Die vielen Facetten der Realität

Die Bedingungen des wissenschaftlichen Fortschritts

Wissenschaft, die kognitive Erkundung des Laufs der Dinge, ist eine Sache der Interaktion des menschlichen Geistes mit der Natur, der kognitiven Auswertung der verfügbaren Daten, um hinter die "Geheimnisse der Natur" zu kommen. Dabei hängt der wissenschaftliche Fortschritt nicht nur von der Struktur der Natur ab, sondern auch von den Eigenheiten des informationserwerbenden Verfahrens, mittels dessen wir sie erforschen. Wir suchen die Natur nach interessanten Phänomenen und kognitiv brauchbaren Regularitäten ab. Die theoretische Wissenschaft verlangt danach, die am wenigsten komplizierte Theoriestruktur aufzufinden, welche mit den zugänglichen Daten in Einklang zu bringen ist. Auf jeder Stufe versuchen wir, die Phänomene und ihre Regularitäten in die einfachste (kognitiv effizienteste) explanatorische Struktur einzubetten, die unsere Fragen über die Natur beantworten und unsere Interaktionen in ihr leiten kann. Doch dieser Vorgang stellt immer größere Anforderungen an uns, sowohl was den Umfang unserer Daten, als auch was die Raffinesse unserer Theorien betrifft.

Um unsere Suche nach kognitiv nutzbaren Phänomenen auszuweiten, müssen wir die verfügbare "Vergrößerung", die unsere observativen und experimentellen Technologien bereitstellen, ständig verbessern und die Natur in immer größerem Detail untersuchen. Dies wiederum kann nur mit einer noch leistungsfähigeren Technik der Erhebung und Auswertung von Daten geleistet werden. Und indem die Reichweite der Teleskope, die Energie der Teilchenbeschleuniger, die Effektivität der Niedrigtemperaturgeräte, die Wirksamkeit der Druckausrüstungen, die Leistung der vakuumerzeugenden Vorrichtungen und die Genauigkeit der Messgeräte zunimmt, wächst unsere Fähigkeit, weiter in den parametrischen Raum der physikalischen Welt vorzustoßen. Dieser verbesserte Zugang bringt neue Phänomene ans Licht und ist der Nährboden für das Wachstum unseres wissenschaftlichen Verständnisses der Natur.

Sobald aber die mit diesen Geräten möglichen Entdeckungen gemacht sind, müssen wir, um weitere machen zu können, in der Verfeinerung der datenrelevanten Technologie zur nächsten Ebene aufsteigen. Der Schlüssel zu den großen Erfolgen der zeitgenössischen Physik liegt in den enormen Fortschritten, die eine immer raffiniertere wissenschaftliche Technologie durch die Erweiterung der observativen und experimentellen Basis unseres theoretischen Wissens von natürlichen Vorgängen möglich gemacht hat. Francis Bacons klassisches Wort hat hier Gültigkeit: Scientia et potentia humana in idem coincidunt ("Wissen und Macht des Menschen fallen zusammen").

Je ausgefeilter die Mensch-Natur-Interaktion uns befähigt, unsere "kognitive Vergrößerung" zu verbessern, in umso mehr Details können wir die Natur erfassen. Und der Vorrat an phänomenologischer Neuheit ist unerschöpflich: wir können nie darauf vertrauen, dass wir ihn ausgeschöpft haben: Der Natur stehen immer frische phänomenologische Reserven zur Verfügung, die sich in noch entfernteren Regionen des parametrischen Raums verborgen halten.

Ohne eine sich permanent weiterentwickelnde Technologie würde der wissenschaftliche Fortschritt schnell zum Erliegen kommen. Die Entdeckungen von heute können nicht mit der Ausrüstung und den Techniken von gestern gemacht werden. Der wissenschaftliche Fortschritt hängt entscheidend und unumgänglich von unserer technischen Fähigkeit ab, in immer tiefere Schichten physischer Realität einzudringen.

Der Betrieb Naturwissenschaft in der uns bekannten Form betraut uns so mit einem buchstäblich endlosen Unternehmen, die Reichweite wirksamer experimenteller Eingriffe zu erweitern. Denn nur unter neuen und bisher unzugänglichen Bedingungen des observativen oder experimentellen Handelns unter extremen Werten von Temperatur, Druck, Partikelgeschwindigkeit, Feldstärke und so weiter können wir Situationen verwirklichen, in denen wir wissenserweiternde Hypothesen und Theorien überprüfen können. Die enorme Leistung, Empfindlichkeit und Komplexität, die in der heutigen Experimentalwissenschaft in Anwendung gebracht werden, wurden nicht um ihrer selbst willen gesucht, sondern weil die Forschungsfront in eine Gegend vorgeschoben worden ist, wo diese Verfeinerung für jeden weiteren Fortschritt unverzichtbar war.

Aus der Nähe sehen Dinge anders aus als aus der Ferne

Wie schon der Kanzler Bacon erkannte, wird uns die Natur nie mehr erzählen, als wir ihr gewaltsam abringen können. Und dank der technischen Verfeinerung können wir die Natur stufenweise immer gründlicheren Sondierungen unterwerfen. Dabei lehrt uns die historische Erfahrung, dass die Natur in diesem Prozess ständig wechselnde Ansichten bietet. Auf jeder Stufe begegnen wir einer anderen Größenordnung oder Ansicht von Dingen. Dies nicht, weil die Natur selbst irgendwie geschichtet wäre und verschiedene Ebenen des Seins beinhalten würde, sondern vielmehr, weil

n der Charakter der verfügbaren natur-erforschenden Interaktion variabel ist und sich von Ebene zu Ebene unterscheidet, und weil

n die Art der "Ergebnisse", welche man erhält, von diesem Charakter der naturerforschenden Interaktionen abhängt.

Entscheidend ist also nicht die Größendimension (Zelle, Molekül, Atom, subatomares Teilchen usw.), sondern die allgemeine Fähigkeit, tieferen Einblick in den modus operandi der Natur zu gewinnen. Während wir auf dem Weg der zunehmend umfangreicheren Untersuchung des Beobachtbaren fortschreiten und die Phänomene dank technischer Raffinesse immer weiter durch den parametrischen Raum der Natur reichen, gewinnen wir ständig neue Ausblicke. Ganz andere Regularitäten und Gesetze können und werden auftauchen, sobald neue Ebenen der Verfeinerung in der Behandlung von Details erreicht sind.

THESE 1: Die Natur kann und wird uns ein anderes "Gesicht" zeigen, andere Gesetze, Kategorien, Modi der Ordnung aufweisen, wenn immer sie in höherem Detailgrad betrachtet wird.

Wenn wir einen Bereich von Phänomenen einer bestimmten Art untersuchen und dabei auf einer ersten Ebene bei einem Bild anlangen, das sich als eine Art von Regularität präsentiert, sagen wir uns: "Aha, dieser Ausschnitt der Vorgänge in der Welt folgt der Gestalt eines Gebirgszuges." Auf der nächsten Ebene untersuchen wir die Zacken des Musters etwas näher. Wir stellen fest, dass sie deutlich komplexere Gestalt haben. Nun sagen wir uns: "Ach so, das war noch nicht ganz richtig. dieser Ausschnitt der Vorgänge in der Welt hat eigentlich die Form fluktuierender Burgzinnen." Folglich untersuchen wir auf einer nächsten Ebene diese Zinnen näher. Jetzt stellen wir fest, dass sie ihrerseits die Gestalt gewechselt haben, und wir sagen uns: "Aha, dieser Ausschnitt der Welt besteht aus regelmäßig angeordneten Zickzackmustern." Und so setzt sich der beobachtungsgetriebene Revisionismus auf jeder folgenden Stufe technischer Verfeinerung unserer experimentellen und observativen Interaktionen mit der physischen Natur fort. Bei jedem Detailgrad sieht der modus operandi der Natur wesentlich anders aus, und ihre "leitenden Regularitäten" nehmen ein Aussehen an, das sich von allem, was vorher war, deutlich unterscheidet.

Vermutlich können wir auf jeder Forschungsstufe die Situation einer vorangegangenen Stufe leicht erfassen und erklären. Wir können immer sagen, "Ja natürlich, so wie die Dinge liegen ist es ganz verständlich, dass wir, wenn wir auf eine so-und-so grobe Weise vorgehen, bei der Art von Ergebnissen anlangen, die wir früher erhielten, so falsch und ungenau sie auch sind." Doch erlangt man diese Weisheit erst im Nachhinein. An keiner Stelle haben wir die Möglichkeit vorherzusagen, was vor uns liegt. Zu keiner Zeit können wir im voraus beurteilen, was weiter die explanatorische Straße hinab liegt. Es ist prinzipiell unmöglich, den Blick der Zukunft auf die Gesetze der Natur schon jetzt zu erhaschen.

Die Geschichte der Physik bietet eine Abfolge von Episoden, bei denen immer mehr oder wenige falsche Schlussfolgerungen aus der Tatsache gezogen wurden, dass neue Beobachtungsergebnisse andeuteten, dass die Dinge so einfach nicht sind, wie man bis dato gedacht hat.

Mit der Verbesserung der Forschungstechnologie wird das "Fenster", durch das wir in den parametrischen Raum der Natur sehen können, ständig vergrößert. Wir nutzen dieses Fenster, um den parametrischen Raum zu untersuchen, wobei wir unsere Datengrundlage ständig erweitern und auf der Basis dessen, was wir sehen, verallgemeinern. Dabei überleben auch unsere Theorien, wenn überhaupt, nur manchmal. Unser so-genanntes Wissen von der gesetzmäßigen Ordnung der Welt ist niemals gesichert.

THESE 2: Die Naturgesetze, deren Geltung wir bei einem bestimmten Stufe der technischen Kompetenz unserer Naturbetrachtung annehmen, werden oft bei einem höheren Kompetenzgrad aufgelöst (verworfen, dekonstruiert).

Jede einzelne in der Folge der Ebenen der operationalen oder funktionalen Komplexität kann im Prinzip eine charakteristische Ordnung für sich aufweisen. Die Phänomene, die wir hier auf der n-ten Ebene erhalten, können Eigenschaften haben, deren Untersuchung uns auf die (n + 1)-te Ebene bringen. Neue Phänomene und neue Gesetze können theoretisch auf jedem Niveau integrativer Ordnung auftreten. Die verschiedenen Facetten der Natur können konzeptuell neue Schichten produktiver Operation erzeugen, woraus sich eine potentiell endlose Folge von Ebenen ergibt, jede mit ihren eigenen, charakteristischen Organisationsprinzipien, die vom Standpunkt der anderen Ebenen aus ganz unvorhersehbar sind. Und der technisch vermittelte Eintritt in neue Regionen des parametrischen Raums destabilisiert ständig das in der Hauptsache schon erreichte Gleichgewicht zwischen Daten und Theorie. Die Möglichkeit eines Wechsels ist immer gegeben. Und wir können noch nicht einmal anfangen, uns vorzustellen, welche Tatsachen und Phänomene in der Zukunft auf der Agenda der Wissenschaft stehen werden.

Destabilisierung

Wir haben keine homogene Mondlandschaft vor uns, wo ein Ausschnitt so gut ist wie jeder andere und wo Theorieentwürfe auf magerer Datenbasis im allgemeinen gültig bleiben, wenn zusätzliche Daten verfügbar werden. Die historische Erfahrung zeigt vielmehr, dass wir jeden Grund haben zu erwarten, dass unsere Vorstellungen über die Natur ständig radikalen Veränderungen unterworfen sind, wenn wir ihre tiefere Struktur in größerem Detail untersuchen.

Selbstverständlich wäre es theoretisch möglich, dass sich genau die gleichen Muster auf jeder Ebene der technischen Kapazität wiederholen. Dass wir also eine Situation hätten, wie sie die von E. Mandelbrot bekanntgemachten "fraktalen" Strukturen charakterisiert. Aber die Geschichte der Physik zeigt, dass es keinen guten Grund gibt zu glauben, die Welt sei in der Struktur ihrer natürlichen Prozesse fraktal, und es trete nichts Neues auf, wenn wir dazu übergehen, die Dinge im Detail anzusehen. Es gibt keinen Beleg für die Annahme, der Folge von Ebenen integrativer Komplexität der phänomenalen Ordnung sei irgendwo eine Grenze gesetzt.

Was hier ins Auge gefasst wird, ist eine technologie-getriebene Sicht auf die Naturwissenschaften. Sie folgt der Idee, dass gros-se Fortschritte in der observativen und experimentellen Technologie in einem Gebiet der Naturwissenschaft unvermeidlich dazu führt, dass irgendwo "stromabwärts" Phänomene nachgewiesen werden, die substantielle Revisionen auf theoretischer Seite erzwingen. Der springende Punkt ist, dass das Gleichgewicht von Theorie und Daten, das wir auf einem bestimmten Leistungsniveau wissenschaftlicher Technologie erzielt haben, immer unstabil ist und gestört wird, sobald Leistung und Vermögen der einschlägigen Technologie zunehmen.

Ordnung durch Übersehen von Details

Wir müssen damit zurecht kommen, dass damit auch Ordnung verloren werden kann. Umgekehrt kann auch die Missachtung von Details Ordnung erzeugen:

THESE 3: Ordnung kann durch "Verwi-schen" aus Unordnung erwachsen, das heißt durch das Absehen von Details.

Größere Präzision muss nicht notwendigerweise einen Gewinn an Wissen nach sich ziehen, sondern kann im Gegenteil zu einem kognitiven Verlust führen, indem sie de-skriptive Kategorisierungen dekonstruiert und gesetzmäßige Regularitäten aufhebt. Nur wenn wir einige möglicherweise große Unterschiede in Akzent und Sprechweise ignorieren, können wir sagen, dass die verschiedenen Sprecher den gleichen Satz geäußert haben. Nur durch entschiedenes Absehen von einer enormen Vielzahl von Unterschieden kann man allgemein von "Eisenwaren" oder von "Bäumen" oder von "Elementen" reden.

Betrachten wir die folgende, höchst gesetzmäßige Serie:

PQPQPQPQPQ...

Diese Serie lässt sich ganz einfach als eine Abfolge von PQ Paaren beschreiben. Aber nehmen wir nun an, dass die P spitzfindig in LM und MO unterteilt werden und die Q ganz ähnlich in ML und LO. Und nehmen wir weiter an, dass die fraglichen Unterteilungen mehr oder weniger zufällig auftreten. Dann kann sich herausstellen, dass die wirkliche Situation etwa wie folgt aussieht

MOMLLMLOLMML...,

was sich als eine nahezu zufällige Abfolge von L-M-O erweisen mag. Die elegante, gesetzmäßige Ordnung der ursprünglichen Serie wurde durch die neue begriffliche Spitzfindigkeit aufgelöst. Nur durch die Missachtung der potentiell bedeutsamen Unterschiede zwischen LM und MO auf der einen Seite und ML und LO auf der anderen entstand das ursprüngliche Ordnungsphänomen.

In manchen Fällen ist eine gesetzmäßige Ordnung das Produkt des Verwischens und Missachtens von Details. Solche Gesetze können aufgrund der Unempfänglichkeit für Unterschiede nur auf bestimmten Ebenen auftreten. Das Diagramm eines Okkultisten mag eine zufällige Folge von Buchstaben aufweisen, doch wenn dessen Sicht "ver-waschen" ist wird es ihm wie ein Z erscheinen, und es wird sich eine schöne Regularität ergeben. Im Auge des Betrachters können geordnete Muster aus Unordnung erwachsen, so wie Wolken, die wie eine Herde Schafe aussehen, aus einem chaotischen Zusammentreffen winziger Wassertröpfchen entstehen können.

Sogar dort, wo auf Mikrodetailebene Unordnung (oder gar gesetzlose Anarchie) herrscht, kann also nichtsdestotrotz Gesetzesartigkeit als ein Phänomen der Konfusion und der detailübersehenden Kurzsichtigkeit auftreten. Empirisch auffindbare Ordnung kann sich leicht als eine Frage des Unvermögens erweisen, auf Details einzugehen:_ ein reines Artefakt der Indifferenz oder Ig-noranz. Und es muss nicht notwendigerweise ein intelligentes Wesen sein, das es versäumt, auf zwei unterschiedene Klassen von Dingen unterschiedlich zu reagieren. Nahezu jegliche Art empfänglicher Mechanismus mag hier versagen. So werden durch einen Münzautomaten, der es versäumt, zwischen der amerikanischen und der kanadischen Währung zu unterscheiden, zahlreiche ökonomische und rechtliche Unterscheidungen effektiv annulliert. Empfänger, die für Unterschiede unempfänglich sind, die sie einfach ignorieren, können sich dabei wiederfinden, wie sie eine unordentliche Umwelt in ein Reich handhabbarer Ordnung verwandeln.

Wie dieses Beispiel nahelegt, kann die Grundlage von einer erzeugten Ordnung ebenso gut in dem modus operandi eines informationsverarbeitenden Mechanismus liegen wie in der Natur der Materialien, mit denen er arbeitet. Stellen wir uns beispielsweise einen Scanner vor, der eine Zufallsfolge von Nullen und Einsen liest. Doch das Gerät ist sozusagen etwas faul und schläfrig und wird nur aufmerksam, wenn sich etwas ändert. Es nimmt nur Ziffern wahr, die, verglichen mit dem, was vorher kam, "neu und anders" sind. Auf diese Weise wird es die reine Zufallsfolge

0010110011101001...

in die schön geordnete Serie abwechselnder Nullen und Einsen

010101010101...

verwandeln. Es ist diese elegante Ordnung aber nur ein Artefakt von Unachtsamkeit.

Zwei Arten und Weisen, wie Makro-Ord-nung von einer Mikroebene erwachsen kann, auf der es an Ordnung fehlt, sind bekannt. Das eine ist die statistische Aggregation zufälliger Fluktuationen auf der Mikroebene (wie Teilchen, die sich zufällig bewegen, eine aggregierte Ordnung erzeugen können, die den Gasgesetzen gehorcht). Und das andere ist die Makro-Evolution von Mikro-Chaos, das auf einer größeren Ebene geordnetes Verhalten erzeugt, wie die Wirbel von Zigarettenrauch. Doch wie wir gesehen haben, gibt es noch einen dritten Weg, wobei Ordnung keine Frage der statistischen Aggregation ist, sondern des unterscheidungs-verhindernden Verwischens von Details. Möglich ist dies, weil der Informationserwerb eine Frage der Interaktion zwischen den natürlichen Vorgängen und der Technologie der Beobachtung ist.

Dieses Phänomen kann durch ein einfaches Beispiel illustriert werden. Betrachten wir Zeitungsfotos, die nach der altmodischen Rastertechnik erstellt sind. Aber nun stellen wir uns vor, dass die kleinen schwarzen Punkte des Bildes keine massiven Kleckse sind, sondern nur Ansammlungen weiterer, noch kleinerer Punkte. Selbstverständlich werden die Details auf dieser zweiten, "tieferen" Ebene für die ursprünglichen Phänomene irrelevant sein (oder allenfalls statistisch relevant). Die Art von Ordnung, die auf der Ebene größerer Genauigkeit herrscht, kann für die auf der phänomenologischen Ebene geringerer Genauigkeit auftretende Ordnung irrelevant sein. Vor genau einer solchen Situation stehen wir in gewissen naturwissenschaftlichen Fällen.

Dabei müssen wir von den Ebenen der Betrachtung übergehen zu Ebenen begrifflicher Gesichtspunkte, die verschiedenen Graden kognitiver Ausdifferenzierung verbunden sind. Durch diesen Übergang können wir Informationen verlieren, die auf ihre Weise "korrekt" sind. Der "Fortschritt", der mit "überlegenem" Wissen einhergeht, kann und wird oft nur um den Preis einschneidender Verluste erkauft. Wenn wir z.B. darauf bestehen, nur das zu berücksichtigen, was uns die Mikroökonomie über individuelles Verhalten sagt, dann verlieren wir auf einen Schlag praktisch sämtliche nützlichen Lektionen, die uns die Makroökonomie lehrt.

 

THESE 4: Rücksicht aufs Detail verkompliziert die Dinge im allgemeinen für das menschliche Verständnis der Naturphänomeine.

Was auf einer Ebene der Betrachtung als einzelnes Phänomen erscheint, kann sich und wird sich häufig auf einer tieferen (d. h. raffinierteren) Ebene in eine Vielzahl sehr unterschiedlicher Vorgänge auflösen (wie das in der Medizin beim "Kopfschmerz" oder der "Erkältung" der Fall ist oder in der Chemie mit den Isotopen ein und desselben Elements).

Gewiss, manchmal kann größere Raffinesse zu Konsolidierung und Vereinheitlichung fuhren. Bei näherem Hinsehen stellt sich heraus, dass Steinkohle und Diamant zwei verschiedene Versionen eines grundlegenden Materials sind: Kohlenstoff. Doch in Wirklichkeit bringt vermehrte Spitzfindigkeit im allgemeinen vermehrte Kompliziertheit mit sich. Nur selten dienen zusätzliche Details eher zur Vereinfachung als zur Differenzierung. Je näher und umfassender wir die Dinge untersuchen, desto mehr werden wir dazu gebracht, sie zu unterscheiden. In zahlreichen Fällen wird die oberflächliche Betrachtung Unterschiede übersehen, welche eine nähere und spitzfindigere Untersuchung enthüllt. Deshalb wird uns Differenzierung und damit Spezialisierung aufgezwungen, je weiter wir unsere Forschungen vorantreiben.

Die Wissenschaftsgeschichte liefert reichhaltige Belege für dieses Phänomen. Sie entfaltet eine endlose, repetitive Geschichte, in der einfache Theorien komplizierteren und spitzfindigeren Platz machen. Die Griechen hatten vier Elemente; im neunzehnten Jahrhundert hatte Mendelejew etwa sechzig; um 1900 waren achtzig daraus geworden, und heutzutage haben wir eine umfangreiche Folge stabiler Kernzustände. Der aristotelische Kosmos hatte nur Sphären; Ptolemäus fügte Epizyklen hinzu; unserer weist eine praktisch endlose Vermehrung komplexer Orbitale auf, die nur Supercomputer näherungsweise berechnen können. Die griechische Wissenschaft passte auf ein einziges Bücherregal; zu Newtons Zeiten brauchte man bereits ein Zimmer voll; wir brauchen enorme Speicherstrukturen, die nicht nur mit Büchern und Zeitschriften, sondern auch mit Photographien, Tonbändern, Disketten usw. gefüllt sind. Von den Größen, die gegenwärtig als fundamentale Konstanten der Physik anerkannt sind, wurde nur eine schon in der Newtonschen Physik in Betracht gezogen: die universale Gravitationskonstante. Eine zweite kam im neunzehnten Jahrhundert hinzu, die Avogadrosche Zahl. Die verbleibenden sechs sind alles Geschöpfe der Physik des zwanzigsten Jahrhunderts: die Lichtgeschwindigkeit (die Geschwindigkeit elektromagnetischer Strahlung im freien Raum), die Elementarladung, die Ruhemas-se des Elektrons, die Ruhemasse des Protons, die Plancksche Konstante und die Boltzmannsche Konstante.

Es wäre naiv und völlig falsch zu glauben, der Gang des wissenschaftlichen Fortschritts führe in die Richtung zunehmender Einfachheit. Die natürliche Dialektik der wissenschaftlichen Forschung drängt uns ständig zu immer tieferen Ebenen der Verfeinerung. In dieser Hinsicht ist unsere Verpflichtung auf Einfachheit und Systematizität, so notwendig sie methodologisch sein mag, ontologisch vergeblich. Genauere Nachforschungen werden unvermeidlicherweise einen Gesinnungswandel erzeugen, welcher uns ein stets komplizierteres Bild der Welt darstellt. Unsere methodologische Verpflichtung auf Einfachheit sollte substantielle Entdeckungen von Komplexität nicht verhindern und tut dies auch nicht.

Ein ungewohnter Ausblick

Man wird nun erwarten, dass wir umso nützlichere und zuverlässigere Informationen gewinnen, je genauer und detaillierter wir die Dinge erkunden. Aber obwohl dieses häufig der Fall ist, ist dies jedoch keineswegs notwendigerweise so. Es ist gut möglich, dass unsere Information zwar auf unserer "natürlichen" Operationsebene verfügbar ist, sich aber in Folge zunehmender Verfeinerung in Nichts auflöst. Nur durch Absehen von endlos vielen Möglichkeiten der Herstellung von Stühlen und von endlos vielen Möglichkeiten des Sitzens auf ihnen kann man Wissensbestände nach Art von "Stühle sind Sitze" gewinnen. Dies ist eine Behauptung, die wir alle auf der Ebene einer "Alltagskommunikation" über physikalische Gegenstände in gewöhnlicher Sprache verstehen, deren Wiedereinführung in der "tieferen" Sprache der Physik aber ganz unvorstellbar ist. Und eine derartige Situation kann zu dem paradoxen Resultat führen, dass unser sogenanntes Wissen oft nur durch Übersehen von Details entsteht. Denn es können die "Gegenstände", denen wir begegnen, und die "Gesetze", die ihr Betragen leiten, ganz einfach Artefakte unseres eigenen modus operandi sein.

THESE 5: Unabhängig davon, wie gesetzmäßig die Natur auf der Ebene geringer Detailtreue ist, wie sie wir uns jetzt und hier in Sicht nehmen, ist es gut möglich, dass die Naturgesetze, so wie wir sie gegenwärtig im besten Falle bestimmen können, immer zu Fall kommen, sobald die Forschung zu der feinkörnigeren Situation einer weiteren Ebene von Details fortschreitet. Jene Gesetze, die wir momentan akzeptieren, müssen häufig geändert werden und das heißt: durch etwas Besseres ersetzt werden.

Führen wir deshalb, als eine ziemlich radikale Hypothese, die Idee eines hierarchisch gesetzes-instabilen Universums ein. Dabei haben wir es mit einer Welt zu tun, die auf verschiedenen Ebenen der Genauigkeit und Raffinesse betrachtet werden kann, wo aber die auf einer bestimmten Ebene geltenden Gesetze immer und ausnahmslos aufgehoben werden, sobald wir zu einer anderen Ebene übergehen. In solch einer Welt gibt es keine absolut stabilen natürlichen Arten: eine jegliche natürliche Art, der wir auf einer Ebene i begegnen, wird als solche auf der Ebene i + 1 unhaltbar. Die auf einer beliebigen Ebene zu entdeckende Ordnung wird auf der nächsten Ebene dekonstruiert durch etwas völlig anderes und begrifflich Inkommensurables ersetzt. Gesetze gibt es immer noch, aber Gesetze, die auf eine völlig andere Weise konzeptualisiert werden müssen, nämlich als ebenen-abhängig.

Betrachten wir nur eine mögliche Illustra- tion dieses Gedankenganges: die Verhal-tenspsychologie einzelner Menschen. Man könnte argumentieren, es sei gut möglich, dass die zugrundeliegenden Prozesse - seien sie gehirnphysiologisch oder geistig proto-psychologisch - so komplex und vielfältig, dass auf den untersten Ebenen keine als psychologisch erkennbaren Regularitäten existieren. Der modus operandi der Individuen ist so verworren, dass keine psychologisch relevanten Mikroprozesse allen Individuen gleichermaßen gemein sind. Und doch mögen gesetzmäßige Regularitäten auf der gröberen Makroebene molarer menschlicher Aktion und Interaktion der Ebene der "Alltagspsychologie" durchaus erkennbar und kognitiv handhabbar werden.

Von einem solchen Standpunkt aus betrachtet sind unsere "Gesetze" korrekt, vollkommen akkurat und der Wirklichkeit angemessen, soweit man sie auf einem bestimmten Niveau der Genauigkeit betrachtet, was die observative und experimentelle Technologie betrifft. Aber das heißt nicht, dass sie schlichtweg wahr sind, sondern nur, dass sie von einem bestimmten Beobachtungsstandpunkt aus von der tatsächlichen Wirklichkeit ununterscheidbar sind, dass sie alle Erfolgskriterien erfüllen, die wir auf einem bestimmten Niveau technischer Kompetenz vernünftigerweise für das Zugestehen von Wahrheitsansprüchen aufstellen können.

THESE 6: Die Möglichkeit besteht, dass jede Gesetzmäßigkeit der physikalischen Welt auf jeder beliebigen Ebene der Genauigkeit der Beobachtung ein Produkt des "Verwi-schens" ist, so dass jedes der Gesetze, welche wir auf einem bestimmten Niveau aufstellen, letztendlich erschüttert wird, während wir unsere Beherrschung von Details verbessern.

Natürlich kann hier eingewendet werden: "Zeigt die enorme Präzision der mathematischen Struktur von unseren Naturgesetzen nicht, dass Ordnung in der Natur an und für sich existieren muss?" Ja und nein. Tatsächlich zeigt es, dass wir es mit einer lokalen Ordnung zu tun haben. Aber es zeigt keineswegs, dass dies eine Sache des Inputs ist und nicht des Outputs. Die Wurstmaschine, die Präzisionswürste ausstößt, muss nicht mit präzise geformten Rohmaterialien arbeiten.

Dieser Gedankengang führt auf die abschreckende Idee, dass jede vermeintlich allgemeine Wahrheit über die Welt - jedes sogenannte Naturgesetz - sich als Artefakt einer Betrachtungsweise herausstellen kann, welche einem bestimmten Reaktionsniveau angepasst ist, einem Genauigkeitsgrad, der einem Geschöpf entspricht, das mit seinen besonderen Mitteln der Beobachtung und Theorie auf einen bestimmten Niveau der Forschungstechnologie operiert.

Um zu diesem Resultat zu kommen, ist es nicht notwendig, dass eine solche kognitiv instabile Welt an sich gesetzlos und anarchisch ist. Das Problem liegt hier nicht in einem Mangel an Gesetzen, sondern in ihrer Vielzahl, wobei uns verschiedene und möglicherweise unvereinbare Gesetze auf verschiedenen Ebenen der Raffinesse der Forschung begegnen.

Eine abschließende Beobachtung

Diese Überlegungen haben beachtenswerte Implikationen für den philosophischen Realismus. Denn sie haben zwei unverzichtbare und untrennbare Komponenten, eine davon metaphysisch und ontologisch, die andere kognitiv und epistemisch. Erstere behauptet, dass es tatsächlich eine wirkliche Welt gibt, ein Reich vom Geiste unabhängiger, objektiver physikalischer Realität. Letztere behauptet, dass wir bis zu einem gewissen Grad angemessene Informationen über dieses geistunabhängige Gebiet gewinnen können. Offensichtlich setzt diese zweite Behauptung die erste voraus. Doch wie kann die erste, ontologische These gesichert werden?

Der metaphysische Realismus ist klarerweise keine induktive Schlussfolgerung, die durch die wissenschaftliche Systematisierung unserer Beobachtungen gewonnen wird. Vielmehr handelt es sich um eine regulative Präsupposition, die Wissenschaft überhaupt erst ermöglicht. Das Reich geist-unabhängiger Wirklichkeit ist etwas, was wir nicht entdecken können; unser Wissen von seiner Existenz ist nicht die Frucht von Forschung und Untersuchung. Wie könnten wir je von Beobachtungen schließen, dass diese unsere Beobachtungen objektiv gültig sind, dass unsere mentale Erfahrung selbst weitgehend das kausale Produkt der Vorgänge in einer geistunabhängigen Matrix ist, so dass jene phänomenalen Erscheinungen in einer physikalischen Wirklichkeit kausal verankert sind? Dies ist ganz klar etwas, was wir nicht aus der empirischen Forschung lernen, da es doch selbst gerade eine Vorbedingung jeder empirischer Forschung ist. Dass Erfahrung in der Tat objektiv ist, dass das, was wir für Evidenz halten, Evidenz ist, dass unsere Empfindungen Informationen über eine Seinsordnung außerhalb des Bereichs der Erfahrung selbst übertragen, und dass diese Erfahrung nicht bloß ein Phänomen darstellt, sondern eine echte Erscheinung von etwas bietet - all diese Aspekte der Objektivität sind etwas, was wir immer schon voraussetzen müssen, wenn wir Erfahrungsdaten als "Evidenz" dafür verwenden, wie es mit der Welt steht. Objektivität ist hier eine Forderung, die auf funktionaler Basis gemacht ist, nicht auf evidentieller: wir heißen sie gut, damit wir es ermöglichen, aus der Erfahrung objektive Fakten zu lernen. Wie Kant ganz deutlich sah, ist objektive Erfahrung nur möglich, wenn die Existenz einer wirklichen, objektiven Welt von Anfang an vorausgesetzt und nicht als Sache einer nachträglichen Entdeckung über die Natur der Dinge angesehen wird.

Folglich ist die entscheidende (ontologische) Komponente des Realismus kein Gegenstand möglicher Entdeckung, kein Teil der Ergebnisse möglicher empirischer Forschung. Sie ist eine Präsupposition unserer Forschungen, nicht eins ihrer Resultate. Wir haben es hier nicht mit einer belegabhängigen Entdeckung über die Konstitution der Natur als solcher zu tun, sondern eher mit einer formbildenden Annahme, einer Voraussetzung, die die Natur der Forschung zusammenhält. Ohne dieser Idee beizupflichten, könnten wir gar nicht so über unser Wissen denken, wie wir es tatsächlich tun. Sie ist eine unverzichtbare Voraussetzung. Ohne Verpflichtung auf eine Realität als Grundlage und Gegenstand unserer Erfahrung wäre sie ohne jede objektiv kognitive Bedeutung. Die Wissenschaft lehrt uns nicht (kann uns nicht lehren), dass die beobachtbare Ordnung durch zugrundeliegende Ursachen erklärt werden kann und dass die Phänomene, die wir beobachten, Anzeichen oder Symptome jener außer- oder subphänomenalen Ordnung der Existenz sind; dies wissen wir a priori von jeder Welt, in der wirkliche Beobachtung überhaupt stattfinden kann. Unsere Verpflichtung auf die Existenz einer geistunabhängigen Wirklichkeit ist also ein Postulat, dessen Rechtfertigung auf seinem funktionalen Nutzen im Rahmen der Ermöglichung unserer spezifischen Weise des Forschens ruht.

Selbstverständlich, nachdem wir eine objektive Realität und ihren damit einhergehenden kausalen Aspekt postuliert haben, können die Prinzipien induktiver Systematisierung, explanativer Ökonomie und kausaler Übereinstimmung Wunder bewirken. Und so steht die zweite, epistemisch/deskriptive Komponente des Realismus ganz anders da. Die Natur der Realität ist etwas, über das wir adäquat begründete Behauptungen nur aufstellen können, indem wir es untersuchen. Gehaltvolle Information muss durch Forschung erworben werden, durch Bewährung an Belegen. Sobald wir unseren Beobachtungsdaten einmal Objektivität und damit evidentielle Kraft zugestehen, können wir sie natürlich nutzen, um uns über die Natur des Wirklichen kundig zu machen. Was die Wissenschaft uns lehrt (und die Metaphysik uns nicht lehren kann), ist der deskriptive Charakter dieser außerphänomenalen Ordnung unserer Welt.

Von der Redaktion gekürzte Fassung der ersten Christian-Wolff-Vorlesung an der Universität Marburg.

 

Autor

Nicholas Rescher ist Professor für Philosophie an der University of Pittsburgh.