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Schleiermacher

 

 

SCHLEIERMACHER

 

Vorlesungen über die Dialektik

 

Innerhalb der Kritischen Schleiermacher- Gesamtausgabe sind in zwei Teilbänden die „Vorlesungen über die Dialektik“ erschienen:

 

Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst: Vorlesungen über die Dialektik.

Herausgegeben von Andreas Arndt. Kritische Gesamtausgabe, Zweite Abteilung, Vorlesungen, Band 10.

Teilband 1: 426 S., Ln., 2002.

Teilband 2: 815 S., Ln., 2002, zusammen € 368.—, de Gruyter, Berlin

 

Die beiden Bände enthalten sämtliche überlieferten Manuskripte Schleiermachers, die im Zusammenhang mit seinen seit 1811 an der Berliner Universität gehaltenen Vorlesungen über die Dialektik entstanden sind, ferner Nachschriften zu den Kollegien 1811, 1818/19 und 1822. Als Anhang beigegeben sind ein Manuskript August Twestens zur Vorlesung 1811 sowie bereits gedruckte Auszüge aus Nachschriften der Vorlesungen 1828 und 1831, zu denen uns heute keine Kolleghefte mehr zur Verfügung stehen.

 

Wie der Herausgeber in seiner Einführung schreibt, geht es Schleiermacher in seiner Dialektik um eine „Wissenschaft von den Gründen und dem Zusammenhang aller Wissenschaften“. Diese dürfe jedoch nicht – Schleier­­macher sagt dies gegen Fichte – „auf einem absolut ersten, schlechthin unbedingten Grundsatz“ beruhen. Schleiermacher will vielmehr die von ihm geforderte Wissenschaft als ein Ganzes denken, „in welchem jedes der Anfang sein kann, und alles einzelne gegenseitig einander bestimmend nur auf dem Ganzen beruht .....und so, dass sie nur angenommen oder verworfen, nicht aber begründet oder bewiesen werden kann“. Dennoch muss diese oberste geforderte Wissenschaft sowohl eine Grundlegung der Physik als auch der Ethik leisten können. Spätestens seit den „Grundlinien“ von 1803 fasste Schleiermacher (unter den wechselnden Titeln „Wissenschaft von den Gründen und dem Zusammenhang aller Wissenschaften“, „oberste Wissenschaft“ und „reine Philosophie“) so etwas wie eine philosophische Prinzipienlehre ins Auge, wollte diese jedoch in enger Verbindung mit den philosophischen Realdisziplinen Physik und Ethik zur Darstellung bringen. Mehrere seiner Äußerungen lassen jedoch den Schluss zu, dass ursprünglich eine selbständige Darstellung dieser Prinzipienlehre in einer eigenen Disziplin nicht beabsichtigt war.

 

Dass er 1811 dennoch mit einer solchen selbständigen Disziplin, der „Dialektik“ hervortritt, lässt sich Arndt zufolge mit den Zwängen erklären, in die Schleiermacher nach Eröffnung der Berliner Universität hinsichtlich seiner philosophischen Lehrtätigkeit geraten war. Er konnte hier einer direkten Konfrontation mit Fichte nicht ausweichen, dessen „Wissenschaftslehre“ für ihn lediglich eine „leere“ Transzendentalphilosophie re­präsentierte, die keine im Gleichgewicht mit der Ethik stehende Physik zuließ und die Aufgabe der Vereinigung des Idealen mit dem Realen, des Spekulativen mit dem Empirischen nicht erfüllen konnte. Schleiermacher stand vor der Wahl, entweder Fichte das Feld zu überlassen oder sich mit ihm auf eine direkte Konkurrenz auf dem Gebiet der philosophischen Prinzipienlehre einzulassen. Allerdings konnte er nicht einfach Fichte   eine alternative Wissenschaftslehre gegenüberstellen. Vielmehr mussten die Prinzipien im Zusammenhang mit dem Vollzug des realen Wissens, in dem allein sie sich nach Schleiermachers Auffassung bewähren konnten, aufgesucht und bestimmt werden. Die Prinzipienlehre etablierte sich daher nicht als ein reales Wissen von Prinzipien, sondern als Kunstlehre bzw. Organon des realen Wissens. Für ein solches Unternehmen fand Schleiermacher einen Anknüpfungspunkt in einer auf Platon zurückgehenden Theorie der Dialektik. Auszuschließen ist Arndt zufolge, dass Schleiermacher von Hegels Auffassung des Dialektischen als negativer Bewegung beeinflusst sein könnte, denn eine Rezeption der Phänomenologie des Geistes durch Schleiermacher lässt sich nicht belegen.

Nachdem sich Schleiermacher entschlossen hatte, das Feld der Philosophie nicht Fichte allein zu überlassen, las er im Sommersemester 1811 dreimal wöchentlich in bewusster Konkurrenz zu Fichte über Dialektik. Erhalten sind Schleiermachers Manuskripte zu dieser Vorlesung. Sie werden ergänzt durch eine Nachschrift des Studenten Twesten.

 

Im Wintersemester 1814/15 las Schleiermacher sogar fünfmal wöchentlich. Im Zusammenhang mit dieser Vorlesung entstand eine kompendienartige Darstellung in Form von Paragraphen, die zum Teil mit Erläuterungen versehen wurden. Dabei dachte Schleiermacher ausdrücklich an den Druck eines Lehrbuches. Eine Nachschrift dieser Vorlesung ist allerdings nicht erhalten.

 

Seine dritte Vorlesung über Dialektik hielt Schleiermacher im Wintersemester 1818/19, allerdings nur noch viermal wöchentlich. Davon sind drei Nachschriften erhalten, eine davon ist erst kürzlich entdeckt worden. Schließlich las er 1822 wieder fünfmal wöchentlich über Dialektik. Von dieser Vorlesung sind sechs Nachschriften bekannt.

 

Nach sechsjähriger Unterbrechung nahm Schleiermacher im Sommer 1828 die Arbeit an der Dialektik mit einer erneuten Vorlesung, der fünften, wieder auf. Das letzte Mal las er 1831. Von diesen beiden Vorlesungen sind keine Nachschriften erhalten.

 

Auf der Grundlage des Kollegs von 1831 begann Schleiermacher gegen 1832 mit der Ausarbeitung der Dialektik für den Druck. Bis dahin waren aufgrund von Vorarbeiten fünf Paragraphen der Einleitung ausgeführt worden. Dabei hielt sich Schleiermacher an die Gestaltungsprinzipien der Glaubenslehre, indem er thesenartige Lehrsätze jeweils mit ausführlichen Erläuterungen versah. Dies ist nach Arndt ein Hinweis dafür, dass er seiner Dialektik nicht weniger Bedeutung beimaß als seiner Dogmatik und sie als philosophisches Hauptwerk auch der äußeren Gestalt und dem Umfang dem theologischen als gleichwertig an die Seite stellen wollte. Aber bereits im Herbst 1833 war Schleiermacher zu dem Schluss gekommen, dass dieser Plan für ihn nicht mehr durchführbar sein würde. Nachdem er krankheitshalber seine Vorlesungen absagen musste, beeilte er sich, seine Dialektik fertig zu stellen. Aber er starb vorher, am 12. Februar 1834.

Die Gliederung der Vorlesung stand seit 1811 fest und wurde nicht mehr stark verändert. Allerdings wird der Inhalt unterschiedlich ausgeführt. Auch nach mehrmaligen Anläufen war die Dialektik keinesfalls vollendet, Schleiermacher arbeitete vielmehr bis zu seinem Tode an der geeigneten Darstellungsform, ohne jedoch zu einem Abschluss zu kommen.

 

In der philosophischen Diskussion seiner Zeit wurde Schleiermachers Dialektik kaum wahrgenommen. Die unmittelbare Wirkung der Vorlesungen war dafür zu gering. Aus späterer Zeit gibt es einige Hinweise auf Schleiermachers Dialektik, so eine versteckte Polemik bei Hegel. Diese dürfte allerdings kaum auf einer Kenntnis der Vorlesungen beruhen, vielmehr polemisierte Hegel wohl, weil Schleiermacher eine Dialektik für sich in Anspruch nahm.

 

Schleiermacher hatte seinen wissenschaftlichen Nachlass Ludwig Jonas anvertraut und ihn mit der Herausgabe der Dialektik betraut. Jonas erfüllte dieses Vermächtnis 1839 mit dem 2. Teilband der 3. Abteilung der Sämtlichen Werke Schleiermachers. Dabei bietet Jonas Arndt zufolge - von Kleinigkeiten und der Behandlung der Randbemerkungen abgesehen - einen zuverlässigen Text. Die von Jonas nicht aufgenommenen Manuskripte hat dann Bruno Weiss 1878 im Anhang seiner „Untersuchungen über Friedrich Schleiermachers Dialektik“ publiziert.

 

Der erste Teilband der kritischen Gesamtausgabe rekonstruiert die Vorlesung von 1822, der Anhang bietet eine Neuedition des Notizheftes. Der zweite Band umfasst die Ausarbeitung der Vorlesung 1814/15 sowie die Reinschrift der Einleitung zur Dialektik von 1833.

 

 

 




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