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02 2021

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David Lauer, Olivia Mitscherlich-Schönherr, Nikil Mukerji und Uwe Justus Wenzel:
Was macht die Corona-Krise für die Philosophie so interessant?

aus: Heft 2/2021, S. 26-37
 
In der Corona-Krise ist die Nachfrage nach Philosophie groß ist. „Es ist die Zeit der Philosophie“ titelte das Handelsblatt. Und die PhilosophInnen geizten nicht mit Texten. Was macht das Thema für die Philosophie so interessant?
 
Nikil Mukerji: Nach meinem Verständnis haben Philosophinnen und Philosophen eine moralische Verpflichtung, sich mit Problemen von allgemeinem Interesse zu befassen. Deswegen denke ich, dass wir die Frage umkehren sollten: Was macht das, was die Philosophie zum Thema Corona beizutragen hat, interessant für Menschen, bei denen in normalen Zeiten vielleicht kein philosophisches Buch auf dem Nachttisch liegt? Hier würde ich sagen: Die Krise offenbart einen vielschichtigen Orientierungsbedarf. Fachwissenschaftler/innen können zwar einzelne, wichtige Puzzlestücke beisteuern. Aber es geht ja nicht nur um eine faktische Lageeinschätzung, sondern in erster Linie darum, wie wir mit der Krise umgehen sollten. Indem wir diese und damit verbundene Frage beantworten, setzen wir das Puzzle zusammen, und das ist eine philosophische Aufgabe. Was zählt in der Krise? Welche antiepidemischen Maßnahmen sind gerechtfertigt? Wie kommt man zu gesicherten Erkenntnissen, wenn Expertinnen und Experten sich uneins sind? Wer kann eigentlich Expertise beanspruchen – und wofür? All das sind Fragen, zu denen die Philosophie Stellung nehmen kann.
 
Uwe Justus Wenzel: Dass Philosophinnen und Philosophen sich öffentlich zu Wort melden, ist eines. Dass es eine „Nachfrage“ nach dem gebe, was sie zu sagen haben, ist ein anderes. Nicht in jedem Fall kann von Ersterem auf Letzteres geschlossen werden. Wie auch immer: Was die Corona-Krise philosophisch interessant, mithin erkenntnisträchtig macht, ist – zumindest: auch – ihr „entbergender“ Charakter. Der Ausnahmezustand gibt zu erkennen, worauf die gewohnten und gewöhnlichen Abläufe beruhen; die Krise macht Voraussetzungen und Bedingungen menschlichen Zusammenlebens sichtbar, die im gesellschaftlichen „Normalbetrieb“ wenig Beachtung finden. Im problematisch gewordenen Alltagsleben öffnen sich Erkenntnismöglichkeiten; sowohl einzelne Aspekte als auch „das Ganze“ unserer Lebensform können auf diese – aufdringliche – Weise thematisch werden: Krise und Kritik. Selbstverständliches unselbstverständlich werden zu lassen, gehört auch zum philosophischen Geschäft des Fragens und Hinterfragens. Insofern, so könnte man sagen, operiert Philosophie stets schon im Krisenmodus.
 
In kulturphilosophischer Perspektive ist es vielversprechend, beides zu verbinden: den „mikrologischen“ Blick auf lebensweltliche Details zu richten, um daraus Anhaltspunkte für „makrologische“, zeitdiagnostische Überlegungen zu gewinnen. Bei kulturkritischen Gesamtdeutungen der Situation ist allerdings Vorsicht geboten; spekulative Überspannung droht. Der zitierte Handelsblatt-Artikel, der die „Zeit der Philosophie“ proklamiert, eignet sich als Exempel. Er stammt von einem Autor namens Anders Indset, der als „führender Wirtschaftsphilosoph“ vorgestellt wird. Eine Kostprobe: „Technologie muss (und wird) die Menschheit retten. Die Frage ist aber, wovor? Und wenn Technologie die Menschheit retten soll, müssen wir die Menschheit zunächst verstehen und auch eine zunehmende Weltverständlichkeit entwickeln. Etwa darüber, was wir derzeit machen und was wir als Menschheit überhaupt wollen. Diesen Weg können wir allein mit Hilfe der Philosophie gehen.“ – Wenn der Text, publiziert (im August 2020) unter der Kolumnenrubrik „Expertenrat“, ein Beispiel für das sein sollte, was in der Corona-Krise nachgefragt wird, dann wäre das kein allzu gutes Zeichen. Zwar geht es für unsere Lebensform derzeit in gewisser Weise „ums Ganze“; aber große und leere Gesten, raunende Weltrettungsphantasien helfen kaum weiter.
 
Olivia Mitscherlich-Schönherr: Die „Corona-Krise“ fordert die Philosophie heraus, da sie nicht nur ein „Thema“ der theoretischen Erkenntnis, sondern zugleich auch die Situation bezeichnet, in der wir uns gegenwärtig vorfinden; und da diese Situation in semantischer und praktisch-existenzieller Hinsicht eine „Grenzsituation“ unseres geteilten Lebens im Sinne von Karl Jaspers darstellt (nicht jedoch einen juristischen Ausnahmezustand im Sinne von Carl Schmitt, wie etwa Giorgio Agamben suggeriert hat).
 
Semantisch bildet die Corona-Krise eine Grenzsituation in einem von Theda Rehbock für medizinethische Problemlagen herausgearbeiteten Verständnis: In der aktuellen Krise verlieren zentrale anthropologische und ethische Grundbegriffe ihre alltägliche Selbstverständlichkeit. Die Vagheit, die etwa die Begriffe der Gesundheit und Krankheit unter den Bedingungen der Pandemie annehmen, tritt im breit angelegten Testen hervor. Es entkoppelt die Diagnose vom leiblichen Erleben und reagiert damit darauf, dass wir uns in der Pandemie gesund fühlen, gesund aussehen, aber bereits infiziert, erkrankt sein und den Krankheitserreger weitergeben können. Ähnlich vage werden in der Corona-Krise u.a. auch die Grundbegriffe der Vulnerabilität und Immunität, der sozialen Nähe und Distanz, der Selbst- und Fremdbestimmung, der menschlichen Würde und nicht zuletzt der Begriff der Krise selbst. In der Verschränkung von epidemiologischen, medizinischen, ökologischen, ökonomischen, politischen, rechtlichen, sozio-kulturellen und praktisch-existenziellen Aspekten wird der Begriff der Krise diffus.
 
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