teleosemantics, Philosophical Quarterly 68, S. 349-369.
[33] Schulte, Peter: Challenging Liberal Representationalism: A Reply to Artiga, unveröffentlicht.
[34] Shea, Nicholas (2018): Representation in Cognitive Science, Oxford: Oxford University Press.
[35] Stegmann, Ulrich (2009): A Consumer-Based Teleosemantics for Animal Signals, Philosophy of Science 76, S. 864-875.
[36] Sterelny, Kim (1995): Basic minds, Philosophical Perspectives 9, S. 251-270.
[37] Wild, Markus: Biosemantik. Habilitationsschrift.

 




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