PhilosophiePhilosophie

03 2020

Reza Mosayebi:
Politische Philosohie: Die Politische Konzeption der Menschenrechte und ihre Kritiker

aus: Heft 3/2020, S. 24-30
 
 
Nach unserem heutigen Verständnis sind Menschenrechte gewichtige Ansprüche gegenüber bestimmten Institutionen, Gesellschaften oder Individuen, die jedem einzelnen Menschen zustehen. Auch wenn nationale wie internationale Entwicklungen oder Krisen (etwa die Entstehung populistischer Bewegungen oder der Kampf gegen Terrorismus) sowie dringende globale Herausforderungen (wie der Klimawandel) die Bedeutung der Menschenrechte zeitweilig überschatten, so zeigt eine Bestandsaufnahme die moralische, legale und politisch-gesellschaftliche Präsenz sowie Mächtigkeit dieser Rechte auf verschiedenen Ebenen. Die Praxis der Menschenrechte – im weiten Sinne gefasst – spielt sich in einem komplexen Netzwerk nationalstaatlicher, regionaler und globaler Verpflichtungen, Institutionen, Organisationen und Funktionsweisen ab, welches in der Geschichte seinesgleichen sucht. Dadurch stellt sich aber aus der Perspektive der Philosophie der Menschenrechte eine heikle Frage: Ist eine moralische Begründung der Menschenrechte jetzt (noch) erforderlich? Sind etwa die Feststellung, dass die Menschenrechte nunmehr ein „Faktum der Welt“ sind (Rorty 1996, 148), oder die irreduzible Pluralität der Sichtweisen und Wertesysteme nicht Grund genug, um ein solches Begründungsprojekt aufzugeben?
 
Einige Theorien halten eine moralische Begründung der Menschenrechte für unnötig oder gar unerwünscht. Dagegen stehen Ansätze, welche, trotz all ihrer Differenzen, eine moralische Begründung der Menschenrechte als nötig und vorrangig ansehen. Unter moralischem Begründen (Lat. fundare; s. Grimm) werde ich hier hauptsächlich das Liefern egalitär-universaler, rechtfertigender bzw. normativer Gründe für die Menschenrechte verstehen, unabhängig von der Liste von Rechten, welche dabei entstehen mag.
 
Die Politische Konzeption der Menschenrechte
 
John Rawls entwickelt in The Law of Peoples (1999) eine einflussreiche Konzeption der Menschenrechte. Diese werden als notwendige Bedingungen jeder Art sozialer Kooperation konzipiert und gelten deshalb, so Rawls, als politisch neutral gegenüber einer Mehrzahl von Kulturen und Denktraditionen (§ 8). Darüber hinaus unterscheiden sie sich von anderen Klassen moralischer Rechte aufgrund bestimmter Funktionen, die sie in internationaler Arena erfüllen. Allem voran haben sie die wesentliche Funktion, Bedingungen festzuschreiben, unter denen die Souveränität der Staaten eingeschränkt werden kann (§ 10).
 
In der Nachfolge von Rawls, doch keineswegs unkritisch ihm gegenüber, ist eine Familie der Theorien der Menschenrechte anstanden, die oft als Politische Konzeption der Menschenrechte (im Folgenden PK) bezeichnet wird. Menschenrechte werden hier aus einer legal-funktionalen Perspektive und im Kontext der nach 1945 in internationalen Beziehungen entstandenen Praxis betrachtet. Menschenrechte geben danach pro tanto rechtfertigende Gründe für internationale Reaktionen, etwa in Form von Interventionen oder Sanktionen, auf die diese Rechte verletzenden Staaten; Menschenrechtsverletzungen limitieren damit das völkerrechtliche Prinzip der Staatssouveränität (Beitz 2009, Kap. 5-6; Raz 2010, 321-337). In unterschiedlichen Varianten der PK begnügt man sich bewusst mit derartigen Funktionsbestimmungen und versteht die Rechtfertigungsfragen bezüglich der Menschenrechte als von der faktischen, internationalen Menschenrechtspraxis abhängig (exemplarisch Beitz 22007). Eine moralische Begründung der Menschenrechte wird für unnötig, unerwünscht, im Grunde nicht möglich oder angesichts des Pluralismus der Sicht-
weisen und Weltanschauungen sogar für moralisch unerlaubt gehalten (vgl. weiter Cohen 2004; Baynes 2009). In keiner der Varianten der PK wird aber verneint, dass die Menschenrechte moralische Standards sind. Mit dieser Herangehensweise wollen die Vertreter*innen der PK zumindest drei Ziele erreichen:
 
● Der Diskurs der Menschenrechte soll neutral (nicht ethnozentrisch; „non-parochial“) bleiben;
● Menschenrechte sollen sich durch ihre Funktionen schon begrifflich von anderen moralischen Standards, vor allem anderen moralischen Rechten (etwa das Recht nicht betrogen zu werden), unterscheiden. 
● Die Theorie der Menschenrechte darf der in der Nachkriegszeit entstandenen internationalen Praxis nicht untreu werden.
 
Der produktivste und vielleicht wichtigste Vertreter der PK ist der am Department of Politics der Princeton University lehrende Charles Beitz (er nennt seinen eigenen Ansatz allerdings „practical conception“). Die Entwicklung der internationalen Praxis der Menschenrechte, insbesondere nach dem zweiten Weltkrieg, erhält bei ihm in der Theorie der Menschenrechte einen vorrangigen normativen Status (Beitz 22007, 632). Mehr noch, jede Analyse soll die bestehende Menschenrechtsdoktrin als normativ sui generis behandeln (Beitz 2009, 12). Die internationale Menschenrechtspraxis stellt damit die „source materials for constructing a conception of human rights“ (Beitz 2009, 102). Menschenrechte seien von Beginn an für bestimmte politische Ziele konzipiert, und es sei methodologisch entscheidend, zu beobachten, zu welchen politischen Erwartungen und Zwecken sie konstruiert wurden (s. Beitz 2001, 276f.). Damit verteidigt Beitz eine „pragmatische Analyse“ der Menschenrechtsdoktrin, der er drei Annahmen zugrunde legt: Menschenrechte sind eine Entwicklung der Moderne, sie adressieren in erster Linie Verfassungen, Gesetze und öffentliche Politik der Staaten und deren Verletzung ist ein Fall von „international concern“, der pro tanto eine Einschränkung (in welcher Form auch immer) der Souveränität des verletzenden Staates rechtfertigt (Beitz 22007, 632).
 
 
Beitz tendiert dazu, die moralische Begründung der Menschenrechte mit einer (ob traditionellen oder modernen) Theorie der Naturrechte gleichzusetzen. Seine Skepsis gegenüber einer moralischen Begründung der Menschenrechte besteht zum Teil darin, dass dadurch ein Großteil der in internationalen Gesetzen anerkannten Menschenrechte ihren Menschenrechtsstatus einbüßen würden, weil sie die Bedingungen der Naturrechte – etwa dass diese selbst im präpolitischen Naturzustand gelten – nicht erfüllten (Beitz 22007, 631; vgl. 2003, 41).  Beitz’ Pointe ist dagegen, dass die normative wie methodologische Priorität der Praxis der Menschenrechte nicht verloren gehen darf. In seiner Theorie der Menschenrechte hat daher eine tiefgründige philosophische Ebene mit dem Ziel, vorrangige fundamentale Rechte, deren Natur und Inhalt unabhängig von der internationalen Doktrin wären, zu entdecken, zu beschreiben und daraufhin zu sehen, wie weit die internationale Doktrin der Menschenrechte ihnen entspräche, keinen Platz (Beitz 2009, 7f.; 120).
 
Normativ gesehen treten Menschenrechte somit nicht als eine fundamentale moralische Kategorie auf. Für jedes partikuläre Menschenrecht bestehe immer die Möglichkeit, zu fragen, warum dieses Recht ein Teil einer „global normative doctrine“ sein sollte, und es sei eine Antwort darauf zu erwarten, die weitere, nicht-moralische Überlegungen in den Raum stellt. Menschenrechte haben vielmehr als normative Standards eine „distinctive identity“. Doch diese Identität besteht nicht in ihrer Grundlage oder in der Natur ihrer Forderungen, sondern vielmehr in ihrer spezifischen Rolle als Normen globalen politischen Lebens (global political life) (Beitz 2009, 127f.). Was als grundlegend in Beitz’ Theorie der Menschenrechte gilt, ist nicht eine bestimmte philosophische Sichtweise, sondern eben schlicht die Funktionen der Menschenrechte in der bestehenden internationalen Praxis.
 
Ein weiterer prominenter Vertreter der PK ist Joseph Raz. Nach ihm sind moralische Begründungstheorien der Menschenrechte (welche er als „traditional“ bzw. „ethical doctrine“ der Menschenrechte bezeichnet), nicht in der Lage, die existierende Praxis der Menschenrechte zu erklären oder zu kritisieren; sie seien dieser Praxis derart fremd, dass sie für diese sogar irrelevant sind (Raz 2010, 323). Vergleichbar mit Beitz sieht Raz’ den grundlegenden Gedanken der traditionellen bzw. ethischen Theorie darin, dass die Menschenrechte nicht auf kontingenten Fakten, sondern nur auf Naturgesetzen bzw. einer ahistorischen Natur des Menschen, gründen (Raz 2010, 323).
 
Raz geht, um die Menschenrechte herzuleiten (derive), von drei notwendigen zusammenhängenden Schichten aus. Auf der ersten Ebene sieht er einzelne individuelle moralische Rechte, die sich auf individuelleInteressen zurückführen lassen. Darauf folgen die zweite, die Pflichtträgerschaft der Staaten oder internationaler Körperschaften und die dritte Ebene, die Nicht-Immunität gegen Eingriffe im Falle der Menschenrechtsverletzungen (Raz 2010, 336). Gleichzeitig sieht er es jedoch als sinnlos an, Menschenrechte moralisch zu begründen. Diese sind vielmehr abhängig von „contingencies of the current system of international relations“ (Raz 2010, 336).
 
Ähnlich wie bei Beitz gilt es für Raz methodisch primär die Menschenrechtspraxis zu beobachten, welche sich insbesondere in der souveränitätseinschränkenden Funktion der Menschenrechte zeigt – auch wenn Raz Menschenrechte doch als „moral limits to sovereignty“ erachtet (Raz 2010, 337).
 
Kritik der moralischen Theorien der Menschenrechte an der Politischen Konzeption
 
Die Politische Theorie der Menschenrechte ist von verschiedenen Seiten kritisiert worden. Eine der elaboriertesten moralischen Begründungstheorien der Menschenrechte der letzten Jahre hat James Griffin (1933-2019) vorgelegt. Er sieht deren moralisch-normativen Grund in Schutz und Förderung unserer normativen Handlungsfähigkeit (normative agency). Griffin nennt diese öfter Persönlichkeit (personhood) und versteht darunter die Fähigkeit, eine eigene Konzeption wertvollen Lebens zu wählen und zu verfolgen (s. Griffin 2008, Kap. 2.3-4, 2.7). Er wirft insbesondere Rawls vor, dass seine funktionale Bestimmung des Begriffs der Menschenrechte insofern unzureichend ist, als sie unklar lässt, aus welchem normativen Grund überhaupt zwischenstaatliche Funktionen der Menschenrechte erfüllt werden sollten (vgl. im Folgenden Renzo). Darüber hinaus sei der Geltungsbereich der Menschenrechte weitreichender als das, was die PK durch deren zwischenstaatliche Rolle markiere. Eine wichtige, von den Vertreter*innen der PK vernachlässigte Dimension der Funktionsweisen der Menschenrechte sei „intra-national“: Menschenrechte rechtfertigten Widerstände und Revolten, sie dienten friedvollen Reformen innerhalb von Gesellschaften, sie würden autokratische Herrscher von innen heraus zügeln, sie ermöglichten eine binnengesellschaftliche Kritik der Rassen- und ethnischen Diskriminierung der Minderheiten, und sie würden generell in Anspruch genommen, um nicht staatliche Institutionen (etwa Krankenhäuser) innerhalb einer Gesellschaft zu kritisieren (2008, 24). 
 
Des Weiteren richtet sich Griffins Kritik gegen die Einschränkung der Geltung der Menschenrechte auf moderne Gesellschaften mit bestimmtem institutionellem Umfeld (vs. Beitz und Raz). Konkret etwa bezüglich der Meinungsfreiheit (freedom of expression) argumentiert Griffin, dass diese als notwendige Bedingung menschlicher Autonomie mit unserem Status als Selbstbestimmer (self-determiner) zu tun habe und deren universaler (d. h. zeit- und ortsunabhängiger) Menschenrechtsstatus nicht von einem modernen sozialen Umfeld abhinge (2008, 49). Doch angewandt auf jeweilige partikulare Gesellschaften finde dieses Recht seinen Niederschlag auf diversen Ebenen der Konkretion. So könnte unter bestimmten sozialen und institutionellen Gegebenheiten daraus etwa die Pressefreiheit abgeleitet werden (Griffin
2008, 50). Damit stellt sich Griffin gegen eine häufige Kritik der PK an einer naturrechtlichen, ahistorischen Begründung der Menschenrechte: Die Vertreter*innen der PK betonen die Diskontinuität zwischen der Naturrechtstradition und Menschenrechten dadurch, dass sie auf moderne Gültigkeitsbedingungen des Großteils der in internationalen Gesetzen anerkannten Menschenrechte hinweisen (vgl. exemplarisch Raz 2015, 224 f.). Nicht zuletzt soll nach Griffin das internationale Menschenrechtsgesetz zumindest teilweise gewisse „extra-legale ethische Standards“ integrieren. Es wäre, so argumentiert er, zum Beispiel unplausibel zu behaupten, dass das, von dem die Urheber des internationalen Menschenrechtsgesetzes gedacht haben, es sei ein Menschenrecht, deshalb ein Menschenrecht sei (Griffin 2008, 54). Es gebe daher keinen Grund, das ethische Denken aus der Theorie der Menschenrechte zu verbannen.
 
John Tasioulas, einer der wichtigsten und aktivsten Verteidiger der moralischen Begründung der Menschenrechte im letzten Jahrzehnt, entwickelt eine interessen- sowie würdebasierte Begründungstheorie der Menschenrechte, die sich als eine Fortsetzung der Naturrechtstradition versteht (er nennt seinen eigenen Ansatz „orthodox“). Tasioulas erhebt gegen einzelne Vertreter*innen der PK spezifizierte Einwände, von denen jedoch einige mutatis mutandis für alle Varianten der PK geltend gemacht werden. Nach Tasioulas läuft zum Beispiel Rawls Gefahr dem Einwand des Ethnozentrismus ausgesetzt zu sein, den dieser gerade zu meiden suchte (vgl. etwa Rawls 1999, § 17). Dies sei dem geschuldet, dass Rawls nicht auf den objektiven Geltungsstatus der Menschenrechte, sondern auf deren Akzeptierbarkeit (acceptability) seitens illiberaler Völker rekurriert und den Inhalt der Menschenrechte aus rein politischer Perspektive betrachtet (Tasioulas 2002, 393, 395). Ferner argumentiert Tasioulas, dass Rawls’ funktional eingeengte Begriffsbestimmung der Menschenrechte ihn dazu führe, eine verkürzte Menschenrechtsliste anzunehmen, die selbst hinter den Erwartungen der Menschenrechtspraxis zurückliegt (2002, Sek. 4; vgl. Tasioulas 2010, 653).
 
Tasioulas betont indessen, dass es den Vertreter*innen der moralischen Begründung vollkommen freistehe, die in der PK beschriebenen, legal-politischen Funktionen der Menschenrechte zu akzeptieren, ohne dabei notwendigerweise in Kauf zu nehmen, dass der Begriff der Menschenrechte ein politischer ist. Analog verhielte sich das so wie die nukleare Energie, welche zwar gewisse geopolitische Rollen spielt, deren Begriff selbst jedoch kein geopolitischer, sondern ein physikalischer ist (Tasioulas 2017, 3). Sofern also, so Tasioulas, eine (zusätzliche) institutionelle Dimension in den Diskurs der Menschenrechte eingeführt werden sollte, geschehe dies in einer nicht konzeptuellen, flexiblen und kontextabhängigen Weise – zum Beispiel als Teil der Spezifizierung soziohistorischer Bedingungen, unter denen Menschenrechte konkret realisierbar sind (Tasioulas 2012, 48). Im Gegensatz zu dem wiederholten Einwand der PK, dass die Naturrechtsversionen der moralischen Begründung eine ahistorische Geltung der Menschenrechte beanspruchen, die der Praxis der Menschenrechten nicht gerecht wird, vertritt Tasioulas die These, dass Menschenrechte auf eine Weise spezifiziert werden können, dass sie zeitlich relativ (je nach sozioökonomischen Umständen, die für die Moderne charakteristisch sind) und doch synchron universal („temporally-relative yet synchronically universal“) gelten (Tasioulas 2017, 4; vgl. auch oben Griffin).
 
Inspiriert von J. S. Mill wirft Tasioulas den Vertreter*innen der PK zudem vor, dass sie unter unzähligen Rollen, die Menschenrechte im moralischen und politischen Leben spielen, begrifflich eine bestimmte, recht enge Konzeption der Durchsetzung (enforcement) der Menschenrechte, nämlich die Legalisierung bzw. die unterschiedlichen Formen internationaler Interventionen, privilegieren und dabei die gesellschaftliche Dimension der Durchsetzung der Menschenrechte vernachlässigen (Tasioulas 2012, 56; 2017, 4).
 
Das generelle Problem aller Varianten der PK sieht Tasioulas darin, dass sie Menschenrechte auf begrifflicher Ebene in einem von politischen Institutionen wie Staaten (Beitz, Raz) oder staatsähnlichen Entitäten (Rawls’ „Völker“) parasitär abhängigenVerhältnis erfassen. Besonders in Bezug auf Beitz’ etatistische Version verweist er darauf, dass die Sprache der Menschenrechte oft gerade von denjenigen in Anspruch genommen wird, die den Staat als unerwünscht sehen (etwa Anarchist*innen), oder von denjenigen, die jede globale Ordnung in Form eines Systems der Nationalstaaten zurückweisen (etwa diejenigen Kosmopolitist*innen[RM1] , welche eine einheitliche Weltregierung bevorzugen) (Tasioulas 2012, 47).
 
 
Auch Massimo Renzo, der am Kings College in London lehrt, ist ein Verteidiger der Priorität der moralischen Begründung der Menschenrechte. Er rechtfertigt Menschenrechte aufgrund von Grundbedürfnissen für etwa Essen, Wasser, Schutzdach, Gesundheit und soziale Interaktion, deren minimale Befriedigung ein bescheidenes, anständiges Leben ermöglicht. Renzos schlichter, jedoch im Detail erarbeiteter Einwand gegen die PK lässt sich in Form folgender Fragen wiedergeben: Wenn nach der PK Menschenrechte sich dadurch auszeichnen, dass sie besondere Rollen auf internationaler Ebene spielen (zum Beispiel internationale Reaktionen auslösen), wie erklären die Verteidiger der PK dann, was bei Menschenrechten, im Unterschied zu anderen moralischen Rechten oder Überlegungen, das Besondere ist, dass es ermöglicht, solche Rollen zu spielen? Warum rechtfertigen die Verletzungen der Menschenrechte internationale Reaktionen, doch die Verletzung anderer moralischen Rechte oder andere Formen von Ungerechtigkeiten nicht? (Renzo 2015, Sek. 3 und 4). Renzo wirft den Vertreter*innen der PK vor, eine normative Antwort auf diese Fragen schuldig zu bleiben.
 
Im deutschsprachigen Raum hat Jürgen Habermas, Vertreter einer diskurstheoretischen moralischen Menschenrechtskonzeption, manchen Versionen der PK (Rawls und Kenneth Baynes 2009) eine „milde Deflationierung“ der Menschenrechte vorgeworfen, welche diese „von ihrem wesentlichen moralischen Antrieb, dem Schutz der gleichen Menschenwürde eines jeden, abschneidet“ (Habermas 2010, 355). Habermas sieht hier hinsichtlich „der fatalen Fehlschläge der Menschenrechtspolitik“ Vorsicht geboten. Diese bieten keinen ausreichenden Grund dafür, die Menschenrechte „ihres moralischen Mehrwerts zu berauben und den Fokus der Menschenrechtsthematik von vornherein auf Fragen der internationalen Politik einzuengen“ (Habermas 2010, 356).
 
Der in Frankfurt am Main lehrende Rainer Forst gründet Menschenrechte auf einem moralischen Recht auf reflexive Rechtfertigung, welche die zwei Kriterien der Reziprozität und Allgemeinheit erfüllen soll. Forst stimmt Griffins Kritik an der PK zu, dass diese die innerstaatliche Rolle der Menschenrechte vernachlässige; sie betrachte die Menschenrechte „vom falschen Ende her“ (Forst 2011, 73). Zuerst sollen die Menschenrechte aus der Innenperspektive, im Kontext der „wesentlichen Bedingung der Errichtung legitimer politischer Autorität ‚von innen’“ konzipiert werden, nicht als die Rechtfertigungsgründe des Eingriffs in die Staatssouveränität von außen. Die primäre Rolle der Menschenrechte besteht, nach Forst, darin, die „interne Legitimität zu begründen“ (Forst 2011, 73).
Die Vertreter der PK haben bis jetzt nicht adäquat auf die detaillierte Kritik der moralischen Rechtfertigungstheorien reagiert. In seiner kurzen (und einzigen) Replik auf moraltheoretische Kritik, spezifisch auf Jeremy Waldrons’, der die PK (insbesondere die Varianten von Rawls und Raz) unter dem Titel „the human concern approach“ kritisiert (Waldron 2013), unterstreicht Raz, dass es in seiner Theorie lediglich um die internationale Menschenrechtspraxis in der Nachkriegszeit geht, dass diese nicht mehr durch die traditionellen normativen Theorien der Menschenrechte gerechtfertigt werden kann, und dass das Verhältnis zwischen Menschenrechten und Staatssouveränität für seine Ideen zentral sei (Raz 2018, 141, 143). Raz hält es weiterhin für einen Fehler zu denken, es gebe eine moralische Begründung der Menschenrechte, welche die Praxis der Menschenrechte regeln und steuern (govern) könnte (Raz 2018, 141, 144). Man bedürfe vielmehr einer umfassenden normativen Perspektive, aus der die Praxis der Menschenrechte, „wie sie ist und wie sie werden soll“, evaluiert werden könne (Raz 2018, 142) – was Raz indes nicht näher ausführt
 
Fazit
 
Ein Großteil der skizzierten Debatte wird in der philosophischen Literatur über Menschenrechte „orthodox-politische Debatte“ genannt. Mit orthodoxen Theorien werden die Ansätze charakterisiert, die der moralischen Begründung in der Theorie der Menschenrechte den Vorrang einräumen und sich, trotz ihrer internen Unterschiede, explizit als Fortsetzung der Naturrechtstradition sehen (etwa Griffin und Tasioulas). In den letzten Jahren sind jedoch Ansätze entstanden, welche diese Gegensätzlichkeit abmildern oder auflösen wollen, indem sie auf die eine oder andere Weise für die Kompatibilität beider Theoriefamilien argumentieren (Gilabert 2011; Liao / Etinson 2012; Nickel 2018). In diesen Versuchen wird dahingehend argumentiert, dass die angeblichen Gegenpositionen sich komplementär zueinander verhalten können (Liao / Etinson 2012), dass deren Uneinigkeiten zum größten Teil nur ihrer jeweiligen unterschiedlichen „Fokussierung“ geschuldet sind (Nickel 2018), oder dass diese sogar aufhebbar sind in einem weiten Theorietypus, der anerkennt, dass weder die Praxis der Menschenrechte selbst eine singuläre, übergreifende sei, noch ein einheitlicher moralischer Kern existiere, aus dem man eine „master list“ der Menschenrechte ableiten könnte (Sangiovanni 2018).
 
Es hat sich gezeigt, dass eine Polarisierung der Debatte als „orthodox-politisch“ problematisch ist. Zudem können einige Einsichten der PK – genereller gefasst etwa die Vorstellung, dass eine wichtige Funktion der Menschenrechte darin besteht, dass deren Verletzung eine pro tanto Rechtfertigung zur internationalen Reaktion darstellt – nicht plausiblerweise von anderen Theorien der Menschenrechte zurückgewiesen werden. Nicht zuletzt bleibt die metatheoretische Frage, ob eine moralische Begründung der Menschenrechte entbehrlich ist, noch offen. Das ist zum Teil dem geschuldet, dass die Vertreter*innen der PK die vielfachen Kritikpunkte moralischer Rechtfertigungstheorien noch nicht (adäquat) beantwortet haben.
 
UNSER AUTOR:
 
Reza Mosayebi ist promovierter Philosoph und Akademischer Rat (auf Zeit) am Lehrstuhl für Politische Philosophie und Rechtsphilosophie der Ruhr-Universität Bochum. Zum Thema ist von ihm erschienen:
 
“A Semi-Kantian Account of Dignity: Passing the Buck whilst Regulating Reasons for Human Rights”. In: Kant’s Concept of Dignity. Kato, Yasushi/Schoenrich, Gerhard (Eds.), De Gruyter, 2019.
„Über reduktive Darstellungen der Moraltheorie der Menschenrechte“. In: Philosophie der Menschenrechte, Ringkamp, Daniela/Widdau, Christoph Sebastian (Hg.), Logos, 2019
 
Die ausführlichen Literaturangaben des Berichtes finden Sie auf
www.information-philosophie.de
unter Nachweise.