Fortschritt und Fortschrittspessimismus

Vom Neandertal zu Gentechnologie und Raumfahrt

Mit dem Wort “Fortschritt” meine ich den wissenschaftlich-technischen Fortschritt, die Zunahme an Kenntnissen und Erfindungen und ihre praktische Anwendung.  Ich benutze das Wort deskriptiv, ohne Wertung. Ich versuche nicht, es zu definieren, sondern gebe nur ein paar Beispiele. Das Mobiltelefon ist gegenüber reitenden Boten ein Fortschritt; das Maschinengewehr ist gegenüber Pfeil und Bogen ein Fortschritt; das elektrische Licht gegenüber dem Kienspan; und die Atombombe gegenüber dem Maschinengewehr. Eine gute Brille ist für den Kurzsichtigen bestimmt ein Fortschritt.

 Man hat immer schon gefragt, wie Fortschritte zu bewerten sind. Hat der Fortschritt unser Leben verbessert? Zum Bewerten braucht man einen Maßstab, und das ist kein leichtes philosophisches Problem. Ich will mich mit konkreten Beispielen begnügen. Ich weiß nicht genau, was ein gutes Lebens ist; aber ich weiß, dass ein Leben ohne Zahnschmerz besser ist als eines mit; oder dass ein Leben in zentralgeheizten, hell erleuchteten Räumen besser ist als in kalten, nassen, finsteren Höhlen. Ein Leben ohne Angst vor Pestilenz und Hungersnot ist besser als eines mit.

Hat also der Fortschritt unser Leben seit dem Neandertal verbessert? Früher hat es darauf enthusiastische Antworten gegeben. Die ersten Staatsutopien (Campanella, Bacon, Morus) am Beginn der Neuzeit erwarten vom Fortschritt der Technik unglaubliche Verbesserungen des menschlichen Lebens. Dabei spielt auch das moralische bzw. soziale Argument eine wichtige Rolle. Die meisten Verbrechen geschehen aus Not. Wenn jedermann genug materielle Güter zur Verfügung hat – wer wird noch stehlen? Und nur der Fortschritt wird diese Güter produzieren lassen. So befördert der Fortschritt die Moral. Gleichzeitig kann die tägliche Arbeitszeit stark reduziert werden, so dass der Mensch endlich Zeit für Kultur und Vergnügen findet. Kurz: es wird allen besser gehen, und das Leben wird schöner, inhaltsreicher. So waren die Träume im 16. Jahrhundert.

Man könnte auch zurückblicken. Die Zähmung des Feuers zum Kochen und Wärmen, das Kultivieren von Nutzpflanzen und Haustieren, das alles sind Fortschritte, und sie haben das Leben besser und sicherer gemacht. Auch noch die wildesten Kritiker geben das zu.

Aber je näher wir zur Gegenwart kommen, desto weniger begeistert wird die Bewertung des Fortschritts, desto negativer, pessimistischer. Das geht schon mindestens 200 Jahre so. Grob gerechnet gibt es in etwa folgende Typen von Kritik: 1. Die Welt wird immer unwirtlicher, unheimlicher, 2. Der Fortschritt wird immer gefährlicher, 3. Gesellschaftliche Argumente.

 I. Die Unwirtlichkeit der (jeweils) modernen Welt.

 Diese Argumente drücken ein Unbehagen darüber aus, dass man sich in seiner Welt nicht mehr wohl, nicht richtig zu Hause fühlt,  sondern diese als unheimlich wahrnimmt.

Man klagt, dass durch das Telefon und später durch die elektronische Post die schöne alte Kunst des Briefschreibens verloren gegangen ist, und durch das Fotografieren die Kunst des Zeichnens. Goethe könnte heute nicht mehr so aufnahmefähig auf eine italienische Reise gehen, mit dem Zeichenblock.

Dagegen kann man einwenden, dass niemand gezwungen wird, zu fotografieren, statt zu zeichnen, und dass die Mehrzahl der Menschen offenbar lieber telefoniert und fotografiert, anstatt Briefe mit persönlichen Zeichnungen zu versenden. Die Leute gewöhnen sich schnell an den Komfort und geben dafür gerne die alten, unbequemen Lebensformen auf, und wer hat denn eigentlich das Monopol auf eine Definition vom guten Leben? Wer soll denn das Recht haben, den Leuten, die lieber emailen, zu deklarieren, dass das ein schlechteres Leben ist, als zum Gänsekiel etc. zu greifen?

 Oft wird über das zunehmende Tempo des Fortschritts geklagt. Der Fortschritt  hat sich so beschleunigt, dass die Menschen dem nicht gewachsen sind. Er zwingt den Menschen ein unnatürliches Tempo auf, und er zwingt uns, dauernd neue Dinge zu lernen. Die Welt ist damit ungemütlich geworden. Die ältere Generation, die mit den neuesten Techniken nicht mehr Schritt halten kann, wird ausgegrenzt, abgewertet, sie ist dem jeweils modernen Leben nicht mehr gewachsen. Das Ideal der Gesellschaft sind Leute unter 30.

Früher, vor bald 200 Jahren, gab es auch Klagen über das Tempo des Verkehrs. Gegen die Eisenbahn sagte man damals, dass sie das Reisen entwertet, weil die vielfältigen Erlebnisse einer Reise z.B. in der Kutsche wegfallen, wenn man mit dem Zug durch das Land rast. In der Eisenbahn fliegen die Eindrücke so schnell vorbei, dass man sie gar nicht aufnehmen kann, das ist eine Belastung der Seele, und das Reisen ist nicht mehr interessant.

 Auf so einen Einwand antwortet man heute als Techniker gar nicht mehr, er scheint sich von selbst erledigt zu haben. Niemand fährt mit dem romantischen Schiff seekrank nach Amerika, wenn es Düsenflugzeuge gibt, möglichst mit Überschallgeschwindigkeit. Die Fahrt mit der Museumseisenbahn oder der Postkutsche ist nur noch eine Nostalgie – niemand möchte dafür im Ernst den Intercity-Express eintauschen. Eher möchte man noch schneller fahren.

 Seinerzeit waren andererseits mit der Eisenbahn ganz besondere Erwartungen verbunden. Das Reisen weite den Horizont, hat man gesagt. Der gesteigerte Verkehr werde den Frieden sichern, und den Nationalismus überwinden. Der Brockhaus von 1838 (POT I S. 362) hat einen begeisterten Artikel “Eisenbahn”. Die Eisenbahnen werden “eiserne Trauringe der Völker”. Sie bringen die Menschen zusammen und vernichten alle Vorurteile. Das waren schöne Illusionen.

 Schon beim Bau der Eisenbahnen ist auch viel über die Zerstörung der Natur geklagt worden, über die Verschandelung der schönen Landschaft. Andererseits war man früher auch stolz, wie schön der Mensch seine Bauwerke in die Natur einfügen kann und so die Welt mit Tempeln oder Aquädukten verschönert. Goethe hat ein Gedicht auf ein Aquädukt bei Spoleto geschrieben. Und die alten Bahnhöfe von früher gefallen uns durchaus. Aber von einem heutigen Flughafen oder einem Autobahnknoten sagt niemand mehr im Ernst, das sei schön. Die Technik hat die Welt inzwischen hässlich gemacht, abstoßend. Darauf wird geantwortet, dass erstens nicht alle Leute so empfindsam sind und dass zweitens der Fortschritt eben seinen Preis hat, wobei aber drittens gar nicht so sicher ist, ob ohne den Fortschritt nicht viel mehr von der Natur zerstört werden würde.

 Die ältesten Argumente sind sicher die psychologischen, emotionalen, lange bevor äussere Schäden oder Nachteile des Fortschritts bemerkbar waren. In einem daoistischen Text ungefähr aus dem 4. Jhdt. v.C., gibt es eine einschlägige Geschichte. Ein Gärtner steigt mühsam in den Brunnen, um Wasser zu holen. Er kennt auch eine modernere Technologie, den Ziehbrunnen; aber er benützt sie nicht, weil er sein Herz nicht an Maschinen binden will. Der Text stammt bestimmt nicht von einem wirklichen Gärtner, sondern von einem Intellektuellen, der keinen wirklichen Gemüsegarten gießen musste.

 Im 18. Jahrhundert wird Rousseau berühmt mit seiner Kritik der Zivilisation. Die “primitiven” oder “wilden” Völker führten ein einfaches, moralischeres, glücklicheres Leben. Das war das Goldene Zeitalter der Menschheit. Wissenschaft und Technik bringen Luxus und Sittenverfall. (Rousseau, Diskurs 1750). Zwar wollte auch Rousseau nicht bis ins Neandertal zurück, aber doch ein ganzes Stück weit.

Später hat man oft und oft gesagt, die Technik zerstört alle “rein geistigen Werte”. Nicht mehr das Wahre, Gute und Schöne werden geschätzt, sondern das Nützliche, Verkaufbare. Der Fortschritt führt zu einer “Amerikanisierung der Welt” (Das Wort schon um 1870, auch in Frankreich). Die Befreiung von Arbeitslast hat Langeweile hinterlassen. Die Leute haben nichts zu tun. Sie brauchen Beschäftigung und erwarten sie – von der Technik.

Darauf ließe sich sagen, die Kritiker haben als Ideal den Bildungsbürger oder Philister, den romantischen, begüterten Schwärmer des 19. Jahrhunderts. Die stimmungsvolle Innerlichkeit hat es niemals wirklich gegeben, die Leute hatten hauptsächlich zu arbeiten. Die Kritiker sind nicht ehrlich, sie beschreiben frühere Zeiten viel zu schön, sind aber froh, nicht in ihnen leben zu müssen.

II. Die Gefährlichkeit des Fortschritts.

Jeder Fortschritt wird als erstes zum Töten von Menschen eingesetzt. Das ist ein Vorwurf mindestens seit es das Schießpulver gibt. Anfangs hat es zwar auch positive Stimmen dazu gegeben: Das Schießpulver, wurde gesagt, macht die Kriege kürzer und humaner, die Armeen könnten kleiner werden, es wird nicht so viele Tote geben. Das hat man nicht sehr lange behaupten können.

 Bei jeder Entdeckung muss man fragen, welche neuen Schrecken sie bringen wird. Die Vision eines Atomkrieges ist ebenso alt wie die Entdeckung des Kernzerfalls. Schon 1914 schildert ein Roman von H.G. Wells, The world set free, einen globalen Atomkrieg. (Das Wort “Atombombe” steht schon drin.)  40 Jahre später ist die erste Atombombe abgeworfen worden.

 Dagegen ist gesagt worden, letzten Endes werden die Waffen so schrecklich, dass es keine Kriege mehr gibt. (So noch A. Glucksman) So macht der Fortschritt den Krieg unmöglich. Plausibler ist, dass der Fortschritt immer schlimmere Kriege ermöglicht.

 Das Golem-Argument (Zauberlehrlings-Argument):

Das ist die Sorge, die Technik könnte uns entgleiten, könnte nicht mehr beherrschbar werden. Der Golem war ein Roboter, der schon dabei war, seinem Konstrukteur gefährlich zu werden. (Auch die Geschichte von Frankenstein, erstmals 1818, gehört in diese Rubrik.) Zunächst waren das nur phantastische Geschichten. Aber unsere gesamte Erfahrung mit dem Automobil ist so eine Golem-Geschichte. Das Auto dominiert die Stadtplanung, das Auto zerstört die Städte, macht sie wirklich unwirtlich, zugleich ist es ein Wirtschaftsfaktor, d.h. ohne Auto gäbe es die größten Wirtschaftskrisen. Das Auto hat uns abhängig gemacht.

 Inzwischen ist es denkbar, dass es einmal nicht gelingt, eine atomare Reaktion abzuschalten, zu beenden; oder dass eine genetische Bastelei unbeherrschbare Folgen haben könnte. Der Techniker kann darauf nur sagen, dass er für alles nur erdenkliche vorgesorgt hat. Aber das wirkt heute nicht allzu beruhigend.

 Die Sorge vor Katastrophen hat zugenommen. Tschernobyl hat vor allem eines gezeigt, dass die Techniker auch von wirklich großen Katastrophen nicht zu beeindrucken sind. Sie versichern uns, dass die Technik immer sicherer wird, sie sagen, es wird schon nichts passieren, die Technik schreitet ja weiter und löst jedes Problem. Wer denn sonst soll die Probleme lösen? So erhoffen wir vom künftigen Fortschritt, dass er die Probleme lösen wird, die der gegenwärtige Fortschritt erzeugt. Wir kümmern uns nicht um den radioaktiven Müll – es wird irgendwann schon irgendwie gehen.

 Beklagt wird auch, wie die Menschen sehenden Auges die Welt unwirtlich oder vielleicht unbewohnbar machen. Veränderungen des Klimas werden beredet, aber man tut nichts. (Auch das schon in der Antike: Wüstenbildung durch Abholzen etc.). Man betreibt weiter “Raubbau”: die natürlichen Ressourcen sind begrenzt und wachsen nicht nach. Aber sie werden hemmungslos abgebaut.

 III. Gesellschaftliche Argumente

 Der Fortschritt führt zu einer schleichenden, aber massiven Umwertung aller Werte. Theoretisch kann man natürlich sagen, nicht die Wissenschaft und nicht die Technik sind entscheidend, sondern was wir daraus machen. Und das hängt von unserem Wertesystem ab, wir sind schließlich freie Vernunftwesen. Aber so rational geht es in der Welt nicht zu. Unser Wertesystem hat sich vielmehr ganz der Technik angepasst. Wir handeln verantwortungslos gegenüber kommenden Generationen. Gegenüber der Natur empfinden wir überhaupt keine Verantwortung. Wir beklagen jedes Terror-Opfer, nehmen aber die Verkehrstoten hin. Und es sind viel, viel mehr.

Gandhi behauptet irgendwo von den alten Indern: sie hätten es schon gekonnt, Maschinen zu erfinden; sie hätten es aber nicht getan, um nicht zu Sklaven ohne moralisches Fühlen zu werden. Ich bezweifle das stark. So edel und spirituell geht es nicht zu, auch nicht in Indien. Es gibt sicher weniger edle Gründe für die technologische Rückständigkeit mancher Länder.

Der Fortschritt produziert regelmäßig den Verlust von Arbeitsplätzen. Aber deswegen ist er noch nie aufgehalten worden. Er ist ein höherer Wert als soziale Stabilität und ein sicheres Leben für alle Bürger. Niemand zerstört heute noch Maschinen, aus hilfloser Wut über ihre asozialen Folgen. Das ist der härteste Vorwurf, und er ist leider korrekt. Es gibt in unserer Gesellschaft keine befriedigende Antwort darauf, außer der, dass doch auch Arbeitsplätze geschaffen würden. Das stimmt eher zufällig. Maschinen werden grundsätzlich gebaut, um Menschen zu ersetzen. Um die sozialen Folgen soll sich kümmern, wer mag, es geht die Technik und die Finanzwelt nichts an.

Früher, irgendwann einmal, hat man gemeint, der Fortschritt wird Schluss machen mit den alten tyrannischen Kaisern und Königen. Die Leute werden zu gut informiert sein. Nur Dumme kann man tyrannisieren. Inzwischen sprechen die Diktatoren im Fernsehen. Technik hat noch nie eine Diktatur verhindert.

Die Menschen werden zwar intellektuell-technologisch klüger, aber umso besser manipulierbar. Sie werden nicht rationaler. Gerade die nüchternen Menschen des technologischen Zeitalters laufen den obskursten Sekten, Gesundbetern, Fanatikern und Demagogen aller Art nach. Die Menschheit habe sich moralisch nicht so schnell entwickelt wie technologisch. Die Moral hinkt nach bzw. müsste erst entsprechend entwickelt werden. Aber keiner weiß, wie das gehen könnte.

Durch die Technisierung ergibt sich eine starke Reduktion sozialer Bindungen. Jedermann hat Geräte für alles mögliche und hängt  - scheinbar - nicht mehr von anderen ab. Man schreibt keine Briefe, sondern sitzt allein vor dem Bildschirm. Massenproduktion führt zur Vermassung, Depersonalisierung, Verlust von Kreativität. Handarbeit verliert ihren Sinn. Musizieren verliert seinen Sinn – die CD kann es viel besser. Der Mensch braucht keine Phantasie mehr und keine Visionen. Darauf ließe sich zynisch erwidern, dass das genau den Bedürfnissen der meisten Menschen entspricht. Die Technik hat sich nur Bedürfnissen der Menschen angepasst, die Actionfilme und Fußball sehen wollen, und nicht Hausmusik machen. Lebensformen ändern sich eben, und die alten waren auch nicht so besonders schön.

 Ein starkes Argument gegen den Fortschritt ist der der Entbehrlichkeit. Die meisten Neuerungen sind wirklich überflüssig, man könnte ausgezeichnet auch ohne sie leben. Wer braucht das Überschallflugzeug Concorde?

Der Fortschritt suggeriert uns neue Bedürfnisse, sobald er sie befriedigen kann. Müssen wir wirklich alle ein Handy haben? Wozu brauchen wir eine bemannte Weltraumsta­tion? Ist unser Leben dadurch glücklicher oder besser geworden? Müssen wir Hochgeschwindigkeitszüge haben, oder Magnetschwebebahnen?

 Gerade mit den moralisierenden Vorwürfen ist eine Art Fatalismus verbunden: Letzten Endes nützt uns alles nichts, der Fortschritt geht weiter, wir mögen persönlich tun und fühlen was auch immer, wir entgehen dem Fortschritt nicht, und er verlangt seine Opfer – eine geradezu religiöse Formulierung.

 Ich rekapituliere: Bei aller Kritik hat man früher mit dem Fortschritt die Hoffnung auf eine bessere Welt verbunden. Von Segnungen der Technik war die Rede, und zwar ohne Ironie. Man hat den Fortschritt dabei zweckrational interpretiert, als vernünftiges Mittel zu einem vernünftigen Ziel, dem besseren Leben.

 Wenn man die Geschichte überblickt, ergibt sich aber ein sehr gemischtes, unübersichtliches Bild. Einerseits wäre für die heutige Menschheit ein auch nur einigermaßen gesichertes Leben ohne die ganze Technologie kaum möglich, auf jeden Fall aber sehr unbequem. Die meisten Menschen machen auch begierig von jeder Neuerung Gebrauch. Andererseits sind die Schäden, Zerstörungen und Gefahren, die mit dem  Fortschritt verbunden sind, oder einfach auch die Veränderungen, überwältigend. Dazu kommen die ganzen sozialen Probleme. Und dann gibt es die vielen nutzlosen, überflüssigen, entbehrlichen Dinge wie Mondraketen, und die ganze fortschrittliche Waffentechnik etc. etc.

 Ein paar Ideologen versuchen uns die Zweckrationalität des Fortschritts einzureden, aber man kann sie nicht recht ernstnehmen. Sie erzählen uns, dass Rennautos für die Entwicklung von gewöhnlichen Autos unentbehrlich sind, und dass die Teflon-Pfanne ein Nebenprodukt der Raumfahrt ist.  Die Pfanne ist ja ganz nett, aber lohnt sie den ganzen Raketen-Aufwand wirklich? Die ganze Argumentation ist hilflos.

 Aber seien wir ehrlich: wenn es nicht so gefährlich und teuer wäre, würden wir nicht alle gerne einmal in einer Mondrakete mitfliegen, aus reiner Neugierde, just for fun?

 Ich habe die Technik ein paarmal gegen die pessimistischen Kritiken verteidigt; aber es lässt sich nicht bestreiten, dass die negativen Bewertungen leider sehr viel für sich haben. Zugespitzt formuliert meine ich, dass der ganze Pessimismus Recht hat, und dass er trotzdem nicht den Kern der Sache trifft. Dazu muss ich die Perspektive etwas verändern. Die Kritiker sagen, der Fortschritt produziert kaum eine Verbesserung des Lebens, sicher aber einen Haufen unnötiger, entbehrlicher, überflüssiger Dinge. Alles in allem muss man zugeben, dass sie ziemlich recht haben.

 Ich ziehe daraus den Schluss, dass das auch gar nicht die Antriebsfeder für den Fortschritt ist. Er ist nicht aus der Not des Existenzkampfes geboren. Alle anderen Lebewesen bewältigen den Kampf ums Dasein ohne Technologie und Fortschritt. Wahrscheinlich wäre auch der Mensch als biologische Art, als homo erectus oder sogar homo sapiens ohne den ganzen Fortschritt nicht von der Erde verschwunden. Natürlich würde die Menschenwelt dann ganz anders aussehen, aber das ist trivial.

 Ich möchte das Gesagte in Thesen formulieren.

 These 1

Die Frage nach der Zweckrationalität des Fortschritts ist nicht adäquat und verschleiert den Blick. Pointiert gesagt: Fortschritt ist kein zweckrationaler Prozess zum Zweck eines besseren Lebens. Manchmal bringt der Fortschritt eine gewisse Verbesserung des Lebens, manchmal eine Verschlechterung,  häufig beides gleichzeitig, und manchmal geht die Frage völlig ins Leere.

 These 2

Der Wunsch nach einer konkreten Verbesserung der Lebensbedingungen ist eher selten ein entscheidender Antrieb für den Fortschritt. Heute ist z.B. das simple Profitstreben irgendwelcher Finanzmärkte viel wichtiger. Ich bin der Meinung, dass es Fortschritt im Prinzip auch gäbe, wenn damit gar nichts zu verdienen wäre.

 These 3

Die Menschheit wäre auch ohne Fortschritt nicht ausgestorben. Wirklich existenzbedrohende Situationen für die Menschheit, die ohne Fortschritt zum Aussterben geführt hätten, sind selten.  Sicher wäre die Menschheit nicht ausgestorben, wenn sie auf dem technologischen Stand der alten Assyrer oder Ägypter stehengeblieben wäre. Es hat Hochkulturen ohne Elektrizität, sogar ohne Metall gegeben, und es macht keinen Sinn zu fragen: was hat ihnen noch gefehlt?

 These 4

Der Fortschritt, die Zunahme des Wissens und Könnens, ist im Menschen sozusagen vorprogrammiert und findet auf jeden Fall statt; seine jeweilige konkrete Gestalt hängt natürlich stark von historischen und materiellen Umständen ab.

Es sind im wesentlichen zwei Faktoren, die dafür verantwortlich sind: erstens ist der Mensch ein neugieriges, intelligentes, experimentierfreudiges Wesen. Andere Tiere sind das aber auch. Zweitens kann der Mensch Erfahrungen speichern und an spätere Generationen sprachlich weitergeben. Das führt zu einem Kumulieren von Kenntnissen und Fähigkeiten. Unter diesen Bedingungen müssen das Wissen und die daraus resultierenden Fähigkeiten der Menschheit bei gleichbleibenden Antriebskräften fast zwangsläufig immer schneller anwachsen. Das nennen wir Fortschritt. Er ist unabhängig vom Daseinskampf. Auch noch im Schlaraffenland würden die Menschen nicht ständig auf der faulen Haut liegen.

 These 5

In einer leicht veränderten Sicht kann man den Fortschritt mit dem Begriff der Emanzipation beschreiben:

Die Entwicklung der Menschheit, von der Steinzeit bis heute, kann man als eine allmähliche Loslösung von den Zufälligkeiten seiner natürlichen Existenz auf diesem Planeten sehen, oder etwas poetischer, als Sprengen von Fesseln,  dauerndes Verschieben von Grenzen, Emanzipation von der Natur. Klare Ziele sind dabei nicht auszumachen, eher schon klare Antriebskräfte, die Tendenz zu größeren, schnelleren, wirkungsvolleren Dingen.

 So emanzipiert sich die Menschheit von den Zufälligkeiten der Natur, indem sie Naturkräfte intelligent einsetzt. Von außen betrachtet, mit den Augen eines extraterrestrischen Beobachters von einem fremden Stern, wäre das bestimmt eine faszinierende Geschichte. Gleichzeitig kann man in jedem einzelnen Augenblick fragen, ob das Ganze unbedingt sein muss, auch schon im Neandertal. Die Menschen haben doch schon im Paläolithikum leben können – wozu brauchen sie den dauernden Fortschritt? Die Antwort ist immer: Sie brauchen ihn nicht, aber sie haben ihn trotzdem.

 Man kann das auch in die Zukunft projizieren. Es hat wenig Sinn zu fragen, was fehlt der Menschheit denn heute noch? Denn daran orientiert sich der Fortschritt nur manchmal. Die entscheidende Zukunftsfrage ist immer: was können wir schon, was könnten wir morgen können?, denn das wird auch gemacht, ausprobiert – es werden sich dann schon Anwendungen finden oder erfinden lassen.  Eugen Diesel, der Sohn des Dieselmotor-Erfinders, hat 1926 gemeint, es seien keine großen Erfindungen mehr zu erwarten, weil ohnehin schon alle wesentlichen technischen Probleme der Menschheit gelöst sind: Wohnbau, Transport, Kommunikation, Nahrung. Nur noch kleinere Details seien zu verbessern. Das wäre sozusagen das Ende der Geschichte. Ich glaube nicht, dass sich heute jemand so eine  Behauptung zu machen traut. Das zeigt, dass der Fortschritt sich nicht an Bedürfnissen orientiert. Aber wenn es sich ergibt, versucht man natürlich auch die Lösung wirklich dringender Probleme.

Wenn es nur um die Lösung brennender Probleme ginge, könnte man einigermaßen vorhersehen, was der Fortschritt als nächstes bringen wird. Im übrigen aber ist die Zukunft unabsehbar, weil man nicht wissen kann, welche neuen Entdeckungen, Erfindungen gemacht werden. Am ehesten kann man deshalb vorhersehen, was sich auf biologischem (“biotechnischen”) Gebiet tun wird. Denn hier empfinden wir noch viele Dinge als sehr unangenehm. In Bezug auf Behinderung und Krankheit würden wir uns doch gerne noch weit von der Natur emanzipieren. Aber das ist nur der Anfang.

 Bisher verläuft die menschliche Reproduktion wie ein Roulettespiel. Könnten wir darüber nicht selbst die Kontrolle übernehmen und uns von den Zufälligkeiten der Natur frei machen? Der Mensch hat sich neue Materialien geschaffen, künstliche Stoffe aller Art, Kunststoffe, die bessere Eigenschaften besitzen als die natürlichen – warum soll er nicht auch Menschen rational konstruieren, Kunstmenschen (in Analogie zu Kunststoffen)? Der Mensch hat immer schon in die eigene Reproduktion eingreifen wollen, aber bisher hat er es nicht gekonnt.

 Irgendwo habe ich unlängst von irgendwem gelesen, dass jeder Mensch ein Menschenrecht auf Zufall hat, d.h. dass er nicht Resultat einer rationalen Planung ist, sondern ein Zufallsprodukt. Denn wer hat das Recht, einen anderen Menschen zu planen, zu konstruieren, und sei es das eigene Kind? Aber die Gegenfrage lautet: wer hat das Recht, einen anderen Menschen per Zufall behindert entstehen zu lassen, wenn uns bereits Methoden zur Verfügung stehen, um solches Unglück und Leid zu vermeiden? Ein Menschenrecht auf körperliche Behinderung, wenn diese vermeidbar ist, ist doch eine komische Sache.

 Man braucht wenig Phantasie, um die Dinge vorherzusehen. Zuerst wird man einige wirklich unangenehme Dinge beseitigen, Erbkrankheiten, Allergien, Krebsfaktoren. Und dann läuft die Sache von selber weiter, natürlich auch mit einigen Opfern, die der Fortschritt eben verlangt. Den Tod wird man wahrscheinlich nicht ohne weiteres abschaffen können, aber von vielen anderen biologischen Übeln wird sich die Menschheit erlösen können, deutlicher gesagt: selbst erlösen. Kurzsichtige, Glatzköpfige, Menschen mit abstehenden großen Ohren oder zu kleinen Busen wird es eines Tages nicht mehr geben, und zuvor schon werden wahrscheinlich Diabetes, multiple Sklerose und die Alzheimer’sche Krankheit nicht mehr auftreten, hoffentlich. Aber danach, nach der Lösung der großen medizinischen Probleme, wird es erst richtig losgehen.

 Die tatsächliche Entwicklung geht hier so schnell weiter, dass es kaum noch interessante utopische Romane gibt. Vielleicht arbeiten die genetischen Bastler schon am homo volans, oder homo alatus, einem Menschen, der Flügel hat und damit fliegen kann. Brauchen tut man es natürlich nicht. Wenn man es kann, wird man es trotzdem machen. Ethikkommissionen werden daran nichts ändern. Es fehlen ihnen im übrigen ohnehin die Maßstäbe – wer hat hier das Recht, Normen zu setzen?

 Und was fehlt sonst noch? Vielleicht ist die Erde zu klein und vielleicht auch zu sehr mit Plutonium verseucht. Dann machen sich die Menschen eben davon unabhängig und suchen sich einen besseren Planeten als Wohnung. Davon träumen die Techniker ja schon.

 Aber ich möchte deutlicher sagen: Ob die gute alte Erde zu klein ist oder nicht, ob es sich hier gut leben lässt oder nicht, spielt gar keine Rolle bei solchen Plänen. Man wird auf jeden Fall auf dem Mond oder Mars oder sonstwo Siedlungen bauen, sobald man es kann. Es werden dafür rationale Begründungen nachgeliefert werden, aber sie werden nicht ehrlich sein, sondern Pseudorationalisierungen. Wenn es nur darum ginge, konkrete irdische Probleme zu lösen, müsste man nicht zum Mond fliegen. Konsequente globale Geburtenkontrolle wäre viel wirksamer und billiger. Der Mensch ist eben ein neugieriges Lebewesen, das alles ausprobieren will und keine Grenzen anerkennen will.

 Damit komme ich zu meiner letzten These, und ich zögere etwas, sie zu formulieren.

 These 6

Diesen Drang zur Expansion, zur Eroberung immer neuer Bereiche, losgelöst von allen Fragen nach dem Wozu?, könnte man mit  einem ziemlich unbeliebten Terminus “Wille zur Macht” nennen. Der Begriff stammt von Nietzsche. Nietzsche hat damit ausdrücklich nicht den darwinistischen Kampf ums Überleben gemeint, auch nicht eine immer bessere Anpassung an vorgegebene Verhältnisse, sondern die Tendenz zu immer größerer Expansion, und zwar gar nicht so sehr politisch. Jede biologische Art breitet sich solange aus, bis sie an Grenzen stößt oder bis sie an ihrer Ausbreitung zugrunde geht. Das ist sozusagen ein Grundprinzip des Lebens. Das Prinzip hat kein weiteres Ziel, es ist kein zweckrationales Prinzip, sondern weitgehend zweckfrei, manchmal sogar kontraproduktiv.

 Dazu nur eine kleine Nebenbemerkung: Diesem Expansionsdrang kommt die Pietätlosigkeit der Technik sehr entgegen. Während sich die Künste vielleicht erschöpfen, weil Kreativität hier vielleicht nicht unbegrenzt möglich ist, scheint auf dem technischen Gebiet der Innovation keine Grenze gesetzt. Und das Alte wird hier ohne Pietät weggeworfen. Es gibt in der Technik keinen Denkmalschutz, außer für rein museale Zwecke. Das kommt dem Schaffensdrang sehr entgegen.

 Daraus ergibt sich die leicht fatalistische Perspektive, mit der viele Menschen heute den Fortschritt betrachten: diesem Monstrum kann man sich nicht entziehen, es ist unaufhaltbar, weil es kein von außen aufgezwungenes Fatum ist, sondern im Menschen selbst liegt. Er kann keine Ruhe geben, er will immer mehr, immer neues – das scheint die große anthropologische Konstante.

 Rein theoretisch gibt es natürlich auch andere Möglichkeiten. Wenn der Mensch sich auf allen Seiten so dramatisch von der ursprünglichen Natur emanzipiert, könnte er dann nicht auch seine Grundantriebe selbst stärker unter Kontrolle bringen?

Schon die alten Lateiner haben allerdings gesagt: naturam non expellas nisi furca, man kann die natürlichen Anlagen und Triebe nicht einmal mit der Harke austreiben; im Prinzip ist das ein überholtes Sprichwort. Zwar nicht mit der Harke, aber mit viel subtileren Methoden wird die Natur allmählich veränderbar. Aber dass der Mensch seine eigenen Grundantriebe selbst modifizieren wird, ist bis auf weiteres nicht abzusehen. Bis auf weiteres dürfte also der Fortschritt weitergehen und unser Leben ständig verändern. Hin und wieder vielleicht sogar zum Guten.

Literaturhinweis:

J.H.J. van der POT: die Bewertung des technischen Fortschritts; 2 Bde. Maastrich 1985

Autor

Hubert Schleichert ist emeritierter Professor für Philosophie an der Universität Konstanz.