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03 2020

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Werner Stegmaier:
Orientierung in der Corona-Krise. Vom Wissens-Modus in den Orientierungs-Modus

aus: Heft 3/2020, S. 8-23
 
Beim Ausbruch einer bisher unbekannten Pandemie muss man sich neu orientieren, immer wieder. Kaum Erwartetes tritt ein, die Dinge ändern sich von Tag zu Tag, überraschende Situationen fordern neue Maßnahmen. Man schwebt in Ungewissheit, Angst kommt auf, zunächst um das Leben jeder und jedes Einzelnen, dann um die Ordnung der Gesellschaft, schließlich um den Bestand der Weltgesellschaft. Man kann nun nicht mehr das ,Schicksal‘ oder den ,göttlichen Willen‘ haftbar machen; woher das Virus auch gekommen sein mag, für die weitere Entwicklung sind alle mitverantwortlich, und darum müssen alle informiert sein. Um gemeinsam zu handeln, braucht man eine ebenso besonnene wie entschlossene Führung für kollektiv bindende Entscheidungen. Sie sollte sich auf überlegene Orientierung stützen. Kompetentes Wissen steht aber nur begrenzt zur Verfügung. Man muss unter Ungewissheit entscheiden. So hält man inne und besinnt sich darauf, wie und woran man sich orientieren kann. Die ansonsten routiniert ablaufenden Orientierungsprozesse kommen als solche zu Bewusstsein.
 
Die schnell verfassten Beiträge der „Star-Philosophen“ des Tages haben für die Orientierungsprobleme sensibilisiert, die Parameter der Orientierung aber nicht geklärt. Man setzte gleich mit Ethik ein. Hier gab es überaufgeregte, apokalyptische oder starr prinzipienorientierte Stellungnahmen, auf der anderen Seite allzu lockere, die Probleme herunterspielende, feuilletonistische Beiträge, dazwischen soziologische Analysen. (1) Es fehlte sichtlich noch an Erfahrung der Krise; man war noch kaum bei den Realitäten angekommen. Zunächst ging es offenbar mehr darum, der Philosophie und Soziologie in der Krise überhaupt Gehör zu schaffen. Vermutlich lagen auch moderate und instruktive philosophische Beiträge vor, an denen jedoch, weil weniger medienwirksam, die Zeitungen und Rundfunkanstalten weniger Interesse haben mochten.
 
Inzwischen haben wir schon ein Stück Erfahrung, und die großen politischen Entscheidungen sind gefallen. Die moral- und rechtsphilosophisch diskutierten Alternativen kamen nicht zum Zug: die völlige Bewegungsfreiheit aller weniger Gefährdeten zu erhalten, die nun so genannte Risikogruppe der Älteren und Vorerkrankten aber völlig zu isolieren und bei Triage-Entscheidungen im Fall der Knappheit medizinischer Ressourcen dem Schutz des Lebens schlechthin oder Menschen mit den größeren Lebenschancen den Vorrang zu geben, das eine im Namen der Menschenwürde, das andere im Blick auf das gesamtgesellschaftliche Wohl. Denn es zeigte sich bald, dass der Schutz des Lebens aller auch einen weitgehenden Fortgang der Wirtschaft erfordert, von dem nicht nur kurzfristig die Versorgung, sondern langfristig auch die finanziellen Ressourcen für alle weiteren Maßnahmen abhängen. Da eine Gesellschaft und mit ihr all ihre Bürger(innen) nur bei funktionierender Wirtschaft überleben können, lassen sich Moral, Recht und Ökonomie kaum gegeneinander abwägen. Die alten Kontroversen führten auch jetzt nicht zu brauchbaren Lösungen.
 
Stattdessen wurden nicht prinzipielle, sondern Entscheidungen auf Zeit getroffen: kurzfristig lock down, mittelfristig allmähliche Öffnung, langfristig „neue Normalität“, also schrittweise Umorientierung. Die hochgradig medienwirksamen Bilder von überforderten Kliniken, vom Abtransport von Särgen durch Kolonnen von Militärlastwagen und von der vorsorglichen Aushebung von Massengräbern drängten zum lock down, die sprunghaft steigenden Arbeitslosenzahlen, drohenden Insolvenzen von Schlüsselbetrieben vor allem im Verkehrssektor und die eine globalisierte Wirtschaft lähmenden Grenzschließungen forderten bald wieder Lockerungen; die Hoffnung auf eine spätere neue Normalität sollte die Schockstarre lösen, die Unternehmen und Banken, aber auch die einzelnen Bürger(innen) davon abhielten, ökonomische Zukunftsentscheidungen zu treffen. Das erste und nächstliegende Gebot war, die Ausbreitung von Sars-Cov-2 einzudämmen und die medizinischen Einrichtungen nicht zu überlasten.
 
Das keep calm and carry on ließ sich nicht durchhalten. Der Weg der schrittweisen Umorientierung wurde bald weltweit eingeschlagen; Regierungen, die zunächst anders entschieden, mussten um ihre Autorität und ihre Macht fürchten und folgten mit wenigen Ausnahmen nach. Der mächtigste Mann der Welt, der US-Präsident, der längst durch bizarre Falschaussagen und rücksichtslose Fokussierung auf seine eigene Wiederwahl aufgefallen war, wurde zum lehrreichen Beispiel dafür, wie nicht verfahren werden sollte. Dagegen wurde die deutsche Bundeskanzlerin zu einem weltweiten Vorbild für eine entschiedene und zugleich maßvolle Krisen-Politik. Im nationalen und internationalen Krisenmanagement lange erprobt, bewährte sich ihre „Politik auf Sicht“, d. h. eine Politik der vorläufigen Orientierung, auch in der Pandemie.
 
Von Hause aus Naturwissenschaftlerin, war die Kanzlerin bereit, auf die Wissenschaft, hier vor allem auf die Virologie zu hören. Aber die Virologie konnte keine klaren Leitlinien für die Politik liefern; das Wissen über Pandemie-Verläufe ist begrenzt; man kann sich nur an Anhaltspunkten orientieren, und sie lassen oft unterschiedliche Prognosen zu. So arbeitet auch die hier ausschlaggebende Wissenschaft im Orientierungs-Modus, und eine Politik im Orientierungs-Modus kann dem folgen. In der Krise ging man vom Wissens-Modus in den Orientierungs-Modus über.
 
Menschliche Orientierung stützt sich auf Wissen, geht ihm aber auch voraus. Sie ist auf dynamische Situationen eingestellt und bezieht weit mehr als wissenschaftliches Wissen ein – Verhaltensgewohnheiten (Routinen), Bewertungen moralischer und außermoralischer Art, rechtliche Gesichtspunkte, Entscheidungen unter Ungewissheit, Zeitdruck, Effektivität und Kreativität, Kommunikation in doppelter Kontingenz, die Autorität von Persönlichkeiten, all das, um immer neue Situationen zu bewältigen. In normalen Zeiten fallen die Strukturen und Prozesse der menschlichen Orientierung kaum auf, in schweren und unüberschaubaren Krisen kommt man bewusst auf sie zurück. Von wenigem war in der Corona-Krise häufiger die Rede als von „Orientierung“; mit dem Begriff „Orientierung“, der ein großes Bedeutungsspektrum und dennoch ein klares Profil hat, (2)ließ sich am besten verstehen, was geschah. Ich lege die Umstellung auf den Orientierung-Modus in der Corona-Krise in 7 Punkten dar, verdeutliche, ausgehend vom wissenschaftlichen Wissen, den Orientierungs-Modus in der Politik, der Moral, im Recht und in den Medien und skizziere abschließend allgemeinere Züge des Orientierungs-Modus, die in der Krise zur Geltung kamen, wie die experimentelle Nutzung der Vielfalt von Orientierungen und die Zuversicht schaffende Entwicklung neuer Routinen.
 
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