header


  

01 2020

Leseprobe    DISKUSSION Druckversion  |  Schrift: vergrößern verkleinern 

Michael Anacker und Dominique Kuenzle:
Ist Denken ein Sinn wie Hören oder Fühlen? Stellungnahmen zu Markus Gabriels Thesen

aus: Heft 1/2020, S. 64-74

Die Diskussion bezieht sich auf die im folgenden Text vorgestellte Theorie des Denkens von Markus Gabriel und beginnt nach dem Hinweis an dessen Schluß.

ERKENNTNISTHEORIE

Denken als Sinn: Markus Gabriels Theorie des Denkens

Nach Warum es die Welt nicht gibt und Ich ist nicht Gehirn präsentiert Markus Gabriel mit

Gabriel, Markus: Der Sinn des Denkens. 368 S., Ln., € 20.—, 2018, Ullstein, Berlin

den dritten Teil seiner Trilogie. Diesmal geht es um eine, genauer seine Theorie des Denkens. Dabei entwickelt er einen eigenen Stil, charakterisiert durch kurze, pointierte Sätze mit unkonventionellen Wendungen, der sich an ein breites Publikum wendet. Zum einen führt er grundlegend in die Thematik ein, überfordert aber zugleich den nicht fachkundigen Leser, indem er ihm auch komplizierte Auseinandersetzungen präsentiert (ein Glossar erläutert die Terminologie). Dabei diskutiert Gabriel weniger, als dass er belehrt. Das Buch ist denn auch ein Lehrbuch der Gabrielschen Philosophie. Seine Hauptgegner sind Konstruktivismus, Funktionalismus und Vertreter der künstlichen Intelligenz, die behaupten, Computer könnten denken.

Gabriels zwei Hauptthesen

Denken ist die Schnittstelle zwischen der natürlichen und der psychologischen Wirklichkeit. Denken heißt unter anderem, Verbindungen herzustellen und Verbindungen zu erkennen. Wir verknüpfen im Denken weit entfernte Wirklichkeiten und stellen dadurch neue Wirklichkeiten her. Nach Gabriels erster Hauptthese handelt es sich bei unserem Denken um einen Sinn, genauso wie beim Sehen, Hören, Fühlen, Tasten oder Schmecken. Wir betasten denkend eine Wirklichkeit, die letztlich nur dem Denken zugänglich ist, ebenso wie Farben für gewöhnlich nur dem Sehen und Töne nur dem Hören zugänglich sind. Dies erweitert Gabriel zur „Nooskopthese": „Unser Denken ist ein Sinn, mittels dessen wir das Unendliche ausspähen und unter anderem mathematisch darstellen können."

Damit wendet er sich gegen die gängige Vorstellung, unser mentaler Apparat bestehe lediglich aus Perzeptionen und Kognitionen, also zum einen aus Zuständen, welche die Außenwelt in uns auslöst, und zum anderen aus Zuständen, die durch die interne Verknüpfung von Perzeptionen entstehen. Gabriel hält die Auffassung für falsch, eine von unserem Bewusstsein unabhängige Außenwelt kitzle unsere Nervenenden, woraufhin interne Prozesse einsetzen, an deren Ende ein Bild steht, das mit der Außenwelt nichts weiter zu tun hat. Vielmehr stehen wir kraft unseres Denksinns in Kontakt mit weitaus mehr Wirklichkeiten, als wir auf den ersten Blick meinen können. Gabriel sieht in der Subjekt-Objekt-Spaltung den Grundirrtum der neuzeitlichen Erkenntnistheorie. Wir stehen als denkende und wahrnehmende Lebewesen nicht einer von uns abgetrennten Wirklichkeit gegenüber. Subjekt und Objekt sind nicht entgegengesetzte Teile eines übergeordneten Ganzen. Wir sind Teil der Wirklichkeit, und unsere Sinne sind Medien, die Kontakte zwischen Wirklichem, das wir selber sind, und Wirklichem, das wir nicht selber sind, herstellen. Diese Medien verzerren nicht etwa eine von ihnen unabhängige Wirklichkeit. Sie sind vielmehr selber etwas Wirkliches, Schnittstellen. Denken ist eine Schnittstelle, die uns teilweise mit nicht materiellen Wirklichkeiten – Zahlen, Gerechtigkeit, Liebe usw. – in Verbindung setzt.

Gabriel geht von zwei anthropologischen Hauptsätzen aus. Der erste lautet: Der Mensch ist das Tier, das keines sein will. Der zweite: Der Mensch ist ein freies geistiges Lebewesen. Das führt zur zweiten Hauptthese Gabriels, dem biologischen Externalismus. Diese lautet: Die Ausdrücke, mittels derer wir unsere Denkvorgänge beschreiben und erfassen, beziehen sich wesentlich auf etwas, das biologisch ist. Daraus folgert Gabriel, dass es keine künstliche Intelligenz geben kann. Er sieht entsprechend eine bisher unterschätzte Gefahrenquelle der Digitialisierung darin, unser Selbstverständnis als Menschen an einem irreführenden Denkmodell auszurichten. Indem wir K.I.-Systeme programmieren, die Daten zu Informationen weiterverarbeiten, mit denen wir dann etwas anfangen können, riskieren wir Gabriel zufolge aufgrund der fortschreitenden Technik den Fortbestand der Menschheit. Denn wir wissen nicht, wie wir die Wertausrichtung einer K.I. entsprechend unserer Lebensform programmieren sollen. Dabei versteht Gabriel unter Wertausrichtung das System von übergeordneten Zielen, das ein Programm oder ein Akteur verfolgt.

Was ist Denken?

Denken ist das Fassen von Gedanken. Ein Gedanke ist ein Inhalt des Denkens. Es ist dasjenige, was man erfasst. Ein Inhalt des Denkens beschäftigt sich damit, was in einem Sinnfeld geschieht, etwa mit dem Dargestellten auf einem Gemälde. Sinnfeld ist ein Grundbegriff der Gabrielschen Philosophie und meint eine Anordnung von Gegenständen, in der diese auf eine bestimmte Weise zusammenhängen. Die Art und Weise des Zusammenhangs von Gegenständen nennt er Sinn. Der Gegenstand eines Gedankens ist dasjenige, wovon der Gedanke handelt. Der Inhalt eines Gedankens ist dagegen die Art und Weise, wie der Gedanke von seinem Gegenstand handelt. Das Merkmal eines Gedankens ist, dass er unabhängig von unserer Einschätzung wahr bzw. falsch ist.

Denken ist kein stilles, geistiges Sprechen zu sich selbst. Denken als Erfassen von Gedanken ist begrifflich, aber nicht sprachlich kodiert. Der Code, in dem wir denken, ist selber keine natürliche Sprache.

...


Sie wollen den vollständigen Beitrag lesen?
Bestellen Sie das Einzelheft oder abonnieren Sie die Zeitschrift.




© Information Philosophie     Impressum     Datenschutz     Kontakt