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02.11.2020 Druckversion  |  Schrift: vergrößern verkleinern 

Norman Sieroka: Wie Corona unser Zeitgefühl verändert. Radio Bremen

Rast sie oder steht sie still? Wie Corona unser Zeitgefühl verändert

In der Nacht zu Sonntag ist Zeitumstellung. Doch irgendwas ist diesmal anders. Was hat Corona mit unserem Zeitempfinden gemacht? Ein Philosoph gibt Antworten.

Nehmen wir die Zeit in der Corona-Pandemie anders wahr?

In der Nacht zum morgigen Sonntag ist es wieder soweit: Die Uhren werden dann um 3 Uhr eine Stunde zurückgestellt. Seit 1980 ist das für uns Routine. Der ursprünglich erhoffte Effekt, mit Einführung von Sommer- und Winterzeit das Tageslicht besser zu nutzen und so Energie einzusparen, ist laut Umweltbundesamt allerdings nie eingetreten. Spätestens nächsten Oktober sollten die Uhren in Europa zum letzten Mal umgestellt werden. Aber die EU-Staaten tun sich noch schwer, auf welche dann gültige Zeit man sich einigen soll: die ursprüngliche Normalzeit oder die erfundene Sommerzeit?

Am Sonntag werden wir mit dem trügerischen Gefühl aufwachen, eine Stunde gewonnen zu haben. Doch in diesem Jahr der Corona-Pandemie stellt sich grundsätzlich die Frage, wie sich unser Empfinden von Zeit verändert hat. Wie Zeit überhaupt spürbar wird und welche unterschiedlichen Effekte die Pandemie hat, darüber haben wir mit Norman Sieroka gesprochen, einem Physiker und Philosophen der Universität Bremen.

Zur Person

Norman Sieroka ist seit 2019 Professor für Theoretische Philosophie an der Universität Bremen. Sieroka hat in Physik und Philosophie promoviert und viele Jahre an der Technischen Hochschule in Zürich gelehrt. In seinen Arbeiten beschäftigt er sich unter anderem mit dem Verhältnis und Zusammenspiel unterschiedlicher Zeitformen.

Herr Sieroka, Sie beschäftigen sich mit dem Phänomen Zeit. Wie hat sich unsere Wahrnehmung von Zeit durch Corona verändert?
Das ist individuell sicherlich sehr unterschiedlich. Denn wie wir Zeit wahrnehmen, hat sehr viel mit den Erfahrungen zu tun, die wir machen. Da geht es dann um die Frage: Was hat sich in unserem Leben generell durch Corona verändert? Bei einigen von uns gab es bestimmt viele Veränderungen, bei anderen von uns hat sich eher wenig verändert.
Können Sie Beispiele nennen?
Es gibt ja Berufe, auf die der Lockdown relativ wenig Einfluss hatte. Ein Handwerker zum Beispiel, der in einem Neubau gearbeitet hat, hat genauso weitergearbeitet wie vor Corona auch. Bei Menschen im Gesundheitswesen gab es bestimmt viele Neuerungen und Umstrukturierungen auf der Arbeit. Bei einigen Menschen ist die Arbeitswelt ruhiger geworden. Zum Beispiel bei Pendlern, die auf einmal im Home Office waren. Durch Corona haben sich Sachen also verschoben und das hat Einfluss auf das Zeitempfinden.
Inwiefern?
Zeit gibt es auf verschiedenen Ebenen: Es gibt die physikalische Zeit, die wir mit Uhren messen. Und dann gibt es das, was wir erleben. Und wir erleben in zehn Minuten nicht immer gleich viel. Manchmal passiert in zehn Minuten sehr viel, ein anderes Mal sehr wenig. Und das macht beim Zeitempfinden aus, ob mir etwas lang oder kurz vorkommt. Wenn in zehn Minuten ganz viel passiert, dann kommt mir die Zeit kurz vor. Wenn allerdings in zehn Minuten nichts passiert, zum Beispiel wenn ich beim Arzt warte, dann kommt mir das in dem Moment extrem lang vor. Für Menschen, die während der Pandemie viel zu tun hatten oder haben, ist die Zeit also eher schnell vergangen. Wer zum Beispiel den ganzen Tag im Krankenhaus arbeitet und dann abends noch Homeschooling mit den Kindern macht, für den ist das alles andere als Langeweile.
  • Philosophisch betrachtet: Wenn das öffentliches Leben still steh

Es gibt ja auch den Effekt der Entschleunigung in Zeiten von Corona. Menschen sprechen davon, dass sie während des Lockdowns weniger Freizeitstress hatten, weil viele Aktivitäten nicht mehr möglich waren. Ist das etwas, was Sie als Zeitforscher auch beobachtet haben?
Das trifft sicherlich nicht auf jeden zu, aber dieses Phänomen gibt es. Es kann eine Erleichterung sein, wenn ich nicht entscheiden muss, mit welchen Freunden ich mich jetzt treffe. Oder wenn einfach für mich entschieden ist: Der Sport fällt aus, weil das Fitnessstudio geschlossen ist. Interessant ist dabei, sich das Verhältnis von Zeit und Entscheidungen anzuschauen. Der Grund, warum man über so etwas wie Beschleunigung und Entschleunigung spricht, hat mit dem Verhältnis von Zeiten zueinander zu tun. Das Problem ist nicht die Zeit selber, sondern, was ich innerhalb einer bestimmten physikalischen Zeit tun kann und will. Das Gefühl, alles gehe immer schneller, hängt damit zusammen, welche und wie viele Entscheidungen ich treffen muss und wie nachhaltig und anhaltend sie sind. Wenn ich etwas mache, aber gar nicht bei der Sache bin, weil ich noch so viel Anderes zu tun habe, führt das zu Aussagen wie: 'Es wird alles immer schneller'. Von daher gibt es dieses Empfinden: 'Wenn ich diese Dinge nicht mehr entscheiden muss, dann habe ich sozusagen mehr Zeit.' Aber es geht eher darum, sich selbst zu fragen: 'Was bin ich eigentlich bereit, jetzt zu machen?' Und: 'Bleibe ich fünf Minuten bei der Sache oder zehn Minuten?' Bei allem Negativem wäre das ein positiver Nebeneffekt von Corona, sich diese Fragen zu stellen.
Ist die Corona-Pandemie auch eine Herausforderung für uns, weil sie zeitlich keine Begrenzung zu haben scheint? Wir kennen zwar den Anfang, wann sie begonnen hat, aber nicht, wann sie zu Ende sein wird.
An Zeit mögen wir zwei Dinge. Ich erkläre das mal mit einem Beispiel, nämlich dem Ziffernblatt. Der Zeiger dort bewegt sich dauernd voran. Und ähnlich möchten wir auf der einen Seite, dass die Dinge immer weitergehen, dass alles fortschreitet. Gleichzeitig geht der Zeiger auf der Uhr aber auch im Kreis. Dinge fangen an, gehen aber auch zu Ende. Diese beiden Aspekte gehören bei Zeit für uns zusammen, die schätzen wir. Wenn nun eines von beidem zu kurz kommt, dann wird es schwierig. So ist es jetzt aber gerade bei der Pandemie: Sie hat angefangen und wenn es nach uns geht, sollte sie dann auch wieder aufhören. Das Ende ist aber gerade gar nicht abzusehen.
Wir Menschen streben ja in der Regel danach, ein erfülltes Leben zu führen. Viele schöne Dinge, wie Reisen oder andere Menschen treffen, können wir aber gerade nicht machen. Kann das zu der Angst führen, Corona beraube uns um unsere schöne Lebenszeit?
Jeder hat Dinge, die ihm wertvoll sind, die er oder sie gerne macht. Reisen zum Beispiel oder ins Stadion gehen. Und das fehlt jetzt. Im Extremfall kann das dazu führen, dass man 2020 als verlorenes Jahr betrachtet. Für mich stellt sich da aber gleich die Frage: Kann man das auch besser machen? Kann man jetzt nicht die Dinge tun, die man immer schon machen wollte? Und so die Zeit mit anderen positiven Erlebnissen füllen. Dank Home Office muss ich jetzt vielleicht nicht mehr pendeln und kann endlich das Buch lesen, was ich immer schon lesen wollte. Das wäre eine sinnvolle Zielsetzung. Ein erfülltes Leben bedeutet ja auch, dass wir eine Story erzählen können, dass wir ein Narrativ haben über unser Leben. Und da ist die Frage: Gelingt es mir, jetzt andere positive Erlebnisse zu generieren, die ich sonst nicht gemacht hätte? Und zwar so, dass es in mein Narrativ passt und ich über das Jahr 2020 auch positive Geschichten erzählen kann.

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