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Olivia Mitscherlich-Schönherr: Auch Philosophie sollte in der Krise pratisch werden. Franfkfurter Rundsdchau 10. August 2020

Corona & Philosophie

Auch Philosophie sollte in der Krise praktisch werden

  • vonOlivia Mitscherlich-Schönherr
     

Die gegenwärtige Verachtung rationaler Lebensorientierung ist eine Gefahr für unsere liberale Demokratie.

Am ersten Augustwochenende haben Verschwörungstheoretiker ihrer Verachtung für rationale Lebensorientierung auf den Berliner Straßen wieder einmal lautstark Ausdruck verliehen. Am Samstag und Sonntag gab es Proteste auch in Stuttgart und in Dortmund. Was häufig übersehen wird: Sie stehen damit nicht allein. Auch an anderen Entwicklungen zeigt sich die Verdrängung von rationaler Orientierung aus der politischen Öffentlichkeit: an der Instrumentalisierung von empirischem Wissen durch politische Funktionsträger ebenso wie an den Rassismusdebatten.

 

In den jüngsten Rassismusdebatten wiederholt sich eine Tendenz früherer, ähnlich gelagerter Debatten: Eigene, moralische Leitprinzipien werden zu den höchsten Maßstäben erhoben, um an ihnen Theoretiker und deren Werk zu bemessen. Die mit Blick auf Nichteuropäer moralischen Defizite etwa eines Immanuel Kant – dem Übervater der europäischen Aufklärung – sind in den letzten Wochen überscharf ans Licht getreten. Der antirassistische Sturm auf seine Denkmäler scheint auf den ersten Blick folgerichtig.

Die Rassismusdebatten sind allerdings selbst problematisch. Alles andere als problematisch ist, auf die Defizite von Galionsfiguren der Geistesgeschichte aufmerksam zu machen. Problematisch ist jedoch die Haltung, die diese Debatten bestimmt. Unter dem rigiden Anspruch, dass Theoretiker unseren eigenen Vorstellungen des Guten zu genügen haben, wird der Spielraum für rationale Selbstüberprüfung eingezogen: Vermittelt der andere trotz all seiner Defizite und obwohl er uns brüskiert, Erkenntnis: neue Einsichten, die uns die Wirklichkeit besser verstehen lassen, als wir sie bisher verstanden haben?

 

Die politische Instrumentalisierung der Natur- und Technikwissenschaften als Orientierungswissenschaften in der Corona-Krise untergräbt die Anstrengungen um rationale Orientierung in der Öffentlichkeit nicht weniger. Die Erkenntniserfolge, die die Natur- und Technikwissenschaften erzielen, verdanken sich ihrem Experimentaufbau. Das experimentelle Setting ist so konzipiert, dass es die individuellen Perspektiven der Wissenschaftler ausschließt. Durch diese Abstraktion von der Lebenswelt wird der Erkenntnisstatus – die Verallgemeinerbarkeit und Reproduzierbarkeit – der empirischen Forschungsergebnisse sichergestellt.

Dies impliziert zugleich, dass das empirisch erreichte Wissen für sich genommen keine rationale Lebensorientierung vermittelt. Der Bezug auf die Lebenswelt ist ja gerade gekappt, um dem Anspruch auf Wissenschaftlichkeit zu genügen. Bei der politischen Bewältigung der Corona-Krise verdanken wir dieser Haltung der neuzeitlichen Wissenschaften wichtige Erkenntnisse: etwa virologisches Wissen über die Reproduktionszahl des Corona-Virus oder medizinisches Wissen über Einflussfaktoren auf den Verlauf einer Covid-19-Erkrankung.

Anhand dieser Erkenntnisse lassen sich jedoch keine direkten politischen Handlungsanweisungen ablesen. Wenn Politiker dies in den Wochen der Corona-Krise gleichwohl häufig behaupten, dann betreiben sie Ideologie: Sie instrumentalisieren das naturwissenschaftliche Wissen – wogegen sich seriöse Wissenschaftler denn auch verwahrt haben. Politisch wird unter dem Deckmantel wissenschaftlich ermittelter Fakten an eigenen, weltanschaulichen Idealen Maß genommen. Im Glanz wissenschaftlicher Objektivität werden politische Maßnahmen als notwendig dargestellt und einer kritischen Überprüfung entzogen: ob sie in der konkreten Situation denn das wahrhaft Gute im Blick haben und verwirklichen. Diese politische Instrumentalisierung der empirischen Wissenschaften während der Corona-Krise haben die Verschwörungstheoretiker aufgegriffen – um hieraus den fatalen Schluss zu ziehen, dass auch hinter dem „offiziellen“ Unterschied zwischen Tatsachen und Fake News noch politische Interessen stünden.

Die gegenwärtige Verachtung rationaler Lebensorientierung muss sich nicht nur für die kleine Riege der „Philosophen von Profession“ als Bedrohung darstellen. Sie ist auch eine Gefahr für unsere liberale Demokratie. Unter den Imperativen von intransparenten Instanzen, Moral und Wissenschaft werden vorgebliche Eindeutigkeiten geschaffen. Nicht nur werden die eigenen Leitprinzipien gegenüber kritischen Nachfragen immunisiert, haben sie doch esoterisches Wissen, die anerkannte Moral bzw. die moderne Wissenschaft auf ihrer Seite. Vielmehr verändert sich auch das politische Handeln. Wenn Leitprinzipien – wie Gesundheit, Lebenserhalt, Gleichheit – auf eine konkrete Situation „angewandt“ werden, wird unter den Vorzeichen der Alternativlosigkeit gehandelt.

Im Politischen kippt alternativloses Handeln jedoch leicht in Dogmatismus. Es verhindert plurale Debatten, indem es sich der Möglichkeit verschließt, die konkrete Situation auch ganz anders analysieren und gestalten zu können. Und es blendet die eigenen Kosten ab. Eigene Gewalt kann diejenigen, die sich – durch Esoterik, Moral oder Wissenschaft verbürgt – im Recht wissen, nicht anfechten.

Vielleicht sollten wir die Philosophie doch nicht vorschnell als Orientierungswissenschaft verabschieden. Aber welche Orientierung kann Philosophie in der Krise leisten? Und warum mag es sich politisch lohnen, die Philosophie zu hören? Als Politikberatung taugt die Philosophie nicht: als Praxis, den politischen Entscheidungsträgern letzte Leitprinzipien an die Hand zu geben, was in der Krise konkret zu tun sei. Wer von der praktischen Philosophie Leitfäden des moralischen und politischen Handelns erwartet, wird meist enttäuscht. Die allgemeinen Gesetze, die manche philosophischen Strömungen aufstellen, sind allzu vage und abstrakt, um Konfliktfälle der Praxis zu lösen.

So ist es etwa alles andere als eindeutig, was aus Kants Kategorischem Imperativ oder dem utilitaristischen Nutzenkalkül für das Problem der Triage hätte folgen sollen. Gleichwohl haben die Politiker das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, die sich – angesichts solcher Enttäuschungen – in der Corona-Krise von der Philosophie ab- und ausschließlich den Natur- und Technikwissenschaften zugewandt haben. Sie haben sich damit nämlich auch für eine andere Form der philosophischen Orientierung in der Tradition des Sokrates taub gemacht, die nach den ersten Schockwochen der Pandemie von verschiedenen Seiten – u. a. in dieser Zeitung – getätigt wurde und wird. Diese Tradition versteht das Wissen, das in der Politik von Nöten ist, nicht als Wissen von obersten Prinzipien, sondern als Klugheitswissen: als erfahrungsgesättigtes Beurteilen von und umsichtiges Handeln in konkreten Handlungssituationen. Mit ihren eigenen Stellungnahmen wollen Vertreter dieser philosophischen Tradition der politischen Klugheit keine Leitbilder verordnen, sondern ihr Gedeihen befördern.

Die Erkenntnisweisen, mit denen Philosophierende politische Klugheit stärken, hat Sokrates unter die Bilder des Zitterrochens, der Stechmücke und der Hebamme gefasst. Wie Zitterrochen können Philosophierende mit ihren Nachfragen für Augenblicke lähmen – damit wir gerade in Grenzsituationen und unter großem Zeitdruck nicht kopflos losrennen; und in der gegenwärtigen Krise etwa blind dem scheinbar erfolgreichen chinesischen Modell der Pandemiebewältigung hinterherlaufen. Als Stechmücken können sie Ideologiekritik betreiben und mit ihren Analysen neue Zusammenhänge aufreißen, in denen die Widersprüchlichkeiten aktueller Lebensformen in Erscheinung treten. So haben philosophische Stechmücken in der gegenwärtigen Krise u. a. die Widersprüchlichkeit des omnipräsenten Leitbilds der Solidarität ans Licht gekehrt, indem sie dieses Ideal in die Zusammenhänge der gesellschaftlichen und globalen Ungerechtigkeit eingereiht haben, in denen es gelebt wird. Oder sie haben die Erfahrungen infrage gestellt, mit der Corona-Pandemie einem schicksalhaften Naturgeschehen ausgeliefert zu sein – indem sie das Entstehen der Pandemie in die Kontexte der globalisierten Wirtschaft, Naturausbeutung und Tierhaltung eingeordnet haben.

Indem Philosophierende problematische Habitualisierungen auflösen und Widersprüche in unseren Lebensformen aufzeigen, stiften sie nicht nur Verwirrung. Sie betätigen sich vielmehr in all den Verwirrungen auch als geistige Hebammen, die die politischen Entscheidungsträger und die breite Öffentlichkeit zum klugen Beurteilen von konkreten Grenzsituationen mitbefähigen: von Grenzsituationen wie der gegenwärtigen Corona-Krise, an deren Komplexität einfache Vorstellungen des guten Lebens scheitern und in denen wir immer auch anders entscheiden und handeln können.

Wie wollen wir nun aber mit den Kant-Denkmälern verfahren? Als ein Wiederentdecker des reflektierten Beurteilens von unüberschaubaren Lebenssituationen hat er auch weiterhin meine Hochachtung. Aber vielleicht täte ihm etwas Gesellschaft gut? Wie würde wohl eine steinerne Referenz an den pluralen Dialog von Immanuel Kant, Hannah Arendt, Sokrates und uns lebendigen Unbekannten aussehen?

Olivia Mitscherlich-Schönherr lehrt Philosophische Anthropologie mit Schwerpunkt auf Grenzfragen des Lebens an der Hochschule für Philosophie in München.







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