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Thomas Meyer über Axel Honneth Süddeutsche Zeitung, 25.10.2020

25. Oktober 2020,

Hegel zum 250.: Denker der Empörung

Der Philosoph Axel Honneth hat in seinen Aufsätzen ein auffälliges Desinteresse am bekannten "Geist"- und "Logik"-Hegel.

Von Thomas Meyer

Man könnte die Zusammenstellung von Aufsätzen des nunmehr an der Columbia University in New York lehrenden Philosophen Axel Honneth aus acht Jahren unter dem Titel "Die Armut unserer Freiheit" als Teil einer akademischen Routine betrachten. Wer so produktiv arbeitet und eigentlich immer etwas zu sagen hat, legt Rechenschaft vor einer Öffentlichkeit ab, um deren Organisation, Verfasstheit und Zukunft es Honneth seit jeher philosophisch geht. Im Hegel-Jahr allerdings darf er mit einer größeren Aufmerksamkeit rechnen, zumal Mitglieder der Frankfurter Schule, der er mit guten Gründen zugerechnet wird, das Jubiläum bislang nicht mit umfassenderen Publikationen bereichert haben.

Will man partout Honneths Hegel an die Herkunft in der besagten Schule zurückbinden, dann fällt zunächst sein Desinteresse am "Geist"- und "Logik"-Hegel auf, die, was Ersteren angeht, sich bis auf Theodor W. Adorno zurückführen lässt. Der hatte nicht nur eine "negative Dialektik" als einzig mögliche Antwort auf das "beschädigte Leben" nach 1945 angemahnt, sondern auch der vermeintlichen Macht des alles ordnenden "Geistes" als gesellschaftlich relevanter Größe eine scharfe Absage erteilt.

Der Hegel Honneths galt schon immer als sozialphilosophisch reduziert, aber gerade dadurch präziser transformierbar in die Gegenwart, wie vor allem sein Hauptwerk von 2011 "Das Recht der Freiheit"eindrücklich belegte. In den nun vereinten Aufsätzen lässt sich nachvollziehen, wie die "Quelle" Hegel zur Kritik und zugleich Schärfung zentraler philosophischer und soziologischer Begriffe eingesetzt werden kann. Dabei wird, wie sich in den Auseinandersetzungen mit Hegels "Rechtsphilosophie" zeigt, ein Autor mobilisiert, der scheinbar seine nicht bloß denkrevolutionären Wurzeln vergessen hat und ins stramm-preußische Glied zurückgetreten ist.

Hier stellt sich heraus, dass auf Hegel eben nicht Marx folgen muss, sondern der Brückenschlag in die Gegenwart gelingen kann.

Stattdessen verweisen Honneths Rekonstruktionen immer wieder auf den Hegel, der "Empörung" als Äußerungsform ernst nimmt und sie in einer Systematisierung des "Notrechts" für Arme zusammenfasst. Dass dies nur in einer Mitschrift der "Rechtsphilosophie"-Vorlesung aus den Jahren 1819 / 20 geschieht, spricht nicht gegen Hegel. Vielmehr sind solche und ähnliche Überlegungen Hegels für seinen Interpreten der Ausgangspunkt, die historische Gestalt abzustreifen und die Arbeit am Begriff selbständig fortzusetzen. Dabei stellt sich heraus, dass auf Hegel eben nicht Marx folgen muss, sondern der Brückenschlag in die Gegenwart gelingen kann.

Insbesondere die Texte zur Frage nach dem Zustandekommen und den Konsequenzen eines an gesellschaftlichen Prozessen und Brüchen entlang entwickelten Konzepts von "Erkenntnisinteresse" und Honneths Einlassungen zu den Problemen der europäischen Integration dokumentieren mögliche Fortsetzungen von Hegels Denkfiguren.

So skizziert die Beschäftigung mit "Erkenntnisinteresse" eine konsequente und auch notwendige Fundierung des oft bloß behaupteten, aber selten eingelösten "emanzipatorischen" Potenzials des Vernunftgebrauchs eine bemerkenswerte Theorie von Krisen und Konflikten.

Die hier angedeutete "Sozialontologie" könnte von den Einsichten in die europäische Dimension der verhandelten Problemlagen profitieren. Denn dass die gesellschaftlichen Bindekräfte in den liberalen Demokratien nachlassen, muss nicht länger beklagt, sondern kann, wie Honneth es tut, mit Erinnerung an die geschichtlichen Brüche und deren gelungener Überwindung bekämpft werden. Und so ist die konstatierte "Armut der Freiheit" doch noch zu einem klar vernehmbaren Fanfarenstoß in der Lage, der nicht überhört werden sollte

Axel Honneth: Die Armut unserer Freiheit. Aufsätze 2012-2019. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 350 Seiten, 22 Euro.

 






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