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Overbeck

Franz Overbecks autobiographische

Aufzeichnungen über Nietzsche

 

 

 

„Einen Einfluss ganz unabsehbarer Art“ habe Nietzsche auf ihn ausgeübt, „den stärksten“, den er auf seiner „Wanderschaft durch das Leben“ getroffen habe, schreibt der Basler Theologe Franz Overbeck in der Einleitung zur zweiten Auflage seiner Christlichkeit aus dem Jahr 1905. Köselitz, langjähriger Sekretär und Reisebegleiter Nietzsches, drängte Overbeck zu Aufzeichnungen über seinen Freund Nietzsche, Overbeck reagierte zunächst abweisend. Dass er dennoch mit Aufzeichnungen begann, ist vor allem durch seinen Dissens mit den publizistischen und editorischen Untersuchungen Elisabeth Förster-Nietzsches motiviert. 1899 teilt Overbeck Köselitz mit, in Zusammenhang mit seiner autobiographischen Beschäftigung mit Nietzsche sei es „zum Anfang einiger Aufzeichnungen“ gekommen. Zu seinen Lebzeiten soll davon jedoch nur sehr wenig an das Licht der Öffentlichkeit gelangen, der Rest solle dies später, aber „nur durch Ihre Vermittlung“. Als deutlich wurde, in welchem Maße sich Köselitz von Frau Förster vereinnahmen ließ, fiel dieser als Testamentsvollstrecker aus. Nach längeren Überlegungen entschloss sich Overbeck, die in seinem Besitze befindlichen Briefe von Nietzsche der Basler Universitätsbibliothek zu übergeben (wo sie heute noch liegen). Ergänzend dazu sollten weitere Nietzsche-Unterlagen, dazu auch seine eigenen Aufzeichnungen, hinzukommen und alles in einer „Nietzsche-Kassette“, die er auch als sein „Nietzsche-Archiv“ bezeichnete, deponiert werden - eine Idee, von der er wieder abgekommen ist.

 

Barbara von Reibnitz und  Marianne Stauffacher-Schaub haben nun die Aufzeichnungen Overbecks - zusammen mit solchen über andere seiner Freunde - innerhalb der Overbeck-Ausgabe veröffentlicht:

 

Overbeck, Franz: Werke und Nachlaß. Band 7/2:

Autobiographisches. „Meine Freunde Treitschke, Nietzsche und Rohde“. 347 S., Ln.,  ca. Eur 71.--, , 1999, J.B. Metzler, Stuttgart

 

Overbeck reagiert mit seinen Notizen häufig auf die öffentliche Diskussion um Nietzsche, nimmt aus seiner Sicht dazu Stellung. An erster Stelle steht dabei der Widerspruch gegen die Anmaßungen der Schwester. Er setzt sich aber auch mit der aufkommenden psychiatrischen Literatur über Nietzsche auseinander und legt auch hier Widerspruch gegen Bemühungen ein, Nietzsches Denken und Schreiben aus seiner Krankheit bzw. seinem Zusammenbruch zu interpretieren. Overbeck sieht Nietzsches Wahnsinn vielmehr als eine diesen blitzartig treffende Katastrophe. Erst als P.J. Moebius ihn 1902 persönlich aufsucht und ihn auf Zustände ungewöhnlicher Euphorie als mögliche psy-chiatrische Indizien hinweist, wird ihm diese Überzeugung fraglich.

 

Nietzsche, so schreibt Overbeck in seinen Notizen, hat den „Willen zur Macht“ deshalb mit solcher Beredsamkeit zum Ideal entwickelt, weil ihm dieser zwar vorschwebte, aber zu realisieren nicht möglich war. Mit diesem Bestreben als Stachel gelang es ihm aber,  seinen eigenen Willen zu einer Gewalt zu entwickeln, die ihn über den menschlichen Durchschnitt erhob. Als Kern von Nietzsches Charakter sieht Overbeck vor allem einen brennenden Ehrgeiz. Nietzsche sei lange nicht so einsam gewesen, wie er sich vorkam, vielmehr gefiel er sich in seinem Einsiedlertum bzw. wollte wie ein Einsiedler sein. Er habe, so berichtet Overbeck, bei Nietzsche an ein Ende durch Selbstmord gedacht, nie jedoch an Wahnsinn. Nur Nietzsches gewaltigem Trieb zum Extremen, seinem Drange zum „Äußersten“ sei es zu verdanken, dass er auf die Idee des Übermenschen gekommen sei. Die Spaltung der Menschen in Starke und Schwache, Herren und Sklaven als übergeschichtliches Ideal zu behaupten läuft für Overbeck auf eines der leersten Phantasmen hinaus, die der sonst von Nietzsche selbst unversöhnlich geschmähte „Idealismus“ je unter uns Menschen erzeugt hat.

 

Das Geniale an Nietzsche lag in seiner Begabung als Kritiker. Wer, so Overbeck, einer solchen Begabung mit solcher Ausschließ- lichkeit und Energie sich selbst zum Gegenstand gab wie Nietzsche, muss in Wahnsinn und Selbstzerstörung enden. Vergleichen lässt sich Nietzsche in dieser Beziehung nur mit Pascal. An ihm hatte Nietzsche denn auch ein besonderes Interesse. Als Gelehrter ist Nietzsche nicht ernst zu nehmen, als Denker hingegen sehr. Overbeck gesteht, dass er als Gelehrter  „außerordentlich viel“ von ihm gelernt habe. Aber historisch gesehen ist kein bei Nietzsche hervortretender Gedanke wirklich neu und unerhört. Nietzsche sei aber der Mensch gewesen, in dessen Nähe er am freiesten geatmet habe.

 

Für Antisemitismus hatte Nietzsche kaum Verständnis - er, der einen Antisemiten als Verleger und einen zweiten als Schwestergatten ertragen musste. Er sei ein Gegner des Antisemitismus gewesen, was ihn aber keineswegs daran gehindert habe, „seine Urteile über Juden allen Antisemitisten ... an Schärfe weit hinter sich zu lassen“.  Unsinnig sei, dass Nietzsche jemals in seinem Leben - wie seine Schwester behauptet - ein „tief-gläubiger Christ“ gewesen sei. Nietzsche habe mit Religion nichts zu tun, dafür umsomehr mit Kultur, welcher der weitere, die Religion als eine menschliche Kulturmacht in sich schließende Begriff ist. Overbeck gesteht eine „unüberwindliche Abneigung“ dagegen, in der Religion einen Schlüssel zu Nietzsche zu finden.

 

Nietzsche hatte einst selbst seine Schwester als seine Schülerin gerühmt und insofern selbst den Wahn in ihr großgezogen, sie sei diese Schülerin, mit welchem Anspruch sie dann auch in der Biographie ihres Bruders aufgetreten ist. Elisabeth Förster-Nietzsche war aber nie Schülerin der Lehren ihres Bruders, sondern nur seines Naturells: Sie hat von Nietzsche lediglich gelernt, was „sie von Natur von ihm im Leibe“ hatte. Nietzsche, so berichtet Overbeck, habe einst zu ihm und seiner Frau gesagt, seine Schwester wünsche seine Biographie zu schreiben, und dann hinzugefügt: „Das wird aber einen schönen Salat geben.“

Beide, so meint Overbeck, hätten einander geschadet. Der Bruder, indem er sie in die ganz falsche Bahn der schriftstellernden Frau drängte, die Schwester den Bruder, indem sie das Andenken, das er sich mit so großer Mühsal erarbeitete,  ruiniert hat.

 

Nietzsches Schriften sind alle gleichsam unterwegs geschrieben, in der Gestalt, in der sie zur Aufzeichnung kommen, noch unfertig, vorläufige Stationen, die einmal selbst überholt werden sollen.

Über seine Lehre von der Wiederkunft des Gleichen hatte sich Nietzsche erstmals im Sommer 1854 geäußert, als er krank im Hotel zum Weissen Kreuz lag, mit unheimlich flüsternder Stimme, als ob er ein ungeheures Geheimnis verkünde.

 

Kurz nach Erscheinen der Geburt der Tragödie erhielt Nietzsche Briefe einer Frau Rosalie Nielsen, die ihre Bewunderung für ihn in Form von symbolischen Photographien ausdrückte, eine Bewunderung, die sich unheimlich genug anließ. Nicht genug, diese Frau, ein „schon recht ältliches und halb wahnsinnig aussehendes Frauenzimmer“, besuchte Nietzsche in Basel. Nietzsche bestand auf Anwesenheit Overbecks bei diesem Besuch. Dabei spielte sich, so Overbeck, eine „durch Unverhältnismässigkeit ihrer Gewaltsamkeit lächerliche Szene“ ab. Nietzsche reagierte auf die Frau mit „lauter mehr oder weniger grandiosen Gebärden“ und die Sache endete damit, dass, „buchstäblich der Stuhl vor die Tür des Zimmers gestellt“ wurde.

 

Overbeck notiert in seinen Aufzeichnungen auch die Begegnung mit Nietzsche in Turin, nach dem Ausbruch des Wahnsinns: „Ich trete, natürlich momentan gänzlich unerwartet (nur eine Telegramm hatte mich angekündigt) in sein Zimmer, erblicke ihn mit einem Blatt in der Hand - einem Correcturbogen von Ecce homo (I und II) wie es sich später herausstellt, - in halb liegender Stellung auf dem Sopha, und eile auf ihn zu, auch er erblickt mich bevor ich ihn erreiche, springt heftig auf, stürzt mir entgegen, wirft sich in meine Arme und bricht in einen convulsivischen Strom von Thränen aus, sonst, bis auf die wiederholte, verzweifelnd zärtliche Nennung meines Namens, keiner anderen Sprache mächtig als des Zitterns aller seiner Glieder, das immer wieder in leidenschaftliche Umarmungen auslief.“ Nach einer Viertelstunde begann sich bei Nietzsche eine ausgezeichnete Lustigkeit einzustellen, mit wildem Lachen, Brüllen, Tanzen und Sich-am-Boden-Wälzen.

Overbeck brachte Nietzsche nach Basel ins dortige Irrenhaus. Als dieser von dort nach Jena gebracht wurde, verabschiedete sich Overbeck von ihm am Basler Bahnhof. Nietzsche, so berichtet Overbeck, erhebt sich, um ihn stürmisch an sein Herz zu drücken und ihm stöhnend zu versichern, dass er „der Mensch gewesen wäre, den er am meisten geliebt hätte“.

1890 besuchte Overbeck Nietzsche in Jena. Mit Erlaubnis des Arztes konnte er mit Nietzsche außerhalb des Irrenhauses stundenlang zusammensitzen, essen und spazieren gehen. Dabei hätte ein Fremder, so Overbeck, der sie getroffen hätte, kaum zu befremdenden Beobachtungen Anlass gefunden. Der Inhalt der Gespräche zwischen den beiden beschränkte sich jedoch auf die Zeit vor dem Ausbruch des  Wahnsinns. Fünf Jahre später besuchte Overbeck in Naumburg Nietzsche erneut, der nun von seiner Mutter gepflegt wurde: „Welche fürchterliche Veränderung war mit ihm seit 1890 vor sich gegangen!“ Nietzsche verließ während dieses Besuches seinen Krankenstuhl nicht, sprach mit Overbeck kein Wort, richtete vielmehr gelegentlich einen feindseligen Blick auf ihn. Nietzsche machte den Eindruck eines todeswunden Tiers, das sich in den Winkel zurückgezogen hat.

FRANZ OVERBECK

UND PETER GAST

 

In den letzten Jahren ist die Geschichte des Weimarer Nietzsche-Archivs und der  frühen Nietzsche-Rezeption intensiv erforscht worden. Eine wichtige Quelle bietet die Korrespondenz zwischen den beiden Nietzsche-Freunden Franz Overbeck und Heinrich Köselitz (alias Peter Gast):

 

Overbeck, Franz/Köselitz, Heinrich: Briefwechsel. Herausgegeben und kommentiert von David Marc Hoffmann, Niklaus Peter, Theo Salfinger. 837 S., Ln., ca. Eur 296.--, 1998, de Gruyter, Supplementa Nietzscheana, Band 3, de Gruyter, Berlin.

 

Der Briefwechsel enthält 275 Briefe aus dem Zeitraum von 1877 bis 1905. Die Briefe sind ausführlich kommentiert; eine Einleitung der Herausgeber macht den Leser mit den beiden Korrespondenten vertraut.

 

Als der Kirchengeschichtler Franz Overbeck (1837 bis 1905) 1870 nach Basel berufen wurde, wollte es der Zufall - so berichten die Herausgeber in der Einleitung -  dass ihm eine Wohnung im selben Haus, wo Friedrich Nietzsche wohnte, vermittelte wur-de. Daraus entwickelte sich zwischen den beiden eine bis zu Nietzsches Zusammenbruch andauernde Freundschaft. Overbeck wurde zum täglichen Tischpartner Nietzsches und nahm Anteil am Entstehen von dessen erster Schrift Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik. Nietzsches Aufforderung, bei den Unzeitgemäßen Betrachtungen mitzutun, gab den Anstoß zu der  Streitschrift Overbecks Ueber die Christlichkeit unserer heutigen Theologie, einer fundamentalen Kritik aller zeitgenössischen Theologie. Overbeck war es aber auch, der Nietzsches Basler Pensionsgelder verwaltete und dem nomadisierenden Philosophen jeweils die gewünschten Mittel zukommen ließ. Und er war es, der schließlich den geistig umnachteten Nietzsche 1889 aus Turin nach Basel zurückbrachte.





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