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René Steininger:
Dávila, Nicolás Gómez

Mit dem im Wiener Karolinger Verlag veröffentlichten Werk des kolumbianischen Philosophen Nicolás Gómez Dávila liegt eines des umstrittensten Werke der lateinamerikanischen Literatur vor. Allein die Titel der Bücher Einsamkeiten, Auf verlorenem Posten und Aufzeichnungen eines Besiegten scheinen in vorauseilender Annahme das mangelnde Echo beim Publikum bestätigen zu wollen. Aber welche Gründe man für dieses Desinteresse auch immer vorbringen mag, das Werk des manchmal voreilig der Rechten zugeordneten kolumbianischen Philosophen blieb bis dato im deutschen Sprachraum so gut wie unbeachtet. Anders in Kolumbien. So erklärte der Literaturnobelpreisträger Gabriel García Marquéz, dass er genau wie Gómez Dávila dächte, wäre er selber nicht Kommunist.

Eine ambivalente Bemerkung, aber Ambivalenz ist wohl die angemessene Reaktion auf ein Werk, das seinem Leser die Zuordnung nicht gerade leicht macht, das man mögen kann oder nicht, aber das jedenfalls alles andere als gefällig ist. Ein Werk, das nach der Aussage seines Autors in seinen affektiven Voraussetzungen nachvollzogen werden möchte, die intellektuellen Schlüsse daraus dem Leser jedoch selber überlässt: „Meinesgleichen sind nicht die, die meine Schlussfolgerungen akzeptieren, sondern die meinen Widerwillen teilen.“

Ein Werk also, das aus dem Ekel, der nausée geboren ist, ein Denker, der aus der Anfechtung schöpft. Das konnte auf dem anderen Ende des politischen Spektrums auch schon Jean Paul Sartre von sich sagen. Und tatsächlich: Mit Abscheu blicken beide in denselben Abgrund der Geschichte der zivilisierten Menschheit, welche gerade die fortgeschrittensten Gesellschaften im 20. Jahrhundert mehrmals an den Rand des Zusammenbruchs geführt hat. Die intellektuellen Konsequenzen, die beide aus den menschlichen Katastrophen dieses Jahrhunderts ziehen, sind freilich jedoch denkbar verschieden. Gómez Dávila macht für das moralische Versagen nicht allein die totalitären Diktaturen mit ihrer kollektiven Indoktrination und ihrer Planwirtschaft, sondern vor allem auch die desintegrierenden Kräfte der kapitalistischen Ökonomie und der demokratischen Politik verantwortlich. Mit Sartre teilt der eigensinnige Kolumbianer den anti-demokratischen Reflex. In krassem Gegensatz zu dessen gleichermaßen atheistischem wie linksdogmatischem Denken steht allerdings Gómez Dávilas Glaubensbekenntnis, das gleichsam katholischer ist, als der Papst erlaubt, bezweifelt es doch die Möglichkeit jeglicher theoretischer Vermittlung: „Die Riten schützen den Glauben, die Predigten unterminieren ihn."

Der dogmatischen Theologie misstraut Gómez Dávila wie überhaupt jeder Verengung der Berufung in einen Beruf. In den Händen der Spezialisten vertrocknet die Wahrheit, verkommt der Dialog der Suchenden zum glatten Fachgesimpel: „Der Professor bringt nichts weiter zustande, als die ihm überlieferten Ideen einzubalsamieren.“
Die Dynamik der Produktivkräfte hat auch die Universitäten erfasst, wo sie eine Art hypertropher Intelligenz generiert, die zwar überaus produktiv, aber kaum noch schöpferisch ist: "Die technische Brillanz der intellektuellen Arbeit hat sich so weit entwickelt, dass die Bibliotheken bis zum Bersten mit Büchern voll sind, die wir nicht gering schätzen können, aber die es nicht der Mühe wert ist zu lesen". Ernüchternd auch das Urteil über die schreibende Zunft: „Es ist noch kein Schriftsteller geboren, der nicht zu viel geschrieben hätte.“

Auf dem Prüfstand steht eine Literatur, deren künstlerisches Surplus offenbar mit ihrer eigenen Überproduktion nicht Schritt zu halten vermag. Ein Problem, das durch die Automatisierung des Schreibens und die Professionalisierung der Literatur in den arbeitsteiligen westlichen Industriegesellschaften nur umso deutlicher hervortritt. Als ob mit der überhand nehmenden so genannten Kreativarbeit die Quellen des Schöpferischen erst recht zugedeckt würden. Das Bild der verstopften, verrammelten Welt ist überhaupt ein wiederkehrendes Motiv der Aphorismen, in die sich ein zunehmend apokalyptischer Ton mischt. Denn schließlich erledigen sich die schlechten Bücher von selbst, werden von der Zeit vergessen. Problematischer sind da schon die Produkte der modernen Architektur, für Gómez Dávila ohnehin ein Syndrom für den Verfall des ästhetischen und mit ihm des moralischen Sinns: „Die größte Anklage gegen die moderne Welt ist deren Architektur.“

Die ökologischen Folgen der planlosen modernen Bauwut sind weithin bekannt und auch wissenschaftlich erfasst. Weniger erforscht, weil schwerer zu ermessen, sind die moralischen Folgen dieser ästhetischen Verwahrlosung. Die ökonomische Mechanik jedenfalls, die als Zwang im Inneren der Gesellschaft wirksam ist und alles und jeden dem Gesetz der rückhaltlosen Expansion unterwirft, entfaltet ihre größte Destruktivität gerade dann, wenn die Wirtschaft schwarze Zahlen schreibt: „Der moderne Mensch zerstört mehr, wenn er aufbaut, als wenn er zerstört.“

Aus großbürgerlichen Verhältnissen stammend, unterstand Gómez Dávila selbst nie dem Zwang, eine berufliche Laufbahn einschlagen zu müssen. Das erklärt den elitären Zug seiner Philosophie, der auch die geneigtesten Leser abgeschreckt haben mag, aber nur zum Teil. Denn es hieße die Schlagkraft seiner ökonomischen Analyse unterschätzen, wollte man sie allein als Ausdruck aristokratischen Dünkels lesen. Interessante Bezüge ließen sich da etwa zu Georges Batailles Theorien einer „unproduktiven Verausgabung“ herstellen. Schließlich führt die Einsicht in das destruktive Potential der modernen Industriegesellschaften, in der letztlich sogar der Konsum an die Produktion gebunden bleibt, selbst ein Produkt ist, fast zwangsläufig zu jener anderen, wonach es längst nicht mehr nur ein Recht, sondern unsere Pflicht ist, müßig zu sein. Wie die klaustrophobe Vision einer Reihenhaussiedlung liest sich denn auch der folgende Aphorismus:„Der Mensch wird eine Welt nach der Art der Hölle geschaffen haben, sowie er eine vollständig von seinen Händen geschaffene Umwelt bewohnen wird.“

Die Radikalität dieses und vieler anderer seiner Urteile erschweren die Zuordnung Gómez Dávilas – nach Eigendefinition ein „Reaktionär“. Der gläubige Katholik, dessen Invektive hauptsächlich der progressiven Linken gelten und der zeitlebens alle ihm angebotenen politischen Ämter konsequent abgelehnt hat, ist anderseits auch nicht konservativ zu nennen. (Partei)politische Kategorien versagen überhaupt angesichts eines Denkers, in dessen Kosmos „elitär“ sich auf „solitär“ reimt und dessen Werk streng genommen einfach abseits steht, insofern ein Reaktionär im Sinne Gómez Dávilas nicht jemand ist, der zu alten, immer gültigen Verhältnissen zurückkehren möchte, sondern jemand, der gegen die Aktion (das selbst ermächtigende Aktivwerden des Menschen in der Geschichte) auftritt, weil er nicht an sie glaubt. Aber sind diese Reaktionäre vielleicht die eigentlichen Progressiven – jene, welche die Dekadenz beim Namen zu nennen wagen und nicht in unverbesserlichem Optimismus als Fortschritt tarnen, was in Wirklichkeit nur ein rasender Leerlauf ist? Ist diese Art der Reaktion nicht eine kostbare und notwendige Gegenposition? Viele Parteigänger einer “aufgeklärten“, säkularen Wertfamilie glauben, dass das Banner der Progression, einer historischen Bewegung vom Schlechten zum Besseren, automatisch ihnen zustehe. Ihnen gegenüber plädiert Gómez Dávila gelegentlich für den Rückzug in ein ebenso sprödes wie kämpferisches Sektierertum. Eine sokratische Haltung, die den Geistesaristokraten immer wieder zu eigenwilligen Allianzen mit der Gosse verführt: „Jene, die völlig illusionslos gegen die heutige Welt konspirieren, geduldig, zäh, ausdauernd, tragen vielleicht zwischen den Falten eines Lumpenkleids das Schicksal von morgen.“

Gómez Dávilas Parteinahme für die Außenseiter der Gesellschaft ist weder literarisch noch strategisch, sondern religiös motiviert. Sie schlägt kein politisches oder ästhetisches Kapital aus ihrem Leid, sondern sucht im Grad ihrer Verstörtheit nach den Spuren der Gnade und spürt auf, was an ihm subversiv ist: „Die Finsternis mancher Seelen ist Schatten göttlichen Lichts.“

Der Terminus der Gnade führt zurück an den eigentlichen Angelpunkt in der Gedankenwelt Gómez Dávilas. Die Einführung dieses Begriffs bewahrt seinem pessimistischen Weltbild das Moment der Freiheit. Wir erinnern uns: Auch Sartre war seinerseits von der Freiheit als anthropologischer Prämisse ausgegangen. Jedoch nur, um sie am Ende auf die zweifelhafte Freiheit der politischen Wahl (einer Wahl, die in seinem Fall noch dazu die Wahlfreiheit für die Zukunft aufzuheben versprach) einzuschränken. Sartres politischer Dogmatismus gründet mit anderen Worten in seiner materialistischen Anthropologie, der zur Folge der Mensch sein eigener Herr und Schöpfer ist. Demgegenüber liegt die Besonderheit von Gómez Dávilas Position gerade in seiner Weigerung, den Menschen ausschließlich seinem eigenen Willen zu überantworten, eine Weigerung, die nicht so sehr aus seinem Glauben resultiert als aus einer tieferen Skepsis gegenüber der menschlichen Natur. Nichts Erschreckenderes als der auf sich selber losgelassene Mensch! „Die Idee der ‚freien Entfaltung der Persönlichkeit’ scheint ausgezeichnet, so lange man nicht auf Individuen stößt, deren Persönlichkeit sich frei entfaltet hat.“ Nach dem Scheitern des Projekts der Selbstermächtigung, bleibt dem Menschen buchstäblich nichts als auf Begnadigung zu hoffen.

Man braucht Gómez Dávila, seinem eigenen Rat folgend, nicht über die Diagnose hinaus zu folgen. Diese aber wirft Fragen auf, die auch direkt ins Herz unserer liberalen Demokratien treffen: Fragen nach den Grenzen der modernen Wachstumsgesellschaft, die unter dem Deckmantel der Globalisierung einen nie dagewesenen Konformitätsdruck erzeugt, nach der personalen Identität jenseits medialer Präsenz oder Nicht-Präsenz, nach dem Schicksal der Moral im deregulierten neoliberalen Markt, aber auch nach jenem der persönlichen Freiheit in einer Gesellschaft, die betroffen ihres eigenen Wertvakuums gewahr werdend, sich vermehrt nach neuen Autoritäten umzusehen beginnt.

Dabei ist die Existenz von Autoritäten als solche weniger problematisch als die Frage, wodurch sie sich legitimieren. Für Gómez Dávila bietet nun aber allein die Religion der Macht eine ausreichende Legitimationsgrundlage, und zwar aufgrund ihrer Option auf das Nicht-nur-Menschliche. Darauf besteht der streitbare Philosoph übrigens in voller Kenntnis der schuldhaften Verstrickung der Kirche in den gewaltsamen historischen Prozess. Denn es gibt schlichtweg keine Alternative. Demokratische Politiker sind austauschbare Funktionäre eines anonymen bürokratischen Apparats, der über die Verwaltung von Primärinteressen nicht hinauskommt. Und die Kunst, diese von vielen so genannte `Ersatzreligion´der Moderne? Die Kunst, sofern sie nicht schon ganz im Getriebe der Unterhaltungsindustrie auf- und untergegangen ist, erschöpft sich in den inszenierten Schockdemonstrationen ihrer konkurrierenden Akteure, in unverbindlicher Hermetik, in Autismus und Artistik. In Überschätzung des Sozialen deuten wir den metaphysischen Ernst der alten Kunst heute gerne als ihre Konzession an den Geist der Zeit. Es ist jedoch nicht ausgeschlossen, dass das Widerständige in der Kunst der Vergangenheit (und das, was ihr ihre allgemeine Gültigkeit bis zum heutigen Tag verleiht) gerade nicht das Tabubrechende war, sondern dass vielmehr ihre in religiöser Hingabe vollzogene Unterwerfung unter dasselbe ein Zeitloses birgt. „Der Künstler steht nicht mit seinen Artgenossen im Wettstreit, er kämpft mit seinem Engel.“

Man braucht Gómez Dávilas religiöse Perspektive nicht zu teilen, um das wohltuend Verstörende ihrer Impulse zu verspüren. Gewiss, Gómez Dávilas kulturpessimistische Ausfälle sind im Einzelnen übertrieben streng. Ermüdend auf Dauer der Ton süffisanter Bitterkeit. Überflüssig viel ausgeschüttete schwarze Galle, die sich über sämtliche Aspekte des modernen Lebens, über Massentourismus und die Vulgarität der neuen Mode, über freie Rhythmen ebenso wie über die Pornographie ergießt. Gerade das Beispiel der Pornographie verdeutlicht umgekehrt aber auch wieder, wie unberechenbar und lebendig Gómez Dávilas theoretische Ansätze sind. Die Pornographie wird nämlich nicht zuletzt aus ästhetischen, nicht allein moralischen Gründen verworfen. Als Symptom der kapitalistischen Logik, die in ihr gleichsam ihre nackte, obszöne Gesetzmäßigkeit offenbart, ist sie außerdem weniger Ausdruck der Befreiung des Individuums als seiner totalen Befangenheit in Gattung und System. Ihr stellt Gómez Dávila nicht, wie zu erwarten, die Liebe, sondern die Sinnlichkeit gegenüber. An einer Stelle, die sich in Anbetracht der großen Zurückhaltung des ‚edlen Harten’ (Botho Strauß) wie ein wüster Ausbruch von Frivolität ausnimmt, liest man:
„Ein nackter Körper löst alle Probleme des Universums.“

Die zärtliche Entblößung wahrt dem Körper seine Intimität und garantiert ihm seine Individualität, während seine kommerzielle Zurschaustellung ihn umgekehrt dem Gattungsgesetz und der Masse preisgibt.
Ein Werk, sagten wir, das dem Ekel entsprungen ist. Wie die – wenn auch in Ton und politischer Ausrichtung so unterschiedliche – Ciorans, Ceronettis, Kertészs, Brinkmanns, Bernhards, Houellebecqs, Jelineks... Im Unterschied zur Letztgenannten bewahrt Gómez Dávila sich und seinen Lesern jedoch den sprichwörtlichen Hoffnungsschimmer. In Sätzen, die so erhellend sind, dass wir ihrem rhetorisch versierten Autor magische Absicht zu unterstellen geneigt sind. Als führe er uns die lichtabgewandte Seite der Dinge nur vor, um uns in der nächsten Kehre, in einer überraschenden Wendung, plötzlich einen schmerzlich schönen Augenblick lang dahinter blicken zu lassen: „Es genügt, dass die Schönheit unseren Überdruss streift, damit unser Herz wie Seide zwischen den Händen des Lebens zerreißt.“
In deutscher Übersetzung sind von Nicolás Gómez Dávila lieferbar:

Auf verlorenem Posten. Neue Scholien zu einem inbegriffenen Text. 270 S., € 16.40, 1992, Karolinger, Wien.
Aufzeichnungen des Besiegten. Neue Scholien zu einem inbegriffenen Text. 120 S., € 18.—, 1992, Karolinger, Wien.
Einsamkeiten. Glossen und Text in einem. 182 S., kt., € 18.—, 1987, Karolinger.
Texte und andere Aufsätze. 200 S., Ln., € 26.—, 2003 Karolinger, Wien.
Die Zitate stammen aus diesen Büchern.


UNSER AUTOR:

René Steininger ist promovierter Philosoph und war bis Ende August 2005 Lektor für deutsche Sprache an der Universität Bratislava.



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