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Popper

Poppers Gesammelte Werke in

deutscher Sprache

 

 


Im Verlag J.C.B. Mohr erscheint eine Ausgabe von Poppers „Gesammelten Werken in deutscher Sprache“, die auf insgesamt 15 Bände angelegt ist.

 

Die offene Gesellschaft und ihre Feinde

 

Karl R. Poppers The Open Society and its Enemies ist längst und noch zu Lebzeiten des Autors ein Klassiker geworden. Das Buch gehört zu den wirkungsmächtigsten Texten der Sozialphilosophie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und trug seinem Verfasser den Ruf ein, eine der prägnantesten Entlarvungen des Totalitarismus und Uto­pismus und damit gewissermaßen ein „Testament der Demokratie“ geschrieben zu haben. Das beinahe 1000 Seiten starke, zweibändige Werk entstand im Schatten des Zweiten Weltkriegs in Christchurch, Neuseeland - wo der Emigrant Popper seit 1937 eine Dozentenstelle für Philosophie innehatte – und erschien erstmalig 1945 in London. 1957 kam dann unter dem Titel Die offene Gesellschaft und ihre Feinde die deutsche Fassung heraus, angefertigt von Poppers Schüler und späterem Kritiker Paul Feyerabend. Die Temperamentsverwandt­schaft des Über­setzers mit seinem früheren Mentor hat wohl nicht unwesentlich dazu beigetragen, dem deutschen Leser eine Vorstellung von der Heftigkeit des Originals zu vermitteln. Die deutsche Ausgabe ist eigens Immanuel Kant gewidmet, dem zu Ehren als Vorspann auch noch eine Gedächtnisrede beigegeben wurde, in welcher Popper Kants aufklärerische Posi­tion geradezu überdeutlich hervorhebt.

 

Als Band 5 und 6 der Gesammelten Werke ist nun eine Neuauflage erschienen:

 

Popper, Karl R.: Die Offene Gesellschaft und ihre Feinde.

Band I: Der Zauber Platons. Herausgegeben von Hubert Kiesewetter. Xvi, 179 S.,  € 64.—, 2003.

Band II: Falsche Propheten. Hegel, Marx und die Folgen. Herausgegeben von Hubert Kiesewetter. Vi, 575 S., Ln., € 89.—, 2003.

 

Die jetzt vorliegende, nunmehr 8. deutsche Auflage des Werkes ist versehen mit zusätzlichen Registern und Seitenkonkordanzen sowie einem sehr durchdachten Verweisungssystem und bietet als wichtige Ergänzung ein instruktives und umfangreiches Nachwort des Herausgebers Hubert Kiesewetter. Der Herausgeber erklärt einleitend: „Die Entstehungsgeschichte von Karl R. Poppers Die offene Gesellschaft und ihre Feinde anhand des Briefwechsels zwischen 1937 und 1945 zu schildern, ist deshalb so spannend, weil in ihr Überraschungen enthalten sind, von denen nur wenige Menschen Kenntnis hatten.“ Weder in den bisherigen Biographien Poppers noch in dessen intellektueller Autobiographie war zu erfahren gewesen, unter welchen Entbehrungen und Mühen, mit welchem Rigorismus das später so weit verbreitete Werk zustande gebracht worden ist. Der Herausgeber zitiert ausführlich aus bislang unveröffentlichten Dokumenten und Briefwechseln (so aus Korrespondenzen des Ehepaars Popper mit den Gombrichs, mit von Hayek und den zwischenzeitlich in Amerika lebenden alten Wiener Freunden); er gibt ein präzises und anschauliches Bild von der Anfertigung des Manuskripts, den großen finanziellen und gesundheitlichen Problemen während der Niederschrift. „Den Rest des Jahres“, berichtete Hennie Popper 1943 an das Ehepaar Gombrich, „leben wir hauptsächlich von    einer Karotten- und Reis-Nahrung, da wir es seit langem aufgegeben haben, sogenannten ‚Komfort’ zu genießen“. Popper schrieb im selben Jahr an Fritz Hellin: „Ich habe so viel für Telegramme ausgegeben, dass wir unsere Schulden nicht mehr bezahlen können. Ich wage es nicht, in der Universitätsklinik zu essen, und wir wagen es nicht, ein Feuer anzumachen.“ Hinzu kamen gesundheitliche Probleme.

 

Den später zum geflügelten Wort gewordenen Begriff einer offenen Gesellschaft – im Unterschied zu einer geschlossenen – hat Popper, wie er selbst in den Anmerkungen angibt, von Henri Bergson entlehnt. Kiesewetter berichtet auch von der aufwendigen mehrjährigen Suche nach einem geeigneten Verlag; zuerst erfolglos in den USA und dann mit Erfolg in England. Denn nicht zuletzt Poppers Invektiven gegen so anerkannte Größen wie Platon, Hegel und den damals noch viel umschwärmten Marx hatten eine Reihe von Verlegern von einer Publikation Abstand nehmen lassen.

 

Die bekannte Wendung des spätantiken Grammatikers Terentianus Maurus – Habent sua fata libelli (Bücher haben ihre Schicksale) – gilt im Fall von Die offene Gesellschaft und ihre Feinde in fast paradigmatischer Weise. Und dies um so mehr, wenn man neben der Wirkung des Buches für seinen Verfasser (es begründete dessen weltweites Ansehen) auch die Bedeutung für die westlichen Demokratien (es zeichnete einen schneidend deutlichen Gegenentwurf zur Suggestionskraft politischer Heilslehren) mit in Betracht zieht. Angesichts dieses Umstandes ist es bedauerlich und kaum verständlich, dass am Ende des zweiten Bandes der Neuausgabe das Nachwort erneut abgedruckt worden ist, welches der Leser vom ersten Band her bereits kennt. Statt dieser Doublette hätte man z.B. die kontroverse und lebhafte Rezep­tionsgeschichte des Werkes darstellen und kommentieren können.

 

Tief verstört von der Annexion seines Heimatlandes im März 1938, ging Popper sofort daran, seinen „Kriegsbeitrag“ (war effort) zu leisten, indem er seine erkenntnistheoretischen und methodologischen Überlegungen auf das Feld der politischen Theorie und Praxis anzuwenden begann. Die Stärke des Schocks der hitlerschen ‘Heimholung’ „kann möglicherweise“ - so der Herausgeber Kiesewetter - „die unglaubliche Arbeitsintensität Karl Poppers bei der Abfassung des Manuskripts erklären, die ihn an den Rand des körperlichen und psychischen Zusammenbruchs führte.“ Mussten er und seine Frau Hennie im damals ungeheuer europafernen Neuseeland - „auf halbem Weg zum Mond“ – doch miterleben, wie nun fast alles systematisch zerstört wurde, was ihnen lieb und teuer war.

 

Mag in Poppers energischem „Kriegsbeitrag“ einiges zu finden sein, das heute weniger erheblich erscheint, so enthalten seine „Beiträge zu einer kritischen Philosophie der Politik“ doch auch viele Überlegungen, die nach wie vor aktuell sind. Dazu zählt u. a. sein Verdienst, einen besonders neuralgischen Punkt der offenen Gesellschaft bzw. Demokratie aufgezeigt zu haben: Das Paradox der Toleranz – „Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz. Denn wenn wir die uneingeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen (...), dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen. (...) Wir sollten deshalb im Namen der Toleranz das Recht für uns in Anspruch nehmen, die Intoleranten nicht zu dulden.“ Die Mündigkeit eines kritischen Bürgers zeigt sich demzufolge auch darin, mit welchem Bewusstsein und wie genau er diese sensible Grenze im jeweiligen Einzelfall zu ziehen vermag.

Thomas Stölzel

 

Der 9. Band: Popper zur Quantentheorie

 

-pm- Als neunter Band ist das aus dem „Postskript zur Logik der Forschung“ entstandene Buch erschienen:

 

Popper, Karl: Die Quantentheorie und das Schisma der Physik. Aus dem Postskript zur Logik der Forschung. Herausgegeben von W.W.O. Bartley XII. 278 S., Ln., € 64.—, 2001, J.C.B. Mohr, Tübingen

 

Über dreißig Jahre lang hat Popper daran gearbeitet, bis es 1982 in englischer und jetzt in deutscher Übersetzung erscheinen konnte. Diese vielfachen Überarbeitungen haben dem Text geschadet; er hat an Einheit verloren, und es finden sich unnötig viele Wiederholungen.

 

Wie Popper im Vorwort von 1982 ausführt, steckt die Physik in einer Krise. Zwar ist sie unglaublich erfolgreich, sie produziert und löst Probleme am laufenden Band. Die Krise betrifft ein anderes Thema: das Verstehen.

 

Die eine Ursache sieht Popper im Eindringen des Subjektivismus in die Physik.

Mehrere Fehlentwicklungen haben zu diesem Subjektivismus geführt. Einer ist der Positivismus oder Idealismus von Ernst Mach. Durch Russell verbreitete er sich nach England und durch den jungen Einstein nach Deutschland (später hat Einstein dies bedauert). Ein anderer Fehler ist die subjektivistische Interpretation des Wahrscheinlichkeitskalküls. So kam es zu einer idealistischen (und sogar positivistischen) Philosophie, zu einer Philosophie, die unsere subjektiven Erfahrungen – insbesondere unsere Wahrnehmungen, unsere Beobachtungen – als sicherer und realer ansah als die physikalische Realität, von der der Positivismus behauptet, sie sei eine blosse Konstruktion unseres Geistes.

Für Popper ist der Angriff auf den Realismus, auch wenn er aus intellektueller Sicht interessant und wichtig ist, völlig inakzeptabel. Für ihn haben diese geistigen Konstruktionen die Aufgabe, uns zu helfen, in einer realen Welt, die uns gros­senteils fremd ist, zu überleben. Und wenn es nun einen Konflikt mit der Wirklichkeit gibt, dann wissen wir, dass die Wirklichkeit vorhanden ist, und zwar als etwas, das uns über die Falschheit unserer Ideen informieren kann. Das ist nach Popper der Grund, warum der Realist im Recht ist.

 

Eine andere Quelle der gegenwärtigen Krise in der Physik ist der hartnäckige Glaube, die Quantenmechanik sei endgültig und vollständig. Popper findet diese von Bohr und Heisenberg geäus­serte epistemische Behauptung ungeheuerlich. Popper beharrt demgegenüber auf einer realistischen Interpretation der Physik. Für ihn (so die Einleitung von 1967) ist die Quantenmechanik eine genauso objektive Theorie wie etwa die klassische statistische Mechanik. Der Beobachter oder der Experimentator spielt hier genau die gleiche Rolle wie in der klassischen Physik. Seine Aufgabe ist es, die Theorie zu prüfen. Popper bedauert, dass die gegenteilige Ansicht, die sogenannte Kopenhagener Deutung der Quantenmechanik, nahezu allgemein anerkannt ist. Diese Deutung besagt, dass die Vorstellung von der objektiven Realität aufgegeben werden muss und dass die Quantenmechanik nicht Teilchen darstellt, sondern unser Wissen, unsere Beob­achtungen und unser Bewusstsein von Teilchen. Aber, so Popper, die meisten Physiker, die diese Interpretation übernommen haben, schenken ihr in der tatsächlichen Praxis keine Aufmerksamkeit. Bis 1935 glaubten einige der größten Physiker, dass die Ergebnisse der Quantenmechanik eindringlich bestätigten, dass alle Materie aus Elektronen und Protonen bestünde. Diese Theorie ist nun schon lange überholt. Es ist falsch, wenn man die Theorien so darstellt, als seien sie nichts als Instrumente. Viel wichtiger als die Frage nach ihrer Nützlichkeit ist die Frage ihrer objektiven Wahrheit oder ihre Wahrheitsnähe und ihrer Art, die Welt zu verstehen. Die Ansicht, dass Theorien nichts anderes als Instrumente sind, ist eine Konsequenz der Kopenhagener Lehre, der zufolge die Quantenmechanik im wesentlichen unverstehbar ist, weil wir nur klassische „Bilder“ wie das „Teilchenbild“ oder das „Wellenbild“ verstehen können. Für Popper ist dies nicht nur eine falsche, sondern sogar   eine gefährliche Lehre.

 

Nicht das Begriffssystem ist für die Wissenschaft von Bedeutung, sondern die Theorie. Das begriffliche System ist austauschbar. Es liefert nur die Sprache für eine Theorie. „Präzise“ machen kann man sie nicht: die Bedeutung von Begriffen lässt sich prinzipiell durch keine Definition festlegen. Jeder solche Versuch muss zu einem unendlichen Regress oder zu bloß scheinbarer Genauigkeit (die schlimmste der Ungenauigkeiten, weil sie die täuschendste ist) führen. Wir verstehen eine Theorie, wenn wir das Problem verstehen, das sie lösen soll und die Art und Weise, in der sie es besser oder schlechter löst, als konkurrierende Theorien es tun. Die modische These, moderne physikalische Theorien seien prinzipiell „unverstehbar“, kommt der absurden Behauptung nahe, wir könnten nicht wis-

 

sen, welche Probleme sie lösen oder warum sie diese besser oder schlechter löse als konkurrierende Theorien.

 

Popper stellt bezüglich der Quantenmechanik verschiedene Thesen auf. Dazu gehören:

 

¢ Die Probleme, die die Quantentheorie lösen soll, sind im wesentlichen statistische Probleme.

 

¢ Auf statistische Fragen müssen grundsätzlich statistische Antworten gegeben werden. Die Quantentheorie muss daher im Prinzip eine statistische Theorie sein.

 

¢ Dass sich der Beobachter oder das Subjekt in die Quantentheorie einmischt, kommt von dem falschen Glauben, wir müssten den probabilistischen Charakter der Quantentheorie durch unser (angeblich notwendigerweise) fehlendes Wissen erklären, statt durch den statistischen Charakter unserer Probleme.

 

¢ Als Folge davon stehen wir vor einem grossen Quantendurcheinander. Popper meint damit, dass man eine Verteilungsfunktion nimmt, also eine statistische Messfunktion, die irgendeinen Ereignisraum charakterisiert und sie als eine physikalische Eigenschaft der Elemente dieser Population behandelt. Das Durcheinander liegt darin, dass der Ereignisraum kaum etwas mit den Elementen zu tun hat.

 

¢ Die Interpretation des quantenmechanischen Formalismus ist mit der Interpretation des Wahrscheinlichkeitskalküls nahe verwandt.

 

¢ Die klassische Physik und die Quantenphysik sind beide indeterministisch. Das Eigenartige an der Quantenmechanik ist das Prinzip der Überlagerung von Wellenamplituden, einer Art von probabilistischer Abhängigkeit, die in der klassischen Wahrscheinlichkeitstheorie keine Parallele hat.

 

Wenn wir - so Popper in Kapitel 1 - die Quantentheorie als Theorie physikalischer Propensitäten interpretieren, dann lösen sich alle Schwierigkeiten, die die Kopenhager Deutung gegeben hat. Als Popper die Logik der Forschung geschrieben hatte, wusste er noch nichts von der Möglichkeit einer Propensitäteninterpretation, weil er glaubte, die einzig annehmbare Wahrscheinlichkeitsinterpretation in der Physik seien „Häufigkeits-„ oder „statistische Interpretation“. Er hatte nicht mit genügender Klarheit gesehen, dass Born, als er seine „statistische Interpretation“ der Quantenmechanik einführte, singuläre Wahrscheinlichkeitsaussagen verwendete. Heute sei ihm klar, dass viele deshalb an eine subjektivistische Interpretation der Quantenmechanik glauben, weil es die einzig vernünftige Möglichkeit ist, die sie akzeptieren können. Denn objektive physikalische Wahrscheinlichkeiten sind mit dem Determinismus inkompatibel, und wenn die klassische Physik deterministisch ist, dann muss sie mit einer objektiven Interpretation der klassischen statischen Mechanik inkompatibel sein. Popper beobachtet aber bei vielen Physikern ein Schwanken zwischen subjektivistischer und objektivistischer Interpretation; sobald Absurditäten auftreten, greift der Physiker zu einer objektiven Sichtweise.

 

Oft wird - so Popper in Kapitel II - behauptet, dass von einem quantentheoretischen Standpunkt aus kein scharfer Unterschied mehr zwischen Subjekt und Objekt gemacht werden kann. Die Teilung einer Welt in eine „objektive äußere Welt“ und „uns“ könne nicht mehr aufrechterhalten werden. Objekt und Subjekt seien voneinander untrennbar geworden. Laut Bohr beruht das auf der Unmöglichkeit einer scharfen Trennung zwischen dem Verhalten atomarer Objekte und der Wechselwirkung mit den Messinstrumenten, die zur Definition der Bedingungen dienen, unter welchen die Phänomene erscheinen.

Nach Popper ist dies falsch: die Quantentheorie ist so objektiv wie es eine Theorie nur sein kann. In III. Kapitel skizziert Popper, wie es der Propensitäteninterpretation gelingt, die verschiedenen Paradoxien der Quantenphysik aufzulösen. Dazu erörtert er das Experiment von Einstein, Podolsky und Rosen sowie das „Doppelspalt-Experiment“.

 

Die Propensitäteninterpretation der Wahrscheinlichkeiten und der Indeterminismus erlauben es uns, ein neues Bild der physikalischen Welt zu entwerfen (IV. und letztes Kapitel). Alle Eigenschaften der physikalischen Welt sind dabei dis­positional, und der wirkliche Zustand eines physikalischen Systems in einem beliebigen Augenblick kann als die Gesamtsumme aller seiner Dispositionen - oder seiner Potentialitäten - aufgefasst werden. Wandel besteht in diesem Bild in der Verwirklichung bzw. Aktualisierung einiger dieser Potentialitäten. Diese Verwirklichungen bestehen ihrerseits wiederum aus Disposi­tionen oder Potentialitäten, die allerdings andere sind als die, deren Verwirklichung sie sind. Popper kommt so zu einem Weltbild, das zu­gleich dualistisch und monistisch ist. Es ist dualistisch, soweit die Potentialitäten nur in Bezug auf ihre möglichen Verwirklichungen Potentialitäten sind, und es ist monistisch, soweit die Ver­wirklichungen nicht nur Potentialitäten festlegen, sondern man von ihnen sagen kann, dass sie selbst Potentialitäten sind. Danach kann man die physikalische Welt als bestehend aus sich ändernden Änderungspropensitäten beschreiben. Obgleich diese Propensitäten im allgemeinen künftige Veränderungen nicht festlegen, können sie doch zumindest in einigen Gebieten der Physik bei den verschiedenen möglichen zukünftigen Veränderungen die Wahrscheinlichkeitsverteilungen festlegen, in denen Wahrscheinlichkeiten von Eins enthalten sein können.

 

Einer der Kernpunkte dieses Ansatzes ist die     Idee, dass es auf diese Weise möglich sein kann, für Einsteins deterministisches Programm eine indeterministische Interpretation und gleichzeitig für die Quantentheorie eine realistische Neuinterpretation zu liefern. Das Ziel ist ein Weltbild, in dem Raum bleibt für biologische Phänomene, menschliche Freiheit und menschliche Vernunft.

 

Der Band 8:  Das offene Universum

 

Als zweiter Band von Poppers Postskript zur Logik der Forschung erschien

 

Popper, Karl: Das offene Universum. Aus dem Postskript zur Logik der Forschung II, herausgegeben von W.W. Bartley III. 204 S., Ln., € 49.—, 2001, Mohr Siebeck, Tübingen.

 

Beim „wissenschaftlichen Determinismus“ handelt es sich um die Lehre, dass die Struktur der Welt von der Art ist, dass alle Ereignisse zu jedem beliebigen Genauigkeitsgrad  vorausgesagt werden können, wenn wir über eine hinreichend genaue Beschreibung vergangener Ereignisse und über alle Naturgesetze verfügen. Historisch gesehen kann die Idee eines „wissenschaftlichen“ Determinismus als Folge davon verstanden werden, dass die Vorstellung Gottes durch die Vorstellung der Natur ersetzt wurde. Die Natur ist allmächtig und allwissend. Im Gegensatz aber zu Gott, der unerforschlich ist, können die Naturgesetze von der menschlichen Vernunft, mit Hilfe der menschlichen Erfahrung, entdeckt werden. Und wenn wir die Naturgesetze kennen, können wir die Zukunft mit rein rationalen Methoden aus gegenwärtigen Daten voraussagen. Wenn jedoch, so Popper, nur ein einziges (zukünftiges) Ereignis nicht vorherbestimmt ist, muss der Determinismus aufgegeben werden, und der Indeterminismus ist wahr.

 

Eines der einfachsten und plausibelsten Argumente zur Stützung des Determinismus ist das folgende: Wir können immer, bei jedem Ereignis fragen, warum es geschah; und wir können grundsätzlich immer auf jede dieser Warum-Fra­gen eine Antwort erhalten, die uns Aufschluss gibt. Also ist jedes Ereignis „verursacht“, und das scheint zu bedeuten, dass es von den Ereignissen, die seine Ursache bilden, im voraus bestimmt sein muss. Falsch, moniert Popper: Die Tatsache, dass wir auf Warum-Fragen immer relevante Antworten bekommen, hat mit Determinismus nicht viel zu tun.

 

Wir gehen davon aus, dass es immer Ursachen (Anfangsbedingungen) und universale Gesetze gibt, die es uns ermöglichen würden, das fragliche „Ereignis“ daraus abzuleiten. Das ist eine starke Annahme. Aber sie ist nicht gleichbedeutend mit „wissenschaftlichem Determinismus“. Dessen Forderung lautet, dass wir das Ereignis mit jedem beliebigen Grad der Genauigkeit voraussagen können sollen. Ursachen, das heißt Anfangsbedingungen, sind uns aber nie mit absoluter Exaktheit bekannt. Jedesmal wenn wir uns in unseren Voraussagen irren, können wir den Einwand geltend machen, man habe uns keine hinreichend genauen Anfangsbedingungen gegeben. Es ist also denkbar, dass die allgemeine intuitive Vorstellung von Kausalität aufrechterhalten werden kann, während der „wissenschaftliche Determinismus“ unhaltbar ist.

 

Wir müssen imstande sein, festzustellen, ob die Anfangsbedingungen hinreichend exakt sind    oder nicht, bevor wir das Ergebnis unserer Voraussagen prüfen. Jede zufriedenstellende Definition des wissenschaftlichen Determinismus wird auf dem Prinzip beruhen müssen, dass wir aus unserem Voraussage-Problem den erforderlichen Genauigkeitsgrad der Anfangsbedingungen errechnen können. Zu einem etwas stärkeren Prinzip der Berechenbarkeit gelangen wir, indem wir uns auf die Genauigkeit der Ergebnisse möglicher Messungen beziehen, aus denen die Anfangsbedingungen berechnet werden können, statt auf die Genauigkeit der Anfangsbedingungen. Der wissenschaftliche Determinismus erfordert die Berechenbarkeit in diesem stärkeren Sinne. Denn wir haben keinen Grund, an den wissenschaftlichen Determinismus zu glauben, wenn wir keinen Grund haben zu glauben, dass das Prinzip der Berechenbarkeit allgemein erfüllt ist. Und genau dies, sagt Popper, ist der Fall.

 

Unsere Voraussagen über das Verhalten von Tieren und Menschen werden in der Regel immer besser, je besser wir den Menschen oder das Tier kennen lernen. Es gibt keinen Grund, war­um dieser Prozess, über das Verhalten immer mehr zu lernen, je abgeschlossen sein sollte. Wir dürfen also erwarten, dass das Ergebnis unserer Beobachtungen von Organismen das gleiche sein wird wie das Ergebnis unserer Beobachtungen von Planetensystemen. Dieses „Argument der Verhaltensforschung“ hält Popper für schlagend. Aber es ist für den Versuch, den Determinismus zu stützen, unhaltbar. Denn ich kann aufgrund meines Wissens vielleicht voraussagen, dass sich die Katze es  sich auf meinem Schreibblock bequem machen wird. Aber ich kann mich dabei leicht um einige Zentimeter irren. Aber noch schlimmer: Wir wissen nicht, welche Art von Anfangsbedingungen relevant wären für die Aufgabe, in unserer Voraussage diese Zentimeter zu reduzieren. Unser Wissen kann ständig zunehmen, ohne an jene ganz besondere Art von Wissen heranzureichen, die dem Prinzip der Berechenbarkeit genügt.

 

Auch psychologische Argumente zugunsten des Determinismus bringen nicht viel. Es gibt wenige Gründe anzunehmen, dass ein Physiologe durch seine Untersuchung des Gehirns eines Mathematikers imstande sein könnte, die Schritte eines neuen Beweises vorzulegen, den der Mathematiker gerade erfindet. Wir werden zwar kaum je auf einen Entschluss, eine Handlung oder eine neue Erfindung stoßen, die „nicht verursacht“ sind in dem Sinne, dass wir sie nicht auf befriedigende Weise „kausal erklären“ können, vorausgesetzt, wir wissen sehr viel nicht nur vom Hintergrund der betreffenden Person, sondern auch über die Art, wie deren Entscheidungen beeinflusst werden. Nichts davon kann jedoch zugunsten des wissenschaftlichen Determinismus verwendet werden. Denn dieser behauptet viel mehr als die Existenz von Ursachen: er behauptet, dass diese Ursachen es erlauben, ein Ereignis mit jedem beliebigen Genauigkeitsgrad vorauszusagen. Dies ist aber hinsichtlich der Handlung von Menschen unserem Denken so fremd, dass es schwer ist, sich überhaupt klarzumachen, was dies implizieren würde.

 

Der wissenschaftliche Determinismus

 

Quantenphysiker behaupten oft, dass die klassische Physik den Determinismus, die Quantenphysik hingegen den Indeterminismus impliziere.

Laplace hatte die Fiktion eines Dämons eingeführt, einer Art übermenschlichen Intelligenz, die imstande ist, die vollständige Menge der Anfangsbedingungen des Weltsystems zu jedem beliebigen Zeitpunkt festzustellen. Mit Hilfe dieser Anfangsbedingungen und der Naturgesetze, d. h. der Gleichungen der Mechanik, wäre der Dämon Laplace zufolge imstande, alle zukünftigen Zustände des Weltsystems zu deduzieren. Für Popper ist der entscheidende Punkt des Arguments folgender: Er macht aus der Doktrin des Determinismus eine wissenschaftliche statt einer religiösen Wahrheit. Der Laplaces Dämon ist nicht ein allwissender Gott, sondern bloß ein Über-Wissenschaftler. Sein wissenschaftlicher Determinismus ergibt sich aus dem Versuch, die vage Vorstellung möglicher vorheriger Kenntnis durch die präzisere Idee der Vorhersagbarkeit gemäß rationalen wissenschaftlichen Vorhersageverfahren zu ersetzen. Das heißt, er behauptet,

 

dass die Zukunft der gegenwärtigen oder vergangenen Anfangsbedingungen, in Verbindung mit wahren universalen Theorien, rational abgeleitet werden können. Popper verdeutlicht diese Idee mit Hilfe von zwei Forderungen, von denen er behauptet, Laplace wäre mit ihnen einverstanden gewesen:

 

¢ Es darf nicht angenommen werden, dass der Dämon imstande ist, Anfangsbedingungen mit absoluter mathematischer Genauigkeit festzustellen; wie ein Wissenschaftler wird er sich mit einem endlichen Genauigkeitsgrad begnügen müssen.

 

¢ Man muss davon ausgehen, dass der Dämon und der menschliche Wissenschaftler selbst zu der physischen Welt gehören.

 

Damit kann Popper den „wissenschaftlichen Determinismus“ definieren: Er ist die Lehre, dass der Zustand jedes geschlossenen physikalischen Systems zu jedem gegebenen zukünftigen Zeitpunk selbst von einem Beobachter innerhalb des Systems mit jedem festgelegten Genauigkeitsgrad vorausgesagt werden kann, indem man die Voraussage aus Theorien ableitet, in Verbindung mit Anfangsbedingungen, deren erforderlicher Genauigkeitsgrad immer (gemäß dem Prinzip der Berechenbarkeit) berechnet werden kann, wenn das Voraussageproblem gelöst ist.

 

Selbst wenn wir annehmen, dass die Newtonsche Mechanik wahr ist, so hat Newton damit noch keinesweges eine den „wissenschaftlichen Determinismus“ implizierende Theorie aufgestellt und sei es auch nur aus dem Grund, dass er nicht gezeigt hat, dass alle physischen Ereignisse mechanisch sind. Der „wissenschaftliche Determinismus“ kann, was viele Philosophen übersehen haben, nur aus einem physikalischen System folgen, das vollständig ist in dem Sinne, dass es die Voraussage aller Arten von physischen Ereignissen erlauben würde.

 

Die Argumente für den Indeterminismus

 

Popper glaubt, dass die Lehre des Indeterminismus wahr ist und dass der Determinismus jeder Grundlage entbehrt. Wenn wir, so argumentiert er, einen Satz wie „Alle Hunde haben Schwänze“ überprüft haben und er unseren  Prüfungen standgehalten hat, dann wäre es jedoch falsch, aus der Tatsache, dass er wahr ist, zu schließen, dass ein solcher verallgemeinerter Subjekt-Prä­dikat-Satz sich in der Beschreibung der Welt als erfolgreich bzw. dass die Welt eine Subjekt-Prä­dikat-Struktur hat. Ebenso wenig sollte uns der Erfolg oder selbst die Wahrheit mathematischer oder englischer Sätze dazu verleiten, den Schluss zu ziehen, dass die Welt in ihrer inneren Struktur mathematisch oder englisch ist.

 

Das grundlegende Argument gegen den wissenschaftlichen Determinismus und zugunsten des Indeterminismus liefert der Annäherungscharakter aller wissenschaftlichen Erkenntnis. Das zweite wichtige Argument ist das der Asymme­trie zwischen der Vergangenheit und der Zukunft. Da die Vergangenheit nichts anderes ist als das, was geschehen ist, ist es trivialerweise wahr, dass die Vergangenheit durch das Geschehene vollkommen determiniert ist. Die Zukunft hingegen ist im Gegensatz zu der geschlossenen Vergangenheit offen und kann beeinflusst werden: sie ist noch nicht völlig determiniert. Diese Asymmetrie findet man in der Struktur von physikalischen Theorien wieder, und Einsteins spezielle Relativitätstheorie erfüllt diesen Anspruch. In dieser Theorie gibt es für jeden Beobachter bzw. für jedes lokale Inertialsystem eine absolute Vergangenheit und eine absolute Zukunft (die durch ein Gebiet möglicher Gleichzeitigkeit getrennt sind).

Wenn wir nun versuchen, den Laplace’schen Dämon in die spezielle Relativitätstheorie einzuführen, stellen wir fest, dass wir aus dem Informationsgebiet des Dämons eine untere Grenze für die raum-zeitliche Position D berechnen können, und wir stellen weiter fest, dass der Dämon nur ein Ereignis aus seiner eigenen Vergangenheit berechnet hat.

 

Ein drittes Argument: Wir können Resultate, die wir im Laufe des Wachstums unserer eigenen Erkenntnis erreichen werden, nicht wissenschaftlich voraussagen. Man kann heute nicht voraussagen oder vorwegnehmen, was man erst morgen wissen wird.  Man kann das Wachstum unserer theoretischen Erkenntnis nicht durch wissenschaftliche Verfahren voraussagen.

 




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