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02 2020

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Franz Josef Wetz :
Arbeit am Mythos: Hans Blumenberg zu seinem 100. Geburtstag

aus: Heft 2/2020, S. 34-41
 
Am 13. Juli 2020 würde Hans Blumenberg 100 Jahre alt. Der in Lübeck geborene Philosoph ist einer der originellsten und produktivsten Köpfe der Nachkriegszeit. Er lebte zuletzt als Münsteraner Emeritus völlig zurückgezogen das Leben eines philosophischen Eremiten, um in Ruhe schreiben zu können. Schreiben ist die anspruchsvollste Art, sich von der Welt fernzuhalten. Die Nationen, die der Altenberger Nesthocker am liebsten bereiste, waren seine Imaginationen. Im heutigen Wissenschaftsbetrieb versteht sich solch abgeschiedenes Leben keineswegs von selbst. Blumenberg ist in seinem letzten Lebensabschnitt ausschließlich über seine Publikationen an die Öffentlichkeit getreten. Darum hätte man bereits damals leicht auf den Gedanken kommen können, dass er schon nicht mehr lebe. Die Anzahl, der Umfang und die Themen seiner Bücher lassen eine große Leserschaft vermuten. Doch dieser Eindruck täuscht. Nicht zuletzt zeichneten regelmäßige Besprechungen in überregionalen Tageszeitungen Deutschlands und der Schweiz für diese Fehlannahme verantwortlich. In den Redaktionen der Feuilletons saßen damals begeisterte Verehrer Blumenbergs. Allerdings spiegelte seine Präsenz in den Zeitungen nicht seine Popularität wider.
 
Dies kann nicht weiter verwundern, wenn man sich Blumenbergs komplizierte Denk- und Schreibweise vergegenwärtigt, die bis heute zahlreiche Interessierte abschreckt. Obgleich Blumenberg als Autor packender und zupackender Bücher bekannt ist, der oft brillante und elegante Formulierungen wählt, bleibt die Fragestellung seiner Bücher oftmals unklar; deren Grundidee ist nur selten auf Anhieb zu erkennen und die Darstellung seiner mäandernden Gedanken für ungeübte Leser überaus anstrengend. Blumenberg verlangt seinen Lesern ein Höchstmaß an Problemsensibilität und Konzentration ab. In der Sprache der Musik gesprochen, bedient er sich gerade in den späteren Werken weniger der Form der Sonate als vielmehr der Form der Suite. Wiewohl Blumenberg spannende Zusammenhänge und Hintergründe aufdeckt, die bis dahin unbekannt und unverstanden blieben, und durch die Breite seiner Themen auf den Gebieten der Philosophie, Astronomie, Theologie, Literatur wie auch anderer Disziplinen fasziniert – seine Leserschaft blieb zu Lebzeiten überschaubar.
 
Seit Blumenbergs Tod am 28. März 1996 in Altenberge hat sich die Situation grundlegend gewandelt. Inzwischen könnte man annehmen, dass er immer noch lebt. Denn nach seinem Hinscheiden erscheint jährlich mindestens ein Buch aus dem Nachlass. Mittlerweile hat Blumenberg eine große Prominenz in der gebildeten Öffentlichkeit erlangt. Zahlreiche Tagungen finden über seine Philosophie statt. Es erscheinen Tagungsbände, Handbücher und vor allem Dissertationen über seine Arbeiten. Nach einem ersten längeren WDR-Film über Blumenberg Zwischen Himmel und Höhle aus dem Jahre 1995, als der Münsteraner noch nicht so berühmt war, gibt es inzwischen einen zweiten Film Der unsichtbare Philosoph (2018), außerdem einen Roman Blumenberg mit teils biografisch korrekten, teils unsinnig-fiktiven Inhalten. Schließlich wurde 2018 die Hans Blumenberg-Gesellschaft gegründet, die sich der Förderung und Pflege seines Lebenswerks widmet. Kurzum: Blumenberg ist heute berühmter als jemals zuvor. Wie ist das möglich?
 
Würde Blumenberg sein überraschender Nachruhm gefallen? Diese Frage kann nicht mit einem eindeutigen Ja oder Nein beantwortet werden. Einerseits mied er die Öffentlichkeit, Sichtbarkeit mit Verwundbarkeit und damit Angreifbarkeit gleichsetzend. Er entzog sich dem Wissenschaftstourismus, der Kamera, den Fotografen, und zog es vor, in seiner Schreibhöhle zu bleiben, um die durch die Kriegsjahre verlorene Schreibzeit wettzumachen. Aber obwohl er sich von seinen Lesern abschottete, wollte er andererseits natürlich auch gelesen werden. Mit trockener Ironie fragt er, wann wohl ein Autor mit der Wirkung eines Buches zufrieden sein mag – nach 5000, 50‘000 oder 500‘000 verkauften Exemplaren? Was würde der Autor sagen, wenn die Hälfte der Menschheit seine Bücher erworben hätte? „Und bitte: Was macht die andere Hälfte?“ Nach Schelling ist selbst Gott eine gewisse Eitelkeit eigen, weshalb der Schöpfer die Welt zum eigenen Ruhme erschuf. Wie sollte da der Mensch von dieser Torheit gänzlich befreit sein?
 
Selbstverständlich wusste der Verfasser von Lebenszeit und Weltzeit, dass Ruhm und Nachruhm letztlich nichts wiegen. Eindrucksvoll legt Blumenberg dar, dass die Welt über die Grenzen der eigenen Lebenszeit hinweg unberührt fortexistiert und gleichgültig gegen unsere Wünsche und Interessen bleibt. Er hält es sogar für die empörendste Zumutung und bitterste aller Entdeckungen, dass die Welt alle Zeit hat und der Mensch nur eine kurze Lebensspanne auf der Erde weilt. Darum beschäftigt Philosophen im Greisenalter öfter die Frage, was sie wohl hinterlassen werden und ob ihr Leben auch noch später gewürdigt wird. Nicht selten versuchen sie im kollektiven Gedächtnis der Nachwelt einen guten Platz zu ergattern. Selbst vermeintlich bescheidene Naturen lassen sich hierbei ertappen, obwohl sie wie der römische Satiriker Juvenal längst durchschaut haben: „Was ist schon der größte Ruhm, wenn er nichts als Ruhm ist?“ Blumenberg, der sich intensiv mit der modernen Kosmologie befasste, wusste natürlich, dass irgendwann die Kette der Erinnerung abbricht, Ruhm und Nachruhm mit der Zeit vergehen und es ohnehin töricht ist, über Jahrhunderte im Gedächtnis der Menschheit bleiben zu wollen. Zu seiner Astronoetik gehört die elementare Erkenntnis, dass der Mensch räumlich marginal und zeitlich ephemer ist.
 
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