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ESSAY

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Stegmaier, Werner: Nietzsche im 21. Jahrhundert.

 Nietzsches Anweisungen zur Lektüre

Nietzsches Wirkung ist im zurückliegenden Jahrhundert so vielfältig wie umstritten geblieben. Er hat das nicht anders erwartet. Dennoch hat er genaue Anweisungen gegeben, wie man ihn lesen solle. Im berühmten Schluss-Aphorismus der neuen Vorrede zur Morgenröthe verlangt er, ihn geduldig lesen zu lernen: Er sage „langsam“, was er zu sagen habe, und erwarte, dass er auch „langsam“ gelesen werde. Die Philologie, von der er herkomme, habe ihn zu diesem langsamen Schreiben geführt, sie sei nichts anderes als die „Kunst“ des „langsamen Lesens“. Jeden, der „Eile hat“, wolle er zur Verzweiflung bringen; nur Leser, die sich auf seine „feine vorsichtige Arbeit“ einlassen können, sollen es mit ihm aushalten. „Fein“ sind in Nietzsches Sinn feine Unterschiede, Unterscheidungen von Unterscheidungen bis hin zu feinsten „Nuancen“, die nicht mehr auf den Begriff zu bringen, sondern eine Sache des „Geschmacks“ sind. Geduldige Philologie wolle nicht auf Fertiges, Definitives, Abschließendes hinaus, sondern gehe „Hintergedanken“ nach, halte „Thüren“ offen, hinter denen sich noch anderes, Unvermutetes zeigen kann. Sie lese nicht nur mit den „Augen“, sondern auch mit „zarten Fingern“, nehme die Worte auch in ihrer körperlichen und sinnlichen Ausstrahlungskraft wahr, die wieder neue Türen öffnet.

Der nur wenig spätere 381 Aphorismus aus dem V. Buch der Fröhlichen Wissenschaft „Zur Frage der Verständlichkeit“ lässt sich als Pendant zum Schluss-Aphorismus der neuen Vorrede zur Morgenröthe verstehen. Er handelt von der „Kürze“ von Nietzsches Texten. Ihre Kürze werde von der „Sache“ erzwungen, der „Scheu und Kitzlichkeit“ von Gedanken, vor denen man zurückschrecke wie vor kaltem Wasser, so dass man sie nur kurz berühren könne: sie seien „Wahrheiten“, „die man überraschen oder lassen muss“. Nietzsche überrascht in seiner Philosophie mit Wahrheiten, die andere nicht zu denken wagten, mit Hintergründen und Abgründen des philosophischen Denkens selbst.

So brauchen Leser seiner Schriften nicht nur Geduld für philologische, sondern auch Mut zu philosophischen Überraschungen. Dieser Mut, das eigene Denken beständig in Frage zu stellen, ist noch weniger „von irgend Jemand“ zu erwarten als Geduld. Philosophische Überraschungen, wie Nietzsche sie den Lesern bietet, gefährden Denkgewohnheiten, ohne die man nicht leben zu können glaubt, die einer „Noth“ entspringen und mehr als denknotwendig, die lebensnotwendig sind, sie berühren die Selbsterhaltung. Lebensnotwendigkeiten sind nicht wahr oder falsch, sie begrenzen das Denken, bevor es sich überhaupt auf wissenschaftliche, logische Notwendigkeiten einlassen kann, sie bestimmen die Spielräume von Denknotwendigkeiten, sie orientieren es vorab.

Je mehr man auf Denknotwendigkeiten angewiesen ist, ohne die man nicht leben kann und die dann zu Denkgewohnheiten werden, desto weniger kann man sie in Frage stellen und in Frage stellen lassen, desto weniger kann man sich auf Nietzsche einlassen. Und Nietzsche will sie denen, die auf sie angewiesen sind, auch lassen. Wer seine lebensgefährlichen, aber nur kurz aufblitzenden Wahrheiten nicht ertragen kann, soll sie ohne weiteres überhören. Nietzsche legt alles auf selektive Kommunikation mit dem Leser an; darum sichert er auch seine Schriften nicht nach den Gewohnheiten der Wissenschaft ab, verzichtet gänzlich auf wissenschaftliches Beiwerk, auf vorausgeschickte Thesen und abschließende Schlussfolgerungen, auf kohärente und hierarchisch geordnete Argumente, auf Angaben von Quellen und Einordnungen in Forschungsfelder, auf gelehrte Auseinandersetzungen mit abweichenden Forschungsmeinungen (statt dessen bedient er sich meist der Polemik), auf Anmerkungen (die reifen Werke Nietzsches enthalten kaum eine Anmerkung) und selbst auf eine feste Terminologie.

Nietzsches gefährliche „Wahrheiten“ werden noch immer von den meisten, auch von Nietzsche-Kennern, als abenteuerlich empfunden und als solche zurückgewiesen; der Mut für seine philosophischen Überraschungen ist noch immer selten.

 

 


Die Nietzsche-Forschung

Im Grundsatz verlangt Nietzsche, seine Texte selbst zu lesen, so wie sie dastehen, in ihren eigenen immer überraschenden Kontexten, kurz eine streng kontextuelle Lektüre. Aber er macht sie nicht leicht. Die Nietzsche-Forschung war bisher ein Jahrhundert lang damit beschäftigt, zunächst einmal die philosophischen und literarischen Dimensionen seiner Texte auszuloten, die in ihren Kontexten zu berücksichtigen sind, und dieses Ausloten scheint noch immer nicht abgeschlossen zu sein. Es nahm schon Jahrzehnte in Anspruch, Nietzsche überhaupt erst als Philosoph und seine Bedeutung für die große Tradition der europäischen Philosophie zu entdecken – was vor allem das Verdienst Heideggers, Löwiths und Jaspers’ ist. Seither ist nach und nach sein Anregungspotential für die verschiedensten Bereiche der Philosophie erschlossen worden, von der Ästhetik über die Erkenntnistheorie, Naturphilosophie, Anthropologie, Moralphilosophie, Religionsphilosophie, Geschichtsphilosophie und Zeichenphilosophie bis hin zur Politischen Philosophie, Europa-Philosophie und der Philosophie der Globalisierung. Beim Erschließen dieser Dimensionen aber war man stets versucht, Nietzsches Texte zu übergreifen und seinem Werk im ganzen bleibende Lehren abzugewinnen, wie man sie von der metaphysischen Tradition der europäischen Philosophie her gewohnt war. So verfuhr man hier wie die „schlechtesten Leser“: „Die schlechtesten Leser sind die, welche wie plündernde Soldaten verfahren: sie nehmen sich Einiges, was sie brauchen können, heraus, beschmutzen und verwirren das Uebrige und lästern auf das Ganze.“ (MA II, VMS 137)

Leitend blieb dabei die international einflussreichste aller Nietzsche-Interpretationen, die Martin Heideggers. Er hat Nietzsches Philosophieren auf wenige Grundlehren reduziert, vor allem die Lehren vom Tod Gottes oder dem Nihilismus, vom Übermenschen, vom Willen zur Macht und von der ewigen Wiederkehr des Gleichen. Er hat sie aus ihren Kontexten isoliert und hat auf ihrem Zusammenhang in einer Lehre insistiert. Heidegger erwartete von Nietzsches Philosophie ein traditionelles System, das nach traditionellen Methoden zu analysieren war, und ignorierte weitgehend die signifikanten Formen von Nietzsches philosophischer Schriftstellerei: die Abhandlung, den Essay, die Sentenz, das Aphorismen-Werk, die episch-dramatische Lehrdichtung, die lyrische Dichtung, die Streitschrift, das Notat. Er interpretierte den systematischen Zusammenhang, den er in Nietzsches Philosophieren suchte, wiederum als Metaphysik und nun als Gipfel der europäischen Metaphysik.

Doch die berühmten Lehren hat Nietzsche vor allem seinem Zarathustra in den Mund gelegt, mit dem er nicht verwechselt werden wollte und den er auch zahllose andere, nicht weniger bedeutsame Lehren lehren ließ. Im Kontext seiner Zarathustra-Dichtung ließ er ihn gerade mit den berühmten Lehren scheitern, er ließ ihn kein Publikum finden, das sie verstand. Nietzsche schickt Zarathustra auf den Markt, wo er unvermittelt seine Lehre vom Übermenschen verkündet und, verständlicherweise, Gelächter erntet. Als Zarathustra sich dann mit wenigen Freunden zurückzieht, wird er gewahr, dass auch sie ihn missverstehen, und unterredet sich nur noch mit seinen Tieren. die ihn dann ebenfalls missverstehen: sie machen aus dem erdrückenden Gedanken der ewigen Wiederkehr des Gleichen gleich wieder ein „Leier-Lied“, ein leicht verständliches Lied für den Marktplatz. In den folgenden Aphorismen-Werken verzichtet auch Nietzsche auf die beiden Lehren, erinnert erst wieder in Ecce Homo an sie.

Die Lehren vom Übermenschen und von der ewigen Wiederkehr des Gleichen wurden auch in der namhaften Philosophie des 20. Jahrhunderts nicht weiterverfolgt. Nietzsche hat zwar durch sie erfolgreich auf sich aufmerksam gemacht. Langfristig aber wurde dadurch davon abgelenkt, worin Nietzsche die Philosophie und darüber hinaus das wissenschaftliche, künstlerische und alltägliche Denken neu orientiert hat.

Nietzsches Neuorientierung der Philosophie und des alltäglichen Denkens

Nietzsche hat die Philosophie umgestellt auf das, wofür sich seit Moses Mendelssohn und Immanuel Kant der Begriff Orientierung eingebürgert hat. Wirken Zarathustras Lehren düster und belastend, so wollte er, Nietzsche, eine Wissenschaft schaffen, durch die die Europäer ihres Lebens wieder froh werden sollten, eine fröhliche Wissenschaft Von ihr aus sind Zarathustras Lehren statt als Metaphysik in Heideggers Sinn als Gegen- oder Anti-Lehren zu verstehen, die die Düsternis der europäischen Metaphysik ins Licht stellen und dadurch verscheuen sollen.
Wir gebrauchen den Begriff der Orientierung heute allenthalben für einen von Eigenverantwortung und Selbstvertrauen geprägten lebensfrohen Umgang mit der Welt, wie ihn Nietzsche suchte, und wenn er selbst den Begriff vermied, so wohl deshalb, weil sein erklärter Gegner Eugen Dühring ihn so extensiv gebraucht hat. Orientierung ist, ganz in Nietzsches Sinn, immer Orientierung unter Ungewissheit und auf Zeit, ist immer überraschend, und das macht sie, wenn man sich ihr lebensfroh stellen kann, gerade anziehend und spannend.

Die europäische Tradition der Philosophie setzte dagegen auf “Vernunft” und setzte damit, teils dogmatisch, teils kritisch, teils skeptisch eine allen Menschen (und Gott) gemeinsame Instanz voraus, die ein schlechthin gemeinsames, zeitloses, gewisses Wissen gewährleisten sollte, jedem und jederzeit lehrbar, so dass keiner eine eigene Verantwortung dafür zu tragen hatte. Im Blick auf diese allgemein gültige Vernunft sollten alle von ihren individuellen Orientierungen absehen, ihren Standpunkten, die sich aus ihren eigenen Lebensbedingungen und Lebenserfahrungen ergeben, ihren Horizonten, in denen sie ihre Lebenswelt erschließen, ihren Perspektiven auf die Dinge, die sich von ihren Standpunkten aus in ihren Horizonten eröffnen.

Nietzsche dagegen bestand stets darauf, dass alle Orientierung nicht nur von den Individuen ausgeht, sondern zuletzt auch bei ihnen verbleibt und gemeinsame Orientierungen sich nur in der Kommunikation von Individuen ergeben, die sie wieder auf individuelle Weise verstehen. Er nannte das seinen “Phänomenalismus und Perspektivismus” (FW 354), der einzige Terminus, mit dem er sein eigenes Philosophieren belegte. In der Tat sind wir zuletzt immer auf unsere individuellen Orientierungen angewiesen. Wir lernen von anderen Zeichen und Sprachen, gebrauchen sie dann aber in unseren Spielräumen, wir übernehmen Unterscheidungen, bringen sie dann aber von unseren Standpunkten aus ins Spiel und haben damit Erfolg oder nicht. Wir folgen Normen und Werten, entscheiden aber in unseren eigenen Horizonten darüber, in welchen Situationen wir welchen Normen und Werten in welchem Umfang folgen und dies hat nichts Düsteres, ein gut Teil unserer Lebensfreude liegt darin.

Aristoteles hatte seine Konzeption eines zeitlosen, unbedingten Allgemeinen noch an der vermeintlich immer gleichen Fortzeugung biologischer Arten gebildet und damit den metaphysischen und bis heute vorherrschenden Begriff des Begriffs geprägt, den Begriff von ewig Gleichbleibendem, Nietzsche aber setzte entschieden auf die Evolution, und sie besteht letztlich darin, dass Individuen mit Individuen Individuen zeugen, Individuen, deren Begriff schlicht ausmacht, dass sie anders als andere sind. Und wie es in der lebendigen Natur darum nichts strikt Allgemeines und Zeitloses gibt, sondern alles sich immer neu an immer anderem formiert, gehen auch die Orientierungen mit der Zeit und formieren sich in immer neuen Situationen immer neu. Eben dafür hat Nietzsche seinen fröhlich gemeinten Begriff von den Willen zur Macht geprägt, im Plural, wie Wolfgang Müller-Lauter herausgearbeitet hat: dass alles sich unentwegt mit allem übrigen immer neu auseinanderzusetzen hat, darum nichts feststeht und alles immer wieder zu neuem Schaffen offen ist.

Nietzsches Grundanschauung

Im Sommer 1884 hat Nietzsche eine “Grundanschauung” niedergeschrieben (KSA 11, 25[307], S. 89 f.), die in der Nietzsche-Forschung bisher kaum herangezogen wurde (die berühmten Lehren tauchen in ihr nicht auf) und die man als Programm einer Philosophie der Orientierung verstehen kann. Er listet darin acht “Grundsätze” auf:

1. Grundsatz der Kritik oder der kritischen Suspension alles Wissens und aller Werthschätzungen: „Alle bisherigen Werthschätzungen sind aus falschem vermeintlichem Wissen um die Dinge entsprungen“.

2. Grundsatz der Vorsicht mit dem Glauben und der vorläufigen Orientierung: „Anstatt des Glaubens, der uns nicht mehr möglich ist, stellen wir einen starken Willen über uns, der eine vorläufige Reihe von Grundschätzungen festhält, als heuristisches Princip: um zu sehn, wie weit man damit kommt.“

3. Grundsatz der selbstkritischen Erprobung von Orientierungen: „Die Tapferkeit von Kopf und Herz ist, was uns europäische Menschen auszeichnet: erworben im Ringen von vielen Meinungen. Größte Geschmeidigkeit, im Kampfe mit spitzfindig gewordenen Religionen, und eine herbe Strenge, ja Grausamkeit. Vivisection ist eine Probe: wer sie nicht aushält, gehört nicht zu uns ...“

4. Grundsatz der lehrbaren, mathematischen Zurechtmachung und Vereinfachung komplexer Orientierungen: „Die Mathematik enthält Beschreibungen (Definitionen) und Folgerungen aus Definitionen. Ihre Gegenstände existiren nicht. Die Wahrheit ihrer Folgerungen beruht auf der Richtigkeit des logischen Denkens. Wenn die Mathematik angewendet wird, so geschieht dasselbe, wie bei den Mittel und Zweck Erklärungen: es wird das Wirkliche erst zurechtgemacht und vereinfacht (gefälscht)--”

5. Grundsatz der stillschweigenden Annahme letzter Plausibilitäten oder lebensnotwendiger Fiktionen: „Das am meisten von uns Geglaubte, alles a priori ist darum nicht gewisser, daß es so stark geglaubt wird. Sondern es ergiebt sich vielleicht als eine Existenz Bedingung unserer Gattung irgend eine Grund Annahme. Deshalb könnten andere Wesen andere Grundannahmen machen z.B. 4 Dimensionen. Deshalb könnten immer noch all diese Annahmen falsch sein oder vielmehr: in wie fern könnte irgend Etwas an sich wahr sein! Dies ist der Grund Unsinn!”

6. Grundsatz der eigenen Maßgabe: „Es gehört zur erlangten Männlichkeit, daß wir uns nicht über unsere menschliche Stellung betrügen: wir wollen vielmehr unser Maaß streng durchführen und das größte Maaß von Macht über die Dinge anstreben. Einsehen, daß die Gefahr ungeheuer ist: dass der Zufall bisher geherrscht hat.”

7. Grundsatz der Einstellung auf eine globale Orientierung: “Die Aufgabe der Erdregierung kommt. Und damit die Frage: wie wir die Zukunft der Menschheit wollen! Neue Werthtafeln nöthig. Und Kampf gegen die Vertreter der alten ewigen Werthe als höchste Angelegenheit!”

8. Grundsatz eines persönlichen Imperativs des „Schaffens” statt eines formalen des “Sollens“: „Es ist kein ‚du sollst’, sondern das ‚ich muß’ des Übermächtigenden, Schaffenden.“

Grundsätze einer Nietzsche-Philologie für das 21. Jahrhundert

Was bedeutet das für die Nietzsche-Forschung, die Nietzsche-Philologie? Es bedeutet:

- nicht nach allgemeingültigen Lehren und vorgegebenen Normen zu suchen, die nach vorgegebenen Kriterien zu begründen wären, sondern auf die Kraft der eigentümlichen Orientierungen zu setzen, die sich in immer neuen Auseinandersetzungen miteinander immer neu und immer nur auf Zeit stabilisieren und dies in einem wachsend globalen Horizont;

- die Bedingungen der individuellen Orientierungen, die bisher zugunsten allgemeiner Lehren und Normen im Hintergrund und am Rand blieben, zu erschließen, und

- sich dazu konsequent auf die Schriften Nietzsches selbst einzulassen, in den Kontexten, in denen er sie für uns Leser formuliert hat.

Nietzsche hat seine Gedanken seinerseits immer neu mit anderen verknüpft, in immer neue Kontexte versetzt und sie in ihnen weiterentwickelt. In seinem Werk ist nichts abgeschlossen, nichts endgültig, und er scheint auch keine Absicht zu Abschluss und Endgültigkeit gehabt zu haben. Dies sind Merkmale eines philosophischen Systems, wie Nietzsche es nicht wollte. Wohl aber musste er mit jedem Werk, jedem Abschnitt, jedem Satz zu einem vorläufigen Abschluss, zu einer vorläufigen Endgültigkeit, einer vorläufigen Orientierung kommen. Die schriftstellerische Form, die Nietzsche für sein immer nur vorläufig zu Ende kommendes, orientierendes Philosophieren gefunden hat, ist das Aphorismen-Buch. Sie ist seine Form des vorläufigen Abschlusses, seines Philosophierens auf Zeit. Aphorismen sind, ob sie nun einen Satz oder mehrseitige Texte umfassen, gedankliche Kontexte ohne methodische Entfaltung der Gedanken, ohne ein Prinzip der Entfaltung und ohne Ergebnisse der Entfaltung in einer expliziten logischen Ordnung, sondern mit offenen Gewichtungen und offenen Anschlussmöglichkeiten. So sind eben sie, als Formen des Versuchs, des Essais, geeignet, überraschende Gedanken vorzutragen, die durch ihre Überraschung, nicht durch ihre Begründung wirken.

Begründungen gibt Nietzsche zumeist nur, wo sie ihrerseits überraschend sind. Und als Formen der gedanklichen Überraschung lassen sie willig den Lesern die Spielräume und Tummelplätze des Verstehens und Missverstehens, die sie sich ohnehin unwillkürlich nehmen, weil sie sie für ihr eigenes Denken und Leben notwendig brauchen. Das Aphorismen-Buch als schriftstellerische Form hält den Sinn in beständigem Fluss und ermöglicht nicht nur, sondern erzwingt auch sein zeitliches Verstehen. Aber Aphorismen sind auch je für sich abgeschlossen, und in dieser Abgeschlossenheit können sie zugleich für sich stehen und auf diese Weise in meisterhafter Gestaltung zu “Formen der Ewigkeit” werden.

Nietzsche-Philologie in Nietzsches Sinn muss darum eine Philologie der Aphorismen-Bücher sein, die Kunst, Aphorismen in ihren eigenen Kontexten zu lesen, aber auch im Kontext der Bücher, in die Nietzsche sie eingeordnet hat, und schließlich im Kontext, den seine Bücher untereinander bilden. Und dazu sind wiederum Orientierungstugenden notwendig: Übersicht gewinnen, Perspektiven unterscheiden, Standpunkte und Anhaltspunkte festhalten und wieder aufgeben, Spielräume der gebrauchten Zeichen ausloten, gegen vorschnelle Festlegungen misstrauisch bleiben usw. Die Orientierung an den von Nietzsche selbst veröffentlichten und damit autorisierten Aphorismen schließt die Rücksicht auf die Nachlass-Notate sicherlich nicht aus. Denn an ihnen lässt sich zum einen verfolgen, wie Nietzsche seine Gedanken entwickelt und formuliert hat und für welche Gedanken und Formulierungen er sich schließlich entschied, und daraus sind wichtige Interpretationshinweise zu gewinnen; so wollte auch Mazzino Montinari den Nachlass genutzt sehen, der dann wiederum nach seinen Quellen zu untersuchen sei.

Die neue Edition des späten Nachlasses durch Marie-Luise Haase und ihre Mitarbeiter in der Abteilung IX der Werke Nietzsches, die auch noch Montinaris Entscheidungen unter häufig zahlreichen Lesarten sichtbar macht, die Nietzsche erprobte, erlaubt nun endlich, die Arbeit Nietzsches an seinen Notaten in allen Lesarten genau zu verfolgen und sie mit den auf CD-Rom gespeicherten Faksimiles zu vergleichen. Die Edition zeigt vor allem, dass es sich bei Nietzsches Notaten nicht schon um Ergebnisse, sondern um Prozesse seines Denkens handelt, und darum stellen sie auch keine Fragmente, also ausgearbeitete und lediglich in der Ausarbeitung abgebrochene Texte dar, selbst wenn sie noch so prägnant formuliert sind. Zugleich aber lässt sich aus dem Nachlass entnehmen, was Nietzsche nicht oder nicht so veröffentlichte, wie er es notierte, sei es, weil es ihm der Mitteilung nicht wert schien, sei es, weil es ihm für die Mitteilung nicht reif schien, sei es, weil ihm die Leser dafür nicht reif schienen, weil es ihm zu wertvoll für sie war. Es ist bisher nicht zusammenhängend untersucht worden, welche Themen und Gedankenkomplexe Nietzsche seinen Notaten vorbehielt und nicht veröffentlichte.

Die Mittel einer konsequenten neuen Nietzsche-Philologie der Aphorismen und Aphorismen-Bücher, zu denen es schon einige ermutigende Ansätze gibt, werden nun, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, unter großem Einsatz aller Beteiligten, auch des Verlags Walter de Gruyter, nach und nach in denkbar wünschenswerter Weise bereitgestellt:

- nach der KGW und der KGB, der kritischen Ausgabe von Nietzsches Schriften und Briefen durch Giorgio Colli und Mazzino Montinari, die erneuerte Edition des späten Nachlasses in der KGW IX durch Marie-Luise Haase und ihre Mitarbeiter,

- die hoffentlich ebenfalls bald gründlich überarbeitete und ergänzte CD-Rom von Nietzsches Schriften, die eine Übersicht über Nietzsches Sprach- und Begriffsgebrauch ermöglicht, wie sie ihm selbst, geschweige denn einem andern, kaum möglich war,

- das neue Nietzsche-Wörterbuch, das von der Nijmegener Forschungsgruppe um Paul van Tongeren erarbeitet wird und methodisch vorbildlich Nietzsches Sprach- und Begriffsgebrauch an ausgewählten Lemmata erschließt,

- die immer intensivere Erforschung von Nietzsches Quellen, deren Ergebnisse regelmäßig in den Nietzsche-Studien publiziert werden und die vor allem zeigt, wie Nietzsche Beobachtungen und Gedanken auf seine Weise zu wenden, neu zu orientieren verstand,

- die fünfbändige Weimarer Nietzsche-Bibliographie, die die gesamte Forschungsliteratur zu Nietzsche bis zum Ende des 20. Jahrhunderts umfassend und zuverlässig dokumentiert

- in naher Zukunft das Naumburger Dokumentationszentrum mit dem Kern der Krummel-Sammlung zur Nietzsche-Rezeption in Deutschland.

Sie alle zusammen werden auf der Grundlage eines Jahrhunderts intensiver systematischer Nietzsche-Forschung eine Nietzsche-Philologie fördern, die konsequent nach seinen eigenen Forderungen verfährt. Sie wird noch viele Generationen von Nietzsche-Forscherinnen und -Forschern beschäftigen und noch viele neue Nietzsches zutage treten lassen. Und vielleicht wird man dann eines Tages auch Nietzsches Lehrdichtung Also sprach Zarathustra in ihren Kontexten verstehen lernen, wovon wir immer noch weit entfernt sind. Sollten nicht, woran Nietzsche zu denken wagte, “eigene Lehrstühle zur Interpretation des Zarathustra errichtet” werden (EH, Bücher 1), so wird doch der Wettbewerb der Nietzsche gewidmeten und beharrlich weiter ausgebauten Gedenk- und Forschungsstätten auch hier, so hoffen wir, helfen.


UNSER AUTOR:

Werner Stegmaier ist Professor für Philosophie an der Universität Greifwald und Autor der 2008 erschienenen „Philosophie der Orientierung“ (de Gruyter).

Von der Redaktion gekürzte Fassung eines Vortrages anlässlich der Gründung der Nietzsche-Stiftung im Herbst 2008. Die Originalfassung mit den Fußnoten erscheint in aus: Nietzscheforschung. Band 16: Nietzsche im Film. Projektionen und Götzen-Dämmerungen. Jahrbuch der Nietzsche-Gesellschaft, Akademie Verlag, Berlin 2009.




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