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02 2020

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Der Diskurs über Glauben und Wissen. Habermas‘ zweibändiges Werk „Auch eine Geschichte der Philosophie“

aus: Heft 2/2020, S. 42-52
 
In seinem auf zwei voluminöse Bände angelegten Alterswerk
 
Habermas, Jürgen: Auch eine Geschichte der Philosophie.
Band 1: Die okzidentale Konstellation von Glauben und Wissen. 920 S.
Band 2: Vernünftige Freiheit. Spuren des Diskurses über Glauben und Wissen, zusammen € 98.—, 2019, Suhrkamp, Frankfurt
 
verfolgt Habermas mittels einer Genealogie den Diskurs zwischen Wissen und Glauben durch die abendländische Philosophiegeschichte vom Mythos bis hin zu den Junghegelianern. Sein Anliegen ist es, die Bedeutung der Religion auch für das nachmetaphysische Denken aufzuzeigen.
 
Genealogie nachmetaphysischen Denkens
 
Genealogie im Sinne von Habermas erklärt den Fortgang der Philosophie als Ergebnis von Lernprozessen, mit denen sie sich immanent rechtfertigen kann. Er will aufweisen, aus welchen intern nachvollziehbaren Gründen das nachmetaphysische Denken ältere Denkweisen abgelöst hat. Dazu interpretiert er die Philosophiegeschichte am Leitfaden des Diskurses zwischen Glauben und Wissen von den Anfängen im Mythos bis hin zu Feuerbach, Marx, Peirce und Kierkegaard (Autoren, denen der Diskurs zwischen Religion und Philosophie auch nach deren Trennung wichtig bleibt) in aller Ausführlichkeit und in rekonstruktiver Absicht auf hohem Abstrak tionsniveau. Wichtige Referenzautoren sind ihm dabei (außer den genannten) Platon, Plotin, Augustin, Thomas von Aquin, Duns Scotus, Wilhelm von Ockham (alle Band 1), Luther, Hume, Kant, Herder, Schleiermacher, Humboldt, Hegel, Feuerbach, Peirce und Marx  (Band 2). Habermas zeigt, wie die Philosophie komplementär zur Ausbildung einer christlichen Dogmatik in Begriffen der Philosophie ihrerseits wesentliche Gehalte aus religiösen Überlieferungen sich angeeignet und in begründungsfähiges Wissen transformiert hat. Semantische Gedanken biblischen Ursprungs sind in die Grundbegriffe des nachmetaphysischen Denkens überführt worden.
 
Es habe ihm Spaß gemacht, so berichtet er eingangs, die Lektüre vieler bedeutender Texte, die er nie gelesen hatte, nachzuholen und viele andere Texte, die er in aktuellen Zusammenhängen oft konsumiert, wieder zu lesen – diesmal aus der Sicht „eines alten, vergleichsweise verschonten Lebens als Philosophieprofessor“.
 
Habermas zufolge befreit erst die rational nachvollziehbare Dynamik des Erwerbs unserer epistemischen Hintergrundüberzeugungen die Gültigkeit der selbstverständlich gewordenen Voraussetzungen des modernen Selbst- und Weltverständnisses von einer Kontingenz, die entweder dogmatisch behauptet oder wie bei Heidegger mit seinsgeschichtlichem Tiefsinn denunziert werde. Die säkularen Prämissen nachmetaphysischen Denkens erscheinen in einem anderen Licht, wenn wir lernen, dass sich diese nicht zu der Rückkehr zu den während des „dunklen Mittelalters“ christlich überformten, entstellten und verschütteten Prämissen griechischen Denkens verdanken, sondern einem langanhaltenden theologischen Diskurs über Glauben und Wissen. Von einer ideen- und problemgeschichtlichen Darstellung unterscheidet sich das genealogische Verfahren durch die Einbettung problemgesteuerter, aber nicht ausschließlich intern erklärbarer Lernprozesse in kontingente, jedoch gesellschaftstheoretisch verallgemeinerte Entstehungskontexte.
 
Habermas‘ Genealogie geht davon aus, dass sich das philosophische Denken seit seinen Anfängen zum einen durch den Bezug zur Welt im Ganzen (dem, was wir von der Welt im gegebenen historischen Zeitpunkt wissen) und zum anderen durch die systematische Selbstreferenz der Forscher zu sich als Menschen, zu ihrer sozialen Gemeinschaft und zu ihrer geschichtlichen Epoche bestimmt. Über viele Jahrhunderte hat die Philosophie dabei die Frage nach der „Stellung des Menschen in der Welt“ mit der Religion geteilt und damit einen funktionalen Beitrag zur gesellschaftlichen Integration geleistet.  Wie steht es aber damit unter den Bedingungen eines nachmetaphysischen Denkens, eines Denkens nach dem Bruch der Verbindung von Philosophie und Religion, aus? Kann die Philosophie auch in ihrer nachmetaphysischen Gestalt an dem Anspruch festhalten, das im lebensweltlichen Hintergrund verankerte intuitive Welt- und Selbstverständnis der jeweils gegenwärtigen Generation zu erklären und so weit wie möglich im Lichte des wissenschaftlich akkumulierten und jeweils verbesserten Weltwissens kritisch zu prüfen und zu korrigieren.
 
Das ist die Frage, die Habermas‘ Denken antreibt. Ihm zufolge erkennt man erst im Lichte des Erbes, von dem sich die Philosophie in ihrer nachmetaphysischen Gestalt gelöst hat, die Bedeutung dessen, was sie geerbt hat, in der richtigen Dimension.
 
Skeptisch zeigt sich Habermas, ob die Philosophie, wie wir sie kennen, noch eine Zukunft hat. Ob das, was für andere Wissenschaften Fortschritt bedeutet, auch für die Philosophie gilt, hält er für fraglich. Er sieht die Gefahr, dass sie das, worüber sie sich bisher definiert hatte, nämlich das Ganze, aus den Augen verliert. Um das zu verhindern, muss sie zu erklären versuchen, was unsere wachsenden wissenschaftlichen Kenntnisse von der Welt für uns bedeuten – für uns als Menschen, als moderne Zeitgenossen und als individuelle Personen. Sie darf den Bezug zum Ganzen eines immer unüberschaubarer werdenden Wissenskosmos nicht verlieren, ansonsten verrät sie ihr Proprium. Der Bezug des philo-sophischen Denkens zehrt von einer rätselhaften Initiative zum Gebrauch unserer vernünftigen Freiheit. Geht das verloren, überlebt das Fach Philosophie nur dank dessen begriffsanalytischen Fertigkeiten und als Verwalterin ihrer eigenen Geschichte. Um das zu verhindern, plädiert Habermas für das Weiterverfolgen des bisherigen Weges und dafür, die lernbereite dialogische Einstellung zur Religion nicht aufzugeben. Ansonsten drohe ein unbewegliches kollektives Selbstverständnis, das die Bereitschaft blockiert, von den eigenen Hintergrundüberzeugungen hypothetisch Abstand zu nehmen.
 
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