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Feyerabend

FEYERABEND

 

1965 veröffentlichte Paul K. Feyerabend (1924-1994) in einem amerikanischen Sammelband zur Geschichte und Philosophie der Wissenschaften die „Probleme des Empirismus“. Stark von Popper beeinflusst entwik­kelt er hier aufgrund seiner wissenschaftshistorischen Studien seine Theorie vom Theorienpluralismus. Der erste Teil einer Übersetzung ins Deutsche ist im Reclam-Verlag  erschienen:

 

Feyerabend, Paul K.: Probleme des Empirismus. Teil 1.  Aus dem Englischen übersetzt und mit einem Nachwort von Volker Böhnigk und Rainer Noske. 261 S., kt., € 7.10, Reclam 18139, 2002, Reclam, Stuttgart

 

Die Vorliebe für Beobachtung und Experiment verdankt sich der Annahme, dass einzig ein gründliches Beobachtungsverfahren fruchtloses Spekulieren und leeres Gerede auszuschließen vermag. Hinzu kommt die Hoffnung, dass der Empirismus am ehesten einen Stillstand in den Wissenschaften zu verhindern vermag und zu weiterem Erkenntnisfortschritt führt. Diese Hoffnung wird von der Überzeugung getragen, dass die Wissenschaften, besonders die Naturwissenschaften, ihr Dasein und ihre eindrucksvollen Erfolge der Tatsache verdanken, dass sie das empiristische Glaubensbekenntnis übernom­men haben. Allerdings ist die grundlegendste Annahme des Empirismus, nämlich die Überlegen­heit von Beobachtungen beispielsweise gegenüber Träumen, nur selten von zwingenden Gründen gestützt. Die unterschiedlichen Formen von Empirismus, die wir heute kennen, waren ursprünglich Bestandteile umfassender Theorien - und sind heute nur noch Bruchstücke davon, die ohne die Prinzipien dieser Theorien nicht auf eigenen Füssen stehen. Ohne sie ist die Bezugnahme auf Beobachtung kaum mehr als ein Glaubensbekenntnis.

 

Allerdings genügt ein einziger Schritt auf dem Weg weg von der Metaphysik, um wieder Sinn in den Empirismus zu bringen. Dieser Schritt besteht darin, die Idee der Gewissheit bzw. der Unmittelbarkeit oder die schwächere Idee der Unterstützung fallenzulassen.

Angenommen, wir besitzen in einem bestimmten Bereich eine Theorie, die gut bestätigt ist. Dann muss diese Theorie beibehalten werden, entweder bis sie widerlegt wird oder aber bis   einige neue Tatsachen ihre Grenzen aufzeigen. Die Konstruktion von alternativen Theorien im gleichen Bereich muss solange aufgeschoben werden, bis es zu einer solchen Widerlegung bzw. Begrenzung gekommen ist. Feyerabend bezeichnet diese Lehre als radikalen Empirismus.

 

Es handelt sich dabei insofern um eine monistische Doktrin, als sie verlangt, dass zu jeder Zeit nur eine einzige Klasse von untereinander konsistenten Theorien benutzt wird. Andere Theorien auszuschalten, so kritisiert Feyerabend, vermindert aber den empirischen Gehalt der Theorie und kann sie in ein dogmatisches metaphysisches System verwandeln. Feyerabend versucht deshalb einen theoretischen Pluralismus zu formulieren, der für sich beanspruchen kann, empirisch zu sein, der aber nicht mehr mit den Schwierigkeiten eines radikalen Empirismus belastet ist. Feyerabend verspricht zudem, dass der theoretische Pluralismus einige Probleme löst, die als grundsätzlich unlösbar betrachtet werden oder denen der Status eines zulässigen Problems abgesprochen wird. Dieser theoretische Pluralismus könne jedoch nur im Rahmen der Arbeit Poppers ohne unzulässige Einschränkungen entwickelt werden.

 

In der Geschichte des Empirismus können drei Zeiträume unterschieden werden. Der erste ist der des Aristotelismus, der zweite der des „klassischen“ Empirismus des 17., 18. und 19. Jahrhunderts, und der dritte ist der Empirismus der modernen Physik, genauer die empiristische Lehre der Kopenhagener Schule der Quantentheorie. Der erste und dritte Zeitraum sind gekennzeichnet durch eine Übereinstimmung zwischen der Hausphilosophie der Wissenschaftler und der Art, wie sie ihre Theorien aufstellen. Für den zweiten Zeitraum stellt Feyerabend hingegen eine Art Schizophrenie fest: Während der radikale Empirismus zur Grundlage allen Handelns erklärt wird, sieht das tatsächliche Handeln anders aus. Nur wenige Wissenschaftler gehen ausdrücklich von Beobachtungen aus und beziehen die eigenen Theorien auf sie. Gleichzeitig haben wir hier eine Periode größter wissenschaftlicher Triumphe, etwa Newtons Theorie. Diese überschreitet den Bereich der Beob­achtung, sie widerspricht auch den Beobachtungsgesetzen, die verfügbar waren, als die Theorie zum ersten Mal vorgeschlagen wurde. Es ist dies eine Periode, in der Fakten verworfen werden, weil sie nicht zu den Theorien passen und in der eine mathematische Beweisführung verwendet wird, um das zu beweisen, was nicht gezeigt werden kann.

 

Der zeitgenössische philosophische Empirismus stellt eine hochformalisierte Version des radikalen Empirismus dar. Einer seiner Eckpfeiler ist die Theorie der Erklärung. Diese Theorie ist eine Ausarbeitung der von Popper erstmals vorgeschlagenen Idee: Es seien T und T’ zwei verschiedene wissenschaftliche Theorien, T’ die Theorie, die es zu erklären gilt bzw. das Explanandum, T die erklärende Theorie oder das Explanans. Die Erklärung (von T’) ist eine Ableitung von T’ aus T und geeigneten Anfangsbedingungen, die einen Bereich D’ bestimmen, in dem T anwendbar ist und besteht aus zwei Dingen: Erstens, dass die Folgerungen eines befriedigenden Explanans T innerhalb von D’ mit dem Explanandum T’ vereinbar sein müssen und zweitens, dass die hauptsächlichen beschreibenden Ausdrücke dieser Folgerungen und die hauptsächlichen beschreibenden Ausdrücke von T’ hinsichtlich ihrer Bedeutungen entweder     übereinstimmen oder mindestens über eine empirische Hypothese verbunden sein müssen. Deutlicher gesagt: In einem gegebenen Bereich sind nur solche Theorien zulässig, die bereits in diesem Bereich angewendete Theorien enthalten oder die wenigstens innerhalb dieses Bereiches mit diesen Theorien konsistent sein müssen. Dass sie also, wenn sie zu Erklärungszwecken verwendet werden, nicht das beeinflussen, was die Theorien oder die erklärungsbedürftigen Tatsachenberichte behaupten. Es sind dies die Bedingungen der Widerspruchsfreiheit und die Bedingung der Bedeutungsbeständigkeit. Beide Bedingungen sind restriktiv und beeinflussen deshalb zutiefst das Wachstum von Erkenntnis. Sie beschränken das Theoretisieren auf einen einzelnen, in sich widerspruchsfreien Standpunkt. Beide Bedingungen ermuntern zu einem theoretischen Monismus und unterlaufen einen theoretischen Pluralismus.

 

Gegen die Bedingung der Widerspruchsfreiheit lässt sich einwenden, dass Newtons Theorie sowohl mit Galileis Gesetz vom freien Fall als auch mit Keplers Gesetzen unvereinbar ist und dass die statistische Thermodynamik mit dem zweiten Hauptsatz der phänomenologischen Wärmetheorie unvereinbar ist.

 

Wenn also das tatsächliche wissenschaftliche Vorgehen das Maß für die anzuwendende Methode ist, dann ist die Bedingung der Widerspruchsfreiheit unangemessen. Gegen die Bedingung der Bedeutungsbeständigkeit wendet Feyerabend ein, dass wir häufig entdecken, dass Entitäten, von denen wir dachten, dass sie existieren, eigentlich nicht vorhanden sind. Ausdrücke, die diese Entitäten bezeichnen, müssten eigentlich aus unseren Beschreibungen (die, was die Wissenschaften betrifft, von existierenden Dingen handeln) ersetzt werden, was die Forderung nach Bedeutungsbeständigkeit verletzt. Oder wir ändern beispielsweise unsere Auffassungen über die Natur und die ontologische Beschaffenheit der Farbe eines selbstleuchtenden Objektes, ohne die Verfahren zu verändern, mit denen wir die Farbe ermitteln, was wiederum die Bedeutungen unserer Beobachtungsausdrücke beeinflusst.

Die Entwicklung unserer Erkenntnis führt gelegentlich zu begrifflichen Veränderungen, für die keine unmittelbar beobachtbaren Tatsachen ausschlaggebend sind. Solche Veränderungen widersprechen der Bedingung der Bedeutungsbeständigkeit .

Hätte man einem strikten Monismus angehangen, hätte man die Theorien, über die man heute verfügt, nicht erlangen können. Wissenschaftliche Revolutionen sind durchwegs das Ergebnis der Tatsache, dass Alternativen entwickelt wurden und dass ihre Existenz weitere Veränderungen herbeiführte. 

 

Die verhältnismäßige Eigenständigkeit der Tatsachen setzt voraus, dass diese Tatsachen exi­stieren und unabhängig davon verfügbar sind, ob jemand Alternativen zu den Theorien, die getestet werden sollen, hinzuzieht oder nicht. Feyer­abend nennt diese Annahme das Eigenständigkeitsprinzip. Es behauptet, dass die Tatsachen, die zum empirischen Gehalt irgendeiner Theorie gehören, verfügbar sind, egal, ob jemand Alternativen zu dieser Theorie erwägt oder nicht. Diese Forderung ist in beinahe allen Untersuchungen enthalten, die sich mit Fragen der Bestätigung oder Überprüfung beschäftigen. Sie benutzen alle ein Modell, in dem eine einzelne Theorie mit einer Klasse von Tatsachen (oder Beobachtungsaussagen) verglichen wird, von denen irgendwie angenommen wird, dass sie „gegeben“ sind. Das hat zu der Meinung geführt, dass die methodologische Einheit, auf die wir uns beziehen müssen, wenn wir Fragen des Testens und des empirischen Gehalts diskutieren, durch die Gesamtmenge teilweise sich überschneidender, den Tatsachen angemessener, aber wechselseitig sich widersprechenden Theorien gebildet wird. Kurzum, es führt zu der Meinung, dass ein theoretischer Pluralismus die Grundlage eines jeden Testverfahrens sei.

 

Der Empirismus verlangt, dass der empirische Gehalt einer jeden Erkenntnis, die wir besitzen, so weit als möglich vergrößert wird. Für Feyer­abend stellt daher die Erfindung von Alternativen zusätzlich zu der Ansicht, die im Mittelpunkt der Diskussion steht, einen wesentlichen Bestandteil der empirischen Methode dar. Umgekehrt zeigt aber die Tatsache, dass die Bedingung der Widerspruchsfreiheit Alternativen eliminiert, dass sie weder mit dem Empirismus noch mit der wissenschaftlichen Praxis übereinstimmt. Wenn es richtig ist, dass viele Tatsachen nur mit Hilfe von Alternativen verfügbar werden, dann wird die Weigerung, diese hinzuzuziehen, in der Eliminierung von möglicherweise widerlegenden Tatsachen enden. Besonders wird sie Tatsachen beseitigen, deren Entdeckung die völlige und unabänderbare Unangemessenheit der Theorie zeigen würde. Es ist dies ein Scheinerfolg, der nicht im geringsten als ein Zeichen von Wahrheit und Übereinstimmung mit der Natur angesehen werden kann. Vielmehr ist der vermeintliche Erfolg darauf zurückzuführen, dass sich die Theorie im Verlaufe der Anwendung auf neue Bereiche in ein metaphysisches System verwandelt hat. Dabei werden empirische „Belege“ durch ein Verfahren geschaffen, das zu seiner Rechtfertigung dieselben Belege heranzieht, die es zuvor in die Welt gesetzt hat. Ein solches System hält Erklärungsmodelle für jedes vorstellbare Ereignis bereit - ohne weiteres vorstellbar für diejenigen, die es bereits akzeptiert haben. Damit können auch die Schlüsselbegriffe unzweideutig festgelegt werden und es sieht so aus, als hätte man die Wahrheit erlangt. Dabei ist dieser Anschein nichts anderes als das Ergebnis einer absoluten Anpassung.

 

Für Feyerabends Pluralismus sind metaphysische Systeme, die Beobachtungsergebnissen     oder gut bestätigten Theorien widersprechen, höchst willkommene Ausgangspunkte einer Kritik an diesen Theorien. Denn sie sind die einzigen Mittel, die wir besitzen, um die in unseren Beobachtungsergebnissen enthaltenen Annahmen zu prüfen.

 

Feyerabend wendet sein Programm im folgenden auf zwei Themenbereiche an, das Leib-See­le-Problem und den Materialismus.

Nach einer gängigen Theorie kann die äußere Welt erfahren werden, aber nur indirekt. Unsere Kenntnis von ihr wird deshalb immer hypothetisch bleiben. Die innere, geistige Welt hingegen kann unmittelbar erfahren werden, weil wir eine unmittelbare Beziehung zu ihr haben. Wir selbst sind diese Welt. Diese Theorie, so Feyerabend, wird aber nicht als eine Hypothese dargestellt, die der Kritik zugänglich ist und vernünftig diskutiert werden kann. Vielmehr wird sie der Sprache in einer Weise einverleibt, die der Kritik unzugänglich ist. Dieses Verfahren führt zu zwei Ergebnissen. Es hält die Theorie verborgen und entzieht sie so der Kritik, und es bringt etwas hervor, was wie eine sehr mächtige Theorie aussieht. Wenn die Theorie verborgen ist, kann der Philosoph sogar mit dieser Tatsache beginnen und hieraus eine Art induktives Argument für die Theorie folgern. Nur sobald wir prüfen, was für eine unabhängige Unterstützung es für diese Theorie gibt, entdecken wir, dass die vermeintliche Tatsache gar keine Tatsache ist, sondern eher ein Spiegelbild der Art und Weise, wie empirische Ergebnisse gehandhabt werden. Wir haben es hier mit einer Zirkularität sogar derjenigen philosophischen Ergebnisse zu tun, die auf dem beruhen, was eine unwandelbare empirische Evidenz zu sein scheint. Eine Untersuchung könnte herausfinden, dass die Kraft der Evidenz aus einer stillschweigenden Annahme genau derjenigen Prinzipien herrührt, die von der Evidenz gestützt werden sollen.

 

Eine Gemeinsamkeit fast aller Einwände gegen den Materialismus ist, dass der Materialismus abzulehnen ist, falls er die Ausdrücke über Geistiges nicht mit gleichbedeutenden materialistische Ausdrücke ersetzen kann. Feyerabend argumentiert gegen diese Forderung, dass eine Aussage über Beobachtbares wegen des kausalen Kontextes, in dem sie geäußert wird, als eine solche angesehen wird und nicht wegen ihrer Bedeutung. „Dies ist rot“ ist ein Beobachtungssatz, weil ein Individuum, das in der angemessenen Weise einem Objekt gegenübergestellt wird, welches bestimmte Eigenschaften hat, ohne zu zögern, „Dies ist rot“ aussagen wird. Alles, was wir brauchen, um eine Theorie mit einer Beobachtungsgrundlage zu versehen, sind Aussagen dieser Art. Alles, was wir benötigen, um eine neurophysiologische Theorie der Schmerzen mit einem empirischen Gehalt zu versehen, ist eine Menge von Sätzen, die möglichst unmittelbar beim Auftauchen von Schmerzen in physiologischem Sinne geäußert werden. Es ist daher für eine neu vorgeschlagene Theorie keineswegs notwendig, entweder bedeutungsgleiche oder koextensionale Begriffe für ältere, aber zur gleichen Zeit vielleicht vertrautere Ausdrük­ke bereitzustellen. Der Fortschritt der Erkenntnis findet eher durch ein Ersetzen, das keinen Stein auf dem anderen lässt, statt als durch Zusammenfassung.

 




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