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Heidegger, Martin: Briefwechsel mit Rickert

Heidegger

 

HEIDEGGER

 

Briefwechsel mit Heinrich Rickert

 

Heidegger hatte in Freiburg bei Heinrich Rickert, dem Begründer der südwestdeutschen Schule des Neukantianismus und dem damals führenden Philosophen in Freiburg studiert und sich auch bei ihm habilitiert.

 

Alfred Denker hat den Briefwechsel zwischen den beiden in einer mit ausführlichen Anmerkungen versehenen Ausgabe herausgebracht:

 

Heidegger, Martin/Rickert, Heinrich: Briefe 1912 bis 1933 und andere Dokumente. Aus den Nachlässen herausgegeben von Alfred Denker. 156 S., Ln.,  € 29.—, kt. € 24.—, 2002, Klostermann, Frankfurt.

 

Der junge Heidegger tritt dabei  dem berühmten Professor mit Ehrerbietung, aber selbstsicher gegenüber. „Zwar sind meine philosophischen Grundanschauungen ande-re“, schreibt der frisch promovierte katholische Philosoph Heidegger am 12. Oktober 1913 an Rickert, „trotzdem möchte ich der letzte sein, der die bekannte armselige Methode mitmacht, in der modernen Philosophie nur eine Kette von ‚Irrtümern’... zu sehen“. Das entspricht der Charakterisierung, die der damalige Freiburger Privatdozent Ernst Krebs von Heidegger gab: „Ein scharfer Kopf, bescheiden, aber sicher im Auftreten.“ Und Heidegger macht Rickert gleich ein Angebot: „Vor allem bin ich der Überzeugung, dass sich irgendwie ein gemeinsames Feld finden lassen muss“. Gleichzeitig diskreditiert Heidegger die Richtung, aus der er kommt: „Es gibt in der ganzen ‚katholischen philosophischen Literatur’ bis heute kein Buch, keinen Aufsatz, wo Kant auch nur annähernd richtig verstanden ist… Ich weiß zu gut, dass man auf der anderen Seite sehr wohl die von Katholiken geleistete wissenschaftliche Arbeit beachtet – aber erst dann, wenn sie sich sehen lassen kann.“

 

Heinrich Finke, der den katholischen Lehrstuhl für Geschichte der Philosophie innehatte, drängte Heidegger, sich mit einem mittelalterlichen Thema zu habilitieren. Es war    aber Rickert, der Heidegger dazu ermunterte, Duns Scotus „mit den Mitteln der modernen Logik zu verstehen“, weshalb sich Heidegger dann auch bei Rickert habilitierte. Denn in der katholischen Philosophie sah Heidegger für ein solches Vorhaben keinen Spielraum: „Es muss…zuvor einmal die krankhafte Angst vor dem ‚Subjektivismus’ aus der Welt geschafft werden, der bei uns die Etikette für jeden nicht extrem thomistischen ‚Standpunkt’ abgeben muss.“ Der persönliche Verkehr mit Rickert muss jedoch von Seiten Heideggers zurückhaltend gewesen sein, schreibt doch Heidegger: „Ich überwinde im persönlichen Verkehr äußerst schwer und selten meine schwäbische Unbeholfenheit und Verschlossenheit, und ich habe immer darunter gelitten, dass mir diese Dinge ein persönlicheres Verhältnis zu Ihnen hemmten.“

 

Heideggers philosophische Entwicklung ist, wie er in diesem Briefwechsel immer wieder betont, geprägt von der Auseinandersetzung mit dem Rickert-Schüler Emil Lask. Von hier hat Heidegger auch den Zugang zur phänomenologischen Methode Husserls gefunden. Aber auch mit der Metaphysik Lotzes hat sich Heidegger beschäftigt. Er wollte sogar dessen Metaphysik von 1841 zu Lotzes hundertstem Geburtstag neu herausgeben, seine „körperlich-seelische Disposition“ ließ ihn aber wieder von dem Vorhaben abkommen.

 

Heidegger hat sich durch diesen Einfluss von der katholischen Richtung der Philosophie entfernt. Gleichzeitig ging er aber auch zur Logik auf Distanz: „Die reine Logik ist ein Extrem, eine verkappte Vergewaltigung des lebendigen Geistes“, schreibt er 1917, „sie verwehrt der Philosophie den Zusammenhang mit den Grundströmungen des persönlichen Lebens und der Fülle der Kultur und des Geistes.“ 

 

Heideggers Habilitationsschrift über Duns Scotus stieß bei Heideggers Kollegen in der katholischen Philosophenzunft nicht auf eitel Freude: „Wenn auch früher schon meine unvoreingenommene und aus sachlichem Interesse erwachsende Beschäftigung mit Ihrer Philosophie verdächtigt und als gefährlich betrachtet wurde, so hat sich das jetzt nach Erscheinen meines Buches ganz besonders geäußert.“  Heidegger sah Probleme hinsichtlich seiner Zukunft auf sich zukommen, da aufgrund seiner Herkunft nur eine Wirkung an der katholisch-theologischen Fakultät in Frage kam: „Aber den Glauben habe ich, dass ich für die Philosophie etwas leisten kann, und so lasse ich mich nicht unterkriegen, so sicher mir eine schlimme Zeit bevorsteht, da meine Existenzmittel gering sind.“ Heidegger plante sogar, von Freiburg wegzuziehen, wusste aber nicht wohin – in Freiburg wollte man ihn nicht einmal für ein Extraordinariat vorschlagen, da Geyer, der nach Freiburg berufen wurde, sich über Heideggers Habilitationsschrift sehr negativ geäußert hatte.

 

Das sehr kollegiale Verhältnis zu Rickert trübt sich etwas, als Rickert erfährt, dass Heidegger auf der berühmten Davoser Disputation mit Cassirer den Neukantianern vorgeworfen – und dabei auch den Namen Rickert genannt habe –, dass diese Männer nur noch Erkenntnis der Wissenschaft und nicht Erkenntnis des Seienden wollten und dass sie glaubten, dies sei ganz im Sinne Kants. Er habe aber während seiner ganzen Lehrtätigkeit etwas anderes vermittelt und fragt, wie es möglich war, „dass Ihnen das während Ihrer ganzen Studienzeit verborgen geblieben ist?“ Heidegger antwortet, die Rickert zugekommene Mitteilung sei fehlerhaft gewesen, er habe nicht die Mög­lichkeit gehabt, diese zu überprüfen.

 

Neben dem eigentlichen Briefwechsel enthält die Ausgabe u. a. einen Vortrag, den Heideg­ger in einem Rickert-Seminar gehalten hat und das Gutachten von Rickert über Heideggers Habilitationsschrift.

 

 

 




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