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18.08.2020 Druckversion  |  Schrift: vergrößern verkleinern 

Zum Tod des Philosophen Bernard Stiegler, Tagesspiegel 10. August 2020

Berliner Tagesspiegel, 10. August

Zum Tod des Philosophen Bernard Stiegler Denken heißt heilen

Fluch und Verheißung der Technologie: Der französische Philosoph Bernard Stiegler war einer der schärfsten Kritiker der Digitalität.

Eberhard Spreng
 

Ende des Monats hätte Bernard Stiegler im südfranzösischen Arles eigentlich an dem neu gegründeten Festival „Agir pour le vivant“ teilnehmen sollen, wo es in Vorträgen, Workshops und Seminaren um ein neues Verhältnis von Mensch und Natur gehen soll. Das hätte zu Stieglers diversen Initiativen der vergangenen Jahre gepasst: Wie sein kritisches Nachdenken über Fluch und Verheißung der Technologie etwa, mit der randständigen Bevölkerung in Saint-Denis in lebenspraktische Innovationen umgemünzt werden kann, hat er in einem Feldversuch erforscht.

Die Technologien des Kapitalismus waren Stieglers großes Thema

Vielleicht hat die Technikbegeisterung in Stieglers Kindheit den Grundstein gelegt für einen auch im Denken ungemein experimentierfreudigen Philosophen, der vor allem im letzten Lebensjahrzehnt physikalische Erklärmodelle wie die der Thermodynamik für seine Kritik der Technologien des Kapitalismus fruchtbar zu machen versuchte: Dessen letztlich in einer falschen Mathematik gefangene Ökonomie befeuert eine Entwicklung hin zur Entropie und damit zur Zerstörung der Lebensvoraussetzungen auf unserem Planeten durch Artensterben, Klimakatastrophe, Wassermangel, Bodenzerstörung.

 

Nicht das Lebewesen Mensch ist an sich entropiefördernd, seine Werkzeuge sind es, wenn sie zum Herzstück einer technologischen Entwicklung werden, die mit der frühen industriellen Revolution beginnt und mit der Ausbeutung der Kohlevorkommen. Deren gegenwärtige Auswüchse sind digitaler Natur etwa durch die Herrschaft der Algorithmen und der sozialen Medien. „Negentropie“, so Bernard Stiegler, das bewusste Ausscheren aus der Logik der technikgetriebenen Zerstörung, muss die Antwort einer Menschheit sein, wenn sie sich mit ihrem Ende nicht abfinden will.

Die Philosophie war Stiegler nicht in die Wiege gelegt

Der Weg in die Philosophie war dem 1952 in Paris geborenen Stiegler nicht vorherbestimmt. Im Gegenteil: Mit 15 verlässt er die Schule, schließt sich der 68er Bewegung an, wird Mitglied der KP. Ein Filmstudium bricht er ab, arbeitet als Bürohilfe, Kurier, in der Landwirtschaft, Leiter eines Jazzclubs.

Als seine Bank ihm den Kredit streicht, entscheidet sich Stiegler zur Selbsthilfe. Für künftige Starphilosophen eher unüblich: Er bewaffnet sich, klebt sich einen falschen Bart an und überfällt seine Bank. Nach drei weiteren Überfällen wanderte er für fünf Jahre ins Gefängnis, wo er das Fernstudium der Philosophie und Linguistik aufnahm. Jacques Derrida wurde auf den Hochbegabten aufmerksam. Ein Jahr nach seiner Entlassung wird Stiegler Direktor am neu gegründeten „Collège International de Philosophie“.

Seine kriminelle Vorgeschichte offenbarte er der Öffentlichkeit allerdings erst 2003, als Direktor des von Pierre Boulez gegründeten und dem Centre Pompidou angegliederten IRCAM. Auf die Leitung des Forschungsinstituts für Akustik und Musik folgt die der Abteilung kulturelle Entwicklung am Centre Pompidou.

Bereits zuvor war er Leiter der Abteilung „Wissen, Organisationen und technische Systeme“ der technischen Universität in Compiègne und Co-Direktor des nationalen Instituts für audiovisuelle Medien (INA). Er gründete zudem das Konferenzforum „Ars Industrialis“.

Das Denken im Dreieck von Ästhetik, Technologie und Politik wird Stieglers Markenzeichen, eine oft experimentelle, mitunter diskontinuierliche Philosophie, die Anleihen macht bei Platon, Heidegger, Derrida, Foucault und später bei Erwin Schrödinger und anderen führenden Naturwissenschaftlern. Anders als bei vielen neueren französischen Philosophen war Stieglers Verhältnis zu den Mainstreammedien immer konfliktgeladen. Französische Fernsehzuschauer erlebten ihn im Streit mit dem smarten Arte-Philosophen Raphaël Enthoven.

Zuletzt kritisierte Stiegler immer stärker die Neuen Medien

 

Da ging es um die Frage, ob es in der Medienlandschaft noch Nischen für ein authentisches Denken geben könne. Stiegler, von dem diverse Werke wie „Die Logik der Sorge: Verlust der Aufklärung durch Technik und Medien“ auch in deutscher Übersetzung erschienen sind, fokussierte seine Kritik der Medien in den letzten Jahren vor allem auf die sozialen Netzwerke: Das Leben in Algorithmen führe in ein Klima der Denkfeindlichkeit, das parallel zur ökologischen Katastrophe in ein intellektuelles Desaster führt.

Der mitunter kulturpessimistisch anmutenden Kritik digitaler Technologien will Stiegler allerdings auch mit der antiken Denkfigur des Pharmakons beikommen. Technologie und Digitalität können wie Arznei entweder Gift sein oder richtig dosiert heilendes Medikament.

Entscheidend ist, dass der Mensch im Zeitalter des Anthropozäns in den zehn Jahren, die ihm zur Abwendung der Klimakatastrophe verbleiben, aus der entropieproduzierenden Logik seiner kapitalistischen Technologie ausschert und sich an seine kurativen Fähigkeiten erinnert.

In den letzten Monaten sah der Philosoph ausgezehrt aus

„Qu’appelle-t-on Panser“ heißen im Untertitel zwei seiner jüngeren Werke. Im Wortspiel zwischen dem Denken (Penser) und dem wundheilenden Verbinden (Panser) will sich Stieglers Philosophie verstehen: Denken als Heilen.

In den letzten Monaten sah der Philosoph ausgezehrt und angegriffen aus. Für eine komplizierte Erkrankung sah er wohl keine Heilung mehr. In seinem Haus im zentralfranzösischen Departement Cher hat sich Bernard Stiegler nun, 68-jährig, das Leben genommen.







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