Interview mit

Immanuel KantZum Stand der Kant-Forschung

Zu keinem anderen philosophischen Autor erscheinen so viele Veröffentlichungen wie zu Kant. Gibt es dennoch Bereiche seiner Philosophie, die  wenig erforscht sind? 

Beatrix Himmelmann: In der Tat: Angesichts der kaum zu überschauenden Fülle von Veröffentlichungen zu Kant sieht es auf den ersten Blick so aus, als ob kein Aspekt seines Denkens den Interpreten entgangen sein kann – ob sie ihn nun exegetisch, kritisch, kommentierend oder rekonstruierend traktieren. Allein für das Jahr 2001 sind es mehr als neunhundert Titel, die verzeichnet worden sind (Kant-Studien 94, 2003, 474 ff.). Im Jubiläumsjahr wird diese Zahl schwerlich unterschritten werden. Zahllose Studien vor allem zu Spezialproblemen der theoretischen Philosophie Kants erscheinen nach wie vor, gefolgt von kaum weniger zahl­reichen Beiträgen zu Themen der praktischen Philosophie. Auffällig ist eine Zunahme der Arbeiten zu Kants Ästhetik. Ein zweiter Blick lässt jedoch einige unterbelichtete Felder erkennen. Immer noch vergleichsweise wenig beachtet wird Kants An­thropologie, wenn auch in jüngster Zeit eine merkliche Verstärkung des Interesses zu beobachten ist. In den letzten beiden Jahren wurden immerhin zwei umfänglichere Bände publiziert (John H. Zammito, Kant, Her­der, and the Birth of Anthropology, Chicago/London 2002; Essays on Kant’s Anthropo­logy, edd. Brian Jacobs/Patrick Kain, Cambridge 2003). Diese neue Zuwendung zur Anthropologie verdankt sich – neben der Hochkonjunktur anthropologischer Fragestellungen in den Kultur- und Literaturwissenschaften – wohl vor allem der Edition der Vorlesungsnachschriften im Rahmen der Akademie-Ausgabe, die Reinhard Brandt und Werner Stark 1997 vorgelegt haben.

Eine ähnlich belebende Wirkung darf man sich von der Neuausgabe des Opus postumum – auch eher ein Stiefkind der Kantforschung – erhoffen, die derzeit vorbereitet wird. Das große Nachlasswerk, an dem Kant bis zuletzt arbeitete, bietet nämlich höchst interessante, wenngleich nicht leicht zu erschließende späteste Lösungsversuche zu zentralen Problemen seiner Philosophie: zur Frage des „Übergangs“ von Natur und Freiheit, Erfahrung und Idee und damit zur Selbstbestimmung und Selbsterkenntnis des Menschen, der ein solcher Übergang leibhaftig ist. Diese von Kant exponierte Problematik ist, wie wir wissen, an Aktualität hochaktuell.

 Auch die im Opus postumum neu aufgenommene Frage nach Gott gehört nicht zu den derzeit häufig behandelten Themen der Kantischen Philosophie. Wenn Norbert Hinske noch vor kurzem darauf hingewiesen hat, dass zumindest die deutsche Forschung die philosophische Theologie Kants weitgehend vernachlässige, so wird man inzwischen allerdings Anzeichen eines wieder erwachenden Interesses konstatieren können.  Dies verwundert nicht – in Zeiten, in denen selbst der engagierte Verfechter nachmetaphysischen Denkens, Jürgen Habermas, die von Hinske angemahnte „elementare Frage“ nach der Substanz von Religion und Christentum wieder aufgreift. Die Problemlage zu Beginn des 21. Jahrhunderts führt zum alten, von Kant in origineller Weise formulierten Streit zwischen Glauben und Wissen zurück.

Dieter Henrich: Im Zusammenhang mit Kants Werk ergeben sich Forschungsaufgaben von ganz verschiedener methodischer Verfassung – von der Quellenforschung bis hin zur Nachkonstruktion und Vertiefung von Kantischen Begründungen. So sind auch die Desiderate der Forschung ganz verschiedene: 

Im Zusammenhang der Wiedervereinigung und der Auflösung des Sowjetimperiums stellt sich erneut und unter neuen Voraussetzungen die Aufgabe einer Dokumentation der Verlustgeschichte von Teilen von Kants Nachlass. Im Jahr 1944 wurde die Grundlage für Band XXIII der Akademieausgabe, viele Kant-Handschriften, aber auch Abschriften Gerhard Lehmanns aus dem durchschossenen Handexemplar der ersten Auflage der Kritik der reinen Vernunft, das als verloren gelten muss, nach Boltenhagen bei Greifswald ausgelagert. Sie haben aller Wahrscheinlichkeit den Krieg unbeschädigt überstanden und sind erst danach verschwunden. Seit langem sollte eine wirklich systematische Suche nach ihnen in Gang gebracht worden sein, die ziemlich aufwendig angelegt sein müsste. Ihr Ziel muss es sein, entweder den Verlust der Dokumente zu rekonstruieren oder sie in einem der zahlreichen russischen Depots aufzuspüren, von denen inzwischen immer mehr öffentlich bekannt werden. Auch die Archive der Roten Armee sollten nun endlich zugänglich werden. Es ist für all das leider sehr spät, weil nur wenige Zeitgenossen noch lebend anzutreffen sind.

Dadurch, dass seit den zwanziger Jahren die semantischen Fragestellungen in der Philosophie grundlegende Bedeutung erhielten, und verstärkt durch den Einfluss Peter Strawsons, ist die Interpretation der Kantischen Theorie der Erkenntnis (der Objektbeziehung) um die Grundlagen seiner Synthesis-Theorie verkürzt worden. In einem damit ist es aber auch unterlassen worden zu untersuchen, wie etwa innerhalb des von Kant selbst aufgestellten Rahmens Probleme wie das der Erklärung der Beziehung (Referenz) auf einzelne Objekte eine Erklärung finden könnten. Die Pittsburgher Aufnahme Kantischer Themen in der Nachfolge von Wilfrid Sellars weist dabei vielleicht in eine vielversprechende Richtung.

Die Kantforschung ist gegenwärtig überwiegend parzellisiert; sie beschäftigt sich mit einzelnen Bereichen der Kantischen Philosophie. Es lassen sich kaum noch neuere Interpretationen nennen, die in wirklicher Nähe zu Kants Texten und ihrer Durchdringung auf das Ganze seines Denkens gehen. Profunde Alternativen zu der autistischen, aber ingeniösen Kantinterpretation Heideggers stehen aus.

Die Diskussion von Kants Theorie der Naturwissenschaft im Zusammenhang mit den Grundlagenfragen der neueren Physik ist nahezu zum Erliegen gekommen. Sie war einmal ein Thema hohen Interesses und sollte es wieder werden – trotz der allerdings kaum noch zu erfüllenden Voraussetzungen für eine wirklich kompetente Teilnahme.

Paul Guyer: Das Werk Immanuel Kants ist seit einhundertfünfzig Jahren sowohl ein Gegenstand intensiver Forschung als auch eine primäre Quelle philosophischer Inspiration: in Deutschland seit der Frühzeit des Neukantianismus und in den USA seit  der Rezep­tion Kants  durch C. S. Peirce. In Großbritannien verzögerte der überwältigende Ein­fluss des Neuhegelianismus das erneute Interesse an Kant, aber seit Norman Kemp Smith und H. J. Paton haben die Briten diesen Rückstand auf jeden Fall aufgeholt. Während einige Werke, die für ein vollständiges Erfassen Kants von Kants Philosophie notwendig sind, erst kürzlich zum erstenmal in der Akademie-Ausgabe lieferbar sind - wie die wichtigen Vorlesungen zur Anthropologie - , waren alle von Kants veröffentlichten Werken und viele von den unveröffentlichten Schriften während dieser anderthalb Jahrhunderte zugänglich, wenigstens in Deutschland. Die Bedingungen und Umstände für das Studium und die Rezeption Kants haben sich also – zumindest seit der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts – nicht wesentlich gewandelt. Die Anwendung von EDV-Technologie auf Kants Werke, die unter Gottfried Martin begonnen und seit kurzem unter Norbert Hinske stark ausgeweitet wurde, hat bislang unser Verständnis von Kant nicht grundlegend verändert.

Wodurch unterscheidet sich die gegenwärtige Kant-Rezeption von derjenigen früherer Zeiten? Gibt es so etwas wie einen Fortschritt in der Kant-Rezeption?

Dieter Henrich: Fortschritte in der Kantinterpretation werden fast immer zunächst einmal durch unbeachtete Rückschritte erkauft. Dennoch akkumulieren sich im Rückblick zumindest die Potentiale zur Verständigung über Kants Werk.

Der Zusammenhang der Kantischen Philosophie mit den Problemstellungen der Philosophie, aber auch vieler Wissenschaften im 18. Jahrhunderts und Kants so genanntes ‘vorkritisches Denken’ waren ein Hauptthema exzellenter Forschung in Deutschland (und Italien) nach dem zweiten Weltkrieg. Unter dem Einfluss der angelsächsischen Kantliteratur ist es leider schon seit längerem fast ganz aufgegeben worden.

Aber auch die Textexegese der Werke Kants, die nach dem zweiten Weltkrieg allmählich auf ein sehr hohes Niveau geführt werden konnte, kann ohne eine genauere Kenntnis dieser Zusammenhänge in vielen Fällen letztlich nicht überzeugen. Ein Beispiel dafür ist Kants Gebrauch des Ausdrucks ‘Deduktion’, der nur durch ein aufwendiges Eingehen in die vergessene zeitgenössische juristische Literatur hat erklärt werden können.

Die gegenwärtige, in systematischem Inter­esse verfolgte Kantinterpretation ist, da sie die so genannte analytische Philosophie in ihrem Hintergrund mit sich führt, in mancher Hinsicht philosophisch differenzierter und methodisch reflektierter als die systematisch angelegte Kantinterpretation von 1860 bis 1930, könnte aber dennoch mit einigem Gewinn auf Werke wie etwa die von Cohen, Natorp und Lask zurückgreifen.

Dieter Schönecker: Ich möchte die ersten beiden Fragen zusammen beantworten, und zwar aus folgendem Grund: Ich behaupte nämlich, dass es mit ganz wenigen Ausnahmen keine wirklich systematische, textorientierte und historiographische Kant-Forschung gibt. Die Tatsache, dass es eine ungeheuer große Zahl von Veröffentlichungen zu Kant gibt, ändert daran nichts. Natürlich sind, rein quantitativ betrachtet, einzelne Bereiche von Kants Werk weniger bearbeitet als andere. Aber nicht ein einziges Werk der Kantischen Philosophie und erst recht kein einzelnes Gebiet dieser Philosophie ist wirklich grundlegend erforscht. Ich habe dieses Phänomen an anderer Stelle als Textvergessenheit bezeichnet und ausführlicher behandelt. Der Kerngedanke ist einfach: Es ist eine Sache, einen Text zu verstehen und eine andere, ihn zu bewerten (wenn auch Bedeutungssuche ohne Wahrheitsüberlegungen in der Regel nicht möglich ist). Sinn und Zweck der Kant-Forschung ist es also, die Texte Kants (besser) zu verstehen; es ist nicht ihre (primäre) Aufgabe, den Inhalt der Kantischen Philosophie weiterzuentwickeln oder zu kritisieren (was man weiterentwickeln oder kritisieren will, muss man eben zunächst einmal verstehen). Dieser Unterschied wird nicht begriffen oder jedenfalls nicht respektiert, und besonders aus diesem Grund mangelt es in der Kant-Literatur an wirklich textnahen Analysen. Wer einen Text verstehen will, muss bereit sein, sich auf allerkleinste Details und mikroskopische Feinheiten, zugleich aber auf kontextuelle und entwicklungsgeschichtliche Zusammenhänge einzulassen. Doch wer ist dazu bereit? Wer wäre in der Lage, auch nur einen einzigen Kommentar zu benennen, der etwa die Kritik der reinen Vernunft wirklich Satz für Satz und Wort für Wort auch nur zu verstehen bemüht wäre? Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich rede keiner blinden Kantphilologie das Wort. Wer sinnvoll Philosophiehistorie betreiben will, sollte zugleich auf dem neuesten Stand der philosophischen Forschung sein, und natürlich dürfen Philosophiehistoriker auch philosophische Aussagen machen (als Philosophen geht es uns natürlich letztlich um solche Aussagen). Aber die Aussage „Kant hält Raum und Zeit für bloße Anschauungsformen“ hat einen völlig anderen Status als die Aussage „Kant ist der Auffassung, dass Raum und Zeit bloße Anschauungsformen sind, und er hat Recht damit“. 

Von einem echten Stand der Kantforschung kann auch deswegen keine Rede sein, weil ein echter Forschungsstand (von Kuhnschen ‚Revolutionen‘ einmal abgesehen) nur möglich ist, wenn neuere Forschung auf bereits geleisteter aufbaut. Schon 1881 beklagte Vaihinger, dass niemand mehr in der Lage sei, die Literatur zu überschauen. Und in der Tat: Es ist für Einzelne schlichtweg unmöglich, die Literatur sinnvoll zu verarbeiten. (Allein die neuere Kant-Bibliographie von Ruffing (1998) über den Zeitraum 1945-1990 zählt mehr als 12.000 Einträge.) Erschwerend kommt hinzu, dass die Literatur zu Kant in mehreren europäischen Grundsprachen verfasst ist. Üblicherweise werden nicht alle diese Sprachen beherrscht, und so bleiben Forschungsergebnisse wirkungslos, schlicht und einfach deshalb, weil sie aus sprachlichen Gründen gar nicht gelesen werden können. Diese Unübersichtlichkeit hat enorme Konsequenzen: Wir wissen nämlich nicht einmal, was bisher zu Kant überhaupt auch nur vorgeschlagen worden ist und welche Einzelinterpretationen, Beobachtungen und Lösungsvorschläge gemacht worden sind. Niemand weiß, was bisher geleistet wurde. Das führt aber zwangsläufig dazu, dass Erkenntnisse überhaupt nicht wahrgenommen werden, verloren gehen und stets aufs neue vorgetragen werden; es wird gewissermaßen das Rad wieder und wieder erfunden, so etwas wie einen echten ,Forschungsstand‘ gibt es in der Kantforschung überhaupt nicht. (Dass viele Autoren nicht einmal versuchen, zumindest neuere Literatur zu berücksichtigen und so tun, als gäbe es bestimmte Probleme und Lösungsvorschläge überhaupt nicht, ist skandalös und widerspricht dem Geist echter Forschung.) 

Es ist daher eine berechtigte Frage, ob die Kantforschung in der jetzigen Form überhaupt (noch) sinnvoll ist. Wenn ständig Bücher und Artikel geschrieben werden, die de facto nicht gelesen und jedenfalls nicht systematisch ausgewertet werden können, ist nicht zu sehen, für wen diese Literatur überhaupt noch erstellt wird. Eine Lösung dieses Problems wären echt kooperative Forschungsanstrengungen. (Was als ‚kooperativer Kommentar‘ angeboten wird, hat mit kooperativer Forschung in diesem eingeforderten Sinne offenkundig nichts zu tun; und bei aller Brauchbarkeit für die Lehre sind die allermeisten Beiträge in diese Kommentaren gewiss nicht textnah.)

Beatrix Himmelmann: Sicherlich gibt es einen Fortschritt in der Kantrezeption im schon angesprochenen Sinn, dass durch neue Texteditionen bessere Voraussetzungen für die Erforschung bestimmter Teilbereiche des Kantischen Denkens geschaffen werden, die zuvor so nicht bestanden. Was die Durchdringung der von Kant vorgetrage­nen Argumente und die Sorgfalt der Auseinandersetzung mit ihnen angeht, mag man be­zweifeln, ob die jeweils neuesten Arbeiten immer die besten sind. Jedenfalls ist es ein Gewinn, neben der aktuell erscheinenden Literatur auch die mittlerweile klassischen Autoren zu studieren: beispielsweise Hans Vaihinger mit seinem (leider unvollendet geblie­benen) Kommentar zur Kritik der reinen Vernunft, Erich Adickes mit seinen Arbeiten zur Naturphilosophie Kants, zur Frage nach dem Status der Dinge an sich selbst und zum Problem der Affektion, Julius Ebbinghaus mit seinen scharfsinnigen Artikeln zur Rechts- und Moralphilosophie, mit denen er nicht zuletzt Kant vom Firnis verfälschender Interpre­tationen zu befreien suchte.

Eine Kantrezeption gibt es gegenwärtig in zweifacher Weise. Einmal tritt sie als Kantforschung im engeren, wenn man will: akademischen Sinn auf. Dazu gehören gelehrte Kommentare und Monographien, die Spezialthemen der Kantischen Philosophie gewidmet sind. Zum anderen gibt es die Auseinandersetzung mit Kant als einer nicht zu ignorierenden Instanz moderner Philoso­phie, der keine Gegenwartstheorie ausweichen kann. Diese Konstellation ist freilich nicht neu. 1881, also hundert Jahre nach Erscheinen der Kritik der reinen Vernunft, schrieb Vai­hinger: „Wer die Entwicklung der modernen Menschheit verstehen will, darf ebensowenig an Kant vorbeigehen, als es derjenige darf, der in die Probleme der zeitgenössischen Philosophie einen richtigen Einblick gewinnen oder gar dabei mitreden will.“ Das gilt heute offensichtlich unverändert. 

Zur Zeit vieldiskutierte Autoren beweisen es: John McDowell, Robert Brandom, Thomas Nagel, Hilary Putnam, sie alle reiben sich an den Positionen Kants, wenn sie über das Verhältnis von Geist und Welt, Gegebenem und Gedachtem und – wie seit jeher – über die Alternative bzw. Vereinbarkeit von Idealismus und Realismus nachdenken. Ob sie Kant immer gerecht werden, steht auf einem anderen Blatt. Selbst ein so scharf- und dazu umsichtiger Denker wie Bernard Williams präsentiert in seinen mit Recht beachteten Studien zur Ethik oft nur ein Zerrbild des Moralphilosophen Kant. 

Die im engeren Sinn akademische Kantforschung zeichnet sich heute durch die Vielfalt methodischer Zugänge und die Spezialisierung auf einzelne Themenfelder aus. Obwohl Kant selbst die Einheit der verschiedenen philosophischen Disziplinen in einem systematischen Ganzen zu erweisen suchte und nie aus den Augen verlor, muss in der Diversifizierung des The­menspektrums nicht zwangsläufig ein Nachteil liegen. Die Beschränkung der Untersuchung auf ein bestimmtes, klar abgestecktes Terrain kann der Genauigkeit der Analyse zugute kommen, die ein Autor von der Gründlichkeit und Tiefe Kants allemal verlangt.

Paul Guyer: Ein Wandel in der Kant-Forschung oder auch die Weise, in der sein Werk philosophisch verwendet wird, sagt mehr über die philosophischen Präferenzen und Zielvorstellungen seiner Leser aus als über alles andere; und das wird wohl auch so bleiben. Es wäre unglaubwürdig zu behaupten, es habe oder werde einen klar definierbaren „Fortschritt“ der forschenden und auch der philosophischen Kant-Rezeption in eine bestimmte Richtung geben.

Natürlich gab es immer wieder andere Schwerpunkte, besonders in der philosophischen Rezeption – dort eher als in der Kant-Forschung. Man kann sicher sagen, dass während des Neukantianismus in Deutschland und der Wiederbelebung Kantischer Philosophie in Großbritannien und den USA durch Autoren wie Graham Bird, Peter Strawson, Jonathan Bennet, Wilfrid Sellars, Robert Paul Wolff und Douglas Dryer Kant in erster Linie die Erkenntnistheorie inspirierte, was zu der lebhaften Debatte über „transzendentale Argumente“ in den 1960ern und folgenden Jahren führte, während zwischen diesen beiden Bewegungen Kant eher als Metaphysiker denn als Erkenntnistheoretiker betrachtet wurde, besonders in Deutschland, unter dem Einfluss Heideggers; allerdings ist seit kurzem Kants stärkste Einfluss auf die zeitgenössische Philosophie in der Moral- und der Politik-Philosophie zu finden. Hier war natürlich John Rawls der maßgebliche Faktor, der seine politische Philosophie auf der Basis Kantischer Ethik entwickelte (wiewohl nicht auf Kants eigener politischer Philosophie!) und der viele „Kantische“ Moralphilosophen inspirierte, wie zum Beispiel Onora O’Neill, Thomas Hill, Barbara Herman und Christine Korsgaard. Währenddessen wurde natürlich auch in Deutschland von Philosophen wie Dieter Henrich, Josef Schmucker, Jürgen Habermas, Otfried Höffe, Maximilian Forschner und vielen anderen wichtige Arbeit in der Interpretation und der Wiederbelebungen Kantischer Ethik geleistet. Ich glaube, dass dem wiedererwachten gewaltigen Interesse an der Kantischen Ethik eine Ablehnung zugrunde liegt: sowohl der scharfen Attacke auf die Aufklärung des 18. Jahrhunderts, die von Adorno und Horkheimer nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs angeführt wurde als auch des rein instrumentellen Vernunftbegriffs, wie er für die Sozialwissenschaften in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts so typisch war (in den Wirtschaftswissenschaften, der Spieltheorie usw.). Und in den Nachwehen des Faschismus und des Kommunismus, der zum Faschismus degenerierte und in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts so viel Zerstörung verursachte, ist das Kantische Ideal des unbezwingbaren Wertes der Autonomie, wie sie durch den Gebrauch der Vernunft realisiert wird, attraktiver denn je.

Welche Themen liegen gegenwärtig im Zentrum der Kant-Forschung, und was macht genau diese Themen so  interessant?

Beatrix Himmelmann: Viele der klassischen Probleme der Kantischen Philosophie, die immer schon im Zentrum der Auseinandersetzung standen, bilden auch heute den Hauptstrom der Kantforschung:  beispielsweise die Frage nach Bewusstsein und Selbstbewusstsein, nach Erscheinung und Ding an sich, nach Beweisziel und Erfolg der Deduktion der Kategorien bzw. der Deduktion des Moralgesetzes, nach Freiheit und Autonomie, nach Pflicht und Nei­gung, nach dem kategorischen Imperativ in seinen unterschiedlichen Formulierungen, nach den Umrissen ei­ner Kantischen Theorie der Wahrheit. Dass Themen der Ästhetik Kants und damit zumin­dest einem Teil der dritten Kritik in letzter Zeit vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt wird, lässt sich vielleicht zu einer Tendenz in Beziehung setzen, die insgesamt zu beobachten ist.

In der Kritik der Urteilskraft versucht Kant, intrinsische Verbindungen zwischen jenen Sphären aufzuzeigen, die er zuvor sorgfältig voneinander geschieden hatte: Freiheit und Vernunft auf der einen und Natur auf der anderen Seite. Mit gutem Recht gilt Kant als Ver­treter eines entschiedenen Dualismus. Und doch steht zum Beispiel die Erfahrung des Schönen in seinen Augen für die Überwindung der „Kluft“ zwischen Freiheit und Natur: Im Vollzug solcher Erfahrung weiß sich das mit Vernunft begabte und seiner Freiheit bewusste Selbst in einer ihm vollkommen entsprechenden Welt, in der es sich zu Hause fühlen darf. 

Nicht wenige der Autoren, die sich heute mit Kant auseinandersetzen, möchten Einseitigkeiten der Wahrnehmung dieses so oft als rigoristisch verschrieenen Philosophen vermeiden und eingefahrene Optionen seiner Beurteilung überwinden. Auf dem Gebiet der Ethik gibt es beispielsweise zunehmend Bestrebungen, neben dem Pflichtethiker den Tugendethiker Kant zu Wort kommen zu lassen. Geläufige Frontlinien wie die zwischen Kant und Aristoteles als Repräsentanten alternativer Konzepte der Ethik brechen auf (vgl. z.B. Aristotle, Kant, and the Stoics, edd. Stephen Engstrom, Jennifer Whiting, Cambridge 1996). 

So begrüßenswert es ist, die Mär von Kant als Fanatiker der Vernunft und der Pflichterfüllung endlich zu verabschieden – und hier leisten auch die neu erschienenen Biographien von Manfred Kühn, Steffen Dietzsch und Manfred Geier ihren Beitrag –, so ist auf der anderen Seite die eher bedenkliche Tendenz einer (erneuten) Hegelianisierung Kants zu sehen. Dass die Frage nach „Übergängen“ zwischen Natur und Freiheit, Sinnlichkeit und Vernunft, Erfahrung und Idee gestellt werden muss, war Kant deutlich. Mit der ihm eigenen behutsamen Akkuratesse ist er ihnen auf der Grundlage jener Differenzierungen, die er in die Form der bekannten Dualismen gebracht hat, ein Stück weit nachgegangen. Eine Gefahr liegt wohl darin, sie ohne Not zu verschleifen und auf solchem Wege zuletzt preiszugeben, was Kant gerade nicht zu verdrängen versuchte: die Einsicht in die jederzeit zu gewärtigende Dissonanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen Geist und Welt.

Dieter Henrich: In den letzten beiden Jahrzehnten hat die Diskussion von Kants praktischer Philosophie und von Kants Ästhetik an Intensität zugenommen. Die Frage nach der Grundlegung der ästhetischen Urteile wird eigentlich zum ersten Male mit angemessener Energie, aber immer noch ohne eine hinreichende Diskussionsdichte verfolgt.

Die Grundlegung, aber auch die Durchführung von Kants praktischer Philosophie bis hin zur Theorie des Rechts sind im Zusammenhang mit Bemühungen und Kontroversen in der Ethik und mit der gegenwärtigen Hochkonjunktur von Debatten über konkrete ethische Entscheidungsfragen von besonderem und aktuellem Interesse. Eines der Defizite liegt dabei meines Erachtens in der ungenügenden Erschließung von Kants Freiheitslehre. Sie war schon zu Kants Lebenszeiten Thema einer bedeutenden, aber ergebnislosen Debatte. Auch die gegenwärtige Diskussion um Erkenntnisversprechen der Neurowissenschaften, in der verkürzte Freiheitsvorstellungen unreflektiert transportiert werden, müsste von deren Fortführung Gewinn haben.

Dieter Schönecker: Systematisch am interessantesten und fortlaufend behandelt ist sicher Kants Ethik. Das liegt daran, dass es durchaus möglich ist, sich in einem irgendwie engeren Sinne als ‚Kantianer‘ zu begreifen, also zumindest an Kants moralphilosophischen Hauptthesen festzuhalten: Etwa an seinem Intentionalismus und Externalismus (Anti-Humeismus) sowie an seiner Theorie des kategorischen Imperativs als einem formalen Verfahren der Maximenuniversalisierung. Es gibt zwar auch ein großes systematisches Interesse an Kants Erkenntnistheorie, aber wohl nur wenige werden behaupten, sie seien systematisch wirklich von Kants Theorie der reinen Verstandesbegriffe überzeugt (wie gesagt, niemand weiß ja, was diese Theorie eigentlich bedeutet); und wer stimmt schon mit Kants radikaler Lehre vom bloßen Erscheinungscharakter aller räumlich-zeitlichen Gegenstände überein? Auch Kants Ästhetik wird umfassend bearbeitet. Aber bei allen Anknüpfungspunkten kann von einer diesbezüglichen echten Kantischen Schule wohl keine Rede sein (also einer Schule, die nicht nur grundsätzliche Gedanken übernimmt, die auch von anderen geteilt würden, also etwa Kants Subjektivismus in der Ästhetik, sondern auch echte theoretische Bausteine). Historiographisch gesehen scheint mir in jüngster Zeit Kants Anthropologie wieder vermehrt Gegenstand der Forschung, nicht zuletzt wegen der hervorragenden editorischen Arbeit von Reinhardt Brandt und Werner Stark.

Paul Guyer: Während in der gegenwärtigen Moralphilosophie die Rekonstruktion und Entwicklung der grundlegenden Prinzipien von Kants Praktischer Philosophie ein wesentliches, vielleicht das wichtigste Projekt gewesen ist, wurde in der jüngsten Forschung zu dieser Philosophie Kants eigener Versuch, die Kluft zwischen dem grundlegenden Moralprinzip und den konkreten Gegebenheiten menschlicher Existenz zu überbrücken, zum überwölbenden Brennpunkt. Dies zeigt sich an der zunehmenden Gewichtung von Kants Anthropologie, Politischer Philosophie, Ästhetik und  Teleologie in den letzten zwanzig, dreißig Jahren. Man denke an Titel wie Bernd Ludwigs neue Ausgabe von Kants Rechtslehre wie auch seinen ausführlichen Kommentar dazu, an die ausgedehnte Arbeit zu der Schrift Zum Ewigen Frieden während der vergangenen zehn Jahre und an die ausführlichen Studien zu Kants Lehren von Recht und Tugend in einem Band wie die von Mark Timmons herausgegebenen kritischen Essays zur Metaphysik der Sitten (2002); an die Arbeiten zur an­thropologischen und historischen Dimension von Kants Ethik, die seit 1999 von Autoren wie Allen Wood, Robert Louden und Felicitas Munzel veröffentlicht wurden; ebenso die Beiträge zu den ethischen Implikationen von Kants Ästhetik und Teleologie von vielen Autoren, so Klaus Düsing und Birgit Recki in Deutschland, Anthony Savile, Henry Allison und mir selbst in der englischsprachigen Gemeinde, und von Forschern aus vielen Ländern, die in Herman Parrets umfangreichem vielsprachigem Sammelband von Arbeiten zur Dritten Kritik 1998 veröffentlicht wurden.

Ein weiteres Gebiet intensiver Studien in der jüngsten Kant-Forschung ist seine Philosophie der Wissenschaft, insbesondere deren Entwicklung aus den Metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft von 1786 bis hin zum Opus postumum seiner letzten Lebensjahre. Diese Richtung der Kant-Forschung spiegelt zweifellos einen Interessenwandel in der theoretischen Philosophie von der traditionellen Erkenntnistheorie zur Philosophie der Wissenschaft wider, besonders in den USA und Deutschland. Gerd Buchdahl hatte in Großbritannien einen frühen Einfluss in diesem Gebiet, der führende Autor in den USA war Michael Friedman, während Eckart Förster der herausragende Forscher auf dem Gebiet des Opus postumum gewesen ist; in Deutschland wurde die frühe Arbeit von Philosophen wie Lothar Schäfer, Peter Plaass und Hans-Georg Hoppe von den Vertretern der nachfolgenden Generation fortgeführt, so von Martin Carrier und Brigitte Falkenburg. Das vertiefte Studium von Kants Philosophie der Wissenschaft wurde zweifellos durch die Abkehr von der Newtonschen Physik im zwanzigsten Jahrhundert inspiriert, wodurch die Frage aufgeworfen wird, welche der Prinzipien der Wissenschaft, die Kant für allgemein und für notwendig wahr hielt, dies auch tatsächlich sind – aber auch durch die beständige Suche nach einer einheitlichen Kraft-Theorie in der zeitgenössischen Physik, was ja auch Kants grundlegendes Ziel in der Philosophie der Wissenschaft war.

Gibt es noch zu wenig erforschte Teile von Kants Philosophie? Sicher wurde kein Gebiet vernachlässigt; in noch nicht erwähnten Bereichen gibt es wichtige neue Arbeiten zu Kants intellektueller Entwicklung von Manfred Kühn und Martin Schönfeld, zu Kants Philosophie der Religion und zur Kant-Rezeption seiner unmittelbaren Nachfolger von zum Beispiel Frederick Beiser, Karl Ameriks und George di Giovanni – und Dieter Henrichs berühmte Harvard Lectures von 1973 zur Entwicklung von Kant zu Hegel sind endlich veröffentlicht worden. Außerdem wird die Arbeit zu zentralen Fragen der Kantischen Erkenntnistheorie und Metaphysik fortgeführt, wenn auch nicht so glanzvoll wie zu den berauschenden Zeiten Strawsons und Bennetts. Aber ich glaube, es gibt genügend Raum für weitere Forschung im Zusammenhang von Ursprung und Rezeption Kantischer Philosophie, insbesondere seiner Moral- und Politik-Philosophie sowie der Ästhetik und Teleologie. Und erst seit kurzem erkennen die Forscher, dass Kants Schriften in den 1790ern als eigene Periode angesehen werden sollten, in der er die konkreten Auswirkungen der abstrakten Prinzipien kritischer Philosophie zu zeigen versuchte, die er von 1781-1790 entwickelt hatte; hier ist noch viel Arbeit zu tun. Ganz allgemein gesprochen muss eigentlich die Geschichte von Kants Wirkung auf die gesamte Folgezeit der Philosophie noch geschrieben werden – allerdings wäre eine solche Geschichte großenteils identisch mit der Philosophiegeschichte überhaupt seit Kant, und wenn nicht plötzlich ein zweiter Ernst Cassirer auftaucht, wird die Geschichte von vielen Autoren geschrieben werden müssen, nicht von einem einzelnen.

Was bleibt in der philosophischen Wiederaneignung Kantischer Philosophie - im Gegensatz zu ihrer gelehrten Erforschung - zu tun? Nur die unvorhersagbare, unvorhersehbare Zukunft der Philosophie selbst wird hierauf eine Antwort geben - aber man kann sicher davon ausgehen, dass in den nächsten hundert Jahren ebenso viele Philosophen von Kant inspiriert werden wie in den letzten hundert und mehr.

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Dieter Henrich ist emeritierter Professor für Philosophie an der Universität München, Beatrix Himmelmann ist Privatdozentin für Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin. Paul Guyer ist Professor an der University of Pennsylvania in Philadelphia,  Dieter Schönecker ist Associate Professor für Philosophie am Stonehill College in Easton (Massachusetts).

Der Beitrag von Paul Guyer wurde von Claudia Moser aus dem Englischen übersetzt.