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Diez, Carl Immanuel

CARL IMMANUEL DIEZ

 

Briefwechsel und Kantische Schriften

 

Von Herbst 1790 bis zum Frühjahr 1792 war Immanuel Carl Diez Repetent im Tübinger Stift, also zu einer Zeit, als Hegel, Hölderlin und Schelling als Stipendiaten in dieser Anstalt studierten. Seine Glaubenskrise und den Gewissenskonflikt, in den diese ihn als künftigen württembergischen Pfarrer zog, suchte der junge Diez mit Hilfe seiner philosophischen Studien und mit der Kritik an der Theologie seiner Tübinger Lehrer, die sich für ihn daraus ergab, zu lösen. Diese Studien galten Kants Werk und ebenso der Theorie von Reinhold, die gerade im Erscheinen begriffen war. Diez wies nach, dass Reinholds Theorie nicht haltbar ist. Dadurch sah er sich zu dem Projekt einer eigenen Theorie im kantischen Geist genötigt, einem Projekt, das allerdings unausgeführt blieb. Von Diez sind jedoch eine beträchtliche Zahl von Dokumenten erhalten geblieben, wenn auch nicht die eigentlich philosophischen Ausarbeitungen, so doch ein umfangreicher Brief­wechsel, die die Anlage seiner Untersuchungen zu Reinhold und Kant erkennen lassen.

 

1965 hatte Dieter Henrich in den Hegel-Studien angekündigt, diese Texte herauszubringen. 32 Jahre später hat er dies wahrgemacht und einen voluminösen Band veröffentilcht:

 

Henrich, Dieter (Hrsg.): Immanuel Carl Diez, Briefwechsel und Kantische Schriften. Wissensbegründung in der Glaubenskrise Tübingen - Jena (1790-92). CXXIV, 1090 S., 1997,  € 86.--, Klett-Cotta, Stuttgart

 

Der Edition der eigentlichen Texte, die 342 Seiten umfasst, folgt ein Kommentar von 434 und diesem schließt sich ein 262 Seiten langer Bericht über die Geschichte dieser Ausgabe an. Nicht genug, es folgen noch Begleittexte von Mitarbeitern von Henrich, die dazu dienen sollen, Zusammenhänge aufzudecken, innerhalb denen die Texte verstanden werden müssen. Die Texte wiederum sind gegliedert nach Briefe, die Diez an Niethammer nach Jena sandte; Briefe, die Diez von seinem Freund Friedrich Gottlieb Süßkind erhielt; einige wenige Briefe, die aus Diez’ Jenaer Zeit erhalten geblieben sind; eine Auswahl aus der späteren Korrespondenz und schließlich vier erhaltene theologische Manuskripte von Diez. Diez, der im Alter von 30 Jahren starb, schrieb den ersten der in diesem Band publizierten Briefe mit 24 Jahren - der Schwerpunkt der Texte liegt in einem Zeitraum von anderthalb Jahren.

 

Dass ein Autor, der selbst in Fachkreisen noch vor wenigen Jahren gänzlich unbekannt war und von dem nicht einmal eigentlich philosophische Texte existieren, eine derart aufwendige Ausgabe erhält, begründet Henrich in der Einführung zum Text (der dieser Bericht folgt) mit seiner Verwunderung über den rapiden Entwicklungsprozess der nachkantischen Philosophie und der historischen Nachfrage, die sie nach sich gezogen hat. Als Henrich der Frage, wie sich junge Studenten binnen so kurzer Zeit über Kant und bald auch über Fichte eigenständig entwickeln konnten, nachging, stieß er in Johannes Hoffmeisters Dokumente zu Hegels Entwicklung auf den Namen Diez. Der Kontext, in dem dieser Name genannt wurde, ließ Henrich hoffen, dass man, wenn man dessen Argumentationsweise kennen würde, man auch verstehen würde, wie man von Tübingen aus in die Entwicklung der nachkantischen Philosophie eingreifen konnte.

 

Karl Leonhard Reinhold berichtet in einem Brief seinem Schüler Johann Benjamin Erhard über die Kritik an seinem System der Elementarphilosophie, die er im Sommer 1792 von Diez zu hören bekam. Diese Kritik hätte ihn zu einer Veränderung in der Grundanlage seiner Theorie genötigt. Henrich schließt daraus, dass, wer gleich nach seinem Weggang von Tübingen den ersten Philosophen beeindrucken konnte, der nach Kant einen eigenen Systementwurf veröffentlicht hatte, auch in Tübingen eine philosophische Debatte in Bewegung halten und innerhalb ihrer zu eigenständigen Entwürfen anregen konnte. Zu Reinholds näherer Umgebung in Jena gehörte auch Friedrich Immanuel Niethammer, der seinerseits mit Diez befreundet war. Fichte, dessen System in der Methodologie mit Reinholds erstem System übereinstimmt, kritisierte Niethammer mit denselben Argumenten, die Diez zuvor gegenüber Reinhold vorgebracht hatte.

 

Die eineinhalb Jahre von Diez’ Entwicklungsgang, denen der Band folgt, fallen in eine der wichtigsten Perioden der Ausbildung der deutschen Philosophie auf ihrem Weg zum Deutschen Idealismus. Kants Hauptwerke waren während der vorangegangenen neun Jahre erschienen. Aber die Debatte über sie hatte erst allmählich eingesetzt. Es waren aber auch schon neue Stimmen zu hören, deren Motive sich nicht aus Kants Werken allein herleiteten. Den Anfang dazu hatte Friedrich Heinrich Jacobis Spinozabuch gemacht. Die gegenüber Diez etwas jüngeren im Stift ließen sich alsbald auf die Diskussion von der Grundgedanken dieses Buches ein. Vor allem erregte Jacobis Kritik einiger Kantischen Lehren, insbesondere von Begriff und Rolle des „Ding an sich“,  Aufmerksamkeit. Karl Leonhard Rein­hold war der zweite Autor, der das philosophische Gesamtbewusstsein aus Motiven veränderte, die von Kants Werk nicht hatten abgelesen werden können. Von ihm ging der Versuch aus, die kantische Kritik auf ein neues und nunmehr allererst sicheres Fundament zu stellen. Anstoß nahm er daran, dass sich in der Kritik der reinen Vernunft keine Herleitung der vielfältigen Grundbegriffe von Wissensweisen findet, die bei Kant durchgängig in Anspruch genommen sind - damit aber auch keine für die Unterscheidung von Wissensweisen selbst, die das Vernunftsubjekt ausbildet. Reinholds philosophisches Projekt ging darauf aus, diesem doppelten Mangel durch eine Theorie abzuhelfen, die auf einen einzigen obersten Grundsatz gegründet ist, der selbst nicht erwiesen werden kann, der aber eine vom Bewusstsein bezeugte fundamentale Tatsache ausdrückt.

 

Als Reinhold im Frühjahr 1789 mit diesem Projekt hervortrat, stand er aufgrund seiner Briefe über die Kantische Philosophie bereits in dem Ruhm, der stimmgewaltigste unter denen zu sein, welche die kantische Wahrheit auslegten. Die Briefe und Manuskripte von Diez fallen in die Zeit, in der Reinhold seinen Ansatz weiter ausbaut. Als Reinhold jedoch Diez’ Kritik akzeptierte, ließ er auch davon ab, seine Elemen­tarphilosophie zu propagieren. In diesem Moment nun trat Gottlob Ernst Schulze mit einem skeptischen Angriff hervor, der direkt gegen die Elementarphilosophie gerichtet war. Die Situation der philosophischen Theorie, die sich von Kant her zu orientieren suchte, war, so bilanziert Henrich, durch Unsicherheit und einen scheinbaren Stillstand gekennzeichnet. Dies änderte sich, als Fichte mit dem Entwurf einer eigenen Elementarphilosophie auftrat. Dieser verband Kants Subjektbegriff, der durch Spontaneität definiert ist, mit Reinholds Grundsatzlehre in einer Weise, die durch Art und Tiefgang ihrer Begründung gegen den neuen Skeptizismus gewappnet sein sollte. Aber die Denkbewegungen, welche nach dem Ende von Reinholds Wirkung und unter dem Einfluss von Jacobi und dem neuen Skeptizismus in Gang gekommen waren, ergaben Motive, die zu neuen Leistungen herausforderten. Die folgenreichsten von ihnen, diejenigen von Schelling und Hölderlin, hatten ihre Wurzeln in den Debatten des Tübinger Stifts und in den Jahren, die unmittelbar an Diez’ und seiner Freunde Verständigungsbemühungen anschlossen - deshalb auch Henrichs großes an den Texten von Diez.

 

Diez Interesse galt der Frage nach dem Grund aller Religion, nach der Haltbarkeit eines theologischen Lehrsystems, nach der Wahrheit der christlichen Lehre selber und nach dem Verhältnis einer auf dem Freiheitsgedanken begründeten Moral zur christlichen Religion. Von Kants Werk ging, wie von keinem anderen zuvor, die Hoffnung aus, in all diese Fragen eine dauerhafte Klarheit zu bringen. Aber zugleich hatte Kant wie kein anderer Denker seiner Zeit deutlich werden lassen, dass es für die Verständigung in den Grundfragen der Religion und der sittlichen Lebensführung unabdingbare Voraussetzung ist, die Grundfragen der Philosophie insgesamt zu beantworten und zwar im Zusammenhang einer Grundlegung, die tiefer reicht als die von Locke und Leibniz konzipierten Systeme - und gerade darin lag ein Teil seiner Anziehungskraft, die Kants Werk auf jüngere Zeitgenossen ausübte. Indem nun Reinhold seine Verteidigung der Lehre Kants in der Gestalt einer von Grund aus neu aufgebauten Theorie des Vorstellungsvermögens führte, hat er die Situation derer völlig verändert, deren Selbstverständigung ihren Ausgang in den Impulsen und Perspektiven hatte, die sie Kant verdankten. Reinhold wurde vorgehalten, seine Argumentationen seien nicht in Übereinstimmung mit Kant und auch in sich selbst nicht haltbar. Doch damit war nicht für jeden ausgemacht, dass man sich von Reinhold wie von einem für einen Moment täuschenden Irrlicht abwenden und sich nunmehr wieder allein an Kants Wortlaut halten konnte. Derjenige, der sich den Intentionen Reinholds am engsten anschloss, war Johann Gottlieb Fichte. Mit ihm verwandelte sich die Philosophie, die an Kant anschließen wollte, noch viel weitergehend als schon auf dem Weg, der zu Reinhold und wieder von ihm weggeführt hatte.

 

Dadurch, dass man die Debatten und Dialoge durchsichtig macht, die damals in Tübingen und Jena stattfinden, lassen sich die Entwicklungen in der Philosophie erklären. Und hier spielt die Reaktion zweier „selbstdenkender“ junger Kantianer - Immanuel Carl Diez und Johann Benjamin Erhard - eine wichtige Rolle. Diez hat eine Kritik an Reinhold ausgeführt, die ihm auch im Schülerkreis Reinholds eine für Reinhold bedeutsame Stimme sicherte. Seine Kritik geschah in der Absicht, die Intentionen Kants und die für die Kritik der reinen Vernunft grundlegenden Argumente gegen Reinhold erneut, aber auch auf neue Weise in Kraft zu setzen. Diez entwarf entsprechend im Jahre 1791 den Plan zu einer eigenen „Theorie der ersten Gründe aller Philosophie“. Dabei sollte der Gedanke von der Selbsttätigkeit des Subjekts in allen Begründungen zum Ausgangspunkt werden. Zum anderen sollten die Grundlegungsfragen der theoretischen Philosophie in ständiger Beziehung auf die Folgerungen und Anwendungen erwogen werden, die aus jeder Antwort auf sie in der Ethik und in der Theorie der Religion möglich oder notwendig werden. In der Folge übte Diez eine immanente Kritik der Reinholdschen Theorie, die an Genauigkeit jede andere Reinholdkritik der Zeitgenossen übertraf.

 

Reinhold sah die eigentlich epochale Lei-stung Kants darin, Vernunft und Herz des Menschen miteinander versöhnt zu haben. Er verband nun Kants aus der praktischen Philosophie gewonnene Moraltheologie mit einer These über den eigentlichen Gehalt des christlichen Evangeliums. Damit hat er einen Komplex von Fragen zu bewegen versucht, der für Kants Zeitgenossen und die an sein Werk anschließende Epoche von höchstem Interesse war. Es ist deshalb Henrich zufolge kein Zufall, dass gerade die bedeutendsten Denker der nachkantischen Philosophie beinahe ausnahmslos aus der Theologie hervorgingen. Für die Philosophen bestand die Aufgabe darin, die Begründungen von Kants Moralphilosophie zu prüfen und sie zu einem Inbegriff von natürlich-praktischer Religion auszuarbeiten, die Theologen hatten über die Frage nachzudenken, ob und inwieweit die Kantische Morallehre samt der aus ihr hergeleiteten Moraltheologie mit dem eigentlichen Gehalt der Lehre Jesu zusammenfällt. In der Zeit, als Diez mit seinen Freunden korrespondierte, zeichnete sich noch keine hinreichend bestimmte Antwort ab.  

 

Die erste Frage war, ob die christliche Moral mit der Moral des guten Willens nach der kantischen Analyse durchaus oder doch in allem Wesentlichen in Übereinstimmung ist.

Die zweite, ob die Religion Jesu mit der Religion der praktischen Vernunft ganz oder im Wesentlichen identisch ist. Kant selber hatte nichts darüber gesagt, ob es auch vor dem Forum der Vernunft zulässig sei, an Christus als einen Gesandten Gottes zu glauben. Diez stellte sich nun die Frage, ob es dem Menschen möglich sei, über den göttlichen Ursprung einer Lehre, die sich als Offenbarung ausgibt, zu einer hinreichenden Gewissheit zu kommen.

 

Im Laufe von eineinhalb Jahren kam Diez zu der Auffassung, dass aus kantischen Gründen nicht nur die Möglichkeit einer Offenbarung nicht möglich, sondern auch, dass kantische und christliche Moral nicht zur Übereinstimmung zu bringen sind. Er bestritt ferner, dass aus der Vernunftreligion des guten Willens irgendwelche Stützung für eine christliche Kirchenlehre zu gewinnen ist. Er bildete sich aus kantischen Einsichten ein Arsenal gegen die christliche Theologie insgesamt. Es ist dies eine Position, so Henrich, wie sie weder vorher noch nachher je in gedruckter Form vertreten worden ist. Und in allen deutschen Staaten wäre sie von der Zensur aufgehalten oder sogar von der Polizei unterdrückt worden. Und mit dem Fundament des Lehrsystems brach auch Diez christlicher Glaube zusammen. Die Folge war eine Gewissensnot, die seinen weiteren Lebensweg gänzlich in Frage stellte, ein Beruf als Pfarrer war nun undenkbar. Diez beschloss deshalb in Jena das Medizinstudium aufzunehmen. Dort hatte seine kritische Beschäftigung mit Reinholds Werk eine weitere Folge: Er veranlasste Reinhold selbst zur Preisgabe seines ersten Systems. Damit trug er zugleich zur Formierung eines Widerstands gegen den Typus von Systematik bei, den Reinhold anstrebte und damit indirekt auch zur schnellen Reaktion in Jena auf die von Fichte ent­wickelte neue Form reinholdscher Elementarphilosophie. Nach der Befreiung aus der Gewissensnot konnte aber das philosophische Interesse, das weiterbestand, Diez nicht mehr zu selbständigen Leistungen führen.

 

Zweieinhalb Jahre nach Diez traf Hölderlin in Jena ein. Beide hatten gegenüber Fichtes System die gleichen Vorbehalte: Vom Ich auszugehen und die Philosophie mit einer Ich-Lehre zu begründen galt beiden als das richtige Verfahren. Aber eine Herleitung aller Wissensgehalte aus diesem Ich schien für beide gleichermaßen gegen Sinn und Möglichkeit einer philosophischen Begründung zu verstoßen.

 

Mit seiner Spurensuche nach dem feingesponnenen Gewebe von Gesprächen und Dokumenten, aus dem die große Philosophie des Deutschen Idealismus entstanden ist, sei Henrich mit seiner Sklavenarbeit historischer Spurensuche in eine „Zentrierungsfalle“  geraten. Was Henrichs Behauptung betrifft, Diez’ Kritik habe bei Reinhold eine Veränderung in der Grundanlage von dessen Theorie hervorgerufen,  verhalte es sich so, „dass den effektiv vorliegenden Schriften von Diez in dieser Hinsicht nichts zu entnehmen ist“, kritisiert Wolfram Hogrebe in seiner Besprechung in der Zeitschrift für philosophische Forschung. Alles hänge deswegen von dem Kommentar ab. Und dieser laufe in seiner exzessiven Ausführlichkeit Gefahr, sich zu ridikülisieren. Insgesamt also, so Hogrebe, ein ambivalenter Eindruck: auf der einen Seite bewundere man die stupende Gelehrsamkeit, auf der anderen Seite beunruhige die repetitive, selbstpersuasive Art der Präsentation: „Über der Landschaft des präsentierten Konstellationsprojektes weht, man kann es nicht anders sagen, ein Hauch von Tragik.“ Positiver urteilt hingegen Jean-Louis Vieillard-Baron in der Frankfurter Allgemeinen: Der Band habe „unser Wissen über die unmittelbare Rezeption der kantischen Philosophie im Augenblick der Veröffentlichung der „Kritik der Urteilskraft“ und des ersten - bald verblassenden - Erfolgs durch Reinhold durch neues Material ergänzt und so auch unsere Kenntnis des deutschen Idealismus bereichert“.

 

 

 




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