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03.11.2020 Druckversion  |  Schrift: vergrößern verkleinern 

Arnold Schölzel: Zum Tod des marxistischen Philosophen Alfred Kosing Junge Welt

Aus der nötigen Distanz

Zum Tod des marxistischen Philosophen Alfred Kosing
Von Arnold Schölzel
Frank Schumann
Der produktivste deutschsprachige marxistische Philosoph des vergangenen Jahrzehnts: Alfred Kosing (1928-2020)

Er gehöre »der Generation an, die noch in den Krieg getrieben wurde«, schrieb Alfred Kosing einmal. Der Sohn eines Kleinbauern, geboren am 15. Dezember 1928 in einem kleinen ostpreußischen Dorf, wurde mit 15 Jahren zum Dienst an der Waffe gezwungen. Was erlebte Barbarei mit einem Heranwachsenden macht, ist trotz allem, was Filme, Bücher und Traktate schildern, Heutigen schwer vorstellbar. Klar war bei ihm und denen aus seiner Generation, die überlebt hatten: nie wieder.

Sein Weg nach 1945 war für Ost- wie Westzonen zunächst nicht untypisch. Durch Bekanntschaft mit Sozialdemokraten und Kommunisten lernte er Ansichten und Tradition der Arbeiterbewegung und den Marxismus kennen, erhielt Aufklärung über die Ursachen für das, was ihm und seinen Altersgenossen angetan worden war. Er absolvierte eine Maurerlehre. Dann endete die Ost-West-Gemeinsamkeit. Er nahm eine geistige und berufliche Entwicklung, die so nur in der antifaschistisch-demokratischen Umwälzung in der SBZ und später im Sozialismus der DDR möglich war: 1947/1948 Abiturlehrgang an der Arbeiter-und-Bauern-Fakultät (ABF) der Martin-Luther-Universität Halle/Wittenberg, von 1948 bis 1951 dort und dann an der Humboldt-Universität zu Berlin Studium der Geschichte und der Philosophie. Ab 1950 an der Humboldt-Universität wissenschaftlicher Assistent und Dozent, von 1953 bis 1964 Dozent und Professor am damaligen Institut für Gesellschaftswissenschaften beim Zentralkomitee der SED, danach Direktor des Instituts für Philosophie der Karl-Marx-Universität Leipzig. Seit 1969 wieder Professor am Institut für Gesellschaftswissenschaften, das 1976 den Status einer Akademie erhielt. Kosing wurde 1969 Mitglied der Akademie der Wissenschaften und 1973 Mitglied des höchsten internationalen Gremiums für philosophische Forschung, des Institut International de Philosophie in Paris. Von 1983 bis 1988 war er Vizepräsident der Internationalen Föderation philosophischer Gesellschaften (FISP).

Die Konterrevolution ab 1989 führte zur Auflösung der Akademie für Gesellschaftswissenschaften und schickte ihn in den vorzeitigen Ruhestand. Er kümmerte sich ein Jahrzehnt lang gemeinsam mit seiner Frau um den Lebensunterhalt der Familie, publizierte selten und ließ sich mit ihr vor 20 Jahren in der türkischen Mittelmeerstadt Alanya nieder. Als er vor zwei Jahren in der jW-Ladengalerie sein Buch »Epochen und Epochenwechsel in der neueren Geschichte« vorstellte, meinte er, die geographische Distanz seines Wohnsitzes zur BRD ermögliche ihm die nötige geistige Unabhängigkeit, Gelassenheit und Ruhe, um kontinuierlich Bücher zu verfassen. Insgesamt neun zum Teil sehr umfangreiche Werke brachte er seit 2008 im Berliner Verlag am Park heraus, darunter seine Erinnerungen, ein »Marxistisches Wörterbuch der Philosophie«, Untersuchungen zum Begriff »Stalinismus«, zu »Aufstieg und Untergang des realen Sozialismus«, zur Zukunft von Nation und Nationalstaat und schließlich im April 2020 einen Band mit dem Titel »Droht ein neuer kalter Krieg?« Er war der produktivste deutschsprachige marxistische Philosoph des vergangenen Jahrzehnts.

 

Ursprünglich galt sein Interesse vorrangig zwei Themen: der Entwicklung einer marxistischen Erkenntnistheorie und dem Begriff der Nation im Marxismus. Seine Dissertation von 1960 trug den Titel »Über das Wesen der marxistisch-leninistischen Erkenntnistheorie«, seine Habilitation war überschrieben »Die Theorie der Nation und die nationale Frage in Deutschland«. Beide Problemstellungen hingen nicht zuletzt mit Fragen zusammen, die Walter Ulbricht bei seinen Reformbemühungen und beim Erfassen dessen, was die Gesellschaft der DDR ausmachte, aufgeworfen hatte. Kosing entwickelte ein Konzept von Wissenschaft, in dem ihre konkrete Wirkung als Produktivkraft unter sozialistischen Bedingungen im Mittelpunkt stand. Genauer ging es um: Mikroelektronik, Automatisierung, Computerisierung in der Volkswirtschaft. Unter seiner Leitung entstand das 1967 erschienene Lehrbuch »Marxistische Philosophie«, das in diesem Sinn stark von Kybernetik, Mathematik und Systemforschung geprägt war. Es ging etwa darum, Wissenschaft und Technik für den Sozialismus auf eigener Grundlage und auf höchstem Niveau zu entwickeln und darum, in der jungen Generation Begeisterung dafür zu wecken. Das Ziel war, ein sozialistisches Land an der Spitze des technischen und sozialen Fortschritts zu gestalten – nicht weniger. In seinen Forschungen zur Herausbildung einer sozialistischen Nation in der DDR konnte Kosing daran anknüpfen, als er die Unterscheidung von deutsch-ethnischer Nationalität und sozialistischer deutscher Nation vornahm.

Vieles entwickelte sich in der DDR nach der Ablösung Ulbrichts 1971 anders als gedacht, und in seinen Erinnerungen führte Kosing die »Implosion des Systems« nicht zuletzt auf den teilweise verheerenden Umgang mit einzelnen Wissenschaften in der Sowjetunion und anderswo im Sozialismus zurück. Noch im Frühjahr dieses Jahres erhob er in einem Interview in der Türkei seine Stimme gegen ignorante und wissenschaftsfeindliche Tendenzen in der Pandemie – eine Stimme der Klarheit und Vernunft bis zum Schluss. Er starb am 21. Oktober in Alanya und hat verfügt, dass er dort beigesetzt wird.

 

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