Die Situation der Philosophie in Russland

Zur Eigenart der russischen Philosophie

Die Geschichte der russischen Philosophie beginnt mit dem 18. Jahrhundert, als Peter der Große die russische Akademie der Wissenschaften gründete. Sie ist das Resultat des Zusammenwirkens von byzantinischen geistigen Wurzeln (christliche Orthodoxie) und der westlichen Aufklärungsbewegung, wobei ein großer Einfluss deutscher Philosophen (Leibniz, Ch. Wolff, Kant und seiner Schüler) festzustellen ist. Der Zusammenprall von russischer und westeuropäischer Kultur ist über die Philosophie hinaus für die kulturelle Entwicklungsgeschichte des russischen Kaiserreiches im 18. Jahrhundert prägend. Russische Universitäten (Moskau 1755, Kasan 1804, Charkov 1805, St. Petersburg 1819 gegründet) sind Kinder zugleich der westeuropäischen Aufklärung und des zweckrationalen, absolutistisch-aufge-klärten Geistes eines Peters des Großen (1689-1725) und seiner Nachfolgerin Elisabeth (1741-1762) wie des zunächst so hoffnungsvoll liberalen Alexanders I. (1801-1825). Von großer Bedeutung für die entstehende Philosophie sind neben dieser aufklärerischen Bildungs- und Hochschulpolitik Fragen der geistigen Wurzeln, z.B. das nicht geklärte Verhältnis von Theologie und Philosophie, Wissen und Glauben, Geist und Staat oder Persönlichkeit und Gesellschaft. Schon damals war die russische Philosophie durch zwei Faktoren bestimmt: zum einen durch die religiösen Auseinandersetzungen, zweitens durch ihre innerliche Verbundenheit mit sozialer Kritik - zwei Faktoren, die auch in der späteren Philosophiegeschichte Russlands eine zentrale Rolle spielten.

Die jüngste Periode der russischen Philosophie

Die jüngste Periode der Philosophieentwicklung in Russland beginnt in den 60er Jahren, in der Zeit der langsamen und von den meisten nicht bemerkten Befreiung vom dogmatischen Marxismus-Leninismus und der Zeit des Bekanntwerdens mit der nichtmarxistischen internationalen Philosophie der Gegenwart. Diese spontane Reformierung der philosophischen Forschung und Lehre wurde beschleunigt durch die Perestroika. Und diese Entwicklungen im philosophischen und geisteswissenschaftlichen Bereich ihrerseits bildeten wiederum wichtige Grundlagen für die politischen Transformation. Dennoch enthält die nun entstandene Philosophie immer noch Grundzüge, die der alten russischen und sowjetischen Philosophie eigen gewesen sind.

Das übliche Klischee für die Charakterisierung der gegenwärtigen geistigen Entwicklung in Russland lautet: Niedergang, Verfall, Krise. Meines Erachtens muss man dies differenzierter sehen. Vom Gesichtspunkt eines orthodoxen Marxismus etwa bedeutet Pluralismus Krise - dies ist denn auch die Position der meisten sowjetischen Philosophen bis zum Beginn der Perestroika. Im Gegensatz dazu betrachteten die meisten westeuropäischen Philosophen Monismus bzw. Dogmatismus als offensichtliche Erscheinungsformen einer philosophischen Krise. So wird der Zustand der Philosophie in Russland nach der Oktober-Revolution 1917, die dogmatische Herrschaft des Leninismus und die Zerstörung anderer philosophischen Schulen als Krise bezeichnet. Aber ein solches Herangehen gilt nicht immer. So akzeptieren fast alle Philosophiehistoriker die Bezeichnung ‘intellektuelle Krise’ für den philosophischen Pluralismus am Ende des Römischen Reiches. Man muss also sorgfältig in der Beurteilung dessen sein, was eine Krise bedeutet. Ich selber neige zu der Auffassung, dass sich die Krise im russischen Geistesleben lediglich auf den Marxismus bezieht.

Die Zeit vor der Perestroika

Die Situation vor der Perestroika war jedoch nicht so eindeutig, wie dies im Westen oft dargestellt wird. Zwar dominierte der Marxismus, und offiziell war ein Pluralismus von Meinungen nicht erlaubt; trotzdem schrieb und las man, was einem beliebte, man musste aber einige rituelle Ausdrücke hinzufügen, die darauf hinwiesen, dass das Gesagte schon von Marx oder Lenin entdeckt worden sei. Denn mit der Aufgabe, die Feinde des Marxismus zu kritisieren, wurde den Gelehrten die Möglichkeit gegeben, diese kennenzulernen und diejenigen der Philosophen, die Fremdsprachen beherrschten, studierten die Werke von Philosophen des 20. Jahrhunderts: von Husserl und Heidegger über Wittgenstein und Popper bis hin zu Derrida und Gadamer. Man las auch verbotene russische Autoren: Soloviev, Berdjaev, Shestov, Rosanov und die anderen. Dadurch kam es, dass heimlich bzw. inoffiziell in der russischen Philosophie Neopositivismus und kritischer Rationalismus, Phänomenologie und Hermeneutik und sogar religiöses Philosophieren eine wichtige Rolle spielten, wenn nicht sogar dominierten - allerdings waren sie einem breiten Publikum nicht zugänglich, meistens wurden sie nur mündlich, in kleinen Zirkeln verbreitet. Hinzu kam, dass in der Provinz alles anders war als in den philosophischen Zentren wie Moskau; dort blieb die marxistische Orthodoxie ohne wesentliche Veränderung bis Ende der 80er, und dort verfolgte man die Öffnung in Moskau mit Angst und Misstrauen.

"Glasnost" und die Folgen

1987 wurde "Glasnost", d.h. Meinungsfreiheit angekündigt, und überall fanden politische und philosophische Diskussionen statt, zahlreiche und auch bislang verbotene Manuskripte wurden nun veröffentlicht - der Buchhandel wurde zum profitabelsten Wirtschaftsbereich. Bis zum August 1991 blieben auch die Preise und Gehalte auf einem erträglichen Niveau: man konnte von seinem Lohn leben. Es fanden auch keine Massenentlassungen von Wissenschaftlern wie in Ostdeutschland statt. Vielmehr wurden die Geisteswissenschaftler aus der Provinz zu einem großen Teil umgeschult, die Philosophen vor allem am Institut für Philosophie der Russischen Akademie der Wissenschaften in Moskau. Es entstanden neue philosophische Disziplinen und Vorlesungkurse, und moderne Studiengänge wurden aufgebaut.

Nach der Privatisierung und der Auflösung der kommunistischen Partei war diese zerbrechliche Stabilität unerwartet zu Ende. Viele Wissenschaftler verließen ihre Fachbereiche und gingen aus verschiedenen Gründen in die Politik und die Wirtschaft - entweder auf der Suche nach "Erfüllung" oder nach besserem Einkommen oder gar "heißem" Geld. Mehrere Kollegen aus meiner unmittelbaren Umgebung gehörten dazu. Von meinem ehemaligen Studiengang an der Moskauer Universität sind 5 Personen Duma-Abgeordnete geworden! Ein anderer Kollege, ein promovierter Logiker, stieg aus der Philosophie aus, verdiente in zwei Jahren im Importgeschäft eine Million Dollar und verschwand damit nach Spanien.

Unter dem altem Regime - das müssen wir berücksichtigen - waren die Geistes- und Sozialwissenschaften vom Staat speziell gefördert und erfüllten eine wichtige politische Funktion: Gelehrte und sogar Schriftsteller wurden von der Kommunistischen Partei zu "ideologischen Kämpfern" ernannt und entsprechend großzügig finanziert. Mit der demokratischen Wende ging diese Förderung zu Ende: das Geistige wurde zum bloßen "Glasperlenspiel" (Hermann Hesse).

Die Situation der Gegenwart

Wir müssen - was die Philosophie betrifft - den geistigen Inhalt ausdrücklich von den sozialen Voraussetzungen unterscheiden. Ein großer Teil der russischen Gelehrten hat auf die heutige geistige Freiheit schon lange gewartet und war entsprechend darauf vorbereitet. Der intellektuelle Niedergang findet daher lediglich im Rahmen des Marxismus statt - ein Niedergang übrigens, der sich nicht auf den russischen Marxismus beschränkt. Die heutige Krise ist denn auch keine intellektuelle, sondern eine wirtschaftliche und strukturelle.

Die gegenwärtige soziale Situation stellt die Philosophie vor grundlegende Probleme, etwa vor die Frage, in welcher Beziehung das Geistige zur Praxis stehen soll - und das war immer die Hauptfrage des Marxismus. Lenin zufolge sollte der Marxismus kein Dogma sein, sondern eine Einleitung zum Handeln. Sofern darunter die Politik als Vollstreckerin ökonomischer Gesetzmäßigkeiten verstanden wurde, ist diese Frage historisch erledigt. Aber die Einstellung, die Geisteswissenschaften sollten direkt der gesellschaftlichen Entwicklung dienen, hat die Krise des Marxismus überlebt. Daher war die Umgestaltung der geisteswissenschaftlichen Lehre auf diese Frage verpflichtet. Die Vertreter der Fächer, die die marxistisch orientierten Geistes- und Sozialwissenschaften ersetzen sollten, versuchten diese als rein wissenschaftliche, ideologiefreie Disziplinen darzustellen bzw. als eine Verallgemeinerung der konkreten Wissenschaften. Damit ist gemeint, dass die Philosophie eine Art Wissenschaft ist und objektive Gesetze festzustellen hat, die im gesellschaftlichen Leben angewandt werden können. Hier setzen sich alte dogmatische Denkformen fort. Oder es ist ein Kniff, um von den Politikern mit dem Argument, die Geisteswissenschaften könnten etwas zur Wiedergeburt Russlands oder auch zum Wahlerfolg beitragen, eine Förderung zu erzielen.

Wo gegenwärtig echtes geistiges Leben stattfindet, existiert es eher als eine Art Kastalien, wo Glasperlenspiele ausgetragen werden. Ihr kurzfristiger Gemeinnutz ist gering, es geht aber darum, die Kultur des Denkens zu erhalten: als das geistige Potential für die kommende Generation. Deshalb plädiere ich dafür, die Geistes- und Kulturwissenschaften weder als Vorbereitung zur unmittelbaren Lebensführung noch als eine alles erklärende Wissenschaft, sondern lediglich als einen wichtigen Teil der geschichtlichen Kultur zu verstehen. Mit dieser Einstellung wird auch verhindert, dass geisteswissenschaftliche Theorie, wie insbesondere die Philosophie, auf die genannte Art aufgebaut werden.

Gegenwärtige nichtwestliche Strömungen

Gegenwärtig sind drei Strömungen repräsentativ für den Versuch, jenseits von politischer Demokratie, Marktwirtschaft und Multikulturalität eine Lösung für die aktuellen Probleme Russlands zu erarbeiten: Irrationalismus, Nationalismus und Pragmatismus.

Irrationalismus

Der Marxismus ignorierte außerwissen-schaftliche Denkformen wie Religion, Mythos, Mystik, aber auch Gefühl, Glauben und Emotionen sowie jede Art geisteswissenschaftlichen Denkens, das solche Phänomene ernst nahm. Eine Reaktion gegen den Marxismus bestand nun darin, hier den neuen Hauptgegenstand der Philosophie zu sehen. Genährt wurde dies durch eine neue Begeisterung für die orthodoxe Religion, was Vertreter der Kirche mit großem Erfolg ausnutzen konnten. Von einer unkritischen und ahistorischen Überschätzung der Wissenschaft schlug nun das Pendel um zur Überschätzung von deren Gegenteil: "Irra-tionalismus" war nun kein Schimpfwort mehr, sondern wurde zum Symbol neuer, "befreiter" Denkweise, der der Rationalismus zum Opfer gefallen ist.

Nationalismus

Für diese Umwertung wurden die ureigenen Quellen der russischen philosophischen und religiösen Traditionen aufgewertet, der Marxismus wird als westlicher Einfluss verstanden, der dem ureigenen russischen Geist immer fremd gewesen sei. In diesem Zusammenhang werden die Theorien der Slawophilen und der religiösen Philosophie (Dostojewski, Solowjew) wie auch manche anarchistische, radikale Ideen wiedergeboren, die in der Geschichte des russischen Geisteslebens eine wichtige, aber auch tragische Rolle gespielt haben. Diese Ideen werden häufig als Strategie eines eigenen "russischen Weges" akzeptiert. Danach sind westliche Demokratie, Marktwirtschaft, Individualismus und das logisch-analytische Denken für die "russische Seele" nicht geeignet; im Gegensatz dazu stehen in der Übereinstimmung mit dem "russischen Geist" die Bauerngemeinde, der Monarchismus und das religiös-orthodoxe "Sobornost", d.h. eine religiöse Gemeinschaft. Über das "Sobornost" spekuliert man heutzutage besonders gerne; darauf werden die politischen Programme von "neuen Rechten" begründet: von Girinowski bis Batrkaschov.

Pragmatismus

Soweit die oben genannten Alternativen zum Marxismus als die Mittel zum Aufbau eines neuen Soziallebens betrachtet werden, benötigt man ein entsprechendes Herangehen an Ziele und Aufgaben des Geistigen selbst. Und hier einigen sich die genannten Alternativen mit dem orthodoxen Marxismus, der von den Geisteswissenschaften eine feste Verbindung mit dem sozialen Leben verlangte. Statt eines abstrakten, vom Leben entfernten Denkens verlangen die russischen "neuen philosophischen Rechten" eine Simplifizierung der philosophischen Sprache, damit die Gelehrten dem einfachen Menschen und auch politischen Zielen dienen können. Ferner betont man die angewandten Aspekte der Geisteswissenschaften, um konkrete praktische Aufgaben der Zeit zu lösen. Die Folge ist eine Art "Feuilletonstil", der das geistige Niveau drückt und die Intelligentsia zum Kompromiss mit der Macht verführt. Eine spannende Form, eine vereinfachte Sprache, verständliche Ziele und die Wirkung primitiver Volksgefühle sowie unmittelbarer politischer Interessen – dies sind leider die Grundzüge des gegenwärtigen pragmatischen Philosophierens in Russland.

Obwohl diese Strömungen in theoretischer Hinsicht schwach sind, sind sie in den 90er Jahren einflussreich geworden. Anstatt kritisch dem status quo gegenüberzustehen, wird die gegenwärtige Lage als Ausdruck einer gesetzmäßigen Notwendigkeit verstanden und die politische Macht mit ideologischen Mitteln unterstützt. Die Kultur wird als Mittel verstanden, um gesellschaftliche Ziele zu erreichen, und in diesem Sinne ist sie der Macht untergeordnet.

Es mag merkwürdig klingen, aber die heutigen Feinde der Demokratie waren in der Vergangenheit oft ihre Freunde. Unter den gegenwärtigen "neuen Rechten" befinden sich nicht wenige, die in den 60-70er Jahren eine demokratische, antitotalitäre Position verteidigten. Ihre Werke wurden kaum veröffentlicht, und sie waren von der Partei bestraft worden. Die letzten Schritte zur Perestrojka in den 80er Jahren haben sie zusammen mit den Demokraten gewagt.

Der Hauptwiderspruch der gegenwärtigen Entwicklung

Diese geistige Neuorientierung kann man als "Wendung von Logik zur Kontingenz, von Vernunft zur Existenz" auf den Punkt bringen. Seit längerem fanden schöpferische Ge-lehrte, denen die politische und historische Theorie des Marxismus fremd gewesen war, im Kellergeschoss des kulturellen "Über-baus" Räume, worin sie relativ unabhängig arbeiten konnten. Die Perestrojka gab ihnen die Möglichkeit, aus dem Keller hervorzukommen: sofort erschienen Texte, in denen die Kontingenz gegenüber der Vernunft Priorität hatte. Die menschliche Individualität, das Politische und das Nationale wurden schnell zu Hauptbegriffen einer neuen Denkweise. Gleichzeitig versuchte man aber diese Begriffe von einer engen ideologischen Bedeutung zu befreien. Sie seien nicht allein aus der gesellschaftlichen Situation abzuleiten, sondern müssten eher als Ausdruck des ursprünglichen menschlichen Daseins verstanden werden, der Existenz des Menschen in seiner geschichtlichen Bedingtheit und Freiheit.

Das Fehlen einer eigenen Tradition

Hier liegt meines Erachtens ein Hauptwiderspruch der heutigen Entwicklung: Obwohl es kaum möglich erscheint, die existentiellen Grundbegriffe auf die wirtschaftliche und politische Lage eines Landes zurückzuführen, gerät eine so deklarierte Freiheit in den Bann alten Aberglaubens. Sozialentleerte Begriffe ermöglichen es, die wirklichen sozialen Interessen dahinter zu verstecken, wenn man keinen Mut hat, dazu ganz offen aufzurufen. In Russland fehlt den Gelehrten gegenwärtig eine Tradition, ein Standpunkt, von dem man ausgehen kann. Der Marxismus als Feind war bereits zerschlagen worden, bevor man die Gelegenheit hatte, eine Tradition der Kritik zu initiieren. Gleichzeitig blieb der bislang dominierende Platz des Marxismus unbesetzt, die Intelligentsia fühl-te sich demotiviert und enttäuscht. Es fehlten die Grundlagen für eine neue intellektuelle Bewegung.

Iljenkov, Stschedrovitski und Mamardaschwili

Auf der Suche nach einer neuen philosophischen Tradition versuchte man die Lehren der wenige Jahre zuvor verstorbenen bedeutenden russischen Philosophen wieder zu beleben. Dabei sind insbesondere drei zu nennen: Iljenkov, Stschedovitski und Mamardaschwili.

Evald Iljenkov (1924-1979) wurde dafür bekannt, den Aufstieg vom Abstrakten zum Konkreten von der Hegelschen Logik und dem Kapital von Marx ableiten zu können und als eine grundlegende Methode der Wissenschaft und Philosophie zu begründen. Iljenkov hat dabei gezeigt, dass das Ideelle einen wichtigen Teil des gesellschaftlichen Lebens bildet und nicht auf die subjektiven psychischen Zustände reduziert werden kann. Dadurch wurde seine Lehre als eine Kombination von Marxismus und objektivem Idealismus Hegels bezeichnet. In privaten Gesprächen bezeichnete er sich jedoch eher als Spinozist. Unter russischen Psychologen fand er starke Unterstützung und versuchte sogar, seine Theorie bei der Ausbildung der Taubstummen und Blindgeborenen anzuwenden. Obwohl er in der Partei Unterstützung fand und dadurch seine Werke veröffentlichen konnte, ist er in einen depressiven Zustand geraten und hat Selbstmord begangen. Seine Lehre ist als sog. "Activity Approach to Consciousness" welt-weit bekannt geworden.

Im Gegensatz zu Iljenkov war Georgi Stschedrovitski (1929-1994) Positivist und Behaviorist. Er stellte die Theorie und Praktik der sog. "organisatorischen Spiele" auf, die es erlauben, menschliche Tätigkeit wissenschaftlich formen und zu leiten. Seine Lehre wurde als nicht-marxistisch verurteilt, fand aber breite Akzeptanz und Anwendung nicht nur in der Philosophie selbst, sondern in der Technik und in den angewandten Wissenschaften beim Projektieren und Prognostizieren des Handelns. Eine ganze Genera-tion von Wissenschaftlern und Technikern hat Erfahrungen mit diesen "organisatori-schen Spielen" bzw. Workshops gemacht. Stschedrovitski hatte keine feste Anstellung als Philosoph, sondern verdiente sein Geld als Organisator und Ausbilder in der Wirtschaft.

Merab Mamardaschwili (1930-1990) hat als Philosophiehistoriker angefangen, und sein erstes Buch war dem Problem des Bewusstseins bei Hegel und Marx gewidmet, danach beschäftigte er sich mit Kant und Husserl und konzentrierte sich dann auch auf das Problem des philosophischen Diskurses und der Sprache. Er war in Russland der erste Postmodernist, ohne dieses Wort benutzt zu haben. Seine Vorlesungen und Vorträge zogen breite Kreise der Intelligentsia, zumal der weiblichen, an. Unterdrückt von den Parteifunktionären musste er jedoch seine Stelle oft wechseln und hatte kaum Gelegenheit, zu publizieren. Er starb, 60jährig, an einem plötzlichen Herzanfall auf dem Moskauer Flughafen. Erst heute werden seine Texte und die Protokolle seiner Gesprächs-teilnehmer veröffentlicht.

Diese drei und andere ihnen geistesverwandte Denker haben die gegenwärtige russische Philosophie geprägt: Dank ihnen haben wir heute die ganze Palette der westlichen philosophischen Richtungen: logische Analytiker und kritische Rationalisten, Phänomenologen, Existenzialisten und Hermeneutiker, religiöse Philosophen, Postmodernisten und Marxisten.

Die Gemeinsamkeiten der Gegenbewegung

Die Gegenbewegung, die zu den eingangs genannten Tendenzen in Opposition steht, besteht aus mehreren Richtungen, die nur wenige Voraussetzungen über die Natur der Philosophie selbst miteinander teilen. Dazu gehören

die Überzeugung, dass Philosophie in sich selbst eine Pluralität von verschiedenen Konzepten, Theorien, Methoden und Problemlösungen ist;

  die Überzeugung, dass Philosophie nicht dem Staat, der herrschenden Ideologie oder den unmittelbaren Volksinteressen zu dienen hat;

  die Überzeugung, dass die Philosophieproblematik eine radikale Erweiterung braucht und Themen, die dem dogmatischen Marxismus fremd waren, eingebracht werden müssen.

Die Organisation der Philosophie in Russland

Merkwürdigerweise besitzen wir über diesen Punkt nur fragmentarische Informationen. In Russland gibt es gegenwärtig über 700 Universitäten und Hochschulen, jede hat mindestens eine philosophische Fakultät bzw. Abteilung, Lehrstuhl oder Seminar. Insgesamt sind über 10'000 Dozenten, Forscher und Mitarbeiter im Fach Philosophie tätig. Die größten philosophischen Zentren befinden sich wie früher in Moskau, Sankt Petersburg, Ekaterinburg, Nowosibirsk, Kasan, Rostov am Don. Hier sind relativ große philosophische Fakultäten mit mehreren Lehrstühlen für verschiedene philosophische Schwerpunkte erhalten geblieben. Eine Philosophie- prüfung gehört noch immer zu den obliga- torischen, die man zum Abschluss des Uni- versitätsstudiums und vor der Promotion machen muss. Um jeden Studienplatz im Fach Philosophie bewerben sich jährlich durchschnittlich vier Abiturienten. Das bedeutet, dass das Interesse für Philosophie trotz aller Schwankungen auf hohem Niveau bleibt. Dasselbe gilt auch für die Publikation von philosophischen Büchern. Allein das Institut für Philosophie der russischen Akademie der Wissenschaften (es ist das größte philosophische Zentrum) veröffentlicht jähr-lich über 100 Bücher. Dieses Institut beschäftigt an die 300 Mitarbeiter - sozusagen die philosophische Elite. Dazu gehören der Wissenschaftstheoretiker Wjatscheslav Stiopin, der mehrere originelle Philosophen aus ganz Russland an dieses Institut gezogen hat, der Philosophiehistoriker Teodor Oiser- man, der als einziger Russe Mitglied des Internationalen Instituts für Philosophie war und dessen Bücher in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden, der Erkenntnistheoretiker Wladislaw Lektorsky, Herausgeber der Zeitschrift Probleme der Philosophie, der Religionsforscher Leo Mitrokchin, der Ethiker Abdusalam Gusejnov, der postmoderne Kunst-Interpret Valeri Podoroga, die beiden Philosophiehistoriker Piama Geidenko und Erich Solovjev, die Forschungspreisträgerin der Humboldt-Stiftung und Philosophiehistorikerin Nelli Motroschilova sowie Vadim Rabinovitsch, ein bekannter Erforscher der mittelalterlichen Philosophie und Kultur.

Andere wichtige Zentren sind die Universitäten Nowosibirsk - bekannt für analytische Philosophie, Logik und Wissenschaftstheorie (Miroslav Popowitsch), Kaliningrad (ein Zentrum der Kantforschung unter Leonard Kalinnikov), St. Petersburg (dort wird unter Stanislav Gusev und Grigori Tulschinski vor allem die Hermeneutik gepflegt), Rostov am

Don (bekannt für die Tradition des existentialistischen Philosophierens) sowie die Zeitschriften Logos (hier wird eine Wiederbelebung der phänomenologischen Tradition versucht) und Das freie Denken (eine Zeitschrift in der marxistischen Tradition).

Autor

Ilia Kassavine ist Professor für Philosophie am Zentrum für Philosophie der russischen Akademie der Wissenschaften.