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03 2020

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Der Philosoph der Freiheit. Klaus Viewegs Hegel-Biographie

aus: Heft 3/2020, S. 38-45
 
Über Hegel gibt es viele Klischeevorstellungen, zumeist von Personen in die Welt gesetzt, die Hegel nur vom Hörensagen kennen. Eine sich auf dem neuesten Stand der Forschung befindende Biographie ist seit Jahrzehnten ein Desiderat. Klaus Vieweg, der an der Universität Jena lehrt und sich seit Jahrzehnten mit Hegel beschäftigt, hat es unternommen, diese Lücke mit seiner Biographie
 
Vieweg, Klaus: Hegel. Der Philosoph der Freiheit. 824 S., Ln. € 34.—, 2019, C. H. Beck, München
 
zu schließen. Dabei sieht er in der Freiheit den Kernimpuls von Hegels Lebenswerk: „Philosophieren heißt, frei zu sein“ und interpretiert ihn als homo politicus, ein sich zu politischen Fragen öffentlich positionierender Mensch, der sein ganzes Leben hindurch als vehementer Verteidiger der Grundgedanken der Französischen Revolution auftrat. „Er ist schwierig, er ist mein Bruder“, schreibt Vieweg über Hegel, und ihm ergeht es dabei wie oft bei Familienangehörigen: Negatives übersieht man gerne, Kritik tritt man vehement entgegen.
 
Die Familie Hegel gehörte in Stuttgart zur privilegierten Beamtenschicht, und Georg Wilhelm Friedrich konnte zwölf Jahre lang das in der Nähe des Wohnhauses gelegene Gymnasium besuchen. Ab dem zehnten Lebensjahr war er Primus seiner Klasse, und ab dem fünfzehnten Jahr diskutierte er, so glaubt es Vieweg zu wissen, mit Lehrern und Bekannten aktuelle Fragen der Metaphysik, der Theologie und der Aufklärungsphilosophie. Problematisch war zu dieser Zeit sein Verhältnis zur christlichen Religion. Allerdings zeigte sich auch eine Schwäche Hegels: Er war im mündlichen Vortrag nicht besonders gut. 
 
1788 schreibt sich Hegel als Student im Tübinger Stift ein und verpflichtet sich, sich allein auf die Theologie, auf „keine andere Profession“ zu richten. Ein Jahr später, 1789, bricht in Paris mit dem Sturm auf die Bastille die Französische Revolution aus. Das geistige Klima im Stift wird in den nächsten Jahren von der Auseinandersetzung zwischen An-hängern und Gegnern der Revolution bestimmt. Eine außerordentliche Konstellation unter den Studierenden: Hegel bewohnt mit Hölderlin und Schelling die „Augustinerstube“ im Stift, für Vieweg „ein einmaliger Glücksfall europäischer Geistesgeschichte“. Die drei sahen das zwar anders, klagen sie doch über „immerwährenden Verdruß“ bei den Studien, nicht nur der ungesunden Luft und der schlechten Kost wegen, sondern auch wegen strenger Reglementierung und ständiger Demütigungen. Eine Atmosphäre, so Vieweg, bei der „intellektueller Widerstand geradezu gezüchtet werde“.
 
Die Französische Revolution wird zu Hegels Grunderlebnis. Er sieht darin den Begriff des Rechts in die Welt treten, wogegen das „alte Gerüst des Unrechts“ keinen Widerstand lei-sten kann. Im Stift wird Hegel Mitglied (wenn nicht Wortführer) eines politischen Zirkels, der sich mit der Französischen Revolution beschäftigte. Er verbindet den Freudentaumel über die Pariser Ereignisse mit dem Pathos von Menschenrecht und Freiheit, nimmt Kontakt mit anderen Tübinger Revolutionssympathisanten auf. Er wird eine der zentralen Figuren der studentischen Revolutionsanhänger in Württemberg. Das steckt an, beinahe alle Stiftler (und damit der theologische Nachwuchs Württembergs) nehmen am Gottesdienst keinen allzu großen Anteil, sondern lesen lieber Schiller und Goethe. 
 
Mit Schelling verbindet Hegel der Kantische Kritizismus. Schelling sieht in Hegel den wichtigsten Mitstreiter beim „Zerreißen des abergläubischen Spinnengewebes“ mit dem hohen Ziel einer Fortführung der mit Kant begonnenen Revolution der Philosophie. Schelling hält seinen Freund für berufen, „vollends die letzte Tür des Aberglaubens zu verrammeln“.  Hegel, der ein langsames, alles gründlich prüfendes Naturell hat, besteht dabei auf Genauigkeit in der Prüfung der Positionen. In Tübingen müssen sich die drei Freunde mit der einflussreichsten Strömung der evangelischen Theologie, der Storrschen Schule des Supranaturalismus, auseinandersetzen. Hegel entwickelt dabei einen ganzheitlich-monistischen Ansatz, verbunden mit der Idealisierung des antiken Griechentums und einer auf Rousseau und Schiller rekurrierenden Natursicht als Hintergrund. Ein unverwechselbares Verständnis von Negativität wird zum Dreh- und Angelpunkt bei der Herausbildung von Hegels Philosophie. Der Name Sextus Empiricus wird zum Sinnbild für die Exklusivität von Hegels absolutem Idealismus der Freiheit, was im Projekt der Phänomenologie des Geistes als ein sich vollbringender Skeptizismus kulminiert. 
 
Zum Predigerberuf war Hegel wenig geeignet, das hatten seine Lehrer bald festgestellt. Er muss den Weg vieler junger Intellektueller seiner Zeit gehen und sich eine Anstellung als Hauslehrer suchen. Im Alter von 23 Jahren wird er Lehrer in einer Berner Aristokratenfamilie. Bald beklagt er das Abgeschnittensein von den Tübinger philosophischen Debatten. Er gerät in eine existentielle Krise, wozu die berufliche Ungewissheit, aber auch die Enttäuschung über die Jakobinerdiktatur in Frankreich beitragen. Seine geplante Zusammenführung der Kantischen und Rousseauschen Gedanken über die Religion kommt nicht voran. Doch Vieweg sieht hier Konstanten heranreifen, die Hegels Denkweg prägen: Zum einen das Prinzip, „für die Sache selbst die Gründe darzulegen, und den Inhalt desselben gründlich zu rechtfertigen“, zum anderen die Begleitung der philosophischen Argumentation durch substantielle Gedankenbilder aus der Poesie. Hegels intellektuelles Inter-esse verschiebt sich auf ein eigentlich systematisches Philosophieren, ohne dabei Religion, Kunst und Bildung zu verabschieden.
 
Für die Öffentlichkeit ist Hegel allerdings ein Unbekannter. Mit 26 Jahren steht er noch ohne eine eigene Publikation da. Doch er beobachtet zwischen 1793 und 1796 von Bern aus interessiert den Entstehungsprozess des Deutschen Idealismus und verfasst dabei eine Fülle von Manuskripten. Religion ist dabei nach wie vor einer der wichtigsten Gegenstände seines Nachdenkens. Die Überlegungen gipfeln in einer radikalen Kritik an jeglicher autoritärer Religion. Nur die natürlich-vernünftige Religion gilt ihm als echte Religion. Er fragt danach, wie die urchristliche Religion zu einer Lehre der Knechtschaft und des sklavischen Gehorsams herabsinken konnte und er versucht, das in Jesus verkörperte urchristliche Christentum als Muster   einer natürlich-vernünftigen Religion vorzuführen. Nach dem Sturz der Jakobiner in Frankreich verzichtet Hegel auf die Rede von der Volksreligion und vertritt eine klare Trennung von Religion und Staat.
 
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