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29.10.2020 Druckversion  |  Schrift: vergrößern verkleinern 

Marc Jongen: Darf man als Philosoph Politiker sein?

Darf man als Philosoph Politiker sein oder umgekehrt, Marc Jongen?

 in: Alles Lausitz.de

 

Darf oder muss ein Philosoph Politiker sein? Der Philosoph und Bundestagsabgeordnete Dr. Marc Jongen ist in der Jacob-Böhme-Stadt Görlitz in doppelter Funktion gewesen und stand Till Scholtz-Knobloch Rede und Antwort.

Herr Dr. Jongen, ein Besuch in Görlitz ist schon eine Pflichtübung für einen Philosophen?

Marc Jongen: Ich habe von der Stadt Görlitz in meinen Studienzeiten – noch vor der Wende – im Zusammenhang mit Jacob Böhme zum ersten Mal gehört, weil ich mich für seine Philosophie interessiert und begeistert habe. Daher war ich nun glücklich und bewegt, einmal an seinem Grab zu sitzen. Der Philosophus Teutonicus ist eine Art Ahnherr des deutschen Idealismus, wie kein zweiter verkörpert er die Tiefe der spiritualistischen deutschen Philosophie. Insofern ist das schon ein besonderer, fast schon ein Wallfahrtsort für einen Philosophen.


Sie sind vor allem Experte asiatischer Lehren, haben über den Hinduismus gearbeitet. Bei Ihrem Vortrag in Görlitz ist das nicht angeklungen. Ist das für Sie als Politiker nicht der richtige Ansatz?

Marc Jongen: Die spirituellen Einsichten sind ja einigermaßen weit von den drängenden Themen der Tagespolitik entfernt. Da muss man schon einiges an Übersetzungsleistungen vollbringen, und ich will die Leute auch nicht mit zu weit hergeholten Dingen befremden. Für meine persönliche Motivation besteht aber schon eine Verbindungslinie zwischen Politik und Spiritualität, die für das Publikum nicht immer gleich sichtbar ist. Vielleicht nur so viel: Die Essenz des Konservatismus kann nicht in der Tiefe durchdrungen werden, wenn man nicht die metaphysische Tradition versteht, denn die Wurzel des konservativen Denkens liegt im Metaphysischen.

In einem Interview mit der Berliner Zeitung sagte Deutschlands heute wohl meistgehörter Philosoph Peter Sloterdijk, bei dem Sie einst Assistent waren, über Sie im September, dass er Sie für einen eigentlich gänzlich unpolitischen Menschen hält.


Marc Jongen: Peter Sloterdijk nennt mich unpolitisch und harmlos, Sascha Lobo nannte mich den „gefährlichsten Mann Deutschlands“ – die Wahrheit muss wohl irgendwo in der Mitte liegen. Sloterdijks Äußerungen sind insofern vielsagend, als sich seine eigene intellektuelle Existenz eigentlich abseits des Politischen bewegt. Er hätte in den letzten Jahren viele Gelegenheiten gehabt, sich als politischer Intellektueller zu erkennen zu geben und auf den politischen Diskurs, vielleicht sogar auf das politische Klima in Deutschland einzuwirken. Immer dann, wenn es Ansätze dazu gab, hat er beim ersten Gegenwind den Rückzug angetreten. Sein Feld bleibt letztlich das Schöngeistige, auf dem politischen Feld will oder kann er nicht spielen. Angesichts der verhängnisvollen Entwicklung in Deutschland und Europa und des allgemeinen Versagens der Intellektuellen ist das eine große Enttäuschung.

Sie beklagen den gesellschaftlichen Wandel. Liegen die Probleme des wiedervereinten Deutschlands im größeren Einfluss des Ostens durch das Preußische und mehr Einfluss des Protestantismus oder der stärkeren Säkularisierung des Ostens von Deutschland?

Marc Jongen: Ich sehe weniger einen unheilvollen Einfluss preußischen Denkens, als vielmehr eine Wiederkehr des sozialistischen Denkens mit allem, was dazugehört – der Kollektivierung von Eigentum, autoritärer Regierungsstrukturen, einem Geist der Bevormundung und Unfreiheit. Angela Merkel trifft selbstherrliche Entscheidungen in kleinstem Kreis, der Bundestag beschränkt sich auf das Abnicken. Vor allem die moralistischen Begründungen unter Begehung von Rechtsbrüchen erinnern fatal an die DDR, wo ja auch Recht war, was dem Sozialismus diente.

Diese hypermoralistische Tendenz in der Politik kann man in der Tat auf eine fehlgeleitete christliche, genauer noch protestantische Religiosität zurückführen, die in säkularisierter Form mehr denn je ihr Unwesen treibt. Ich spreche hier wohlgemerkt von einer pervertierten Form des Protestantismus, wie er in der grünen Partei in Reinkultur ausgeprägt ist. Evangelische Kirchentage und Grünen-Parteitage sind teilweise kaum noch voneinander zu unterscheiden. Wer das in aller Tiefe erklärt bekommen will, muss nach wie vor Nietzsche lesen. Sein Werk wirkte noch nie so prophetisch wie heute.

Geht Markus Krall, Sprecher der Degussa-Goldhandel-Geschäftsführung, zu weit, wenn er hinsichtlich der Verquickung von Politik, NGOs und Medien von Korruption spricht? Das ist für Sie als AfD-Abgeordneter doch eigentlich eine Steilvorlage, oder?

Korruption ist hier das richtige Wort, der Begriff umfasst ja viel mehr als nur Käuflichkeit, es geht um den moralischen und rechtlichen Zerfall demokratischer Strukturen. Medien und NGOs werden uns als Zivilgesellschaft präsentiert, sind aber in Wirklichkeit gezüchtete Produkte seitens der machthabenden Parteien. Die Medien gerieren sich als das Sprachrohr dieser Strukturen und haben ihre Rolle weitgehend aufgegeben, der Regierung auf die Finger zu sehen. Dadurch schnurren Exekutive, Legislative, Judikative und die Medien als die „vierte Macht im Staat“ immer mehr zu einem Komplex zusammen. Wenn die Gewaltenteilung jedoch nicht mehr funktioniert, dann ist das System korrupt und entwickelt sich in Richtung eines totalitären Machtgefüges. Ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk, der so konzipiert ist, dass er vom Geld des Steuerzahlers lebt, ist ohnehin strukturell korruptionsanfällig und tendiert zur Willfährigkeit gegenüber den Herrschenden. Mittlerweile werden auch Privatmedien, vor allem die Zeitungen unter mancherlei Vorwänden massiv staatlich subventioniert. Es ist vorauszusehen, dass sie so ihren letzten Rest an Unabhängigkeit verlieren werden. Meine politische Arbeit besteht zu einem großen Teil aus Aufklärung über diese Zusammenhänge.

Ihre Mutter ist Südtirolerin, ihr Vater Niederländer. Sie entstammen dem deutschen Kulturkreis, haben die Bundesrepublik jedoch erst später von innen kennengelernt...

Marc Jongen: Das verschafft mir einen anderen Blick auf das Land. Das Denken und Verhalten vieler Menschen in Deutschland kann ich oft gar nicht mehr nachvollziehen. Bestimmt auch, weil ich eine andere Vorprägung mitbringe und z.B. nicht durch ein deutsches Bildungssystem gegangen bin, das mir die ganze Zeit einredet, Teil eines zutiefst schuldbeladenen Volkes zu sein, das eigentlich kein historisches Daseinsrecht mehr hat. Wir wurden eher so erzogen, dass wir als deutschsprachige Südtiroler alles Recht dazu haben, unsere Kultur zu pflegen und zu erhalten. Die Vermittlung von Heimatliebe war völlig normal, wie eigentlich in allen funktionierenden Nationen. Ich habe für mich auch nie die Notwendigkeit empfunden, das sonderlich hervorzukehren. Erst die irre Zerstörungspolitik unserer Kultur und Nation hat den – wenn Sie so wollen: patriotischen – Widerstand dagegen in mir geweckt.







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