Überzeugungen und Bedeutungen

Vielleicht ist Bedeutung, wie viele Philosophen nahegelegt haben, ein obskurer Begriff. Wollen wir ihn aber bewahren, ist er sinnvollerweise ein sprachlicher. Er wird dann bedeutungstheoretische Aspekte von Ausdrücken beschreiben, insoweit sie sprachlich fixiert sind. Meint man dann, die Klasse dieser Aspekte sei leer, würde das heißen, Sprachen fixierten aus sich heraus keine Bedeutungen. Diese kämen dann sozusagen erst nachträglich zu den bloßen Lauten hinzu, etwa dadurch, dass wir Überzeugungen mit ihnen assoziieren. Die sprachlichen Laute selber aber würden gar nichts bedeuten, weshalb wir den Bedeutungsbegriff auch einfach aufgeben könnten. Statt über Bedeutung redeten wir einfach nur noch über Überzeugungen, kommunikative Intentionen, Wünsche und anderes mehr, was wir durch Sprache ausdrücken. Man mag nun aber auch der Ansicht sein, zumindest gewisse Bedeutungsaspekte seien sprachlich festgeschrieben. Diese zweite Sicht bewahrt den Bedeutungsbegriff als einen interessanten (und sprachlichen) Begriff, und in genau dem Masse, in dem der Überzeugungsbegriff kein sprachlicher ist, können wir uns dann fragen, wie der erstere sich zu dem zweiten verhält.

Betrachten wir nun konkreter Fritz, der sagt: "Mon chien est malade". Wir sind dann vielleicht tatsächlich geneigt anzunehmen, er glaube eben das, was sein Satz bedeutet: dass sein Hund krank ist. Umgekehrt wäre, wenn wir kein Französisch könnten, eine unabhängigerweise begründete Ansicht, er glaube und wolle sagen, sein Hund sei krank, wohl der beste Grund, seinen Satz so zu interpretieren, dass er diesen Überzeugungsinhalt als seine Bedeutung habe. Leider aber ist diese – Überzeugungen und Bedeutungen verschmelzende - Überlegung nicht sehr stichhaltig. Erstens folgt daraus, dass jemand dies oder jenes glaubt, sehr wenig dafür, was seine Sätze bedeuten. Zugegeben, vielleicht möchten wir Fritzens Äußerungen in der Tat so interpretieren, dass sie genau das ausdrücken, was er glaubt. Andererseits aber führt uns unsere Ansicht, Fritz glaube eigentlich, sein Hund sei gesund, doch keineswegs in Versuchung zu sagen, "Mon chien est malade" bedeute in Französisch, er sei gesund. Interpretation und Bedeutung sind eben verschiedene Dinge, und hat man das einmal eingesehen, ist der Weg von Überzeugungen zu Bedeutungen auf einmal gar nicht mehr klar.

Tatsächlich folgt auch umgekehrt aus dem Gebrauch, den ein Sprecher von bestimmten Sätzen mit bestimmten Bedeutungen macht, wenig für die Frage, was er für wahr hält oder glaubt. Wenn ich etwa behaupte, "Ich ließ mein Auto wegrollen", dann bedeutet dieser Satz genau, was er bedeutet, aber wenig folgt für das, was ich glaube. Zwar mag ich etwa glauben, dass ich (dummerweise) zugelassen habe, dass es wegrollt. Aber dass ich das glaube, hat mit der Bedeutung des Satzes nicht direkt zu tun. Niemand glaubt allein deshalb etwas, weil irgendein Satz irgendetwas bedeutet (so wenig wie ein Satz deswegen irgendetwas zu bedeuten scheint, weil irgendjemand etwas glaubt). Insbesondere kann der Satz ja auch bedeuten, ich hätte jemand anders gebeten, mein Auto wegzurollen. Diese Zweideutigkeit hängt mit komplexen Fakten seiner Grammatik zusammen, deren Kenntnis oder Unkenntnis an diesen selbst gar nichts ändert und die sich auf keine für sie essentielle Weise mit möglichen Überzeugungen verbinden. Dieselbe Schlussfolgerung erhalten wir auch auf diesem anderen Weg: Glauben wir, wenn wir sagen "Der Komet zielte auf die Erde, verfehlte sie aber haarscharf", wirklich irgend-etwas von dem, was wir sagen? Nicht jedenfalls dies, dass Kometen auf Dinge zielen und Intentionen haben. Noch weniger folgt daraus, dass ich den Vollmond als eine "glänzende Scheibe" beschreibe, dass ich glaube, er sei irgendetwas anderes als kugelförmig, oder daraus, dass ich sage, man habe London abgerissen und 100 Kilometer entfernt wiederaufgebaut, dass ich die Überzeugung habe, Städte seien abstrakte Objekte, die nicht essentiell an einen bestimmten Ort gebunden sind. Jedenfalls bin ich mir keiner derartigen Überzeugung bewusst.

Legen nun derartige Überlegungen nahe, dass kein direkter Weg von Bedeutungen zu Überzeugungen führt, genau so wenig wie ein direkter Weg in die umgekehrte Richtung? Das wäre wohl zu eilig, denn die Philosophen haben sich von derlei Beobachtungen keineswegs verleiten lassen, Bedeutungen und Überzeugungen zu trennen. Bei Donald Davidson geschieht das im vollen Bewusstsein der desolaten Lage, in die uns die Annahme einer theoretischen Abhängigkeit bringt. Denn sind einem Sprecher keine Überzeugungen zuzuschreiben, ohne die Bedeutungen seiner Sätze zu kennen, seinen Sätzen aber keine Bedeutungen, ohne seine Überzeugungen zu kennen, drehen wir uns im Kreis. Nur eine ingeniöse Methode wird – mit Wittgenstein zu sprechen – eine in einem solchen Fliegennetz verfangene Fliege aus diesem befreien. Doch so soll es sein, meint der primär mit Interpretation, nicht der von dieser oben unterschiedenen Bedeutung befasste Davidson: Überzeugungen (oder Meinungen, Ansichten) und Bedeutungen spielten eine komplementäre Rolle in der Interpretation von sprachlichen Äußerungen. Genauer bedeutet dies für Davidson: unsere Gründe für die Zuschreibungen von Äußerungsbedeutungen und unsere Gründe für die Zuschreibung von Überzeugungen sind nicht unabhängig voneinander. Eine Interpretationstheorie vereinigt darum Elemente des Studiums sowohl von Überzeugungen wie von Bedeutungen.

Bevor wir diese Position mit einem kurzen kritischen Blick näher beleuchten, sei aber zunächst das Feld theoretischer Optionen hinsichtlich unserer Frage abgesteckt. Beziehen wir uns aber auf Davidsons theoretische Entscheidung hinsichtlich unseres The-mas schon einmal hier als auf Option A.

 

Ein Spektrum theoretischer Optionen

Option B ist reduktionistisch im Wesen, und besagt, die Begriffe der Überzeugung und der Bedeutung seien eng verwandt durch den Begriff des semantischen Inhalts, den beide teilten. Dieser Ansicht nach ist die Bedeutung des Satzes "Kleinstein ist ein Poké- mon" nichts anderes als der Gedanke (oder die Überzeugung), die er ausdrückt, wenn ihn jemand äußert. Diese Ansicht hat auch die oben schon angesprochene radikale Variante, dass, wie etwa Jerry Fodor meint, eine Sprache wie etwa das Deutsche überhaupt an und für sich selbst keine Semantik hat. Der Ort, wo es um Semantik geht – das sei allein eine "geistige" Sprache, in der alle Gedanken und Überzeugungen notiert seien, und insoweit das Deutsche eine Semantik habe, leite sie sich ab aus der Semantik jener geistigen Sprache.

Option C dagegen versteht nicht, wie jemand auf die A- oder B-Weisen überhaupt denken kann. Denn die Kognitionswissenschaften legten nahe, dass der menschliche Geist in "Module" gegliedert sei, d.h. in unabhängig voneinander operierende komputationale Systeme, die bereichs-spezifische kognitive Aufgaben lösen. Und es seien verschiedene solcher Module, die für die Bildung von Überzeugungen und für die Konstruktion von Bedeutungen zuständig seien. Eine Version dieser Option legt Steven Pinker nahe, und traumatologische Untersuchungen hirngeschädigter Patienten mögen sie stützen, insofern eine Schädigung des Sprachvermögens die Befähigung zum abstrakten Denken und Meinen in erstaunlichem Maße intakt lassen kann, und umgekehrt. Vielleicht, so Option C, arbeiteten diese beiden Module immer in Konjunktion, aber das heiße nicht, dass ihnen nicht unabhängige Prinzipien zugrundelägen.

Option D, der Noam Chomsky zuweilen nahe kommt, steht Option C durchaus mit viel Sympathie gegenüber, fügt ihr aber hinzu, dass die methodologische Disparatheit der Forschungstraditionen in den Bereichen der Überzeugungen und der Bedeutungen in der Natur der Sache selbst liegt. Während sich Bedeutungen, insoweit sie sprachlich determiniert sind, naturalistischer Forschung öffnen mögen, entsprechen Überzeugungen nicht anders als Wünsche oder Absichten einem völlig anderen, und genau nicht naturalistischen, Zugang zur Welt. Für den Fortgang der Naturwissenschaft, so meinte schon W.V.O. Quine, könnten Begriffe wie "Überzeugung" und "Absicht" keine Rolle spielen. In den Worten von Stephen Stich: "I view ordinary intentional locutions as projective, context sensitive, observer relative, and essentially dramatic. They are not the sorts of locutions that we should welcome in serious scientific discourse." Das Studium von Überzeugungssystemen und den Prinzipien ihrer Revision sind nach dieser Sicht Teil eines empirisch letztlich wenig aufschlussreichen und unabdingbar normativen Diskurses, für den das Studium von sprachlichen Bedeutungen auch irrelevant ist. Ein Blick auf die Praxis zeitgenössischer Theorien, die sich mit dem rationalen Erwerb und der Revision von Überzeugungen befassen, sei es in der Wissenschaftstheorie oder der allgemeinen Epistemologie, zeigt in der Tat, dass sie bedeutungstheoretische Überlegungen gemeinhin entweder bewusst ignorieren (so etwa Isaac Levi) oder aber heftig jene Traditionen kritisieren, die wissen(schafts)-theoretische und sprachphilosophische Fragen vermengen (so etwa Ian Hacking).

Option E schließlich ist die genaue Umkehrung von Option D: es sind sprachliche Bedeutungen, die unabdingbar normativ sind, nicht die Überzeugungen. Bedeutungen sind kulturelle Artefakte, die sich im Spiel der gesellschaftlichen Normen und Konventionen konstituieren und durch Erziehung und Lernen weitervermittelt werden. Überzeugungen aber gehören zur natürlichen biologischen Ausstattung einer Spezies, sie sind Resultate eines Prozesses natürlicher Selektion und werden weitervermittelt durch biologische Vererbung. Über diese Option werde ich hier am wenigsten sagen (da ich sie am wenigsten verstehe).

 

Argumente für und wider Optionen

Option A

Hinsichtlich Davidsons Option A fällt zunächst auf, dass die Abhängigkeit von Überzeugung und Bedeutung keineswegs symmetrisch zu sein scheint. Die Beobachtung einer/s Fremden (d.h., von Gesten, Gesichtsausdrücken, etc.) liefern Anhaltspunkte für die Zuschreibung von Überzeugungen lange bevor wir irgendwelche Anhaltspunkte über die Bedeutungen der Sätze ihrer/seiner Sprache haben. Das liegt auch daran, dass diese Bedeutungen systematisch von der uns im Falle einer fremden Sprachen gänzlich verborgenen grammatischen Struktur der Sätze abhängen, die diese Bedeutungen haben. Dies aber gilt genau nicht für die Überzeugungen, von denen wir nicht einmal wissen, ob sie überhaupt irgendeine grammatische Struktur haben (Intuitionen über ihre Struktur, die wir haben mögen, speisen sich ja im allgemeinen aus Intuitionen über die Sätze, die sie ausdrücken). Wie dem auch sei, wir müssen uns fragen – wie eigentlich schon unsere Unterscheidung von Interpretation und Bedeutung nahelegt - inwieweit Davidsons Position überhaupt zu unserem Thema spricht.

Die Frage nämlich, was die Bedeutung eines Satzes ist, und was ihr Zusammenhang ist mit der Überzeugung, die er zu einem Zeitpunkt seiner Äußerung ausdrücken kann, hat im allgemeinen nichts zu tun mit der Frage, aus welchen Gründen wir einem Sprecher eine Überzeugung und seiner Äußerung eine Bedeutung zuschreiben. "Im allgemeinen" deswegen, weil wir in einem Großteil aller Fälle nicht überlegen, welche Bedeutung wir einem Satz zuschreiben und warum wir das tun. Sie etwa, der Sie diesen Satz gerade lesen, schreiben ihm soeben eine Bedeutung zu, ohne sich dies zu überlegen. Es ist (fast) nie so, dass zunächst unverständliche Laute unser Ohr erreichen, und dass wir uns dann hinsetzen und versuchen herauszubringen, welche Bedeutungen sie wohl transportieren mögen. Vielmehr ist es in aller Allgemeinheit so, dass der Schritt vom bloßen Laut zur Bedeutung gar nicht existiert. Es sind immer schon sinnvolle Sätze, die wir in unserer Erfahrung oder in unserem Bewusstsein vorfinden. Wie unser Gehirn es anstellt, ohne Zeitverzögerung aus einer Menge von Schallwellen logische Formen bzw. Bedeutungsrepräsentationen von Sätzen zu konstruieren, erfahren wir dabei ebensowenig, wie uns die Konstruktionsprozesse bewusst sind, durch die uns unser Sehzentrum alltägliche Dinge zum Bewusstsein bringt.

Kurzum, solange wir mit Davidson davon ausgehen wollen, dass (rationale) Gründe etwas anderes als mechanisch operierende Ursachen sind, so ist Bedeutungskonstruktion nicht anders als visuelle Wahrnehmung schlicht und ergreifend grundlos. Nicht, dass es den Fall der "radikalen" Interpretation (in dem es tatsächlich bloße Geräusche sind, die unsere Kognition erreichen) nicht gäbe. Aber es ist nicht klar, warum eine Bedeutungstheorie für den außergewöhnlichen Fall den Maßstab abgeben sollte für den gewöhnlichen Fall. Im Fall der radikalen Interpretation zählen Gründe sehr wohl, nämlich in der Erwägung und plausiblen Erklärung von als rational angenommenem Verhalten. Im Fall der gewöhnlichen, unbewussten Bedeutungskonstruktion aber geht es um blos-se, automatisch operierende Mechanismen. So scheint es angemessen, von einer Lösung für den einen Fall nicht auf eine Lösung für den anderen zu schließen.

Überhaupt muss der interpretationstheoretische Hintergrund von Davidsons Überlegungen auch deswegen betont werden, weil zunächst nicht einzusehen ist, warum eine Bedeutungstheorie interpretationstheoretisch angegangen werden kann. Interpretationen sind, wie auch Davidson es sieht, menschliche Handlungen, die als rational bewertet werden können. Aber was hat die semantische Mehrdeutigkeit von "Ich ließ mein Auto wegrollen" – für die es eine Standarderklärung in grammatischen Termini gibt – mit Rationalität zu tun, und Bedeutung im allgemeinen mit Handlung?

Interpretation ist zudem eine Handlung, in die neben linguistischem Wissen praktisch die Gesamtheit aller anderen mentalen und sozialen Vermögen des Menschen eingeht: es gibt kaum etwas im Horizont menschlicher kognitiver Aktivität, was nicht potentiell eine Rolle in dem Prozess spielt, in dem ein Interpret in einem Kontext einem geäusserten Satz eine Interpretation zuschreibt. Eine natürliche Konsequenz, die sich deswegen hier nahelegt, ist die, nicht zu erwarten, dass Interpretation mehr als ein Gegenstand für informelle Betrachtung und intuitive Beschreibung sein kann. Daraus folgt aber eben genau nicht, dass etwa die psychologische Erforschung der Berechnung von logischen Formen von Sätzen durch das menschliche Sprachvermögen kein Gegenstand von Wissenschaft sein kann. Insofern aber logische Formen in der generativen Grammatik per definitionen die Repräsentationen von bedeutungsrelevanten Aspekten von Ausdrücken sind, gibt es Bedeutungstheorie mindestens in diesem Sinne auch dann, wenn wir die Interpretationstheorie aufgeben. Freilich verträgt sich eine solche psychologische bzw. mentalistische Bedeutungsperspektive nur schlecht mit einem behaviouristischen Hintergrund, vor dem sich eine ausschließliche Orientierung an menschlichem Verhalten und seiner Interpretation rechtfertigen mag. Aber der Behaviourismus erscheint heute kaum mehr als theoretische Option.

Überhaupt scheint die jüngste Forschung zu bestätigen, dass man sich seinen anfänglichen Eindruck, eine Theorie, die Bedeutungen und Überzeugungen zugleich und in ihrem internen Bezug zu ihrem Thema macht, müsse hoffnungslos sein, bewahren sollte. Zu erwähnen ist hier insbesondere die zentrale – und in Davidsons jüngerem Werk wieder sehr viel stärker betonte - entscheidungstheoretische Komponente seiner Theorie. Tatsächlich bleiben nämlich Überzeugung und Bedeutung auch bei aller angenommenen Verwobenheit auch bei Davidson verschiedene Begriffe. Eine Theorie, die beide erschliessen soll, muss sie daher irgendwie auch trennen, und nach Davidsons Vorstellung sind es allein Daten, die mit dem rationalen Entscheidungsverhalten eines Menschen zu tun haben, die dies leisten müssen. Genauer sollen Beobachtunen darüber, wann ein Agent welche Geräusche gegenüber welchen anderen Geräuschen vorzieht (präferiert), zu einer Theorie seines sprachlichen Wissens in seiner ganzen syntaktischen Komplexität führen. Wer hier verblüfft ist, sei auf Davidsons Artikel von 1990 verwiesen, und Isaac Levis kritische Replik darauf.

In seinem Buch Belief and Meaning hat Akeel Bilgrami einen neuartigen Blick auf unser Thema geworfen, der von Davidson zwar stark beeinflusst ist, aber gleichwohl neue Wege geht. Er unterscheidet sich tendentiell darin, dass der Überzeugungsbegriff als Grundbegriff einer Analyse von intentionalen Gehalten aufgewertet, und die Idee einer systematischen Bedeutungstheorie abgewertet wird. Die beiden Begriffe stehen also gleichsam nicht mehr auf einer Stufe. Anders formuliert, ein relativ autonomer Be-griff sprachlicher Bedeutung existiert einfach nicht mehr. Näherhin ist, so Bilgrami, der semantische Gehalt eines Worts eine Sache von Begriffen (concepts), diese aber nichts als die Sammlungen der Überzeugungen, die ein Sprecher der Sprache mit diesem Wort verbindet. Genauer besehen aber, meint Bilgrami, gibt es gar keine Konzepte, die Worten kontext-invariant zukommen. Wird aber Bedeutung in diesem Sinne ein rein lokales Phänomen, verliert sich die Idee einer Bedeutungstheorie in genau dem Masse, in dem diese von der Idee kontext-invarianter Bedeutungen abhängt. Es ist nur zu erwarten, dass Bilgrami auf diesem Wege in die Lage gerät, mit einer ganzen Reihe von substantiellen Voraussetzungen der analytischen Sprachphilosophie in einen interessanten Konflikt zu geraten.

Option B

Die analytische Sprachphilosophie in der Folge von Gottlob Frege hat von jeher einen systematischen Zusammenhang zwischen Gedanken (Überzeugungen, Meinungen) auf der einen Seite, und (sprachlichen) Bedeutungen auf der anderen Seite gesehen. Das liegt zum Teil wohl am Anliegen der Fregeschen Sprachphilosophie, eine ideal-sprach-liche Ausdrucksform für mathematische Gedanken zu entwerfen, da natürliche Sprachen als solche Ausdrucksmittel in verschiedener Hinsicht unzureichend sind. Die Perspektive auf natürliche Sprachen ist aber gleichwohl dann auch in der Nachfolge Freges die, dass die Interpretation oder (für gegebene Zwecke) die Bedeutung eines Satzes der Gedanke oder die Proposition ist, den oder die er ausdrückt.

Die Verschmelzung von Gedanke/Über-zeugung und Bedeutung sehen wir hier also wieder im vollen Gange. Deutlich wird sie ebenfalls in der heute sehr verbreiteten Ansicht, dass im Falle einer Überzeugungszuschreibung wie "Frau Frege glaubt, Gottlob ist verwundet", die Bedeutung des Satzes "Gottlob ist verwundet" zugleich der Inhalt der Überzeugung ist, die Frau Frege zugeschrieben wird. Das identifiziert zwar nicht Bedeutungen mit Überzeugungen, sondern mit ihren Inhalten. Andererseits aber ist der Inhalt der Überzeugung der, dass Gottlob verwundet ist, und nichts anderes als eben dies ist auch die Überzeugung von Frau Frege. Kurzum, obwohl es zuweilen geboten scheint, Inhalte von Überzeugungen von Überzeugungen zu unterscheiden, heißt, Satzbedeutungen mit Überzeugungsinhalten zu identifizieren, oft nicht weniger als dies, Satzbedeutungen mit Überzeugungen zu identifizieren.

Tatsächlich würde ohne eine solche Identifikation die seit langem populäre Frage sinnlos, was die Kriterien der Individuation von Satzbedeutungen bzw. Propositionen sind. Denn betrachten wir folgende gängige Argumentation. Nehmen wir an, dass die beiden Nominalphrasen in den Sätzen "Gottlob ist verwundet" und "Herr Frege ist verwundet" dieselbe Person bezeichnen, und dass deshalb beide dasselbe bedeuten. Das würde dann auch heißen, dass die Sätze "Frau Frege glaubt, Gottlob ist verwundet" und "Frau Frege glaubt, Herr Frege ist verwundet" dasselbe bedeuten. Das aber, so die Argumentation, ist nicht der Fall, denn man könnte sich ohne weiteres Umstände vorstellen, in denen einer dieser Sätze für wahr gehalten würde (weil Frau Frege die ihr zugeschriebene Überzeugung hätte), der andere aber für falsch (weil sie sie nicht hätte). Also, so der Schluss der Argumentation, muss die angenommene Bedeutungsidentität falsch sein, denn sie reflektiert nicht die Individuation von Überzeugungen. Wir sehen in dieser Ar-gumentation die Forderung, dass die Bedeu-tungsindividuation mit der Überzeugungsindividuation parallel laufen muss.

Ob dies aber die Methodologie unserer Erforschung sowohl von Bedeutungen wie von Überzeugungen in die richtige Bahnen lenkt, kann auch bestritten werden. Erstens ist die zentrale Beobachtung der gerade angeführten Argumentation radikal kontextabhängig in dem Sinne, dass nicht absolut festgelegt ist, ob die von "Gottlob ist verwundet" und "Herr Frege ist verwundet" ausgedrückten Gedanken identisch sind oder nicht. Auch jemand, der wüsste, dass die beiden darin vorkommenden Nominalphrasen koreferentiell sind, könnte sich einmal so, einmal so entscheiden. Es wird von seinen Interessen und Hinsichten abhängen. Anders aber scheint zweifelhaft, ob bedeutungstheoretische Fragen im engeren linguistischen Sinne ebenfalls in dieser Weise kontextrelativ sind. Jedenfalls gilt auf kontextunabhängige Weise, dass sich "sie" in "Maria liebt sie" auf eine von Maria verschiedene Person bezieht. Anders als die Identität von Gedanken liegt das nicht in unserem Befinden. Es ist ein semantisches Faktum, dass aus der Grammatik des Satzes folgt. Nichts folgt aus ihm für das, was jemand glauben mag, der den Satz benutzt (tatsächlich könnte ihn ja auch jemand aus irgendwelchen Gründen so gebrauchen, dass "Maria" und "sie" sich auf dieselbe Person beziehen), und kein noch so starker Glaube und keine Volksabstimmung könnte das grammatisch-semantische Faktum ändern oder seine Ursache sein.

Überzeugungen und Bedeutungen folgen zudem anderen Prinzipien darin, dass es wohl keine nicht-triviale Überzeugung gibt, die wir, wenn wir sie haben, nicht im Prinzip aus bestimmten Gründen revidieren könnten, und dieser Aspekt scheint für Überzeugungen genau so zentral zu sein, wie er marginal ist für Worte und Sätze. Worte und Sätze sind zunächst einfach gewisse hochkomplexe Objekte, und was soll es heißen, bestimmte "Objekte zu revidieren"? Was könnte es für ein Unterfangen sein, die Bedeutung eines Wortes wie "noch" zu revidieren? Auch die Bedeutung eines Satzes liegt in einer gewissen Weise nicht an uns: wir können uns nicht einfach entscheiden, dass der obige Auto-Satz ab sofort nicht mehr zweideutig ist. Genausowenig können wir befinden, dass das Wort "Wasser" ab sofort ein Zahlwort und kein Massenwort mehr ist, so dass wir von nun ab sagen können: "drei Wasser", so wie wir jetzt sagen können: "drei Eimer".

Dem radikalen Vorschlag Fodors zu folgen, natürlichen Sprachen tendentiell überhaupt eine Semantik abzusprechen und nur noch eine Semantik für die Sprache des Denkens anzunehmen, scheint gleichermaßen problematisch, wie besonders Chomsky in seinem jüngsten Buch argumentiert. Seit mehr als 50 Jahren widmet sich die Grammatik- theorie der Frage, wie bedeutungstragende Strukturen in einzelnen natürlichen Sprachen vom Gehirn berechnet werden. Seit noch viel längerer Zeit sind Übersetzer geplagt von der Schwierigkeit, die von solchen Sprachen generierten Strukturen ineinander zu übersetzen. Das ist immer eine Sache, die nur mehr oder weniger gut gelingt, und oft scheint gar keine eins-zu-eins Übertragung möglich. Wo ist die Evidenz, es gäbe ein universales bedeutungstragendes Medium, eine Sprache des reinen Gedankens, die die Stabilität von Bedeutung garantierte und auf die alle von natürlichen Sprachen produzierten Strukturen ein-zu-eins abbildbar wären? Peter Carruthers meint denn auch, es seien natürliche Sprachen, in denen wir dächten, und das wenigste, was man über diese Position sagen kann, ist, dass sie sehr viel näherliegt!

In neuerer Zeit schlägt die für Option B charakteristische Verschmelzung von Überzeugung und Bedeutung noch ganz andere Blüten. So versteht auch Robert Brandom unter der Bedeutung eines Satzes die Überzeugung, die er ausdrückt, versteht Überzeugungen aber weiter als Verpflichtungen (commitments), die Sprecher im Verlaufe eines Sprachspiels auf sich nehmen. Damit wird der Bedeutungsbegriff natürlich genau so normativ wie der Verpflichtungsbegriff, der ihn interpretiert. Die vorgängige Argumentation freilich hat zur Konsequenz, dass semantische Eigenschaften von Sätzen mindestens partiell grammatisch fixiert sind. Bedeutungen, zumindest insoweit sie in dieser Weise sprachlich fixiert sind, haben nichts mit deontischen Verpflichtungen zu tun. Vielleicht aber könnte man diesen Widerspruch so auflösen, dass er terminologisch ist: Brandom und seine Nachfahren verstehen unter "Bedeutung" einfach keinen rein linguistischen Begriff mehr, sondern einen Begriff, der eine Menge anderer Aspekte einschließt, die etwa mit Weltwissen, mit der Rationalität, Politik und Ethik sprachlicher Kommunikation, normativer Epistemologie und anderem mehr zu tun haben.

Optionen C und D

Optionen C und D beziehen eine Befriedigung aus der Tatsache, dass verfügbare theoretische Modelle von Überzeugungen entweder (i) im Kern normativ sind, oder (ii), insoweit das nicht der Fall ist, stark programmatisch sind, was man beides nicht in derselben Weise für das naturalistische Studium sprachlicher Bedeutungen sagen kann.

Zu (i): In der Tat sind eine große Zahl theoretischer Untersuchungen von Überzeugungssystemen von der Frage gesteuert, welche Überzeugungen wir wann erwerben oder aufgeben sollten. Das gilt etwa für Isaac Levis einflussreiches Werk, und das Forschungsgebiet der Glaubensrevisionen in der AGM-Tradition (Gärdenfors 1990), das Levis Werk philosophisch motiviert. Das schließt zwar nicht aus, auch empirisch zu fragen, wann wir wie unsere Überzeugungen verändern. Aber diese empirische Frage wird tendentiell auf der Folie von normativ-logischen Modellen derartiger Veränderungen vonstatten gehen, und genau nicht auf einem unabhängig und empirisch motivierten Konzept von Überzeugungen beruhen. Tatsächlich müssen wir uns eingestehen, dass wir schlicht nicht wissen, ob es so etwas wie Überzeugungen wirklich in der Natur gibt, ob "Glauben" und "Denken" wirklich Prozesse im menschlichen Geist mit mehr oder weniger jenen Eigenschaften sind, die wir ihnen im Alltag zuschreiben. Noch weniger wissen wir, ob "Glauben" oder "Denken" einen "modularen" Charakter hat in der Weise, wie die Kognitionswissenschaften ihn dem Sprachsystem zuzuschreiben geneigt sind. Wenn ja, ist nicht klar, wieso die Prinzipien seines Funktionierens die sein sollten, nach denen das Sprachsystem die bedeutungsvollen Strukturen generiert, die die generative Grammatiktheorie mit Erfolg erforscht. Wenn nein, hätte vielleicht Steven Pinker Recht, dass "Denken" gar kein in sich einheitlicher Prozess ist, sondern selbst in eine große Zahl einzelner, spezialisierter Mini-Module zerfällt. Und es wäre aufs neue nicht einzusehen, wieso diese Einsicht etwas mit der Struktur von Bedeutungen zu tun hat.

Zu (ii): Andere Modelle postulieren Überzeugungen in der Tat als wirkliche Entitäten auf nicht-normativer Basis, etwa als Zustände des Gehirns, die durch gewisse kausale Relationen zur Welt zustande kommen und erklärt werden können. Aber derartige Theorien und Modelle bewegen sich eher auf der Ebene, dass gesagt wird, ein derartiges Konzept von Überzeugungen sei möglich (Inten-tionalität sei naturalisierbar, etc.), haben aber weniger das Moment von messbarem Fortschritt und substantiellen theoretischen Resultaten, das die Sprach- und Bedeutungs-theorie an den Tag legt.

Was also nun?

Das Spektrum der Positionen mag Hoffnungslosigkeit erwecken, aber das Gegenteil sollte der Fall sein: Dinge sind in Bewegung, und man erkennt die Notwendigkeit, theoretische Grundsatzentscheidungen zu fällen, ohne die weitere empirische Forschungen in die Gefahr geraten, in ein theoretisches Vakuum hinein zu forschen. Dass die Philosophie als Grundlagenreflexion auf theoretischer Ebene hier sehr nützlich sein kann, ist dabei genau so offensichtlich, wie dass der Forschungsgegenstand ein höchstes Maß an Interdisziplinarität voraussetzt.

 

Literatur

Einführungen/Reader

Geirsson, H. und Losonsky, M. (eds.):

Readings in Language and Mind, Oxford 1996.

Im Text genannte Literatur

Bilgrami, A.: Belief and Meaning, 1992, Blackwell, Oxford (im Buchhandel vergriffen). Ein innovatives Buch, das Gedanken Davidsons weiterführt und zu Option A gehört.

Brandom, B.: Making it Explicit - Reasoning, Representing, and Discursive Commitment. 768 p., pbk., £ 17.95, Harvard University Press, Cambridge/Mass.; in deutscher Übersetzung: Expressive Vernunft, Begründung und diskursive Festlegung, 2000, Suhrkamp, Frankfurt a.M. Siehe auch: Brandom, R.: Begründen und Begreifen. Eine Einführung in den Inferentialismus, Suhrkamp, Frankfurt a.M. Eoim grossangelegter, an der Fregeschen Sprachphilosophie orien- tierter Versuch zur Option B.

Carruthers, P.: Language, Thought, and Consciousness. Essays in Philosophical Psychology. Coth £ 37.50, pbk. £ 14.95, Cambridge University Press, Cambridge. Enthält eine neue empirische These zum Verhältnis von Sprache und Denken, die sich kritisch auf Fodors These von der Sprache des Geistes bezieht (Option C zuzurechnen).

Chomsky, N.: New Horizons in the Study of Language and Mind, cloth £ 35.--, pbk. £ 12.95, 2000, Cambridge University Press. Enthält Chomskys grundlegende Kritik von Grundannahmen der analytischen Sprach- philosophie (Option D).

Davidson, D.: The Structure and Content of Truth, The Journal of Philosophy 87, 279-328. Ein Artikel Davidsons, in dem besonders die entscheidungstheoretische Komponente seiner Bedeutungstheorie zur Geltung kommt (die in meinen Augen beste Darstellung von A).

Fodor, J.: Concepts. When Cognitive Science went wrong. Xii, 174 p., cloth £ 30.-pbk. £ 13.--, 1998, Oxford University Press. Oxford. Eine Begriffstheorie im Rahmen der Fodorschen Repräsentationalen Geisttheorie (Option B).

Gärdenfors, P.: Knowledge in Flux. Modelling the Dynamics of Epistemic States. Xii, 174 p., 1990 cloth £ 30.--, pbk. £ 13.--, MIT-Press, Cambridge (Mass.) Ein normatives Modell der Revision von Überzeugungen, das auf bedeutungstheoretische Überlegungen ganz verzichtet.

Hacking, I.: Representing and Intervening. 297 p., pbk., £ 17.95, 1983, Cambridge University Press, Cambridge. Enthält eine Kritik der Überbewertung gewisser bedeutungs- theoretischer Überlegungen in der Wissen- schaftstheorie.

Levi, I.: The Enterprise of Knowledge. 480 p., pbk., £ 14.95, 1980, MIT-Press, Cambridge/Mass. Levi hält bedeutungstheoreti- sche Fragen in der Überzeugungstheorie für grundsätzlich irrelevant.

Levi, I. : "Representing Preferences: Donald Davidson on Rational Choice", in L.E. Hahn (Hg.), The Philosophy of Donald Davidson, 1999, Open Court. Eine Kritik an Davidsons Bedeutungstheorie aus entscheidungstheore- tischer Perspektive.

Pinker, S.: How the Mind Works, 1997, £ 10.--, Penguin Books. Option C. Enthält eine Verteidigung der evolutionspsychologischen These, dass, was wir intuitiv "Denken" nennen und als einheitlichen Prozess begreifen, in eine Vielzahl unabhängiger "Module" zerfällt.

Zu neuen erwähnten grammatologischen Untersuchungen siehe etwa Varley and Siegels Bericht in Current Biology Band 10, 2000, S. 723.

Das Zitat von Stephen Stich stammt aus:

Stich, S., "Narrow Content meets Fat Syntax", in Loewer/Rey (eds.), Meaning in Mind, Blackwell 1992, 240.

Autor

Wolfram Hinzen hat im Fach Philosophie promoviert und ist Assistent an der Universität Regensburg.