header


  

01 2022

Leseprobe    ESSAY Druckversion  |  Schrift: vergrößern verkleinern 

Volker Gerhardt:
Kant als Theoretiker der Humanität

aus: Heft 1/2022, S. 6-15
 
Die weitweite Empörung über den Mord an einem wehrlosen schwarzen Bürger am 25. Mai 2020 in Minneapolis ist Ausdruck einer Anteilnahme, die Menschen als Menschen nicht nur am Schicksal eines einzelnen Menschen nehmen, sondern auch am Leiden eines großen Teils der Menschheit, dem seit Jahrhunderten schweres Unrecht zugefügt worden ist – ein Unrecht, das bis heute in vielen offenen und versteckten Formen seine Fortsetzung findet.
 
Mit der Empörung ist Kants Ansehen in der öffentlichen Debatte derart in Verruf geraten, dass sich jeder verdächtig macht, der über Kant spricht und dabei die Vorwürfe gegen den angeblichen „Rassisten“ Immanuel Kant nicht wenigstens erwähnt.
 
Doch wenn wir es uns mit dieser Feststellung auf der Bank der Ankläger Kants bequem machen wollen, haben wir nichts verstanden. Denn wir haben uns vor allem anderen einzugestehen, dass uns die Kritik an der Verletzung elementarer Ansprüche von Menschen allemal auch selbst betrifft! Denn keine Gegenwart lebt aus sich selbst. Jede Zeit basiert auf Erträgen und Leistungen, die seit Jahrhunderten und Jahrtausenden erbracht worden sind. In sie sind nicht nur unzählige Ahnungslosigkeiten und Irrtümer, sondern auch Bosheiten und Verbrechen eingegangen, deren Schuld durch das Vergessen nicht getilgt und durch Erinnerung und Eingeständnisse nicht ungeschehen gemacht werden kann. Jeder auf ein Vergehen in der Geschichte gerichtete Finger, zeigt mindestens dreifach in die Gegenwart zurück.
 
Das kann und darf nicht bedeuten, dass wir über die entdeckten und erkannten Vergehen unserer Vorfahren schweigen. Aber wir sollten bedenken, dass die Angehörigen früherer Generationen vieles von dem, was wir heute wissen, noch nicht wussten und es in nicht seltenen Fällen noch gar nicht wissen konnten. Wenn unser Urteil über sie nicht nur historisch gehaltvoll und sachlich treffend sein, sondern auch mit den Ansprüchen übereinstimmen soll, die wir an uns und unsere Zeitgenossen stellen, dann ist jeder Vorwurf sowohl mit Blick auf die Geschichte wie auch mit Rücksicht auf unsere eigene Gegenwart zu bedenken.
 
Die Schwierigkeit, die im Urteil über die Geschichte offenkundig ist und hier mit der Bemühung um historische Kenntnisse und mitmenschliche Gerechtigkeit in vielen Fällen durchaus zu bewältigen ist, wird von Kant selbst mit Blick auf die Natur des Menschen ergänzt und damit keineswegs behoben: Im Gegenteil: Für Kant ist der Mensch das einzige Lebewesen, das einen Begriff von Gut und Böse hat und dennoch Böses tut und zugleich in der Lage ist, seine Untaten zu beklagen und zu bedauern.
 
Dieser eklatante Widerspruch in der menschlichen Natur nötigt Kant, nicht nur zu einer moralischen, sondern auch zu einer politischen Justierung der Kriterien für den Umgang mit dem singulären, aus uns selbst entspringenden Zentralproblem der menschlichen Natur zu finden: Es ist das Problem, das aus dem Nebeneinander von empfindender Anteilnahme mit den Opfern einerseits und der eigenen, den Menschen ausschließlich selbst schuldig machenden Täterschaft andererseits folgt. Der Mensch ist fähig, unter dem Bösen, das er selbst in die Welt bringt, zu leiden – und das nicht nur gelegentlich, sondern dauerhaft und in unablässiger Fortsetzung.
 
Wenn Kant 1795 feststellt: „Es ist so weit gekommen, dass die Rechtsverletzung an einem Platz der Erde an allen anderen gefühlt wird“ (1), dann hat er die verhängnisvolle Paradoxie der neuen globalen Weltlage und zugleich der menschlichen Natur auf den Punkt gebracht. Denn es ist niemand anderes als der Mensch, der das Recht verletzt, wohl gemerkt: das von ihm und für ihn in die Welt gebrachte Recht in eigener Verantwortung verletzt, und der sich zugleich darüber wortreich zu beklagen vermag.
 
Man kann es auch knapper sagen: Der Mensch tut Unrecht, weiß davon und vermag als einziger darunter zu leiden. Und wenn er sich dieses Unrechtsbewusstsein auch oft nicht eingesteht, so hat er doch ein mit vielen anderen geteiltes Gefühl für das Unheil, das er selbst anrichtet. Er ist Täter und Opfer zugleich. Und beides betrifft die Humanität des Menschen.
 
Immanuel Kant macht sich keine Illusionen über die Natur des Menschen! Der Mensch ist „aus krummem Holze“ geschnitzt, aus dem man nun einmal nichts makellos Grades machen kann. (2) Kant spricht von der „ungeselligen Geselligkeit“ des Menschen und von dessen eingeborenem „Antagonism“, der bis in seine geistige Verfassung reicht und der sein Verhalten prägt: Er braucht und sucht die Nähe von seinesgleichen und meidet sie gleichwohl. (3)
 
Also ist der Mensch das einzige Lebewesen, dass den Frieden zu schätzen weiß und ist dennoch dasselbe, das Kriege plant, anzettelt und führt. Auch deshalb nennt Kant den Menschen „radikal böse“, also: von Grund auf verderbt. (4)
 
Diese im Menschen angelegte abgründige Bosheit: vom Bösen zu wissen und es trotzdem zu tun, gilt Kant als die konstitutive Selbsterfahrung des Menschen, die ihn zwar im Glauben an Gott dazu bringen kann, unter dem Anspruch des Postulats der „Unsterblichkeit“ inneren Frieden zu erhoffen. (5) Doch das betrifft nur den Glauben; die Humanität aber besteht nicht nur darin, jedem seinen Glauben zu lassen: Sie hat ihre Bedeutung vorrangig im selbstbewussten und weltoffenen Handeln des Menschen zu erweisen, das nach Möglichkeit wissend bewältigt werden muss.
 
Und hier zeigt sich die von Widersprüchen gekennzeichnete existenzielle Lage des Menschen, die ihn zur Liebe und zur tödlichen Feindschaft fähig macht und ihn trotzdem die Verständigung mit seinesgleichen schätzen lässt. Erst dadurch wird der Mensch fähig, über seine eigensinnigen Abneigungen hinweg, den Wert der Einheit in den Leistungen anzuerkennen, die er im eigenen wie auch im gesellschaftlichen Interesse als vorrangig begründen kann. So kann der Königsberger Philosoph, der wie kein anderer vor ihm die „Unvertragsamkeit“ der Menschen (6) zu rühmen versteht, nicht nur zum Theoretiker der Verständigung und des Friedens werden, sondern auch zum scharfsinnigen Analysten der Humanität.
 
...


Sie wollen den vollständigen Beitrag lesen?
Bestellen Sie das Einzelheft oder abonnieren Sie die Zeitschrift.




© Information Philosophie     Impressum     Datenschutz     Kontakt