"Zwei Gelehrtennaturen, die über sich hinaus wollen":

Franz Overbeck und Friedrich Nietzsche

Nicht erst im Jubiläumsjahr 2000 hat man sich daran gewöhnt, Friedrich Nietzsche (1884-1900) allein und unverstanden auf dem Gipfel geistiger Hochgebirge thronen zu sehen — unerreicht von seinen Zeitgenossen und erst recht von seinen Epigonen. Wer indessen etwas genauer hinschaut, wird in Nietzsches langem, von ihm selbst eifrig gepflegten Schatten noch andere Gestalten entdecken, die nun mit hundertjähriger Verspätung nach und nach daraus hervortreten. Die markanteste unter diesen Gestalten ist Franz Overbeck (1837-1905), der treueste Freund des Philosophen, seit 1870 Basler Theologieprofessor. Ein Theologieprofessor indessen, der die Abschaffung aller Theologie im Schilde führte. Ein Theologieprofessor, der nicht mehr daran glaubte, dass unter den Bedingungen der Moderne Christentum noch möglich sei. Overbecks verwinkeltes Denken führt ins Aporetische: Eine Rückwendung zum Urchristlichen gestattet es sich ebensowenig wie eine bedingungslose Bejahung der modernen Ideologien.

Overbeck ist ein Ereignis der Geistesgeschichte, dessen Eintreten man erst retrospektiv und auch da zunächst nur unter verzerrter Perspektive wahrzunehmen begann. Karl Barth berief sich im Vorwort seines Römerbrief-Kommentars von 1922 auf Overbecks Fundamentalkritik an der gründerzeitlichen Theologie, um seine eigene Neuausrichtung zu begründen. Schon Barths Zeitgenossen zweifelten allerdings daran, ob sich im Anschluss an Overbecks Diagnose vom „finis christianismi“ noch irgendeine Form von Christentum rechtfertigen, geschweige denn Theologie treiben lasse. Overbecks nichttheologische Leser — darunter Walter Benjamin, Martin Heidegger, Karl Löwith und Hans Blumenberg, aber auch Thomas Mann (vgl. Lit. Nr. 13) — zogen es vor, ihn als nüchternen Propheten unwiderruflicher Entchristianisierungsprozesse oder als skeptisch-agnostischen Humanisten zu deuten. Erst die jüngsten Editions- und Forschungsanstrengungen machen es jetzt möglich, ein unverstelltes Bild auf den von Nietzsches Schwester verunglimpften Freund des Philosophen in seiner ganzen geistigen Eigenständigkeit zu gewinnen. Erstmals liegen nicht nur Overbecks Schriften in einer Werkausgabe vor, sondern ebenso gewichtige Teile seines immensen handschriftlichen Nachlasses (Lit. Nr. 1, nachfolgend zitiert OWN), Overbecks eigentliches Vermächtnis. Dieser Nachlass beinhaltet auch Overbecks späte Aufzeichnungen über Nietzsche, der in seinem Freund einen gerechten und selbstkritischen Kritiker fand: „Wir sind zwei Gelehrtennaturen, die über sich hinaus wollen, nur so vermag ich mir unsere innige Freundschaft zu erklären bei so enormer Ungleichmäßigkeit unserer Begabung — wobei ich mir über mein Zurückstehen gar keine Illusion mache — und ebenso großem Unterschiede unseres Temperaments." (OWN, Bd. 7/1, S. 74) In diesen Aufzeichnungen, namentlich denjenigen autobiographischen Zuschnitts (OWN, Bd. 7/2), lässt sich nachvollziehen, wie der verbeamte­te Theologe sich wissentlich und willentlich ins Abseits der zeitge­nössischen theologischen Debatten manövrierte. Dennoch blieb Overbeck seinem Amt treu, um insgeheim eine rein wissenschaftliche, aller dogmatischen Fixierung abholde, „profane“ Kirchengeschichtsauffassung zu verfechten: „Auch darin ist es mit dem Christenthum wie mit allen irdischen Dingen: es nutzt sich durch den Gebrauch ab. Das lehrt die Kirchengeschichte und diese ist damit die eigentliche Schule des Scepticismus für Theologen.“ (OWN, Bd. 4, S. 145) Overbeck ist fraglos durch diese Schule gegangen.

 Allerdings ist dieser Weg in die denkerische Radikalität nicht unbedingt von Anfang an vorgezeichnet: Als Sohn eines deutschstämmigen, protestantischen Kaufmanns mit britischem Pass und einer katholischen Französin im russischen St. Petersburg geboren und teilweise in Frankreich erzogen, studierte Overbeck — nach eigener Aussage motiviert vom „flachsten philanthropischen Pfarrerideal“ — Theologie an verschiedenen deutschen Universitäten. 1864 mit einer patristischen Arbeit in Jena habilitiert, stand der junge Kirchenhistoriker zunächst in der Tradition des theologischen Liberalismus (vgl. Lit. Nr. 10), ohne jedoch mit der Tübinger Schule Ferdinand Christian Baurs, der er sich zurechnete, Hegelsche Dialektik in der Geschichte (der Kirche) am Werk zu sehen. 1870 als Professor für Neues Testament und Alte Kirchengeschichte an die Universität Basel berufen, schließt Overbeck Freundschaft mit seinem Hausgenossen, dem jungen Philologen Nietzsche. Diese Freundschaft sollte bis zum Ausbruch von Nietzsches Wahnsinn alle Stürme überdauern, obwohl die beiden Freunde nur bis Mitte der siebziger Jahre gemeinsam in der Basler „Baumannshöhle“ wohnten und Nietzsche 1879 Basel endgültig verließ. Overbeck blieb auch noch nach 1889 der Sachwalter von Nietzsches finanziellen Angelegenheiten, war aber bis dahin vor allem der unermüdliche Briefgesprächspartner in persönlichen so gut wie in philosophischen Dingen, der sich, wie die kürzlich neu herausgegebene Korrespondenz eindrücklich belegt (Lit. Nr. 4), immer zu Freundschaftsdiensten, nie aber zu Vasallendiensten bereit fand.

 Die sehr profilierte Position Overbecks im Geflecht von Nietzsches Freundschaften (vgl. Lit. Nr. 6) tritt besonders klar zutage, wenn man einen Blick in Overbecks Korrespondenzen mit anderen Nietzsche-Freunden wirft. Heinrich Köselitz alias Peter Gast z. B. blieb Nietzsche gegenüber stets in der Rolle des Jüngers, was sich auch in seinen Urteilen über Nietzsches Werke zeigt. So erhob er Also sprach Zarathustra im Brief an Overbeck vom 12. Juli 1883 zu einer „heiligen Schrift“ (Lit. Nr. 3, S. 140), worauf Overbeck am 1. November 1883 lakonisch erwiderte: „’Auf lasst uns den Geist der Schwere tödten!', dieser Wunsch des Zara- thustra legte sich mir vor Allem aufs Herz, als ich das Buch zuerst gelesen hatte. Wiederholte Lektüre hat mich wohl überzeugt, dass man nicht bald mit seinem Reichthum und seinen hohen Schönheiten ans Ende kommt, aber mir auch keine Überwindung seines allzu pathetischen Wesens gelingen lassen. Ich sollte meinen, dieser Art 'neue Werthe' unter die Menschen zu bringen sollte der Muth ausgegangen sein, und N. selbst insbesondere hätte sich diesen Weg übel verlegt.“ (Lit. Nr. 3, S. 150) Overbeck, am professionellen kritischen Umgang mit religiösen Texten geschult und dadurch vor parareligiösen Überhöhungen gefeit, bewahrte sich die vorsichtige Distanz zu Nietzsches Werk bis zum Lebensende, das von der Auseinandersetzung mit Elisabeth Förster-Nietzsches Weimarer Nietzsche-Archiv überschattet war. Overbeck ließ sich nicht dazu herbei, bei der Geburt der Nietzsche-Mythen aus dem Geiste der schwesterlichen Liebe Hebammendienste zu leisten und beharrte auf seiner eigenständigen Nietzsche-Deutung, der die heutige Nietzsche-Forschung nicht nur konkrete Anregungen, sondern vor allem den kritischen Gestus verdankt. Nach Overbecks Tod setzte sich die Auseinandersetzung der „Basler“ - von nun an repräsentiert durch Overbecks „wilden Schüler“ Carl Albrecht Bernoulli - mit den Weimarern fort und artete in publizistische Schlammschlachten aus. Ihren Höhepunkt erreichte die Affäre mit Bernoullis zweibändigem Werk Franz Overbeck und Friedrich Nietzsche (Jena 1908), das die Ehrenrettung Overbecks gegen die Verunglimpfung durch Frau Förster-Nietzsche bezweckte. Nach und nach sollte sich die von Overbeck unfreiwillig begründete „Basler“ Nietzsche-Tradition (vgl. Lit. Nr. 9) gegen das Nietzsche-Interpretationsmonopol des Weimarer Archivs nicht nur behaupten, sondern durchsetzen.

 Die Faszination, die von dem immerhin sieben Jahre jüngeren Philologen ausging, überwand offenbar schon bald all das, was Overbeck „an Nietzsches ganzem Gebahren recht eigentlich zu 'überwinden' hatte“ (OWN, Bd. 7/1, S. 74). Die 1872 publizierte Geburt der Tragödie verfehlte ihren Eindruck auf Overbeck jedenfalls nicht; insbesondere Nietzsches Mythos- und Ursprungs-Konzept regte den Theologen zu weiterführenden Reflexionen an (vgl. Lit. Nr. 10). Bald erkunden Nietzsche und Overbeck intellektuell gemeinsame Pfade — ja, sie pflegen in ihrer Opposition zum Zeitgeist eine Art „Waffengenossenschaft“ (OWN, Bd. 4, S. 352). So heißt es in einem Brief Nietzsches an Overbeck vom 31. Dezember 1873: „Nicht wahr, wir wollen uns gut und treu bleiben, Wunsch- Waffen- und Wandnachbarn, seltsame Käuze meinetwegen im Baseler 'Uhlenhorst', aber recht friedfertige brave Uhlen. Nämlich für uns: nach außen hin greuliches Mord- und Raubgethier, brüllende Tiger und ähnlicher Wüstenkönige Genossen.“ Doch gegen welchen Feind kämpft ein Theologe gemeinsam mit einem dereinst zum schärfsten Feind des Christentums werdenden Philosophen? Und kämpfen sie um eine gemeinsame Sache, mit einem gemeinsamen Ziel vor Augen?

 Zwar hat sich Overbeck zu allen Bereichen der Kultur seine Gedanken gemacht, diese seine Gedanken jedoch in Nachlassnotizen begraben. Mit seinen spärlichen Veröffentlichungen zu Lebzeiten hingegen beschränkte er sich auf die Behandlung von Themen, die im engeren Sinn zu seinem Fach gehörten: Es trieb ihn schon vor der Freundschaft mit Nietzsche die Frage um, wie Theologie in der modernen Welt noch möglich sei, und im welchem Verhältnis diese Theologie zum ursprünglichen Christentum stünde. 1873 erschien Nietzsches Erste unzeitgemäße Betrachtung gegen David Friedrich Strauss und Overbecks Über die Christlichkeit unserer heutigen Theologie zeitgleich im selben Verlag. Nietzsche widmete Overbecks Band der beiden zusammengebundenen Streitschriften mit dem folgenden Gedicht: "Ein Zwillingspaar aus Einem Haus / ging muthig in die Welt hinaus, / Welt-Drachen zu zerreißen. / Zwei-Väterwerk! Ein Wunder war's / Die Mutter doch des Zwillingspaars / Freundschaft ist sie geheißen!" (OWN, Bd. 1, S. 271) Die gemeinsamen Drachentöteraspirationen sind unverkennbar. Während Nietzsche das „Bildungsphilistertum“, die Religionsstiftungsaspirationen des alten Strauss und damit die sich etablierende politische Ideologie des jungen Bismarck-Reiches ins Visier nimmt, inszeniert Overbeck einen Generalangriff auf die „apologetische“ und „liberale“ Richtung der Theologie. Dabei setzt er in Anlehnung an Arthur Schopenhauer (vgl. Lit. Nr. 14) eine vollkommene Unvereinbarkeit von Glauben und Wissen voraus. Die Theologie täusche sich fundamental über sich selbst, wenn sie meine, sie könne Wissen und Glauben in Übereinstimmung bringen. Religiöser Glaube müsse, sobald er mit positivem Wissen in

Berührung gerate, notwendig zerbrechen. Daher verfährt Overbeck unnachsichtig mit allen Versuchen, des Christentums auf wissenschaftlichem, namentlich auf historischem Wege gewiss zu werden. Wenn der Nebel, den die literarischen Quellen über die Ursprünge des Christentums gebreitet haben, gelichtet würde, dann wäre mit der historischen Wiedergewinnung des Urchristentums das Christentum zugleich als Religion vernichtet. Besonders widerwärtig ist Overbeck die von ihm bekämpfte Theologie aber vor allem, weil ihr eine völlig andere „Lebensan-sicht“ eigen sei als dem von ihr vermeintlich vertretenen Christentum. Denn dieses sei von tiefster Weltabwendung geprägt gewesen, habe sich von Geschichte und Kultur in der unmittelbaren Erwartung der Wiederkunft Christi verabschiedet. Als die Kirche die literarischen Formen der Weltkultur adoptierte und sich schließlich mit dem Staat liierte, sei das Mönchtum opponierend auf den Plan getreten. In ihm sieht Overbeck das eschatologische Bewusstsein der frühen Gemeinden konserviert oder besser transformiert, und zwar in Askese, in permanentes „Memento Mori“. Genau diesen pessimistischen Kern des Christentums habe die moderne Theologie, die sich Christlichkeit anmaße, indessen verleugnet, und sich ohne jeden Skrupel der Welt angedient. Statt pessimistisch und weltabgewandt sei sie im ruchlosesten Optimismus befangen.

 Im Gegensatz dazu konzipiert Overbeck in seiner Christlichkeit unserer heutigen Theologie eine eigene „kritische Theologie“, die sich von der Frage nach Weltbejahung oder Weltverneinung gar nicht betroffen sieht (vgl. Lit. Nr. 2). Er meint, einzig diese Art Theologie könne, ohne selbst mit der weltverneinenden Lebensansicht des Christentums übereinzustimmen, ihr dennoch gute Dienste leisten. Sie solle den Bereich des Glaubens unangetastet lassen und den Glauben dadurch schützen. Sonst freilich gehe sie ihrem wissenschaftlichen Berufe unentwegt und ungehindert nach. Diese Vision einer „kritischen Theologie“ gibt Overbeck allerdings bald auf, um schließlich das Ende des Christentums zu verkünden, das sozusagen unter den Händen der es vereinnahmen­den Theologen verschieden sei: „Die Theologen sind scheinbar zur Vertheidigung des Christenthums angestellt, in Wahrheit [...] seine geborenen Verräther. Sie studiren im Interesse ihres Dienstes die Welt und bleiben (unvermeidlicher Weise) in dieser hängen, ihr Christenthum darin verlernend.“ (OWN, Bd. 5, S. 489)

 Nietzsches Zweite unzeitgemäße Betrachtung: Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben (1874) denunziert das Geschichtsbewusstsein der Gegenwart als zutiefst lebensfeindlich, weil es alles dem objektivierenden Zugriff unterwerfe und somit alle Tat, alles Überhistorische und Unhistorische, d.h. Kunst und Religion im Keime ersticke. Am Beispiel des Überhistorischen, der Religion meint Nietzsche den Beweis führen zu können, dass die herkömmliche Historie das Lebendige in der Substanz bedrohe. Dabei nimmt er augenscheinlich Gedanken aus der Gesprächsgemeinschaft mit Overbeck oder direkt aus der Christlichkeit unserer heutigen Theologie auf. Für die Religion, noch durchaus positiv konnotiert (als zwar unwahre, aber nützliche Illusion), wird bei Nietzsche zunächst das Christentum als pars pro toto eingesetzt. Ihm bekommt das Trachten, es in Wissenschaft umzusetzen oder gar historisch zu begründen, denkbar schlecht: „eine Religion, die durch und durch wissenschaftlich erkannt werden soll, ist am Ende dieses Weges zugleich vernichtet“. In einem späteren Kapitel betrachtet Nietzsche das Christentum von einer ganz anderen, inhaltlichen Seite. Er macht einen nicht näher spezifizierten Säkularisierungsprozess für die Lebensfeindlichkeit der heutigen Geschichtswissenschaften verantwortlich. Das Wesen des Christentums, und darin ist er sich wiederum mit Overbeck und Schopenhauer einig, sei von Weltabwendung und Kulturfeindlichkeit gekennzeichnet. Die Nähe, in die Nietzsche die Religion zur Kunst als Un- bzw. Überhistorischem gerückt hatte, die beide für die Kulturgenese erforderlich seien, verschwindet angesichts eines inhaltlich bestimmten Christentums unversehens. Dem „Memento mori“, das das Christentum der Historie eingepflanzt habe, wird ein entschiedenes „Memento vivere“ entgegengehalten.

 Während Nietzsche dem Bildungsphilister und dem modernen Menschen, seiner Idealfeindlichkeit und dumpfen Saturiertheit auf den Zahn fühlt, kommt für Overbeck das moderne Ungemach sozusagen idealtypisch bei den Theologen zum Ausbruch. Die konservative Opposition der beiden polemi-sierenden Gelehrten hat zuweilen einen betont aristokratischen Anstrich, die durchaus in ihr eigentümliches Basler Umfeld passte (vgl. Lit. Nr. 7). In der Diagnose der gegenwärtigen Verhältnisse stimmt man denn Anfang der siebziger Jahre auch weitgehend überein. Das Sinnstiftungspotential des Christentums wird von beiden unter den Bedingungen der Moderne gering veranschlagt, wobei über den welt- und daseinsverneinenden Grundzug echten Christentums bei beiden Einigkeit herrscht. Das Christentum ist von der Wissenschaft, ihrem objektivierenden Blick so angefressen, dass es quasi nur noch unter den Treibhausbedingungen gedeihen könnte, die Overbecks „kritische Theologie“ ihm zugedacht hat. Dass das Überhandnehmen der wissenschaftlichen Kategorien mit starken, nämlich unwissenschaftlichen Gegengiften kuriert werden solle, dafür plädiert zwar Nietzsche, nicht aber Overbeck. Als Maßstab der Kritik ist Overbeck und Nietzsche immerhin der Rekurs auf normative Ursprünge gemeinsam. Beide bleiben insofern bei ihren Leisten, als sich Nietzsche ein archaisches Griechentum zusammenbastelt (vgl. Lit. Nr. 5), und Overbeck andererseits ein Urchristentum, das für alles, was sich nach ihm christlich nennt, richtungweisend ist. Im Unterschied zum jungen Nietzsche strebt Overbeck indessen nicht nach einer Reinstallierung der Anfänge. Sie dienen beim ihm einzig als Korrektiv dessen, was sich zu Unrecht auf sie beruft. Damit wird die Illegitimität dieser Berufung zwar behauptet, die Anfänge selbst sind aber nicht selber für das gegenwärtige Handeln und Denken verbindlich geworden. Anders beim frühen Nietzsche, demzufolge der moderne Mensch ja gerade verachtet gehört, weil er sich nicht mehr im emphatischen Bezug auf die griechischen Ursprünge definiert.

 Die Differenzen sind, bei aller Gemeinsamkeit in der Beurteilung, zwischen Overbeck und Nietzsche vor allem in den Antworten auf die einmal konstatierte Orientierungskrise offenkundig. Overbeck spricht sich für das Ausharren im Gehäuse der modernen Wissenschaft, der Historie aus, die sich darüber im klaren ist, dass sie selbst nicht als sinnstiftende Instanz wird auftreten können. Nietzsche hingegen trachtet, in dieser ersten Phase seines Denkens, nach einem gänzlichen Umsturz der Verhältnisse, die eine solche Lage herbeigeführt haben. Er versucht eine Neuausrichtung der Wissenschaften herbeizuzwingen. So sind sich die Freunde wohl häufig in den Feindbildern einig, nicht aber in den Zielen, die sie mit ihren Federkriegen erschreiben wollen. Die Waffengenossen stehen da am Scheideweg. Mit andern Worten: Nietzsche will den Sinnverlust und den Leidensdruck mit allen denkerischen und künstlerischen Mitteln, seiner ästhetischen Kosmodizee bewältigen, während Overbeck bestenfalls auf Kompensation sinnt und das Orientierungsdefizit nicht gewaltsam aus der Welt zu schaffen trachtet. Seltsamerweise erhebt der Philosoph einen masslosen Sinnstiftungsanspruch, der dem Theologen, für solche Masslosigkeit der metaphysischen Anworten doch eigentlich von Amtes wegen zuständig, völlig abgeht. Hätte Nietzsche mehr Overbeck lesen sollen, um an seinen eigenen Idealen zweifeln zu lernen? Vielleicht hat er es getan - und ist darob zum Freigeist geworden.

 Denn bald lässt sich auch bei Nietzsche eine antiromantische Relativierung der Ursprungsnormativität feststellen. Overbeck beschritt diesen Weg der Relativierung spätestens mit seiner Christlichkeit. So reicht in dem scheinbar rein fachwissenschaftlichen Aufsatz Über die Anfänge der patristischen Litteratur von 1882 eine formal anmutende Analyse der literarischen Gattungen aus, um die unüberbrückbare Kluft zwischen Abkunft und Abkömmlingen vor aller Augen zu führen. Nietzsche seinerseits relativiert die Macht der Ursprünge zunächst in der Zweiten unzeitgemäßen Betrachtung zu zwar regulativen, aber doch als fiktiv durchschauten Leitideen. Die in der Geburt der Tragödie noch als unbedingt normativ geltende Bewältigung des dionysischen Vitalitäts- und Leidens-Überschusses durch das apollinische Kunstwerk wird endgültig in Menschliches, Allzumenschliches I (1878) suspendiert durch eine Hermeneutik des Verdachts, die dem Rekurs auf normative Ursprünge hart zusetzt. Die Genealogie der Moral (1887) schließlich will gerade solche Machtkonflikte in den Ursprüngen ergründen, um so das, was ungefragt gültig ist, zur Disposition zu stellen. Ursprünge sind immer — so eine Quintessenz von Nietzsches und Overbecks Ursprungsforschungen — relativ zu dem, was durch sie geworden ist. Vor allem ist aus den Ursprüngen, die immer partikulare sind, keine Geltung zu folgern — weder für sie selbst, noch für das, was ihrem Schoß entsprungen ist. Mochte es zunächst scheinen, Overbeck habe als Nachzügler Ideen Nietzsches rezipiert und für seine Schrebergarten-Zwecke umgemünzt, so erscheint er im Blick auf die suspendierte Normativität der Ursprünge vielmehr als der Vorreiter. Seine Ursprungsforschung eröffnet Perspektiven, die in der Genealogie der Moral geradezu omnipräsent werden, nämlich den Einblick in die Diskontinuität von Ursprung und Verlauf einer geschichtlichen Erscheinung. Wer die Genese von Nietzsches genealogischer Methode genealogisch entschlüsseln will, wird dabei auf Spuren von Overbecks Ursprungsergründungen stoßen.

 Genealogie bedeutet immer auch, Differenzen bewusst zu machen. Gerade die sind bei Overbeck und Nietzsche nicht zu übertünchen. Mit einer unablässigen Beharrlichkeit wies Overbeck auf die Unwiederholbarkeit der Ursprünge hin, aus denen sich keine zeitlose Substanz der Kultur extrahieren lasse. Denkbar abwegig wäre es ihm jedoch erschienen, selber Ursprung einer neu zu schaffenden Welt sein zu wollen. Ganz anders Nietzsche, dessen genealogisches Projekt auf die Enterbung all jener Mächte und Institutionen abzielte, die vom Menschen Anerkennung und Unterwerfung fordern. Der eigentliche Zweck der Übung war es aber, sich selbst als Ursprung einer neuen Ordnung, einer neuen Kultur zu inthronisieren. Bloss haben, wie Overbeck aufweisen kann, die Ursprünge ein beachtliches Selbsterledigungspotential. Zumal selbsternannte Ursprünge.

 

Neue Quelleneditionen:

 (1) Franz Overbeck, Werke und Nachlass, hrsg. von Ekkehard W. Stegemann u. a., Stuttgart / Weimar 1994ff. [zitiert OWN]. Im Blick auf Nietzsche besonders einschlägig ist: OWN, Bd. 7/2: Franz Overbeck, Autobiographisches. „Meine Freunde Treitschke, Nietzsche und Rohde“, hrsg. von Barbara von Reibnitz und Marianne Stauffacher-Schaub, LVII, 347 S., Ln., ca. Eur 68.--, 1999, Metzler,  Stuttgart.

 (2) Franz Overbecks Briefwechsel mit Paul de Lagarde, hrsg. von Niklaus Peter und Andreas Urs Sommer, in: Zeitschrift für Neuere Theologiegeschichte, Jg. 3 (1996), Heft 1, S. 127-171.

 (3) Franz Overbeck/Heinrich Köselitz (Peter Gast), Briefwechsel, hrsg. von kommentiert von David Marc Hoffmann, Niklaus Peter und Theo Salfinger, LIV, 837 S., Ln., ca. Eur 198.--, 1998, de Gruyter, Berlin.

 (4) Friedrich Nietzsche/Franz und Ida Overbeck, Briefwechsel, hrsg. von Katrin Meyer und Barbara von Reibnitz, XXXII, 535 S., Ln., ca. Eur 43.--, 1998, Metzler,  Stuttgart.

 Neuere Sekundärliteratur:

(5) Hubert Cancik/Hildegard Cancik-Linde-maier, Philolog und Kultfigur. Friedrich Nietzsche und seine Antike in Deutschland, Stuttgart / Weimar 1999, S. 51-68 und S. 105-130. VII, 280 S., Ln., Metzler, Stuttgart.

(6) Hans-Peter Eberlein, Flamme bin ich sicherlich! Friedrich Nietzsche, Franz Overbeck und ihre Freunde, Köln 1999.

(7) Lionel Gossman, Basel in the Age of Burckhardt. A Study in Unseasonable Ideas, $ 40.--, 1999, University of  Chicago Press.

 (8) Martin Henry, Franz Overbeck: Theologian? Religion and History in the Thought of Franz Overbeck. XVI, 312 p., pbk., ca. Eur 44.--, 1995. Lang, Frankfurt am Main / Berlin / Bern.

 (9) David Marc Hoffmann, Das "Basler Nietzsche-Archiv", 102 S., kt., ca. Eur 17.--, 1993, Schwabe, Basel.

 (10) Niklaus Peter, Im Schatten der Modernität. Franz Overbecks Weg zur "Christlich­keit unserer heutigen Theologie",. Viii, 272 S., kt., 1992, ca. Eur 26.--, Metzler, Stuttgart.

 (11) Barbara von Reibnitz, „Ich verdanke Dir soviel, lieber Freund...“. Nietzsches Freundschaft mit Franz Overbeck, in David Marc Hoffmann (Hrsg.), Nietzsche und die Schweiz, Zürich 1994, S. 46-54.

 (12) Andreas Urs Sommer, Der Geist der Historie und das Ende des Christentums. Zur „Waffengenossenschaft“ von Friedrich Nietzsche und Franz Overbeck. Xii, 183 S., Ln., ca. Eur 48.50, 1997, Akademie-Verlag,  Berlin.

 (13) Andreas Urs Sommer, Thomas Mann und Franz Overbeck, in: Wirkendes Wort. Deutsche Sprache und Literatur in Forschung und Lehre, Jg. 46 (1996), Heft 1, S. 32-55.

 (14) Andreas Urs Sommer, Weltentsagung, Skepsis und Modernitätskritik. Arthur Schopenhauer und Franz Overbeck, in: Philosophisches Jahrbuch, Bd. 107/1 (2000), S. 192-206.

 

Autor

Andreas Urs Sommer ist Wissenschaftlicher Assistent am Institut für Philosophie der Universität Greifswald. Er hat u. a. einen philosophisch-historischen Kommentar zu Nietzsches "Der Antichrist" (Basel: Schwabe, 2000) veröffentlicht und ist im Rahmen der Overbeck-Ausgabe (OWN) Mitherausgeber der Briefe Overbecks.