Marcus Meyer

körper enden - zu Donna Haraways Cyborgpolitik

 

"Von irgendwoher kamen sie. Aufmerksam verfolgte ich jedes Signal des taktil-olfaktorischen Sensoriums, das seit einigen Minuten verkoppelt war mit der touch-walk-Fläche der großen Eingangshalle: Das Kribbeln in den Fingern hier oben im dreiundzwanzigsten Stockwerk. Angst? Noch vertraute ich ihr, hielt ich es doch für ausgeschlossen, dass sie gesteuert wurde durch irgend jemand anderen als durch mich selbst. Oder waren meine Enden schon längst vervielfältigt genug, meine Zugänge zu zahlreich, als dass ich mir ihr hätte so sicher sein können?" (Terry Lahrmann, Der OBS, 1978).

 

Die Frage nach den Enden der Körper ist im Zeitalter elektronischer Hochtechnologie gleichzeitig auch eine Frage nach dem möglichen Enden der menschlichen Körper in der bisher gekannten Form: Indem nämlich auf immer vielfältigere und weitreichendere Art und Weise Menschen mit Maschinen verkoppelt werden und Verbindungen eingehen und der Körper selbst längst zu einem bio- und kommunikationstechnischen Apparat geworden ist. Ein solcher historischer Bruch erfordert nicht nur neue Formen der Politik und des politischen Widerstands, sondern gleichzeitig auch eine philosophische Reflexion über die Gründe, warum die Rede vom Menschen plötzlich zum Problem wird.

Welche historischen Verbindungen gehen ,Mensch', ,Natur' und ,Maschine' als Effekte wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Praktiken ein und welcher Bruch kann in Bezug auf diese Verbindungen im 20. Jahrhundert festgestellt werden?

1. Ein Problem des Übergangs

Dient eine Maschine allein dazu, die Bewegungen der Natur künstlich nachzuahmen, stellt sie nichts anderes als eine hergestellte Täuschung im Dienste des Menschen dar: Ob nun als trojanische Kampfmaschine oder als goldene Jungfrauen des Hephaistos, "die im Herzen Vernunft [besitzen] und Sprache haben" (Homer, Ilias XVIII, 419). Solche Maschine haben ihre Ursache allein im Menschen, der sie mit handwerklichem Geschick einer techné herstellt. Aus einer solchen Perspektive unterschied sich die Technik der Maschinenherstellung in radikaler Weise von dem, was Natur hieß: "Unter den vorhandenen (Dingen) sind die einen von Natur aus, die anderen auf Grund anderer Ursachen da. Von Natur aus: Die Tiere und deren Teile, die Pflanzen ...; von diesen und Ähnlichen sagen wir ja, es sei von Natur aus. Alle diese erscheinen als unterschieden gegenüber dem, was nicht von Natur aus besteht. Von diesen hat nämlich ein jedes in sich selbst einen Anfang von Veränderung und Bestand ... Hingegen, Liege oder Kleid ... hat, ...insoweit es ein kunstmäßig hergestelltes Ding ist, keinerlei innewohnenden Drang zur Veränderung in sich ..." (Aristoteles, Physik, Buch II, 1). Der Übergang von Maschine und Natur war demnach kontrolliert mittels der Begriffe des "Anfangs in sich" und der "Veränderung aus sich", die dem Wissenschaftler im antiken Griechenland kein Kopfzerbrechen bereiten mussten (Geier 1999, S.74 f.; Schneider 1993, S.52): Er hatte in der Physik allein die Dinge der Natur zu untersuchen; alles Weitere war eine Frage des Herstellens, der Technik, die die Frage nach der Erkenntnis der Natur nicht berührte. Gleichzeitig war auch ,der Mensch' als beseeltes Lebewesen prinzipiell von der Maschine unterschieden (Aristoteles, De Anima, Buch II, 1).

Diese übergangslose Trennung von Maschine und Natur, von natürlich Beschaffenem und künstlich Erzeugtem wird erst dann zum Problem, wenn die Maschine selbst zum Modell der Natur wird (Schneider 1993, S.52): René Descartes hat in seinen frühen Schriften, etwa in dem 1633 abgeschlossenen Traité de L'homme versucht, Phänomene wie die menschliche Wahrnehmung rein mechanisch zu erklären. Von dort aus war es dann nur noch ein kleiner Schritt zur mechanischen Simulation von Natur, die nun keine List mehr darstellte, sondern vielmehr ein Mittel zur Erkenntnis. Von Leibniz' Rechenmaschine bis zu den ersten Großrechner im 20. Jahrhundert konnten jetzt bestimmte menschliche Tätigkeiten mechanisch simuliert werden (Schneider 1993, S.53; Levy 1998).

Damit aber verschwand zum ersten Mal der Übergang von Organischem zu Anorganischem, von Menschlichem und Maschinellem, insofern beide jeweils mit Hilfe eines mechanistischen Modells analysiert wurden. Das Modell etwa des sensomotorischen Apparats des Menschen, bei Descartes in Form eines "Reflex-Automatismus", brauchte nur noch auf die technischen Möglichkeiten warten, dieses Modell mittels sensomotorischer Maschinen realisieren zu können (Schneider 1993, S.420).

Von einer bloßen Prothese, deren "Schnittstelle" zum Menschen eindeutig lokalisierbar und kontrollierbar war, wird im 17. Jahrhundert die Maschine also nicht nur zum Mittel der Naturerkenntnis: Sie gefährdet plötzlich auch den Übergang von Organischem zu Anorganischem, da die Maschine als bloß Hergestelltes Natürliches simuliert: Wie Lems literarische Fiktion eines Ozeans als "plasmatische Maschine", unter der die Physiker "ein Gebilde [verstanden], in unserem Sinne vielleicht auch unbelebt, doch fähig, zielbezogene Tätigkeiten zu unternehmen." (Lem 1983, S.23). Im zwanzigsten Jahrhundert haben sich diese Übergänge auf kaum überblickbare Weise vervielfacht: Ist etwa die Tastatur des Personal-Computers das Ende der Maschine, oder werden die menschlichen Hände nicht selbst zur mechanischen Schnittstelle, wie in einer Sequenz des japanischen Manga-Films Ghost in the Shell: Die Adern werden plötzlich zu Drähten, die Knochen zu Metallstäben.

Zu fragen war damit plötzlich nicht mehr nur, was überhaupt simuliert werden sollte, sondern darüber hinaus ebenso, ob bestimmte Prozesse mechanisch überhaupt simulierbar sind. Stellte eine maschinell-künstliche Simulation eine heuristische Methode zur Erkenntnisgewinnung dar oder war eine Simulation als Realsierung von bereits vorhandenem Wissen zu betrachten (Gunderson 1985, S.92)? Konnte eine solche Simulation überhaupt als eine "übersichtliche Darstellung" eines bestimmten Verhaltens gelten (Putnam 1997, S.17)?

Maschinell-künstliche Modelle waren demnach in Form von Simulationen nicht nur zu Objekten geworden, die auf eigenartige Weise "wirklicher" erschienen, als das zu erklärende Phänomen selbst, das - wie im Falle der Generativen Grammatik des Linguisten Avram N. Chomsky - bloß nur noch einen abgeleiteten Charakter zu haben schien (Chomsky 1993, Geier 1999). Auch machte die Beschäftigung mit Fragen dieser Art deutlich, dass die Historizität und Kontingenz des Technisch-Maschinellen selbst unberücksichtigt blieb: Das Modell der Turing-Maschine stellt nicht nur deshalb ein Problem dar, weil dieses Modell u. U. zu keiner übersichtlichen Darstellung fähig ist: Möglicherweise ist es einfach deswegen untauglich, weil es bloß eine Entwicklungsstufe moderner verrechnender Systeme darstellt.

Doch die Frage nach dem Übergang von Maschine und Mensch wurde bei Descartes auf noch viel grundsätzlichere Art und Weise fragwürdig gemacht, indem er nämlich die Schnittstelle von Maschine und Nicht-Maschine in den Menschen selbst hineinverlegte: Zweifelnd an der radikal-mechanistischen These untersuchte er in seinen späteren Meditationes, ob sich nicht der Mensch trotz seiner Körper-Maschine "aus Knochen und Fleisch" (AT VII, 25) über diese Mechanik hinaus durch ganz andere wesentliche Merkmale auszeichnet (Schneider 1993, S.422). Die Angst, unter den Mänteln der Menschen auf der Straße nur Automaten vorzufinden (AT VII, 32); der Schock, die Liebende plötzlich als Automaten entdecken zu müssen, der natürlicher erscheint als der als Automat beschimpfte wirkliche Partner (wie in E.T.A. Hoffmanns "Sandmann") führte zu der Frage: "(Wie) kann entschieden werden, dass bzw. ob der andere ein Automat ist?" (vgl. Putnam 1964); Descartes' Antwort war die Annahme eines vom körperlichen Substrat unabhängigen menschlichen Geistes.

Verlegte Descartes in seinen späten Schriften also die Schnittstelle von Maschine und Natur in den Menschen selbst, in dem er nämlich Denken und ausgedehnte Materie voneinander schied und über mögliche Übergänge beider grübelte, so deutet sich darin endgültig die Auflösung des einheitlichen Wissensobjektes ,Mensch' an, der zwar von Descartes immer noch als Leib-Seele-Einheit angenommen wurde, längst aber epistemologisch vervielfältigt war in ein polymorphes Geist-Maschine-Gebilde.

2. Mannmaschine

Feministische Technikkritik machte im 20. Jahrhundert geltend, dass die bei Descartes artikulierten Ängste bloße Zeichen einer "masculinization of thought" (Bordo 1987) seien. Die moderne Wissenschaft als Errungenschaft des Mannes, der maschinell-technisch zu beherrschen suchte, was er eigentlich als Seinsgrund schon immer verleugnet hatte: "Der Wissenschaftler will jetzt vor der Welt sein: sie benennend, regelnd, axiomatisierend. Die Natur manipulierend, benutzend, ausbeutend, aber vergessend, daß er doch auch in der Natur ist." (Irigaray, Ethik der sexuellen Differenz 1991, S.148). Der Mann habe das vermeindlich neutrale universelle Subjekt der Wissenschaften geschaffen (ebd., S.142) und habe sich als Maschine gedacht (ebd., S.169). Damit war deutlich gemacht, dass sich nicht der Mensch von der Natur entfremdet hatte, sondern vor allem der Mann, der in seiner Funktion als Kontrolleur der Wissenschaften ,Natur' als bloß mechanisches Objekt wissenschaftlicher Forschung und technischer Beherrschung in den Blick nahm.

In jüngster Zeit begannen Autorinnen, diesen inzwischen selbst zum Mythos erstarrten Zusammenhang von Mann und Technik aufzuweichen, in dem sie sich stark machten für eine "weibliche" Aneignung des Technischen: Statt einer patriarchalen Genealogie des Technischen (von Babagge bis Turing) wiesen sie nach, dass statt großer Männer im Hintergrund Frauen die Fäden sponnen und wesentliche Arbeit leisteten, etwa bei der Entwicklung der Vorläufer der heutigen Computers (Plant 1998).

Andere plädierten dafür, das Verhältnis von Mensch und Maschine, Frau und Mann überhaupt neu zu bestimmen und begannen, das von linker Technikkritik wohlgehütete Gegensatzpaar von männlicher Wissenschaft und weiblicher Natur aufzuweichen. Vor allem die Amerikanerin Donna Haraway, Biologin und Philosophin, versuchte im Rahmen der Gender-Debatte um kulturelle Geschlechterkonstruktion und scheinbar biologisch determiniertem Sex die Frage aufzuwerfen, inwieweit das Verhältnis von Organismus und Maschine, von Mann und Frau, nicht auch aus naturwissenschaftlicher Perspektive neu zu bestimmen war: Ebenfalls im Sinne einer weiblichen Aneignung des Technischen entwarf sie zu politisch-strategischen Zwecken in ihrem 1985 erschienenen Essay Manifesto for Cyborgs: Science, Technology, and Socialist Feminism in the 1980's (dt. 1995) den Mythos der Cyborg-Mischwesen.

3. mix, cuts and ...

Mit der Ergänzung im Titel in the 1980's deutet Haraway die Richtung ihrer Argumentation an: Keinen neuen allgemeinen Entwurf des Verhältnisses von Mensch und Maschine will sie vorlegen, sondern aus der "partikularen Perspektive" einer weißen Lesbierin, die zu Reagans Zeit in den Vereinigten Staaten an der Universität von Santa Cruz in Kalifornien den ersten "ausdrücklich für feministische Theorie ausgeschriebenen Lehrstuhl in den USA" innehat (Rullmann 1998, S.308), das Verhältnis von ,Mensch' und ,Maschine' allein unter eben diesen Vorzeichen in den Blick nehmen.

Sie spricht sowohl als Lesbe als auch als Weiße, wenn sie eine Neubestimmung feministischer Wissenschaft und Politik vornimmt und Kritik an bisher entwickelten Ansätzen übt: "Taxonomien des Feminismus", die versuchen, "die Abweichung von der offiziellen Erfahrung von Frauen zu reglementieren" (MfC, S.43), indem sie beispielsweise schwarzen Frauen den Zugang verwehren; psychoanalytisch orientierte Modelle, in denen der Frau im Rahmen der heterosexuellen Mann-Frau-Differenz Mangel an Ichstärke zugeschrieben wird und ihr eine Ursprungserzählung untergeschoben wird (MfC, S.66).

Der Mythos der Cyborg ist damit zunächst eine Gegen-Erzählung, die versucht, durch Freisetzung neuer Interpretations- und Handlungsspielräume das Feld feministischer politischer Aktivität neu abzustecken. Sie will mit ihrem Manifest als Text keinesfalls die Vorhut eines neuen Zeitalters bilden (MfC, S.36), sondern jenseits moderner Avantgarde-Politik einen neuen sowohl semantischen als auch praktischen Raum gewinnen für den Traum "einer mächtigen, ungläubigen Vielzüngigkeit" (MfC, S.72). Ausgehend von diesem Bild der "Vielzüngigkeit" versucht ihr Manifest Antwort zu geben auf die Frage, wer dabei spricht.

Kritik an dem in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhundert dekonstruierten "westlichen Subjekt" übt auch sie, doch zielt ihre Analyse dabei weniger auf den Vernunft-Begriff (vgl. Ostner 1992), sondern vielmehr auf die auch dem Vernunft-Begriff unterliegende Differenz von Mensch und Maschine. Sie setzt in ihrem Manifest weder mit der Annahme vom dem Menschen an, noch mit dem Maschinellen, sondern unterläuft diese Dichotomien gleich zu Beginn: Cyborgs seien Mischwesen jenseits binärer Logik und tradierten Gegensatzpaaren wie Mann/Frau oder Körper/Geist; damit also geht es ihr von vornherein weder um Fragen nach dem "Denken ohne Körper" einerseits noch um Fragen nach der Leiblichkeit andererseits. Ihr Manifest nimmt die Frage nach der Transformation des menschlichen Körpers selbst in den Blick und thematisiert die Auflösung von jeglicher Art von Entitäten und herkömmlichen Differenzen.

Damit enden Körper zunächst als Objekte des Wissens, insofern sie als "menschliche" von Tieren und Maschinen unterschieden wurden; antihumanistisch endet ,der Mensch' bei Haraway wie auch bei Foucault "wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand" (Foucault 1974, S.462) - und geboren wird die Cyborg nur noch als Mischwesen wie in der Eingangssequenz des bereits zitierten Ghost in the Shell, das keinen Zustand "ursprünglicher Einheit" mehr kennt (MfC, S.35): Sie wird aus einer Flüssigkeit heraus geboren, bestehend aus einem langsam wachsenden Gewebe aus Fleisch und Maschinenteilen.

Das Problem des Maschinen-Diskurses, wie Übergänge zu bestimmen und zu kontrollieren sind, scheint damit behoben zu sein: Die Cyborg als Mischwesen trägt "selbst" mannigfaltige Übergänge und überschreitet Grenzen; welche aber?

Zunächst überschreitet Haraway mit ihrem Manifest wie auch in anderen Texten die Grenze zwischen Wissenschaft und Literatur, zwischen science und fiction. Werden die Modelle selbst realer als ihre Gegenständen, verschwindet gar im Simulacrum das Original zugunsten der "originalen Kopie" wie etwa in der Genetik (Haraway, Die Biopolitik postmoderner Körper), so stellt sich Wissenschaft selbst als das Erfinden von Modellen dar, die den Erzeugnissen von Sciencefiction-Romanen weitaus ähnlicher sind als es ihr möglicherweise lieb sein kann (Geier 1999, S.158). Literarische Fiktion und wissenschaftliche Fakten vermischen sich dabei zu einer besonderen Form der Erzählung, die ihre Gültigkeit allein durch ein Netz von wissenschaftlichen Praktiken erhält (Haraway 1995, S.75): "... Wissenschaften bestehen aus komplexen, historisch spezifischen geschichtenerzählenden Praktiken. Fakten sind beladen mit Theorien, Theorien mit Werten und Werte mit Geschichten." (Haraway 1986, S.79; zitiert nach Haraway 1995, S.17). Strategisches Ziel der Einsetzung der Cyborgs ist es dabei, sie "als eine Fiktion anzusehen, an der sich die Beschaffenheit unserer heutigen gesellschaftlichen und körperlichen Realität ablesen läßt. Sie sollte aber auch als eine imaginäre Ressource betrachtet werden, die uns einträgliche Verbindungen eröffnen kann." (MfC, S.34). Damit ist zunächst die Grenze von Imagination und Realität eingeebnet.

Zweitens überschreiten Cyborgs in Bezug auf Produktion und Reproduktion die Grenze von Organischem und Maschinellem: Als "Verkoppelungen aus Organismus und Maschinen" (MfC, S.37) sind sie nicht mehr an eine organische Reproduktion gebunden; die Produktion von Cyborgs findet unter einer ständigen Überschreitung der Grenzen von Organischem und Maschinellem statt; ,natürlich' und ,hergestellt' verlieren als Kategorien ihre Gültigkeit, wenn beispielsweise in der Medizin künstlich hergestelltes Ersatzteil und "natürlicher" Körper eine lebendige Verbindung eingehen, oder Befruchtung "in vitro" stattfindet.

Besonders aber aus der Perspektive der intensiv geführten Gender-Debatte müssen Cyborgs als Mischwesen erscheinen, die drittens die Grenzen der Geschlechter überschreiten: "Cyborgs sind Geschöpfe in einer Post-Gender-Welt. Nichts verbindet sie mehr mit Bisexualität, präödipaler Symbiose, nichtentfremdeter Arbeit oder anderen Versuchungen, organische Ganzheit durch die endgültige Unterwerfung der Macht aller Teile unter ein höheres Ganzes zu erreichen." (MfC, S.35). Donna Haraway tritt entschieden gegen eine bloß kultur/sozialwissenschaftliche Dekonstruktion des Geschlechterverhältnisses ein; es müsse ebenso eine intensive Debatte um die Produktion des Sexes in den Naturwissenschaften, insbesondere in der Biologie geführt werden. Haraway kritisiert, dass die feministische Theorie sich ausschließlich mit dem Genderbegriff auseinandersetze, den Sex aber den Biowissenschaften überlassen würde. Hatten zwar Autoren wie Judith Butler auf vehemente Kritik hin die einseitige Betonung der kulturellen Produktion von Gender zugunsten einer Konzeption modifiziert, in der die Konstitution von Geschlechtlichkeit im Spannungsfeld von Gender und Sex als performativer Prozess genauer bestimmt wird (Körper von Gewicht), so wurde damit zwar auch Materie als etwas Mitproduziertes, und nicht als etwas Gegebenes analysiert (Butler 1997, S.22 ff.). Doch trotzdem insistiert Haraway darauf, dass die Frage nach der Konstruktion von Wissensobjekten nicht allein im Rahmen einer Theorie "diskursiver Produktion und sozialer Konstruktion" ansiedelbar ist, sondern zu bedenken ist, dass (am Beispiel des Sexes) Wissensobjekten eine größere Festigkeit zukomme als dass sie durch solche Prozesse allein als verursacht erklärt werden könnten (Haraway, Situiertes Wissen, S.92): ,Körper' sind nicht bloß Effekte von ausschließlich sprachlichen Praktiken, sondern treten im Konstitutionsprozess selbst als Akteure auf, die sowohl materiell als auch hinsichtlich von Bedeutung dasjenigen mitbestimmen, was als Wissensobjekt "Körper" entsteht: "Körper als Wissensobjekte sind materiell-semiotische Erzeugungsknoten. Ihre Grenzen materialisieren sich in sozialer Interaktion." (Haraway, Biopolitik postmoderner Körper, S.171).

Damit aber enden Körper nicht nur als historisch-kontingente Wissensobjekte, sondern die Enden der Körper liegen darüber hinaus nicht mehr materiell-semiotisch an ihrer Haut (MfC, S.68): "die Männer und Mäuse eines gutausgestatteten Labors" enden nur aus einer bestimmten Perspektive an ihrer Haut; der Blick durch das Rasterelektronenmikroskop visualisiert "eine Art wuchernden Dschungel bedrohlich unzulässiger Verschmelzungen" auf genetischer Ebene, der den Unterschied von Mann und Maus, von Mensch und Tier, fragwürdig erscheinen lässt (Harway, Biopolitik postmoderner Körper, S.179).

Doch Haraway versteht viertens ihren Cyborg-Mythos ebenso als Beschreibung gesellschaftlicher Wirklichkeit: Haushalt, Familie und Staat werden als heterosexuell-patriarchale Projekte entlarvt, deren Teil Cyborgs nicht mehr sind: Ohne einen ernährenden Mann, ohne den Schutz eines Wohlfahrtstaats zu genießen, konstituiert sich frau unter den Bedingungen einer dezentralisierten Arbeitswelt ohne Vollbeschäftigung, die geringstes Maß an Sicherheit und höchstes Maß an Flexibilität erfordert (MfC, S.55 ff.). Spätestens mit dieser Analyse wird deutlich, dass ihr Cyborg keinesfalls nur positive politische Strategie ist, sondern zugleich Zeichen gesellschaftlicher Veränderungen, die eine ganze Reihe von Gefahren und Problemen mit sich bringen.

Die Cyborg lässt sich also nicht nur als Mischwesen, sondern auch als Grenzgängerin beschreiben und sie überschreitet vor allem die zwei Grenzen von Mensch und Tier (MfC, S.36) sowie die zwischen Organismus und Maschine (MfC, S.37 f.). Haraway argumentiert dabei weitestgehend mit Blick auf technologische Entwicklungen, wenn sie die Grenze zwischen Selbst- und Fremdsteuerung, zwischen hergestellt und naütrlich nicht mehr für eindeutig ziehbar hält. Die Frage nach dem "wer spricht?" scheint zu ergeben, dass Subjektstandpunkte selbst hochgradig gemischte Standpunkte sind, die in einer ganzen Reihe von Hinsichten jenseits einer eindeutigen Zuordnung liegen. Sprechen ist selbst ein vielzüngiges, weil sich in ihm unterschiedlichste Geschichten, Identitäten, Sprachen und Kulturen mischen (MfC, S.41 f.), die es aus feministischer Perspektive nicht mehr erlauben, von den Erfahrungen der Frauen zu sprechen.

4. ... disturbances

Die Cyborg erweist sich also als ein Mischwesen, dass über verkoppelte, eigentlich voneinander abgegrenzten Entitäten erzeugt wird und dabei nicht nur eine als politische Strategie entworfene fiktive Figur darstellt, sondern ebenso eine "reale" Figur innerhalb des gesellschaftlichen Zusammenhangs. Das Enden der Körper stellt demnach insgesamt ein diskursives Ereignis dar, das nach Haraway mit einer Transformation "der organischen Industriegesellschaft in ein polymorphes Informationssystem" verbunden ist (MfC, S.48). Mit einer solchen Transformation in ein System der sogenannten "Informatik der Herrschaft" bezieht sie sich auf Michel Foucaults Studien der späten siebziger Jahre zurück.

Foucault hatte in Surveiller et punir. La naissance de la prison (1975, dt. 1976) und La volonté de savoir. Histoire de la sexualité (1976, dt. 1977) den Körper als Effekt historisch kontingenter diskursiver und nicht-diskursiver Praktiken untersuchte, die sich zu einem Netz von Machtbeziehungen zusammenschließen. In Surveiller et punir untersucht Foucault die Formation des Körpers im Rahmen der Geschichte des modernen Strafrechts und -vollzugs (ÜS, S.33 f.). ,Körper' wird dabei als Effekt einer "Technologie der Macht" bestimmt, die als Beziehung zwischen Medizin und Philosophie sowie Technik und Politik angenommen wird (ÜS, S.174): "Es handelt sich gewissermaßen um eine Mikrophysik der Macht, die von den Apparaten und Institutionen eingesetzt wird; ihre Wirksamkeit liegt aber sozusagen zwischen diesen großen Funktionseinheiten und den Körpern mit ihrer Materialität und ihren Kräften." (ÜS, S.38). Macht wird dabei ganz im Sinne der Archéologie du savoir nicht als Eigentum, sondern als Strategie bezeichnet: Macht als "die Vielfältigkeit von Kräfteverhältnissen, die ein Gebiet bevölkern und organisieren." (WW, S.113). Zentral ist im Hinblick auf Haraways "polymorphes Informationssystem", dass der Körper zu einer Maschine gemacht wird, die nutzbringend sein soll. Dies wird durch verschiedene Formen der Disziplinierung erreicht: "Der Körper geht in eine Machtmaschine ein, die ihn durchdringt, zergliedert und wieder zusammensetzt." (ÜS, S.176). Foucault untersucht dabei verschiedene Disziplinartechniken, deren höchste Form die Taktik darstellt: "... die Kunst, mit Hilfe lokalisierter Körper, codierter Tätigkeiten und formierten Fähigkeiten Apparate zu bauen, die das Produkt verschiedener Kräfte durch ihre kalkulierte Kombination vermehren ..." (ÜS, S.216). Das Bauen von Körperapparaten findet nach Foucault statt, um die kapitalistisch-bürgerliche Gesellschaft zu ermöglichen und zu erhalten; die Politik unterwirft ihn und macht ihn nutzbar, Medizin und Philosophie funktionalisieren und erklären ihn.

In La volonté de savoir wird der Sex im 19. Jahrhundert in zwei sogenannten "Registern" untersucht: Dem der "Biologie der Fortpflanzung" sowie dem der "Medizin des Sexes" (WW, S.71). Diesmal wird der Apparat nicht zur Erzeugung von Körpern eingesetzt, sondern zur Produktion von Wahrheit "- wenn er sie auch im letzten Augenblick verhüllt". Der Sex wird also analysiert anhand der Differenz wahr-falsch (WW, S.73) und das Bauen von Sexapparaten findet zur Produktion von Wahrheit im Rahmen der Aufrechterhaltung der kapitalistisch-bürgerlichen Gesellschaft statt. ,Sex' stellt allerdings nicht nur den Gegenstand von Macht/Wissenbeziehungen dar, sondern er bildet zusammen mit der Biologie der Fortpflanzung das "Formationssystem" der Macht des Lebens: Der Körper wird nicht nur der Kontrolle unterworfen, indem durch Geständnistechniken und medizinische Forschungen der Sex zum Wissensobjekt wird, sondern der Körper wird ebenso einer regulierenden Kontrolle unterzogen, was das Bevölkerungswachstum angeht: Mit Bio-Macht bezeichnet Foucault dabei "verschiedenste Techniken zur Unterwerfung der Körper und zur Kontrolle der Bevölkerung." (WW, S.167); "Bio-Macht" stellt sich als Möglichkeitsbedingung des Kapitalismus dar (WW, S.168), in der das Leben des Menschen als reale Größe zum zentralen Ort der Kontrolle und Unterwerfung wird.

Haraway baut auf diesen Analysen Foucaults unmittelbar auf. Zunächst nimmt nämlich auch sie an, dass "jedes beliebige Objekt und jede Person ... auf angemessene Weise unter der Perspektive von Zerlegung und Rekombination betrachtet werden [kann], keine >natürlichen< Architekturen beschränken die mögliche Gestaltung des Systems." (MfC, S.50). In Bezug auf die unterschiedlichsten "Register" (Biologie, Literatur, Psychologie) macht auch sie deutlich, dass als natürlich angenommene Objekte aufgelöst werden in eine Reihe von Analysegrößen und Schemata, zerlegt und rekombiniert werden. So zum Beispiel löse sich das ideologische Konzept der Rasse auf in "Häufigkeit von Parametern wie Blutgruppen oder Intelligenzfaktoren" (MfC, S.49 f.). Wie Foucault in Surveiller et punir nimmt auch sie an, dass diese Körperproduktion durch Strategien der Kontrolle überwacht werden muss, die sich auf "Randbedingungen, Schnittstellen und ... Durchsatzraten der Systemgrenzen konzentrieren und nicht auf die Integrität natürlicher Objekte" (MfC, S.50). Scheinbar natürliche Objekte werden als Objekte aufgelöst in Systemarchitekturen mit allein probabilistische und statistische Operationsweisen: "Jede beliebige Komponente kann mit jeder anderen verschaltet werden, wenn eine passende Norm oder ein passender Kode konstruiert werden kann, um Signale in einer gemeinsamen Sprache auszutauschen." (MfC, S.50).

Damit aber ist eine Dimension über Foucault hinaus erreicht, die jenseits von Bio-Macht und Bevölkerungskontrolle liegt: Das Leben wird nicht mehr nur gerastert und kontrolliert, sondern es wird vor allem simuliert (MfC, S.50). Haraway nimmt in diesem Zusammenhang die "Übersetzung der gesamten Welt in ein Problem der Kodierung" an (MfC, S.52): Grenzen sind Grenzen der Durchlässigkeit von Information, Kontrolle des Datenflusses, Information als basierend auf universell übersetzbaren Elementen. Große technische (Kommunikations-)Systeme wie etwa das Telefonnetz oder aber die Vernetzung von Datenbanken machen laut Haraway deutlich, dass das zentrale Problem des "polymorphen Informationssystems" darin besteht, eine universelle Sprache sowie Möglichkeiten der Kontrolle zu finden (MfC, S.52); "effektive Kommunikation" stellt dabei nichts anderes dar als "unbehinderte, instrumentelle Macht". Insofern besteht die "größte Bedrohung der Macht ... in der Störung der Kommunikation." (ebd.).

Doch nicht nur die Kommunikationstechnologie zeichnet sich durch die beschriebene Transformation aus: Auch in der Biologie vollziehe sich ein Wechsel von der Organismus-Metapher zu Problemen "genetischer Kodierung und des Zugriffs auf Information." (MfC, S.50).

Als Basis beider Register bezeichnet Haraway im Anschluss an McLuhan die (Mikro-)Elektronik (MfC, S.53), wenn sie den Wandel verschiedenster Praktiken und Wissensgebiete beschreibt: "Arbeit in Robotik und Textverarbeitung, ... Sexualität/Fortpflanzung in Gen- und Reproduktionstechnologien und ... Geist in Künstliche Intelligenz und Entscheidungsprozesse" zu übersetzen (CfM, S.53).

Die Cyborg lebt und operiert politisch also jenseits des Menschen: Verkoppelt mit "Maschinen" vermischt sich der "Körper" mit einst bloß Prothetischem; aus der Angst vor den Automaten und dem Verlust der Kontrolle ist die "Lust der Vermischung" geworden, ein Apparat viel mächtigerer Art: Denn Haraways Pointe liegt gerade in der Doppelgesichtigkeit der Informatik der Herrschaft: Nicht nur die ökonomische Struktur weist sich als vielgestaltiges System kodierter und universaler Informationen aus, sondern ebenso sind die Cyborgs selbst nicht mehr eindeutig zu verorten, sind flüchtig, mikroskopisch klein und ebenso "mächtig": Was des einen Vernetzungsprinzip zur Profitsteigerung ist, ist des anderen Widerstandsprinzip gegen eben diese Ordnung der universalen Übersetzung: elektronischer Widerstand, wie sich eine Gruppe von Künstlern nennt, durch Störung der effektiven Kommunikation und universellen Übersetzung: "Das gesamte Universum möglicher Objekte muß also als kommunikationstechnisches (aus der Perspektive der ManagerInnen) oder als textheoretisches Problem (aus der Perspektive des Widerstands) reformuliert werden." (MfC, S.50).

5. the "friendly self"

An anderer Stelle (Situiertes Wissen) plädiert Haraway vehement für die Partialität und Parteilichkeit von Wissen; auch ihr Cyborg-Mythos stellt eine Strategie dar, der "Entkörperung" der Wissenschaften, in dem diese sich scheinbar passive Objekte der Beobachtung geschaffen hat und die gleichzeitige Verschleierung der Situiertheit des Blicks des Forschenden festgesetzt hat, eine neue politische Strategie entgegenzusetzen: Mit dem Konzept der Verkörperung macht Haraway nicht nur auf die Tatsache aufmerksam, dass Wissen als ein sozial interaktiver Prozess auch die scheinbar passiven Objekte als Akteure umfasst, sondern dass infolge der Vermischung von zuvor getrennten Bereichen ein anderes Verhältnis zwischen diesen einst "umkämpften Territorien" (MfC, S.35) angesetzt werden muss: Ist die Technikdebatte im Wesentlichen geprägt durch Fragen nach "Folgen des technischen Fortschritts", nach der Frage der Beherrschung der Technik bzw. ihrer "Verselbständigung" (Wagner 1995, S.147 f.) , werden mit dem Cyborg-Konzept diese Dichotomien aufgelöst, die geschaffen wurden zur Herrschaft "über Frauen, farbige Menschen, Natur, ArbeiterInnen, Tiere" (CfM, S.67).

Die Hochtechnologie biete die Chance eine neuen Form der Politik jenseits der aufgelösten Dualismen: "Im Verhältnis von Mensch und Maschine ist nicht klar, wer oder was herstellt und wer oder was hergestellt ist." (CfM, S.67), da beide anhand derselben Schemata, Prinzipien, Mechanismen analysiert und auf vielfältige Art und Weise miteinander verkettet werden (MfC, S.67). Deshalb schließt sie ihr Manifest mit der provokanten Frage: "Warum sollten unsere Körper an unserer Haut enden oder bestenfalls andere von Haut umschlossene Entitäten umfassen?" und stellt dann fest: "Für uns, sowohl in der Vorstellung als auch in anderen Praktiken können Maschinen Prothesen, vertraute Bestandteile oder ein freundliches (friendly) Selbst sein." (MfC, S.68).

Damit ist nicht nur eine Wende in der technikphilosophischen Debatte angezeigt, sondern zugleich auch der Weg freigemacht für eine völlig andere Debatte um Verantwortung, wenn nämlich die Maschine Teil der Verkörperung des Menschen ist (MfC, S.70). Keineswegs versteht Haraway damit also die Vermischung vom Mensch und Maschine als unkritische, technikwahnhafte Vermengung von Verschiedenem; sondern sie sieht darin vielmehr die Möglichkeit, auf viel wirksamere Art und Weise als durch Berufung auf scheinbar naturalisierte Größen wie ,Mensch' oder ,Geschlecht' eine "Topograhie des Leidens" (Interview mit Donna Haraway, S.120) zu erstellen, die die Veränderungen des Lebens durch die Entstehung eines vielgestaltigen Netzwerks von Informationen beschreiben. Wie allerdings die "Leidensfähigkeit" von Cyborgs genauer zu verstehen ist, wäre noch auszuarbeiten.

6. seitwärts

Kommunikation und Biologie als Technologien haben im 20. Jahrhundert ,den Menschen' als Wissensobjekt der Humanwissenschaften, als Figur literarischer Fiktion, als politisches Konzept, womöglich als Grundlage der Ethik zu dessen Auflösung verholfen. Oder anders ausgedrückt: Das scheinbar "natürliche" Verhältnis von Mensch, Maschine und Technik erwies sich auf dem Hintegrund neuer technologischer Entwicklungen als ein von jeher historisch-kontingentes, mit dem auch ein nutzbarer Gestaltungsfreiraum verbunden ist.

Haraways Cyborg-Politik beschreibt nichts anderes als den Versuch, zu Zeiten einer "Informatik der Herrschaft" ein wirksames politisches Konzept zu erarbeiten, aber auch ein Instrumentarium zu entwickeln, das tauglich ist, die Reflexion über diese Veränderungen Teil des philosophischen Diskurses werden zu lassen. Ausgehend von Foucaults diskursanalytischer Methodik versucht sie, einen Bruch in der Denkgeschichte des 20. Jahrhunderts in den Blick zu nehmen: Mit der globalen Elektrifizierung des Lebens endet das bürgerliche Zeitalter entgültig. Die Rufe nach Schutz der Privatsphäre, die Angst vor Datenmissbrauch zeugen noch von dem nicht Wahrnehmenkönnen eines Bruches im Feld des Subjekts.

Merklich hat sich seit dem beginnenden Kapitalismus das Feld der Subjektproduktion verschärft und ausgeweitet. Es verlangt eine archäologische Untersuchung dieser Verschiebung, Einblick in die Techniken des Produzierens, Überwachens und Verteilens von Subjekten. Alle Diskurse aber, die als Vorausannahme ,den Menschen' setzen, sehen sich Legitimationsschwierigkeiten ausgesetzt und haben möglicherweise um ihre Plausibiltät zu fürchten: Nicht etwa weil z. B. ethische Fragen verschwinden würden - sondern weil genau das Objekt verschwindet, das Ausgangspunkt dieser Überlegungen bisher war. Das Zerlegen der organischen Körper und Zusammensetzen von Informationssystemen, die Verkoppelungen aus Mensch und Maschine darstellen, stellt nicht nur die Gefahr dar, in einem solchen globalen Übersetzungssystem Verschiedenheiten auszulöschen, weil sie nicht versprachlichbar sind. Ebenso zeigt Haraway, dass ein solches Netz Chancen für neue Artikulationsformen und veränderte Aneignungsstrategien bietet, die allerdings nur dann gefunden werden können, wenn die Akteure solcher Informationssysteme einer Analyse unterzogen werden.

Information im Netz muß "seitlich durchquert" werden, schreibt Sandie Plant in ihrer Monographie über Ada Lovelace (1998, S.54). Ein Apparat des politischen Widerstands hätte demnach mit Blick auf das Ziel der Störung von universeller, grenzüberschreitender Kommunikation und Datenaustausch vor allem das Ziel, Grenzen öffnen. Nicht mehr Grenzen zu ziehen und Kontrollpunkte einrichten, z. B. zwischen Mensch und Maschine, sondern Zugänge zu schaffen. Denn jenseits linearer Ordnungen sind Zustände niemals geschlossen, sondern auf nicht geordnete und nicht vorhersagbare Weise offen. Technik und Überwachen bildeten seit jeher einen untrennbaren Zusammenhang: Kontrolle der Zweckerzielung, Vermeidung von nicht intendierten Wirkungen, Begrenzung aufgetretener Schäden. Maschine-Mensch-Prozesse als vielgestaltig und zugleich als offen in ihren Wirkungen anzunehmen hieße, auf ganz andere, noch auszuarbeitende Weise Verantwortung jenseits von Technik und Überwachung zu übernehmen.

 

Literatur:

Aristoteles, Physik. Hamburg 1995

Aristoteles, De Anima. Hamburg 1995

Bordo, Susan: The Cartesian Masculinization of Thought, in: Harding, S. und O'Barr, J.F.: Sex and Scientific Inquiry. Chicago 1987

Foucault, Michel: Die Ordnung der Dinge. Frankfurt a. M. 1974

Foucault, Michel: Überwachen und Strafen. Frankfurt a. M. 1976

Foucault, Michel: Der Wille zum Wissen. Frankfurt a. M. 1977

Geier, Manfred: Fake. Leben in künstlichen Welten. Reinbek bei Hamburg 1999

Gunderson, Keith: Mentality and Machines. Second printing, Minneapolis 1985

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