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Lexika

LEXIKA 

Die kleine RoutledgeEnzyklopädie der Philosophie

Eine Buchbesprechung mit ungewohntem Ausgang

Die englische, zehnbändige Routledge Encyclopedia of Philosophy gilt als eine der besten philosophischen Enzyklopädien überhaupt. Eine kürzere Version davon wurde nun ins Deutsche übersetzt. Zunächst soll die englische Originalversion vorgestellt und anschließend die deutsche Übersetzung besprochen werden. Dabei wird eine erstaunliche Feststellung gemacht.

Die Routledge Encyclopedia of Philosophy (REP) wurde 1991 als Nachfolge der achtbändigen Encyclopedia of Philosophy von Paul Edwards in dem für akademische Fachbücher renommierten Verlag Routledge (Taylor & Francis Group) projektiert. Die 1998 von Edward Craig (Universität Cambridge) herausgegebene, zehnbändige Ausgabe enthält über 2000 Einträge, die von über 1200 Fachexperten verfasst wurden. Das hochgesteckte Ziel war eine möglichst vollständige Abdeckung aller Bereiche der Philosophie. Insbesondere sollten dabei auch bislang weniger beachtete Gebiete wie zum Beispiel afrikanische und islamische Philosophie bearbeitet werden. Die alphabetisch geordneten Artikel, die über zusätzliche Register im zehnten Band erschlossen sind, lassen sich in drei Arten einteilen: Artikel, die einen Überblick über ein Gebiet (z.B. Metaphysik) oder eine Zeitperiode (z.B. Antike Philosophie) vermitteln; Artikel, die spezifischere Begriffe im Detail erläutern (z. B. Akrasia); und Artikel, welche Biographie und Werk eines Philosophen vorstellen (z.B. Descartes). Die größeren Artikel sind wie folgt aufgebaut: Zunächst steht eine Zusammenfassung des Wichtigsten in möglichst verständlicher Sprache, dann ein längerer, mehr ins Detail gehender Hauptteil, der in erster Linie für Fachphilosophen gedacht ist, und schließlich eine umfangreiche kommentierte Bibliographie. Die Qualität der Einträge verbunden mit dem Umfang macht die REP zu einer der besten philosophischen Enzyklopädien überhaupt. Sie wurde auch mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Seit 2001 wurde die vollständige Enzyklopädie kostenpflichtig auf dem Internet verfügbar gemacht und durch zusätzliche Funktionen erweitert, die erst eine computerbasierte Version ermöglichen kann. Diese Version wird seither laufend aktualisiert und erweitert.

Bereits im Jahr 2000 wurde eine Kurzversion der Enzyklopädie (Concise REP) herausgegeben, welche alle der über 2000 Einträge enthält, zu jedem Eintrag jedoch nur die Zusammenfassung oder einen gekürzten Text aufführt. Trotz der Kürzung umfasst die Concise REP immer noch über 1000 Seiten und ist somit den beiden Referenzwerken, Cambridge Dictionary of Philosophy (1999 in zweiter Auflage von Robert Audi herausgegeben) und Oxford Dictionary of Philosophy (2007 in zweiter Auflage von Simon Blackburn herausgegeben), im Umfang vergleichbar. Aufgrund ihres dichteren Inhalts werden diese ihr jedoch von vielen vorgezogen. 2005 wurde eine neue Form einer Kurzversion (Shorter REP) lanciert. Der Grund dafür war die Kritik, es fehle den kurzen Beiträgen der Concise REP die nötige inhaltliche Tiefe (Vorwort der Shorter REP). Die Shorter REP enthält nun weniger als die Hälfte der Einträge – das sind immer noch über 900 –, aber davon führen über 119 den vollen Text der zehnbändigen Ausgabe auf, jedoch nur mit stark reduzierter Bibliographie. So sollte die inhaltliche Tiefe mit dem geringen Umfang verbunden werden. In der angelsächsischen Presse wurde die Shorter REP hoch gelobt.

Es ist diese Shorter REP, die nun unter dem Titel Die Kleine Routledge Enzyklopädie der Philosophie von Wolfgang Sohst ins Deutsche übersetzt und im kleinen Xenomoi Verlag (Berlin) in drei Bänden publiziert wurde. Der Übersetzer aller Einträge mit Ausnahme eines einzigen ist zugleich der Verleger des Werkes. Was er im Vorwort als „Chance“ preist, wird vom Leser wohl eher als Risiko eingeschätzt werden, welches die Befürchtung nährt, dass die Qualität der Übersetzung nicht hervorragend ausfallen werde. Die Befürchtung bewahrheitet sich leider bereits zu Beginn des Werks: Es fehlt aus unerklärlichen Gründen die Übersetzung des englischen Vorworts. Beginnt man die Lektüre des ersten Eintrags (A posteriori), so wirkt bereits der erste Satz befremdlich, ja falsch: „Als ein prominenter Begriff in der Erkenntnistheorie seit dem 17. Jahrhundert bedeutet ‚a posteriori’ eine Art oder Rechtfertigung des Wissens, das sich auf die Evidenz oder die sensorische Erfahrung verlässt“. Ein Vergleich mit dem englischen Original zeigt, dass das Problem in der Übersetzung liegt. Dort steht nämlich: „A prominent term in theory of knowledge since the seventeenth century, ‘a posteriori’ signifies a kind of knowledge or justification that depends on evidence, or warrant, from sensory experience”. Es ist also nicht so, dass “a posteriori” eine Rechtfertigung bezeichnet, sondern eine Art davon, und die Rechtfertigung „verlässt“ sich auch nicht auf jemanden, und es ist auch nicht so, dass sich aposteriorisches Wissen auf “die Evidenz” beziehen würde, sondern auf Evidenz aus sensorischer Erfahrung. Der Rest des Eintrags ist jedoch gut übersetzt.

Tiefpunkte sind Einträge zur Sprachphilosophie. „Conceptual Role Semantics“ lässt sich kaum übersetzen, aber schon gar nicht als „Semantik der Begriffsrollen“. Auf S. 133 verweist der Eintrag „Bedeutung, emotionale“ auf den Eintrag „Emotionale Bedeutung“, gemeint ist aber „emotive meaning“. Im Eintrag „Bedeutung und Regelfolgen“ werden „speakers“ als „Sprachen“ übersetzt. Im Eintrag „Bedeutung und Verifikation“ steht der Satz: „Die Verifikationstheorie der Bedeutung sagt, dass die Bedeutung ein Beweis ist“ – im Original steht „evidence“. Im Eintrag „Bedeutung und Wahrheit“ steht als Übersetzung von „the possibility of explaining linguistic meaning in terms of truth“ folgendes: „Möglichkeit, die sprachliche Bedeutung von Ausdrücken in Funktionen der Wahrheit zu erklären“. „Implicature“ wird mit „Implikat“ (implicatum) statt mit „Implikatur“ übersetzt. Im Eintrag “Grice, Herbert Paul (19131988)” findet sich der Satz: “Grice’ Analyse der Bedeutung von Gesprochenem erklärt semantische Vorstellungen auf der Grundlage der psychologischen Be¬griffe der Intention und der Überzeugung”. Das Original lautet: “Grice’s analysis of speaker’s meaning explicates semantic no¬tions in terms of the psychological concepts of intention and belief” und ließe sich so übersetzen: “Grice’ Analyse der Sprecherbedeutung (speaker’s meaning) expliziert semantische Begriffe mit den psychologischen Begriffen der Absicht und der Überzeugung”. Offensichtlich ist der Übersetzer mit der bereits konventionalisierten sprachphilosophischen Fachsprache nicht vertraut. Besonders schwerwiegend wirken falsche Über¬setzungen bei den Titeln der Einträge: „Vagueness“ ist nicht „Unklarheit“ (sic!), sondern ganz einfach „Vagheit“. „Descriptions“ kann man im Zusammenhang von „Definite Descriptions“ (Kennzeichnungen) nicht als „Beschreibung“ übersetzen, ebenso wenig „Persons“ im Zusammenhang personaler Identität als „Mensch“. Die Liste ließe sich noch lange weiter führen. Dennoch kann nicht von einer durchgehend schlechten Übersetzung die Rede sein. Viele Einträge sind gut übersetzt, das heißt, sie behalten den Vorteil des Originals, philosophische Begriffe in verständlicher Form zu erläutern, ohne an der Sache vorbeizugehen. Aber die

groben Fehler sind derart zahlreich, dass das Resultat inakzeptabel ist.

Hinzugefügt hat der Autor und Verleger einige Fußnoten zur „Erläuterung von entlegeneren Fachbegriffen und begrifflichen Grundlagen“ (Vorwort). Zu diesem Zweck gibt es jedoch allgemeine Enzyklopädien. Somit wirken die Fußnoten, deren Einfügung willkürlich erscheint, insgesamt wenig überzeugend, unabhängig davon, ob sie nun interessant und hilfreich, oder schlichtweg falsch und unbrauchbar sind (z.B. S. 560 die Erläuterung der „type/token Unterscheidung“, zu der es ja in der Enzyklopädie selbst einen Eintrag gibt!). Dem Verzeichnis der Beiträge, in welchem man die Titel der englischen Einträge im Originalwerk durch die deutschen Titel erschließen kann, wurde ein englischdeutsches Verzeichnis hinzugefügt. Es ist allerdings nicht klar, was dieses Verzeichnis dem Leser nützen soll. Jedenfalls dient es nicht zur Ermittlung des Eintrags in der Originalsprache (Benutzerhinweise), denn dazu dient das deutschenglische Verzeichnis. Das Werk weist zudem eine Unmenge typographischer Fehler und Auslassungen auf. Ich nenne nur einige: Bereits in den Benutzerhinweisen steht als Publika¬tionsjahr der REP „1978“ statt „1998“, im Verzeichnis der Beiträge wird „Action“ mit „Aktion“ (sic!) übersetzt, den Eintrag findet man dann aber unter „Handlung“, auf S. 138 wird in einer Fußnote auf eine Fußnote verwiesen, die es nicht gibt, und so weiter. Allein diese vielen kleinen Fehler machen die Lektüre zu einem Ärgernis.

Wirklich bunt wird es aber erst, wenn man den vierten Eintrag etwas genauer ansieht. Es ist dies der Eintrag „Abduktiver Schluss“. Das englische Original sollte dies unter „Abduction“ enthalten. In der Shorter REP findet sich kein solcher Eintrag, in der REP verweist der Eintrag auf andere Einträge. In der deutschen Übersetzung findet sich aber ein ganzer, relativ ausführlicher Eintrag mit einer Tabelle – eine solche findet man in der ganzen REP nicht. Der Text ist nicht schlecht geschrieben, er enthält einzig die falsche Aussage, dass ein deduktiver Schluss nicht wissenserweiternd sei – was im Übrigen im Widerspruch zu einer Aussage auf S. 242 steht. Des weiteren wird auf ein deutschsprachiges Buch verwiesen, was im englischen Sprachraum unüblich ist. Als Urheber zeichnet „Georg Sultan“. Geht man das Verzeichnis der Autoren durch, findet man den Namen als Autor von fünf weiteren Einträgen: „Implikation, logische“ (Implication, logical), „Paradigma“ (Paradigma), „Situation“ (Situation), „Wandel“ (Transition) und „Zusammenhang, Einzelheit und“ (Coherency, Particularity and). Keiner dieser Einträge ist im Original zu finden, ebenso wenig ein Autor dieses Namens. Hier wurde das Original also bemerkungslos mit Einträgen erweitert. Und das Buch wird dann als eine „Übersetzung“ der viel gelobten Shorter REP angepriesen. Das ist, wenn es keine Verletzung von Urheberrechten ist, jedenfalls nicht sauber!

Das Fazit ist eindeutig: Hände weg von der „Übersetzung“! Man halte sich bis auf Weiteres an das englische Original, und hoffe darauf, dass sich vielleicht in Zukunft ein großer Verlag des Projekts annehmen und die Übersetzungsarbeit einer Gruppe von Fachexperten übertragen wird. Das Original hätte es verdient.
Jonas Pfister, Bern

 

 

Phänomenologie

 In erster Line eine Übersicht über die Begriffe der phänomenologischen Klassiker bietet das Lexikon

Wörterbuch der phänomenologischen Be griffe. Unter Mitarbeit von Klaus Ebner und Ulrike Kadi, herausgegeben von Helmuth Vetter. 700 S., Ln., € 34.80, 2005, Philosophische Bibliothek Band 555, Meiner, Hamburg.

Da auch Heidegger als Phänomenologe verstanden wird, ist das Lexikon primär ein Heidegger und HusserlLexikon. Man findet hier alle wichtigen Begriffe dieser beiden Philosophen erläutert. Weiter berücksichtigt werden, je nach Verfasser des betreffenden Stichwortes, auch neuere Autoren, insbesondere Levinas, MerleauPonty, Hannah        Arendt, Scheler und Waldenfels. Etwas zu kurz kommen bei einigen Stichworten die Vertreter der „Phänomenologischen Bewegung“ wie etwa Reinach und E. Stein und aus der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart Rombach, Schmitz und Gernot Böhme. Das hat vielleicht den Grund darin, dass unter den Autoren des Wörterbuches vor allem Vertreter der österreichischen Phänomenologen um Helmuth Vetter vertreten sind, dagegen kaum solche der Kieler, Darmstädter und Würzburger PhänomenologenSchulen.

Das Lexikon ist ein reines Begriffslexikon. Wenig vertreten sind Beiträge zur aktuellen Phänomenologie, etwa zum Thema Phänomenologie und Kognition, dafür jedoch zum Begriff „Gabe“ (ohne allerdings Derrida zu nennen).  Die einzelnen Begriffe werden erst umschrieben und deren Bedeutung fixiert, dann werden die Stellen, in denen sich diese bei den Phänomenologen finden, chronologisch dargestellt. Gerade bei Husserl bleiben jedoch manche der Erläuterungen der schwierigen Begriffe für jemanden, der mit Husserl nicht vertraut ist, schwer nachvollziehbar.   Es ist dennoch ein in der Art einzigartiges Nachschlagewerk und wendet sich vor allem an Nutzer, die über phänomenologische Themen arbeiten oder sich über einen Begriff bei Heidegger und Husserl kundig machen wollen.

 




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