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01 2021

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Christine Chwaszcza, Stefan Gosepatz, Christian Neuhäuser, Elif Özmen, Veronique Zanetti:
Wo steht die politische Philosophie heute?

aus: Heft 1/2021, S. 30-45
 
 
Vor hundert Jahren wurde John Rawls geboren. Seine Philosophie bedeutete einen Paradigmenwechsel in der politischen Philosophie an westlichen Universitäten. Was hat zu diesem Erfolg geführt?
 
Stefan Gosepath: Warum Eine Theorie der Gerechtigkeit 1971 so schnell so ein durchschlagender Erfolg wurde, dazu gibt es eine Standarderzählung, nach der die enorme Wirkung dieser bahnbrechenden Arbeit mindestens in drei Faktoren begründet liegt. Im Kontrast zur bis dahin in den angelsächsischen Ländern dominanten sprachanalytischen Philosophie führt Rawls’ Theorie erstens zu einer Wiederbelebung bzw. Rehabilitierung einer normativen (politischen) Moralphilosophie. Zweitens gelingt es Rawls, den bis dahin in den angelsächsischen Ländern vorherrschenden Utilitarismus als Moraltheorie abzulösen. Drittens ist nach Rawls (im Gegensatz zu den klassischen Theorien von Hobbes, Locke, Kant u. a.) die zentrale normative Aufgabe einer heutigen politischen Theorie die Reflexion der Bedeutung von nicht nur mehr Koexistenzsicherung und Freiheitsregelung, sondern vielmehr auch wesentlich der Gerechtigkeit inklusive der Verteilung ökonomischer Güter und sozialer Chancen.
 
Diese Standarderläuterung ist aber wie so oft US-zentriert. In Europa (ganz zu schweigen von dem nicht unwesentlichen Rest der Welt) gab es hingegen in der Philosophie wie der Politik verbreitet marxistische (und in Frankreich auch eine post-strukturalistische) Strömungen. Das interessante ist nun, dass es u. a. auch durch Rawls‘ Einfluss in West-Europa dazu kam, dass das liberal-egalitäre Denken in Sinne des Individualismus, der Gerechtigkeit, der Freiheit und Gleichheit gegen den Marxismus zum dominanten Paradigma wurde.
 
Christian Neuhäuser: Dafür scheint es mir drei Gründe zu geben. Erstens hat Rawls analytische Philosophie mit normativer Gerechtigkeitstheorie verbunden. Analytische Philosophie war in den fünfziger bis siebziger Jahren zumindest im englischsprachigen Raum sehr dominant. In ihrer klassischen Form hat sie zu normativer Theoriebildung in Moralphilosophie und Gerechtigkeitstheorie eine gewisse Distanz gepflegt. Rawls hat gezeigt, dass und wie sich beides verbinden lässt.
 
Zweitens ist die Theorie der Gerechtigkeit einfach ein beeindruckendes Werk. Es ist sehr systematisch aufgebaut, sprudelt nur so vor Ideen und interessanten Argumentationsfiguren. Es ist zugleich sehr informiert in der Philosophie in ihrer ganzen Breite sowie relevanten Sozialwissenschaften.
 
Drittens hat Rawls in seiner Gerechtigkeitstheorie liberales und sozialistisches Denken miteinander verbunden. Das sehen nicht alle so. Mir scheint das aber ganz klar zu sein und erheblich zu dem Erfolg beigetragen zu haben. Spätestens mit der expliziten Absage an kapitalistische Wirtschaftssysteme in Gerechtigkeit als Fairness sind die sozialistischen Anteile in Rawls auch klar sichtbar. Besonders attraktiv scheint mir daran, dass er eine Verschränkung von freiheitlichen und sozialen Rechten denkbar macht, die von liberalen Denkern wie Isaiah Berlin oder Friedrich Hayek für nicht möglich gehalten wurde.
 
Christine Chwaszcza: Der Erfolg von Rawls Theory of Justice verdankt sich drei Gründen. Der kohärenztheoretische Ansatz des „reflective equilibrium“ hat gezeigt, dass Fragen der normativ-substantiellen Ethik und der Metaethik miteinander verschränkt sind. Man denke etwa an Rawls‘ personentheoretische Kritik des Utilitarismus oder an die Rolle der eudaimonistischen Konzeption eines gelungenen Lebens für die Kritik an der Fokussierung auf individuelle und soziale „Wohlfahrtsniveaus“ als Metrik sozialer Gerechtigkeit.
 
Die Verschränkung von substantiell-normativer Ethik und Metaethik überwindet die Präokkupation der analytischen Philosophie mit der logischen Analyse moralischer Ausdrücke zugunsten eines „ordinary language approach“. Zugleich wird deutlich, dass auch substantiell-normative Fragen der Ethik rational diskutiert werden können. Der kognitivistische Anspruch kohärenztheoretischer Rechtfertigung kann zwar keineswegs alle normativen Streitfragen lösen, da „reflective equibria“ nicht unique sind, zeigt aber, dass die verbleibenden Streitpunkte nicht subjektive Dämonen (Max Weber) oder bloße Geschmacksurteile sind, sondern ebenso wie Streitpunkte in der theoretischen Philosophie und in den Einzelwissenschaften argumentativ diskutiert werden können.
 
Die Rezeption der Theory im deutschsprachigen Raum betont zwar gerne die kantianischen Wurzeln der Idee deontologischer individueller Rechte. Rawls selbst hat aber mehrfach betont, dass er diese Idee für altbekannt hält. Der Anspruch philosophischer Neuerung der Theory besteht darin zu zeigen, wie diese Idee rational begründet werden kann.
 
Der zweite Grund für Rawls‘ Erfolg liegt in der Analyse des Begriffs der Gerechtigkeit als der obersten Tugend sozialer Institutionen. Indem Rawls die Gestaltung der gesellschaftlichen Grundstruktur als den Gegenstand der Gerechtigkeit auszeichnet, situiert er die Konzeption der „justice as fairness“ in einem praktischen Kontext, dessen Binnenstruktur auch Gegenstand empirisch-deskriptiver Forschung in den Rechts- und Sozialwissenschaften ist. Die Ausführungen in Teil II der Theory sind nicht nur inhaltlich informativ und vergleichsweise konkret, sondern waren zum Zeitpunkt der Abfassung auch aktuell, praktisch relevant und wurden interdisziplinär diskutiert.
 
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