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04 2020

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Wolfgang Welsch:
Wie Konstruktivismus und Realismus zusammengehen können

 
aus: Heft 4/2020, S. 8-19
 
Die moderne Überzeugung: Unser Erkennen ist konstruktivistisch, nicht realistisch verfasst
 
In den vergangenen Jahrzehnten lautete eine communis opinio in der Philosophie: Die Wahrheit gehört dem Konstruktivismus, der Realismus hingegen ist falsch und obsolet.
 
Die Konstruktivisten argumentierten: Wir Menschen sind keine simplen und getreulichen Abbildner der Welt – die Idee eines „Spiegels der Natur“ ist allzu naiv (1). In vormoderner Zeit mag man an sie geglaubt haben, die Moderne aber hat uns über den grundsätzlich konstruktivistischen Wirklichkeitsbezug unseres Erkennens aufgeklärt. Descartes hat uns als erster beigebracht, dass keineswegs eine etwaige Ähnlichkeit unserer Repräsentationen mit dem Repräsentierten für unser Erkennen charakteristisch ist: „Es braucht an den Gegenständen nichts zu geben, was unseren Vorstellungen oder Wahrnehmungen, die wir von ihnen haben, ähnlich ist.“ (2) Beispielsweise ist unsere Vorstellung von Holz geistiger Natur und nicht etwa von hölzerner Beschaffenheit. Für unser Erkennen bedarf es nicht einer direkten Ähnlichkeit, sondern allein einer strukturellen Homologie zwischen den Wirklichkeitsbeständen einerseits und unseren Erkenntnisaussagen andererseits. Wo in der Wirklichkeit Unterschiede bestehen, müssen auch in unserer Wirklichkeitskonstruktion Unterschiede auftreten. Dann vermögen wir die Welt so korrekt zu repräsentieren, wie man es sich nur immer wünschen mag. Mehr als eine verlässliche Entsprechung zwischen epistemischen Behauptungen und realen Beständen ist nicht zu verlangen. Unsere Vorstellung von Wirklichkeit ist nicht ein durch Wirklichkeitskontakt zustande gekommenes
Abbild oder eine Kopie des Realen, sondern eine mentale Konstruktion von Wirklichkeit.
 
In diesem Sinn hat Kant 150 Jahre nach Descartes und für die Moderne maßgebend in der Kritik der reinen Vernunft dargelegt, dass unser Erkennen nicht, wie die vormaligen Positionen gemeint hatten, dadurch erfolgreich ist, dass es sich dem Realen angleicht („dass sich unsere Erkenntnis nach den Gegenständen zu richten habe“), sondern dass gerade umgekehrt „die Gegenstände […] sich nach unserem Erkenntnis richten“ müssen (3), und zwar deshalb, weil wir den Gegenständen durch unsere Anschauungsformen (Raum und Zeit) und Kategorien (Einheit, Vielheit, Kausalität, Wechselwirkung, Möglichkeit, Notwendigkeit und dergleichen) von vornherein die Formen vorgeben, unter denen sie überhaupt für uns erscheinen können. Somit sind alle Gegenstände grundlegend menschlich geprägt. Die apriorischen Formen unseres Erkenntnisvermögens haben konstitutive Bedeutung für die Beschaffenheit unserer Gegenstände. Was immer wir wahrnehmen oder erkennen, ist durch uns konstruiert. In diesem Sinn erklärte Kant: „Wir machen alles selbst“.
 
Das ist die moderne Auffassung schlechthin. Man findet sie – um nur einige wenige Beispiele zu nennen – ebenso bei dem im Gegensatz zu Kant als anti-aufklärerisch und dunkel geltenden Nietzsche, wenn dieser erklärt: „Wir sehen alle Dinge durch den Menschenkopf an und können diesen Kopf nicht abschneiden“ (5), so dass unsere sogenannte Wahrheit „durch und durch anthropomorphisch“ ist und „keinen einzigen Punct“ enthält, „der ‛wahr an sich’, wirklich und allgemeingültig, abgesehen von dem Menschen, wäre“ (6).
 
Man findet diese Auffassung ebenso bei der zum dionysischen Denker Nietzsche antipodischen Position des szientifisch gesonnenen Wiener Kreises, wenn dessen Vordenker Otto Neurath 1931 erklärt, dass die „wissenschaftliche Weltauffassung […] das stolze […] Selbstbewusstsein“ vermittelt, „dass der Mensch das Maß aller Dinge“ ist (7). Die menschliche Kognition wird strikt als Konstruktion aufgefasst. Dieses moderne Dogma reicht bis zu den zeitgenössischen Human- und Kulturwissenschaften, die erklären, dass sogar die Natur „nicht mehr als vorgegebene Wirklichkeit“ zu verstehen, sondern „als kulturell konstruiert“ zu erkennen sei (8).
 
Am direktesten hat den Konstruktivismus des modernen Denkens der ‛Radikale Konstruktivismus’ artikuliert. Ernst von Glasersfeld erklärte, dass wir keinerlei direkten Zugriff auf die Realität haben, sondern nur Realitätskonstruktionen produzieren können, die im Idealfall nicht scheitern, sondern empirisch erfolgreich sind – was gleichwohl niemals als Beleg einer objektiven Übereinstimmung aufgefasst werden darf, sondern nur Indiz einer zureichenden Passung ist. Humberto Maturana glaubte zeigen zu können, dass unser Wahrnehmungssystem nicht Regeln einer Innen-Außen-Korrespondenz folgt, und er leitete daraus ab, dass das Nervensystem eine hermetisch geschlossene Organisation mit gegenüber der Umwelt undurchlässigen Grenzen ist. Jeder neuronale Prozess beruht ihm zufolge einzig auf internen Aktivitätsveränderungen des Nervensystems, deshalb sei unsere neuronale Konstruktion von Welt insgesamt eine rein innengeleitete Konstruktion. Niklas Luhmann hat diesen neuronalen Konstruktivismus dann schließlich auf die Gesellschaft übertragen. Die sozialen Systeme sollen gegenüber der Umwelt ähnlich geschlossen sein wie die Gehirne gegenüber der Realität. Ihre konstitutive Blindheit füreinander gilt als Bedingung ihres Erfolgs. –
 
Soweit ein knapper Überblick über das Prinzip und einige Versionen des für die Moderne typischen Konstruktivismus.
 
Halbherzige ältere und vollmundige neuere Plädoyers für Realismus
 
Der klassische Taschenspielertrick: Der Konstruktivismus ist als solcher ein Realismus
 
Allerdings gehörte zur Rhetorik der Moderne auch, dass der Konstruktivismus immer wieder beanspruchte, als solcher zugleich ein Realismus zu sein. Man empfand den eigenen Anti-Realismus offenbar als Manko und versuchte dies elegant zu kaschieren.
 
Klassisch trat der Konstruktivismus als Idealismus auf. Die Idealisten pflegten regelmäßig zu behaupten, dass sie just als Idealisten zugleich Realisten seien. Fichte hatte die Formel 1794 in seiner Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre eingeführt, indem er behauptete, seine Position könne gleichermaßen als „Real-Idealismus“ wie als „Ideal-Realismus“ bezeichnet werden (9). Schelling folgte dem, indem er darauf hinwies, dass Fichte doch „nur insofern Idealist ist, als er zugleich und eben desswegen der strengste und bündigste Realist ist“ (10).Und 1800 erklärte Schelling erneut, „dass das absolut-Ideale auch das absolut-Reale“ sei (11), sowie dass nur Einseitigkeiten und Ungenügendheiten zu einem Idealismus einerseits und zu einem Realismus andererseits führten, während die wahre Position beides enthalte und folglich ein „Ideal-Realismus“ sei (12).
 
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