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04 2019

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Gerhardt, Volker: Humanität

aus: Heft 4/2019, S. 8-15
 
 
 
Die Frage nach dem Menschen neu stellen
 
Um die Humanität ist es schlecht bestellt. Sie wird von niemandem so wenig geachtet, wie vom Menschen selbst. Das Elend der Flüchtlinge, der sträfliche Umgang mit den Kindern, ganz gleich, ob wir von Kinderarbeit, Kindesmisshandlung und Kindesmissbrauch, von der weltweiten Unterernährung, den unablässigen Kriegen, von der Verletzung der Menschenrechte oder den wachsenden sozialen Unterschieden sprechen: Stets muss man den Eindruck haben, dass es zwar im Einzelnen manches Bespiel für Anteilnahme, Hilfsbereitschaft und Liebe gibt, aber im Großen und Ganzen herrschen Missachtung und Gleichgültigkeit vor.
 
Es ist jedoch nicht allein ihre praktische Negation im Verhalten der Menschen: Auch theoretisch steht die Humanität nicht hoch im Kurs. In Deutschland gibt es nicht wenige, die namentlich der Humanität ein politisches Versagen zum Vorwurf machen. Das humanistische Gymnasium sei zwar unter höchsten moralischen Ansprüchen gegründet worden; doch seine Absolventen hätten bereits im 19. Jahrhundert in ihrer Begeisterung für Nationalismus und Antisemitismus politisch versagt und im 20. Jahrhundert seien sie als willfährige Helfer des Nazismus in Erscheinung getreten.
 
Das in diesem Vorwurf selbst wirksame humanitäre Motiv wird überspielt, so dass der Humanität – nicht selten auch der Vernunft, der Moral und dem Geist – eine Mitschuld an der Geringschätzung der Natur, an der Vernutzung der Umwelt sowie an der Respektlosigkeit gegenüber Tieren und Pflanzen gegeben wird.
 
Im Zentrum der Abwehr der Humanität steht der Vorwurf einer notorischen Selbstüberschätzung des Menschen, die auf Kosten aller anderen Lebewesen und ihrer Lebensrechte erfolge. Die Umweltkatastrophe sei die natürliche, wenngleich technisch und industriell beschleunigte Konsequenz der Überheblichkeit des Menschen.
 
Dem letzten Punkt der Klage über den Menschen habe ich wenig hinzuzufügen. Als selbsternannter „Herr der Natur“ hat er versagt. Das Problem ist nur, dass er seine mit dem Titel des „Herrn“ auch übernommene Zuständigkeit nicht einfach ablegen und die Rettung des Lebens anderen überlassen kann. Er bleibt, so oder so, in der Verantwortung und hat sich nunmehr in der Bewältigung der selbstverschuldeten Krise zu bewähren.
 
Also kann er auch nicht betreten schweigen und das Reden und Handeln anderen überlassen. Das Gegenteil hat der Fall zu sein: Als Mensch ist er jetzt mehr denn je gefordert, wenn wenigstens eine Natur erhalten bleiben soll, in der er selber leben kann. Dass dies nur eine Natur sein kann, in der die Artenvielfalt bewahrt und begünstigt werden muss, darf als selbstverständlich gelten.
 
Wer dem Menschen wenigstens eine Chance zu dieser Selbstrettung unter den Konditionen einer bewahrten Natur geben möchte, kann über ihn selbst nicht schweigen. De nobis ipsis silemus ist zwar in persönlichen Dingen (sofern sie nicht vor Gericht verhandelt werden müssen) eine treffliche Maxime, doch die Medien, ob digital oder analog, lassen von dieser Vornehmheit nichts mehr erkennen. Nur die Philosophie scheint sich dieser Tugend umso mehr verpflichtet, je schlechter die Zukunftsaussichten der Menschen sind. Die Anthropologie, die im deutschen Sprachraum mit Plessner, Scheler, Cassirer und Gehlen groß geworden ist, ist mit dem Tod von Hans Blumenberg verwaist. Auf Habermas, der seine über Jahrzehnte hinweg gepflegte Ablehnung der Anthropologie erst 2014 unter dem Eindruck der vergleichenden Mensch-Tier-Experimente Michael Tomasellos aufgegeben hat, werden auch seine Anhänger nicht setzen können.
 
Doch so nötig und verdienstvoll es ist, das Bewusstsein, ja, den „Geist“ der Tiere zu untersuchen: Je mehr dem Menschen bereits das Sensorium für seine Lage verloren geht und noch nicht einmal von seinem „Geist“ und seiner „Freiheit“ die Rede sein soll, so unverzichtbar ist und bleibt es doch, den Menschen selbst in seiner Eigenart zum Thema zu machen und nach seiner Beschaffenheit zu fragen. Das ist die Philosophie schon ihrem ältesten Selbstanspruch: der sokratischen Aufforderung zur Selbsterkenntnis schuldig. Und schon bei Sokrates und Platon wird sie nicht auf das Individuum beschränkt, sondern hat, wie der Mythos des Protagoras oder der Politikos belegen, eine anthropologische Dimension. In ihr hat sich die Philosophie seitdem bewegt; und daran haben auch die gezielten Schmähungen, denen die philosophische Anthropologie im 20. Jahrhundert ausgesetzt war, nichts ändern können. Also gibt es gerade unter den Bedingungen der Gegenwart sowohl gute alte wie auch hoch aktuelle neue Gründe, die alle philosophischen Probleme inkludierende Frage nach dem Menschen neu zu stellen. Wenn es dabei möglich ist, ältere Selbstbeschreibungen aufzunehmen, muss das kein Schaden sein. Denn der Mensch ist in seinen Leistungen und Mängeln um einiges älter, als die Modernen glauben.
 
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