Was heißt, sich im Wollen orientieren?

Mein Titel variiert den Titel des Aufsatzes "Was heißt: Sich im Denken orientieren?", in dem Kant die These vertritt, dass unser Denken genau dann einer "Orientierung" bedarf, wenn es sich auf Bereiche erstreckt, die jenseits des Wissbaren liegen, bei denen es aber nicht möglich ist, Urteilsenthaltung zu üben, weil ein "Bedürfnis der Vernunft" zum Urteilen treibt. Ein "Orientierungswissen" also ist für Kant begrifflich ausgeschlossen. Allerdings legt er seinen speziellen, erfahrungsgebundenen Wissensbegriff zugrunde. Außerdem hat Kant emphatisch betont, dass der Maßstab der "Orien-tierung" nur in der Vernunft selbst liegen kann und dass ihr Resultat dem Wissen in-soweit ähnlich ist, als es mit diesem zwar nicht die "Gewissheit", wohl aber die "Festigkeit" und das "Bewusstsein seiner Unveränderlichkeit" teilt. Ich übertrage im folgenden Kants Frage nach der "Orientierung im Denken" in sinngemäß modifizierter Form auf das Wollen.

Willensbildung und theoretisches Wissen

Die Rede vom "Orientieren" hat metaphorische Wurzeln. Exemplarisch sind Situationen, in denen ein Wanderer oder Schiffer die Orientierung verloren hat und deshalb hilflos umherirrt. Ein Kompass kann ihn darüber unterrichten, wo Orient und Okzident liegen. Aber das allein hilft ihm nicht weiter. Er muss auch über eine verlässliche Karte oder entsprechende räumliche Vorstellung von seiner Umgebung verfügen und wissen, wo er sich gerade befindet. Mit diesen Informationen ist er theoretisch hinreichend orientiert, d.h. er kennt alle ihn interessierenden Fakten. Normalerweise hilft ihm das, aber natürlich nur, wenn er weiß, wo er hin will. Weiß er es nicht, bleibt er praktisch desorientiert. Denn weil er nicht weiß, was er will, weiß er auch nicht, was er tun soll, und wird deshalb genauso ratlos umherirren oder am Fleck verharren wie zu-vor. Wenn er aus dieser Lage herauskommen will, muss er praktische Überlegungen anstellen, die eine doppelte Orientierungsfunktion für ihn erfüllen: sie dienen zunächst der Willensbildung und bereiten über diese den nachfolgenden Entschluss zum willensgemäßen Handeln vor.

In einfachen Fällen sind beide Schritte kaum voneinander zu trennen. Aber auch hier ist die Willensbildung sachlich das Erste. Ihr speziell dient die "Orientierung im Wollen". Und die Frage ist nun, was dies genau beinhaltet und ob es gerechtfertigt ist, auch hier (ähnlich wie bei rein theoretischen, faktenbezogenen Überlegungen und Erkundungen) von einem Erwerb von Wissen zu sprechen.

Zu einem bedeutenden Teil zumindest hängt auch unsere Willensbildung von erworbenem Wissen ab. Denn sie bedarf der Kenntnis von Fakten. Dabei geht es zunächst um mögliche Willensinhalte. Wenn ich nicht weiß, welche Speisen ein Restaurant anbietet oder welche Sehenswürdigkeiten in einer fremden Stadt zu besichtigen sind, kann ich mir auch nicht darüber klar werden, ob oder welche von ihnen ich vielleicht essen oder besichtigen will.

Sodann dienen willensbildende Überlegungen dazu, herauszufinden, ob oder unter welchen Bedingungen mögliche Willensinhalte realisierbar sind. Dabei wird häufig nur an die Erkenntnis von Mitteln gedacht, die man einsetzen kann oder muß, um bestimmte Inhalte als Zweck zu erreichen. Natürlich bilden diese einen besonders wichtigen Teil. Aber es wäre mehr als kurzsichtig, seine Willensbildung nicht auch auf die Kenntnis der Folgen und Nebenfolgen zu stützen. Die blind euphorische Entscheidung der Industriestaaten, ihre Energieprobleme durch expansive Nutzung der Kernenergie zu lösen, ohne sich um die Entsorgung des strahlenden Mülls zu kümmern, liefert dafür das wohl verhängnisvollste Negativbeispiel. Alle realisierbaren Willensinhalte sind vielfaltig eingebettet in ein komplexes Netz von Bedingungen, ohne die sie nicht zu verwirklichen sind. Nur diese Komplexe, nicht die isolierten Einzelinhalte, bilden die "Optionen", zwischen denen man realistisch wählen kann. Und da die Anzahl der Folgen, Nebenfolgen und Mittelglieder zwischen primärer Handlung und gewolltem Erfolg prinzipiell unüberschaubar ist, stoßen wir hier bereits auf einen Bereich, der die Grenzen unserer Erfahrung sprengt. Dieser Tatsache muss man Rechnung tragen, auch wenn viele Theoretiker sie verdrängen. Die weit verbreitete, aber konzeptionell verwirrte Entgegensetzung von "Gesinnungs-" und "Verantwortungsethik", "deontologischen" und "konsequentialistischen" Moraltheorien belegt das.

Das Netz der Bedingungen, die Optionen konstituieren, wird keineswegs nur durch kausale oder naturgesetzliche Relationen geknüpft, sondern auch durch diverse andere, z. B. geltende soziale Regeln. Deshalb müssen sich realistische willensbildende Überlegungen auch an Normen und Werten orientieren. Obwohl diese selbst nicht deskriptiv sind, sondern präskriptiv, stellt ihre Ermittlung eine theoretische Aufgabe dar, deren Ergebnis "Wissen" ist. Das deutsche Strafrecht bringt das korrekt zum Ausdruck, wenn es außer vom "Tatbestandsirrtum" auch vom "Verbotsirrtum" spricht. Objekt des Wissens oder Nichtwissens ist ja nicht das Verbot als solches, sondern die Tatsache, dass es in Kraft ist und erfüllungsabhängige Konsequenzen hat.

Insoweit also ist die Rede von einem "Orientierungswissen" auch mit Bezug auf die Orientierung im Wollen verständlich. Allerdings darf man zwei Dinge nicht aus den Augen verlieren. Erstens ist dieses "Wissen" ausschließlich theoretisches Wissen, das in einem sicheren Urteil darüber besteht, was ist, einschließlich faktisch erhobener Sollensansprüche. Zweitens ist es durchweg begrenzt, erstreckt sich also niemals auf alles, was Gegenstand unseres Wollens werden kann.

Spezifisch praktisches Wissen?

Theoretisches Wissen ist zwar notwendig, aber nicht hinreichend für eine realistische Willensbildung. Dass eine bestimmte Norm in einer Gesellschaft gültig ist, kann man als distanzierter Beobachter auch feststellen, ohne sich selbst durch sie verpflichtet zu fühlen. Und wenn man sich verpflichtet fühlt, heißt das nicht unbedingt, dass man will, was die Norm fordert. Im Gegenteil, es gehört zum Sinn normativer Verhaltenssteuerung, dass sie dem Adressaten die Freiheit lässt, sich für oder gegen sie zu entscheiden.

Noch deutlicher ist die Distanz bei nichtnormativen Fakten. Auch wenn ich weiß, welche Speisen ich realistischerweise ordern oder welche Sehenswürdigkeiten ich auf welchem Wege ansteuern kann, ist meine Willensbildung damit nicht abgeschlossen. In gewissem Sinne beginnt sie sogar jetzt erst. Denn der entscheidende Schritt wird durch die Optionenermittlung nur vorbe-reitet. Theoretisches Wissen bezieht sich eben nur auf das, was ist, Wollen aber auf etwas, das (in den Augen des Wollenden) sein soll.

"Wollen" ist mehr als bloßes Wünschen, enthält aber Wünschen als begrifflichen Kern. Und dieses "Wünschen" ist seinerseits im Kern nichts anderes als eine optativi- sche Stellungnahme, mit der der Anspruch erhoben wird, etwas möge der Fall sein. Etwas zu wollen heißt primär, etwas bewusst zu wünschen und eben damit den Anspruch zu erheben, dass es sein soll, nicht jedoch, zu behaupten, dass es so ist.

Gewiss, es gibt Fälle von Sollensansprüchen, die wir zugleich als erfüllt erkennen, z. B. wenn etwas so gekommen ist, wie wir wollten und weiterhin wollen. Doch überall, wo es nicht so ist, reicht unser Wille zwar nicht unbedingt über alles Erfahrbare, wohl aber über unsere Erfahrung hinaus. Damit jedoch wird die Vorstellung von der "Orientierung im Wollen" als Wissenserwerb in doppelter Hinsicht fragwürdig. Zweifelhaft ist sie nicht nur im Blick auf den Schritt von der bloßen Optionenerkenntnis zur Aus-bildung eines bestimmten Wollens. Zweifelhaft ist sie auch für den Zustand des Wollens selbst. Denn macht es Sinn, eine nicht assertorische, rein optativische Einstellung als "Wissen" anzusprechen?

Nun, es gibt etablierte Redeformen, die zweifellos nichtassertorisch sind. Eine davon ist die Rede vom "Wissen wie". Doch sie kann unser Problem nicht lösen. Denn einerseits ist dieses meist auch mit assertorischem "Wissen dass" verbunden. Andererseits lassen sich nur bestimmte, relativ simple Formen des Schrittes vom Wollen des Zwecks zum Wollen und Ergreifen des Mittels als Fälle von "Wissen wie" verstehen, nicht aber andere Arten der Willensbildung, geschweige denn das Wollen selbst. Nur eine andere nichtassertorisehe Redeform könnte uns weiterhelfen.

Von Menschen, die in ihrem Wollen desorientiert sind, sagen wir auch, sie "wüssten nicht, was sie wollen ", von Menschen, die orientiert sind, sie "wüssten es". Was aber heißt das? Zunächst wohl nur, dass sie sich ihres Willens bewusst sind, unterschieden von Zuständen des unbewussten, verdrängten oder nur halb bewussten Wollens. Dann aber kann es auch heißen, dass ihre Willensbildung beendet ist und sie zu einem bestimmten, festen Wollen gekommen sind. In diesem Sinne von "Wissen" ist die Beschreibung des Willensbildungsprozesses als Wissenserwerb offenbar unanfechtbar. Allerdings scheint das ein Sinn zu sein, der sich vom theoretischen, faktenbezogenen Wissen fundamental unterscheidet.

Oder verbirgt sich hinter der scheinbar anders gearteten Rede davon, dass jemand "weiß, was er will", vielleicht nur die Einsicht, dass auch die "Orientierung im Wollen" sich letztlich theoretischem Wissen verdankt, wenn auch eines Wissens, das anderer Art ist als die bloße Optionenkenntnis?

Ergebnisoffene und nicht ergebnisoffene Überlegungen

Manchmal bildet sich unser Wollen blitzartig oder überfallartig. Ein plötzlicher Schmerz, eine plötzlich auftauchende Gefahr erregen sofort den Willen in uns, dem zu entkommen. Oder ein Objekt, auf das wir beim Stöbern in einer Kunsthandlung stoßen, entringt uns den Ausruf: "Das will ich!". Doch das sind eher seltene Fälle. Im allgemeinen bedarf es zur Überwindung von Zuständen anfänglicher volitionaler Desorientiertheit eines gewissen Maßes an Überlegung, die zuerst darauf zielt, uns über unser Wollen klar zu werden.

Auseinanderzuhalten sind zwei Formen wil-lensbildender Überlegungen: ergebnisoffene und nicht ergebnisoffene. Letztere zeichnen sich dadurch aus, dass das, was der Überlegende will, schon am Beginn seiner Uberlegungen feststeht. Warum aber überlegt er dann noch? Nun, einiges ist auch hier zunächst unklar. Auch wer schon weiß, was er will, muss das Geschäft der Optionenermittlung betreiben. Denn er muss nicht nur feststellen, wie er das Gewollte realisieren kann, sondern auch und vor allem, ob unter den relevanten Mitteln, Folgen und Nebenfolgen einige sind, die sich mit etwas, das er ebenfalls und vielleicht stärker will, nicht vereinbaren lassen. Außerdem ist uns beileibe nicht alles, was wir wollen, immer präsent, sondern muss erst bewusst gemacht werden. Dazu ist das Durchdenken der Bedingungen, in die ein bestimmter Willensinhalt optional eingebettet ist, eines der wichtigsten heuristischen Hilfsmittel. Aber natürlich kann man auch direkt auf seine komplexere Willenslage reflektieren oder andere Hilfen in Anspruch nehmen, bis hin zur extensiven psychoanalytischen Therapie.

Wenn wir nun annehmen, dass es bei all dem nur um die Aufdeckung von etwas geht, das bereits da ist, und dass das Resultat durch die ebenfalls schon vorhandenen Präferenzen zwischen den einzelnen Willensinhalten eindeutig festgelegt ist, müssen wir sagen, dass der gesamte Überlegungsprozess, was das Wollen betrifft, von vorneherein nicht ergebnisoffen war. Klärungsbedürftig war hier nur, was alles man immer schon wollte und jeweils in welchem Maß. Und die Beantwortung dieser Frage ist of-fenbar ebenso eine Sache des theoretischen Wissenserwerbs wie die rein theoretische Optionenermittlung.

Noch ein anderer Aspekt nicht ergebnisoffener Überlegungen muss erwähnt werden. Auch eine Person, die "weiß, was sie will", weiß nicht immer, warum. Sie "orientiert sich im Wollen", indem sie die Gründe ermittelt, die ihm vorausliegen. Unter der Annahme, dass auch diese Gründe bereits bestehen und nur noch aufgedeckt werden müssen, läuft auch dieser Orientierungsprozess auf ein volitional nicht mehr ergebnisoffenes Überlegen hinaus, das durch theoretischen Wissenserwerb beendet wird.

Im Unterschied dazu sind ergebnisoffene Überlegungen solche, bei denen die entscheidende optativische Stellungnahme erst noch erfolgen muss und durch willensbildendes Überlegen ermöglicht wird. Wird hier nach relevanten Gründen gefragt, so geht es immer um rationale Gründe, und es steht nicht von vorneherein fest, welche von ihnen den Ausschlag geben. Die überlegen-de Person will sich ihrer theoretisch versichern, um danach in optativischer, nichtassertorischer Form zu ihnen Stellung zu neh-men. Entsprechendes gilt für die Optionenermittlung und die Vergewisserung über die zunächst verdeckte, komplexe Vielfalt des eigenen Wollens. Auch hier dient die theoretische Wissenserweiterung nicht dazu, neugierig in Erfahrung zu bringen, was eigentlich längst vorentschieden ist, sondern den Spielraum der faktischen und volitiven Möglichkeiten kennenzulernen, die man be-sitzt, um daraufhin Stellung zu nehmen.

Vorzüge mangelnder Ergebnisoffenheit

Wenn feststeht, was die Individuen wollen und wie ihre real unvereinbaren Willensinhalte präferentiell geordnet sind, wird der Prozess ihrer "Orientierung im Wollen" be-rechenbar. Man kann versuchen, Logiken des praktischen Uberlegens zu formulieren, mit Hilfe derer sich, angewandt auf bestimmte epistemische und volitive Prämissen, rationale Empfehlungen zum Wollen und Handeln ableiten lassen. Soweit die Betreffenden rational sind, werden sie sich entsprechend verhalten. Und überall, wo sie es nicht sind, kann man versuchen, die Gründe für ihr Abweichen vom rationalen Ideal aufzudecken und ihr Verhalten darüber wieder berechenbar machen. Soziale Koordinations- und Integrationsprobleme z. B. könnten auf diesem Wege lösbar werden. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass Varianten des nicht ergebnisoffenen Überlegungsmodells vor allem für Psychologen, Sozialwissenschaftler und Ökonomen, aber auch für viele Philosophen attraktiv sind.

Wichtig erscheint das Modell aber auch außerhalb des sozialen Kontexts. Denn zwei Funktionen, die auch für Individuen essentiell sind, können offenbar nur durch die mangelnde Offenheit praktischer Überlegungen sichergestellt werden. Erstens erfüllt sie eine Entlastungsfunktion. Würden wir etwa bei jedem Schritt, den wir tun, neu dazu Stellung beziehen müssen, ob oder welche der uns verfügbaren Optionen wir wollen, würden wir alsbald handlungsunfähig. Außerdem hätten wir ständig neu zu entscheiden, ob wir die Optionenermittlung abbrechen oder noch weiter vorantreiben. Permanentes Infragestellen aber hindert uns eher, als dass es uns hilft. Neuere motiva- tionspsychologische Untersuchungen zeigen vielmehr, dass sich ein großer Teil unseres Alltagslebens sogar völlig habitualisiert und automatisiert vollzieht.

Zweitens dient fehlende volitionale Offenheit einer umfassenden, einheitlichen Lebensorientierung. Wer sich nicht länger orientieren muss, sondern weiß, was er will, weiß damit in gewissem Sinn auch erst, wer er ist. Durch sein fixiertes Wollen gewinnt er Selbstidentität, Selbstsicherheit und innere Freiheit. Dass dies so ist und wie man dahin gelangen kann, ist ein altes Thema unserer Geistesgeschichte. Im Aristotelischen Konzept eines "tugendhaft festen Charakters" lässt es sich ebenso ausmachen wie im Stoischen Gedanken der "Ataraxie" oder der jüdisch-christlichen Vorstellung vom Menschen, der erst in der vollständigen Bindung des Willens an Gott sein wahres Selbst gewinnt. In der neueren Literatur ist es vor allem Harry Frankfurt gewesen, der den konstitutiven Zusammenhang zwischen Selbstsein und Vergewisserung über das eigene Wollen herausgestellt hat, bis hin zu der Behauptung, dass bestimmte Formen "volitionaler Notwendigkeit" kriteriell dafür seien, was uns als Personen ausmacht-

Dies mag dahingestellt bleiben, klar ist jedoch, dass beide erwähnte Funktionen keinen Beweis dafür liefern, dass volitional ergebnisoffene Überlegungen keinerlei An-teil an unserer "Orientierung im Wollen" haben. Gewiss, lebensbestimmend können auch Willensinhalte sein, die uns genetisch, traditional oder individuell sozialisatorisch vorgegeben sind. Ebenso signifikant aber sind Situationen, in denen ein Mensch sich bewusst für eine bestimmte Lebensorientierung entscheidet, z. B. für ein moralisches, religiöses oder politisches Ideal oder auch nur für den eigenen Beruf oder das Leben mit einem Partner. Noch deutlicher ist das bei der Entlastungsfunktion. Dass wir bestimmte Arbeitsabläufe oder längere Handlungssequenzen unreflektiert oder völlig automatisiert ausführen, schließt die bewusste, überlegte Entscheidung für sie nicht aus. Ja, sie beruht im Normalfall auf einer solchen, ohne dass feststünde, dass daran keine ergebnisoffenen Überlegungen beteiligt sind. Und das Interesse von Wissenschaftlern an berechenbaren, präferentiell geordneten Wunsch- und Willenshaltungen ist allemal kein Beweis, dass die menschliche Wirklichkeit dem entspricht. Wenn man Willensbildungsprozesse durch spezifisch praktische, ergebnisoffene Überlegungen generell ausschließen will, muss man stärkere Argumente dafür ins Feld führen. Welche könnten dies sein?

Unzureichende Argumente für mangelnde Ergebnisoffenheit

Das historisch einflussreichste Argument wird meist auf Aristoteles, teils auch auf Hume zurückgeführt und besagt, dass praktische Überlegungen prinzipiell zweckrationale sind. Doch in dieser unqualifizierten Form ist die Behauptung keinesfalls haltbar. Wenigstens zwei Ergänzungen muss man vornehmen. Man muss neben den Mitteln auch die Folgen und Nebenfolgen berücksichtigen und auch jene Überlegungen einbeziehen, die der Vergewisserung über die eigenen Zwecke dienen. Auch mit diesen Ergänzungen jedoch ist die These unhaltbar.

Auch bei hochrangigen Zwecken, die Anspruch darauf erheben können, Orientierungen für das gesamte Leben zu sein, kann man nicht ausschließen, dass mehrere gleichgewichtig nebeneinanderstehen. Präferentielle Eindeutigkeit wäre hier prinzipiell nur zu gewährleisten, wenn man annehmen könnte, dass es einen und nur einen obersten Zweck gibt, dem alle anderen sich ra-tional fügen. Das hat man immer wieder zu zeigen versucht. Doch weder das Aristotelische Streben nach einem bios theoretikos noch das Freudianische "Lustprinzip" oder das "unruhige Herz" des Augustinus, das erst in Gott seine Ruhe findet, sind sehr plausible Kandidaten für einen obersten Zweck, den alle Menschen verfolgen. Nicht einmal das Streben nach Selbsterhaltung, Hobbes' Universalprinzip, kann uneingeschränkt Anspruch darauf erheben, wie eine Vielzahl von Selbsttötungen und lebensgefährlichen Unternehmungen zeigt.

Auch bei zweckrationalen Überlegungen kehren all diese Probleme wieder. Es lässt sich eben nicht ausschließen, sondern ist im Gegenteil ubiquitäre Alltagserfahrung, dass mehrere gleichgute Mittel verfügbar sind, dass vorhandene Gütedifferenzen durch die Realisierungswahrscheinlichkeiten aufgewogen werden oder dass ein präferentielles Übergewicht durch die "Kosten" bei Folgen und Nebenfolgen konterkariert wird.

Anerkennt man Entscheidungen bei präferentiellem Gleichgewicht, kann man sagen, dass diese nicht in Abhängigkeit von rationalen, volitional ergebnisoffenen Überlegungen fallen, sondern durch Zufall. Das ist die klassische Lösung für Wahlsituationen nach dem Modell von "Buridans Esel". Aber ist sie die einzig mögliche und beweist sie, was sie beweisen soll? Das bloße Abwarten und Nichtstun hat selten den Sinn, das Ergebnis (wie man so sagt) "dem Zufall zu überlassen". Meist ist es eine Entscheidung für eine der Alternativen, nur eben durch Unterlassen. Man braucht schon die Intervention eines Zufallsgenerators, z. B. eine geworfene Münze. Doch wenn diese gefallen ist, steht man immer noch vor der Entscheidung, ob man dem Orakel nun weiterhin folgen soll oder nicht. Und auch wenn der Zufallsgenerator unmittelbar wirksam wird, bleibt die Entscheidung für das Verfahren als solches. Die klassische Lösung unterstellt hier die Existenz eines übergeordneten Wollens, z.B. den Wunsch eines anthropomorphen Esels, nicht zu verhungern, egal auf welchem konkreten Wege. Doch das läuft wieder auf jenes Postulat vorgegebener Zwecke hinaus, das wir nicht akzeptieren können. Außerdem muss man sich ja selbst dann für den Einsatz des Zufalls als Mittel entscheiden. Und ist es so klar, dass dieser Entscheidung keine anfänglich ergebnisoffene Überlegung vorausgeht?

Optional willensbildende Überlegungen

Diese Frage zwingt uns, unser Problem noch etwas tiefer anzusetzen. Angenommen, willensbildende Überlegungen träten tatsächlich nur in der Form auf, dass ein vorhandenes Wollen durch die theoretische Optio-nenermittlung ergänzt wird. Wie genau vollzieht sich dann der Schritt zu einem subordinierten Wollen, also z. B. beim zweckrationalen Schließen? Handelt es sich um einen regelgeleiteten Akt oder handelt es sich um eine Art psychologischen Automatismus? Und was genau ist das Produkt von praktischen Überlegungen dieses Typs? Ist es die zweckgerichtete Handlung selbst, der Wille, sie auszuführen, oder zunächst nur der Wille, den Willen zur Ausführung auszubilden?

In einfachen Fällen kann das Modell des psychologischen Automatismus ausreichen, auch in der Form des direkten Eintritts ins Handeln. Man denke etwa an Situationen wie das Aufdrehen eines Wasserhahns, um Wasser fließen zu lassen oder das SichKratzen am Kopf, um einen Juckreiz abzustellen. Allerdings liegen solche Beispiele nah bei Fällen, in denen man zweifeln kann, ob wir es überhaupt mit zweckrationalem Handeln zu tun haben und nicht nur mit einem habituierten Reflex. Auch die Ausbildung des Willens zum Ergreifen eines bestimmten Mittels kann manchmal automatisch erfolgen, z. B. beim Suchen nach einem Stift zum Schreiben oder beim Ändern der eigenen Gehrichtung, um einem anderen auszuweichen. Anhänger Humes oder anderer Empiristen tendieren dazu, auch komplexere Willensbildungsprozesse nach diesem Muster zu deuten. Manche Entscheidungstheoretiker gehen sogar soweit, überlegungsabhängige soziale Koordinationsprozesse durch Computerprogramme zu simulieren und das staunende Publikum mit bunten Grafiken von ihrem Verlauf zu erfreuen. Allerdings passt das Schema des psychologischen Automatismus dort, wo die willensbildenden Überlegungen etwas komplexer und ausgedehnter sind, meist nicht zu unseren Erfahrungen.

Besonders klar ist das beim Übergang direkt zum Handeln. Bei Aristoteles etwa werden als Beispiele für praktisches Schließen auch Gedankengänge wie diese angeführt: "Ich will ein gesunder Mensch sein. - Spazierengehen ist gesund. - Schon gehe ich." Das ist natürlich grotesk. Kein vernünftiger Mensch wird so schließen.

Normale Überlegungen verlaufen doch viel-mehr so: Wenn wir erkennen, dass ein gewollter Sachverhalt "p" nur zusammen mit "q" zu verwirklichen ist, haben wir zwar das Bewusstsein, dass wir (gemessen an den Regeln für eine realistische Willensbildung) "q" ebenfalls wollen sollten, wenn wir am Wollen von "p" weiterhin festhalten und andere Optionen nicht gegeben sind. Aber weil wir uns zunächst unsicher sind, ob wir die Optionenerrmittlung schon weit genug vorangetrieben haben und weil wir uns erst einmal klar darüber werden müssen, wie wir zu "p" und mit ihm eventuell konkurrierenden anderen Willensinhalten stehen, werden wir vernünftigerweise nicht sogleich zum Wollen von "q" (oder gar dessen Realisierung) übergehen, sondern weitere Überlegungen anstellen. Erst nachdem wir abschließend Stellung bezogen haben, ergibt sich daraus ein rationales, optional spezifiziertes Wollen und (eventuelles) Handeln.

Und selbst dann ist die Umsetzung des Ergebnisses ein Schritt, der nicht immer vollzogen wird. Auch wenn wir als "volitiv Orientierte" keinerlei Zweifel mehr haben, dass wir mit dem Rauchen aufhören oder bittere Medizin schlucken sollten, heißt das eben nicht unbedingt, dass wir den Willen dazu auch haben, geschweige denn danach handeln. Und selbst hier erscheint die pauschale Rede von "praktischer Irrationalität" unangebracht oder weltfremd. Denkbar ist allenfalls, dass wir als rationale Wesen nicht umhin können, den Willen, diese Mittel zu wollen, auszubilden und dann vielleicht nach Wegen zu suchen, diesem Anspruch gerecht zu werden.

Signifikanz höherstufigen Wollens

Könnte diese letztere Möglichkeit aber nicht ausreichen, um den prinzipiell nicht ergebnisoffenen Charakter praktischer Überlegungen zu retten? Man könnte folgendermaßen argumentieren. Präferentielles Gleichgewicht zwischen gewollten Optionen ist zwar nicht auszuschließen, lässt sich aber durch Einsatz von Zufallsgeneratoren als Mittel zu übergeordneten Zwecken auflösen. Alle Mittel gehören zu den Optionen und müssen wie diese gewollt werden. Unter gewissen Umständen geschieht das automatisch. In komplexeren Fällen treten wir in regelgeleitete Überlegungen ein, die volitional zunächst ergebnisoffen sind. Sie enden jedoch, vernünftig durchgeführt, immer in einem Wollen - zwar keinem konkreten, handlungsbezogenen Wollen erster Stufe, wohl aber in einem entsprechenden Wollen zweiter. Da-nach hören die Überlegungen auf. Wenn jetzt noch etwas offen ist, seien es Fragen der Handlungsmotivation oder der weiteren Willensentwicklung, kann die Entscheidung nicht mehr überlegt fallen, sondern nur in Abhängigkeit von anderen Faktoren. Folglich sind willensbildende Überlegungen prinzipiell nicht ergebnisoffen.

Dieses Argument hat mehrere Schwachstellen. Wird zwischen gleichgewichtigen Optionen nur per Zufall entschieden? Und vor allem: Zwingt die Einbeziehung der Folgen und Nebenfolgen nicht auch dazu, Zwecke zu problematisieren, einschließlich der bislang unbestrittenen und höchstpräferenzierten? Wenn der Rekurs auf das höherstufige Wollen etwas zugunsten der Nichtergebnisoffenheit ausrichten kann, muss es sich auch und vor allem bei der Zwecksetzung bewähren. Wie also steht es damit?

Philosophen wie Hobbes, Locke, Edwards, Herbart, Schopenhauer, Ryle und viele andere haben geltend gemacht, dass die Rede von einem "Wollen des Wollens" un-sinnig sei, da sie in einen Regress führe. Ein Regress entsteht freilich nur dann, wenn zugleich der Anspruch erhoben wird, das Willensfreiheitsproblem damit komplett zu lösen. Das Phänomen selbst kann man schwerlich bestreiten. Und natürlich hat es auch Sinn, auf der zweiten Reflexionsstufe zu fragen, ob man frei ist, den Willen zu haben, den man haben will. Fraglich kann nur sein, an welchen Stellen optativische Einstellungen zweiter oder höherer Stufe auftreten und welche Rolle sie in praktischen Überlegungen spielen.

Um diese Fragen beantworten zu können, muss man zwei wichtige Unterscheidungen treffen. Erstens stellt sich die Frage, worauf sich das höherstufige Wünschen und Wollen richtet: Geht es tatsächlich um die Existenz des nächstniedrigeren Wünschens und Wollens? Oder geht es lediglich darum, die Motivationskraft und eventuelle Handlungswirksamkeit einer optativischen Einstellung, die bereits vorliegt, zu ändern oder zu bekräftigen? Zweitens sollte man positive und negative Varianten trennen: Geht es darum, dass eine bestimmte Einstellung erst ausgebildet bzw. motivational verstärkt wird? Oder soll eine bestehende Einstellung abgeschafft bzw. motivational abgeschwächt werden, so dass sie z. B. nicht mehr zum Handeln führt? Je nachdem, welchen Fall man ins Auge faßt, ändert sich auch die Signifikanz der Höherstufigkeit.

Optativische Stellungnahmen zur Motivationalität schon bestehender Wünsche und Willensregungen sind keine Seltenheit. Sie treten so gut wie immer auf, wenn wir uns reflexiv fragen, was wir als nächstes oder langfristig tun sollen. Nachfolgende Handlungsentschlüsse sind von ihnen getragen. In vielen Fällen folgt die gewünschte Motivationsänderung oder -bekräftigung problemlos und in der Form eines "psychologischen Automatismus". In manchen Fällen folgt sie dagegen nicht. Wir alle erfahren das leidvoll, wenn uns ungewollt eine boshafte Bemerkung entschlüpft, wenn wir ein Laster nicht abstellen oder uns nicht dazu aufraffen können, etwas Gewolltes und reflexiv hoch Präferenziertes konsequent umzusetzen. Aber auch in diesen Fällen ist die Überlegung mit der Ausbildung der höherstufigen Einstellungen beendet. Ob es dann zum Erfolg kommt oder nicht, ist Sache anderer Faktoren. Unsere Freiheit ist eben, auch mit Bezug auf die eigene Motivationalität, eingeschränkt.

Ähnlich verhält es sich bei der Negativvariante der existenzbezogenen höherstufigen Einstellungen. Wünsche und Willensre-gungen, die uns hartnäckig verfolgen, können wir zumeist nicht einfach durch unseren reflektierten, gegenteiligen Willen abschaffen oder auch nur aus dem Bewusstsein ver-drängen. Allenfalls können wir uns (freilich mit durchaus offenem Erfolg) für den Einsatz selbstmanipulativer Mittel entscheiden. Glücklicherweise sind Negativfälle wie die-se im Alltag relativ selten. Wenn sie auftreten, erlangen sie allerdings - unglücklicherweise - oft ein sehr hohes Gewicht.

Die korrespondierende Positivvariante ist ebenso hochgewichtig und selten. Doch liegt das nun, anders als bei den Negativfällen, keineswegs daran, dass wir so selten Gelegenheit hätten, Wünsche und Willensregungen, die wir noch nicht haben, auszubilden. Ganz im Gegenteil. In diese Lage kommen wir ständig, nicht nur bei der op-tionalen Willensbildung, sondern auch bei der Zwecksetzung. Nur spielen höherstufige Einstellungen dabei eine weit geringere Rolle. Normalerweise genügt es, mögliche Gegenstände des Wollens oder Wünschens zu erfassen, um direkt optativisch zu ihnen Stellung zu nehmen oder indifferent zu bleiben. Nur wenn Zweifel entstehen, etwa weil der betreffende Gegenstand sogleich als unvereinbar mit anderen (faktischen oder möglichen) Willensinhalten erkannt wird, kann der Schritt in die nächsthöhere Reflexionsstufe naheliegen, muss es aber auch nicht in jedem Fall.

Der Rekurs aufs höherstufige Wollen ist also kein universelles Hilfsmittel bei der Analyse der Willensbildung. Auch bei der Zwecksetzung und der Wahl zwischen mög-lichen Zwecken haben wir mit Fällen der direkten, nicht reflexiv vermittelten optativischen Stellungnahme zu rechnen, wie sie ähnlich auch bei der Wahl zwischen gleichgewichtigen Mitteln vorkommt.

Außerdem stellt sich natürlich die Frage, wie es zum höherstufigen Wollen und Wünschen kommt. Spielen in all diesen Fällen Überlegungen keinerlei Rolle, so dass wir bloße Beobachter dessen sind, was sich volitional mit uns vollzieht? Ich denke nicht, und ich ziehe daraus den Schluss, dass die These vom prinzipiell nicht ergebnisoffenen praktischen Überlegen unhaltbar ist. Wenn wir zu überlegen beginnen, ist volitiv zunächst vieles fraglich. Antworten ergeben sich teils aus der theoretischen Optionenermittlung und der Bewusstmachung schon bestehender optativischer Ansprüche, teilweise auch einfach daraus, dass etwas ohne Überlegung mit uns geschieht. Das aber erschöpft die Alternativen nicht. Offenbar gibt es Formen des Überlegens, die auch in volitionaler Hinsicht ergebnisoffen sind - glücklicherweise. Denn da alle faktischen Willensinhalte, einschließlich der höchstrangigen, prinzipiell problematisierbar sind, blieben wir sonst im Wollen prinzipiell desorientiert.

Entscheidung ergebnisoffener Überlegungen

Der konkrete Verlauf ergebnisoffener Überlegungen ist variantenreich. Hinsichtlich der Entscheidung sind "subjektivistische" und "objektivistische" Antworten denkbar. Letztere orientieren sich einmal mehr am Vorbild des theoretischen Wissens. So wie es objektive, erkennbare Wahrheiten gibt, so soll es auch objektive Forderungen geben, die optativische Einstellungen ebenso rational unausweichlich machen wie erkannte Wahrheiten assertorische. Als Beispiele ließen sich Kants Lehre vom kategorischen Imperativ als "Faktum der Vernunft" anführen oder Spielarten des Werterealismus.

Objektivistische Theorien aber müssen wenigstens zwei extrem starke Prämissen machen: Sie müssen zeigen, dass es die objektiven Forderungen tatsächlich gibt und dass ein rationaler Wille tatsächlich nicht umhin kann, ihnen zu folgen. Allerdings ist die erste Prämisse notorisch fragwürdig und die zweite ziemlich dubios.

"Subjektivistische" Theorien führen die Forderungen allein auf die optativischen Ansprüche von Personen zurück. Wie können Menschen sich orientieren, wenn sie vor der (prinzipiell ergebnisoffenen) Frage stehen, wie sie sich zu einem oder mehreren möglichen Willensinhalten stellen? Drei Orientierungsformen möchte ich dabei unterscheiden. Die erste ist die bewusste, aktive Dezision. Man selbst nimmt so oder anders Stel-lung zur Sache und damit ist sie erledigt - einstweilen jedenfalls, spätere Revisionen nicht ausgeschlossen. Die zweite Form ist die Fundierung der optativischen Stellungnahme in anderen Haltungen, insbesondere eigenen Wertungen und Gefühlen. Die dritte Form schließlich ist eine Art "volitionaler Selbsterfahrung". Sie ist kein einmaliger Akt, sondern ein zeitlich länger erstrecktes, quasi-experimentelles "Austesten" dessen, welche der (vorgegebenen oder durch momentane Entscheidung begründeten) optativischen Ansprüche sich dauerhaft als "befriedigend" oder "persönlich tragfähig" erweisen und dadurch "unerschütterlich orientierend" werden. Vor allem im Blick auf langfristige, hochrangige Ziele wie berufliche Eignung, Partnerschaft oder Weltanschauung gewinnt diese Form ihre Plausibilität. Mit ihr kommt - wie auch beim Rekurs auf subjektive Wertungen und Gefühle - ein passivisches Moment ins Spiel, das der reinen Dezision fehlt und die praktische Orientierung der theoretischen Selbstvergewisserung annähert, ohne doch mit ihr zusammenzufallen.

Alle drei Formen schließen einander nicht aus. Sie können und müssen sich wechselseitig ergänzen, zumindest in Fällen der Lebensorientierung. Aber der Anteil der einzelnen Formen kann unterschiedlich sein.

Auch Erfahrungen des "befriedigten Eins- seins mit uns" oder Gefühls- und Wertungserlebnissen gegenüber gibt es nicht nur die Möglichkeit der reaktiven, passivischen Entwicklung von optativischen Einstellungen, die sie zum Inhalt haben. Es gibt auch die Möglichkeit, sie selbst - als mögliche Gegenstände der optativischen Stellung-nahme - zu problematisieren und erst danach aktiv Stellung zu nehmen. Ja, diese Form der aktiv-optativischen Selbstaneignung ist unerlässlich, um jenem Gedanken der Autonomie Genüge zu tun, der für unser Selbstsein konstitutiv ist. Wo immer sie fehlt, leben wir nicht, sondern werden gelebt - im personalen Sinne natürlich, nicht im rein biologischen. In dieser Hinsicht unterscheiden sich auch die beiden nichtdezisionistischen Orientierungsformen partiell nicht von der unreflektierten Übernahme kultureller oder individuell-sozialisatorischer Vorgaben oder der Entscheidung praktischer Fragen durch Zufall und andere Determinanten.

Autor

Gottfried Seebaß ist Professor für Philosophie an der Universität Konstanz.

Vortrag auf dem XVII. Deutschen Kongress für Philosophie in Konstanz. Von der Redaktion gekürzt. Die ungekürzte Fassung mit allen Nachweisen erscheint in: Betzler, Monika/Guckes, Barbara (Hrsg.): Autonomes Handeln. Harry G. Frankfurts Praktische Philosophie (ca. 250 S., ca. DM 149.--, Frühjahr 2000, Akademie-Verlag, Berlin.