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Journal for General Philosophy of Science

Journal for
General Philosophy of Science

2/2005

Die verstärkt an die Wissenschaft herangetragenen Nutzungserwartungen der Gesellschaft treiben die Forschung in immer komplexere Problemfelder. Im Kontext dieser Entwicklung werden zunehmend Computersimulationen eingesetzt, lassen sich doch mit ihrer Hilfe auch solche Probleme lösen, die wegen ihrer Komplexität mit den etablierten Mitteln der Wissenschaft nicht mehr behandelt werden können. G. Küppers und J. Lenhard zeigen in ihrem Text „Computersimulationen: Modellierungen 2. Ordnung“ dass Computersimulationen einen neuen Ansatz bei der Produktion von Wissen darstellen, der gleichbedeutend ist mit den klassischen Methoden von Theorie und Experiment. Denn die in der Simulationstechnik eingesetzten Verfahren zur numerischen Integration von Differentialgleichungen unterscheiden sich wesentlich von dem, was man im strengen Sinn unter Rechnen versteht, nämlich dem Einsetzen von Zahlenwerten für Variabeln und Parameter in analytisch gegebenen Formeln. Das numerische Integrieren von Differentialgleichungen ist vielmehr die numerische Imitation einer Lösung der gesuchten

1/2006

Wie können wir in der Wissenschaftstheorie wissen, wie eine Theorie zu interpretieren ist? G.J. Stavenga schlägt dazu eine Theorie der Systembeziehungen vor. Diese Beziehungen mit ihren ontologischen und erkenntnistheoretischen Implikationen bestimmen die Natur der Systeme, sie können aber nicht mit disziplinspezifischen Methoden verstanden werden. Stevenga zeigt verschiedene Anwendungs¬möglichkeiten seines Vorschlages, u. a. auf Konzepte von Plessner und Kierkegaard.

F.V. Christiansen untersucht parallele Themen in der Wissenschaftstheorie von Heinrich Hertz und in Kants Theorie der Schemata. H. de Regt vergleicht Popper mit van Frassen mit dem Ziel einer neuen und pragmatischen Lösung des „Problems des wissenschaftlichen Realismus“. FranzPeter Griesmaier (University of Wyoming) geht der Frage nach, auf welche Weise Merkmale von Hypothesen diese erklärend machen. Weitere Texte betreffen das Konzept der Denkexperimente, die Theorie der Verursachung, die Beziehungen zwischen den verschiedenen Stufen der Realität, Fragen der Kognitionstheorie („Dynamical Explanation in Cognitive Science“) und Neuraths berühmte Protokollsätze. Ferner enthält das Heft eine Bibliographie der Arbeiten des vor einigen Jahren verstorbenen Innsbrucker Philosophen Gerhard Frey.


1/2007

Das Heft enthält einen ausführlichen Nekrolog des im Jahr 2005 verstorbenen Biologen und Wissenschaftsphilosophen Ernst May. Das Erzählen von Geschichten der Historiker und das Modell der deduktivnomologischen Erklärung schließen sich aus – das ist gängige Meinung. Anderer Ansicht ist der Mainzer OsteuropaForscher Andreas Frings. Er glaubt zeigen zu können, dass die Theorien rationalen Handelns, die unter dem Namen „Rational Choice“ bekannt sind, sich so in Erzählungen einbauen lassen, dass die Vorzüge der narrativen Erklärung mit den Stärken der nomologischen Erklärungskonzeption verbunden bleiben.

Der an der Universität Frankfurt an der Oder lehrende Karsten Weber, ein Vertreter des Kritischen Rationalismus, zeigt dass Simulationen produktiv für die Prüfung theoretischer Implikationen im Forschungsprozess genutzt werden können. Die Formulierung einer Theorie in einer Com¬putersprache erfordert weit mehr Präzision als im Fall einer natürlichsprachlichen Ausdrucksweise gegeben ist – insbesondere in den Sozialwissenschaften. Auch haben Computer kein Vorwissen, anhand dessen sie theoretische Aussagen interpretieren können. Dies hat den Vorteil, dass Computer auch keine semantische Interpretation bei der Abarbeitung eines Programms bzw. einer Theorie vornehmen; deshalb können auch keine Missverständnisse entstehen.

Zwei Beiträge beschäftigen sich u. a. mit Carnap. Thomas Mormann untersucht Carnaps Wurzeln im Neukantianismus, und J.C. Pinto de Oliveira führt aus, dass in Carnaps Augen Kuhns The Structure of Scientific Revolution kein wissenschaftsphilosophisches, sondern ein wissenschaftsgeschichtliches Werk war.


2/2007

Im Erlanger/KonstanzerKonstruktivismus wurde weder die Technik konstruiert noch deren Bedeutung für die moderne Gesellschaft thematisiert. Armin Grunwald, Professor für Philosophie an der Universität Karlsruhe, holt dies in seinem Artikel „Technik im Konstruktivismus“ nach und stellt Eckpunkte einer „konstruktivistischen“ Theorie der Technik vor. Die grundlegende Frage ist dabei, was in Bezug auf Technik präsupponiert werden muss, damit Technik die ihr zugedachten Funktionen in der Grundlegung der Wissenschaften erfüllen kann. Für Grunwald sind es praktische Herstellbarkeit (Technik ist als Element der Lebenswelt einerseits unabhängig von Wissenschaft, aber andererseits konstitutiv für wissenschaftliche Erfahrung), das Primat der normativen Ebene (das, was die technische Realisierung leisten soll, bemisst sich jeweils an Normen), Reproduzierbarkeit (die Reproduzierbarkeit der Ergebnisse von Handlungen ist notwendige Bedingung, damit durch entsprechende Handlungsvollzüge „immer wieder und in gleicher Weise“ die Anfänge in den Begründungsketten hergestellt werden), pragmatische Orientierung (die Realisierung einer Funktionsnorm von Technik bedarf in der Regel des abgestimmten Ineinanders vieler Einzelteile mit ihren Einzelanforderungen unter adäquater Beachtung der Vielzahl der dadurch entstandenen Schnittstellen).
Für Grunwald ist Technik nie nur die Menge bereits verfügbarer und als Mittel zu Zwecken vorgestellten Techniken, sondern immer auch das, was an noch nicht verfügbaren Potentialen in diesen Techniken entdeckt und erfunden werden kann. Das Technische und das Soziale sind auch keine voneinander separierten Bereiche, sondern das Technische ist Teil auch des Sozialen: Soziale Vollzüge, Institutionen und auch die Sprache als Kom¬munikationsmedium weisen in sich technische Aspekte auf. Die Aspekte des Regelhaften und Reproduzierbaren ermöglichen erfolgreiches gemeinsames Handeln unter bestimmten Randbedingungen und sind wesentlich Elemente des gesellschaftlichen Handlungsraumes. Für die naturwissenschaftliche Erkenntnis ist Technik in einer doppelten Weise konstitutiv: zum einen setzt jedes naturwissenschaftliche Experiment eine Messtechnik voraus, zum anderen ist Technik in vielen Einzelfällen eine conditio sine qua non für naturwissenschaftlichen Fortschritt, indem weiterführende Experimente häufig eine neue oder verbesserte technische Praxis voraussetzen. Das Verhältnis von Naturwissenschaft und Technik ist daher keine Einbahnstraße, sondern ein Wechselspiel.

Reiner Hedrich analysiert die String Theory kritisch. Sie ist ein von physikalischem Denken geprägtes mathematisches Konstrukt, aber keine physikalische Theorie und hat das Ziel, die konzeptuelle Unvereinbarkeit unserer etablierten fundamentalen physikalischen Theorien, insbesondere der allgemeinen Relativitätstheorie und der Quantenphysik durch eine allgemeine nomologische Vereinheitlichung zu überwinden. Getragen wird die String Theory von der metaphysischen Idee der Einheit der Natur, und Hedrich sieht in ihr eine in nomologischer Hinsicht allumfassende Einheitstheorie. Sie selber ist aber das Resultat einer Sequenz von bisweilen bizarren Zufällen und mathematischen Strategien, mit diesen Zufällen umzugehen. Für Hedrich aber führt sie weder zu einer tieferen Einsicht in die Natur von Raum und Zeit, sie führt zu keinem neuen Verständnis der Gravitation und gibt keine neue Antwort auf die Frage, was eine Masse ist – sie hat für ihn vielmehr die Funktion einer metaphysischen Theorie ohne empirische Basis, die vor allem durch ihre internen konzeptuellen und mathematischen Probleme gesteuert wird. Sie ist eine Theorie mit einer labyrinthartigen mathematischen Struktur und einer völlig unklaren Relevanz für die Physik. Hedrich sieht mit dem Anspruch der Alleinheit und der fehlenden empirischen Basis eine Art Rückkehr zu vorsokratischen Theorien, allerdings bereichert durch einen überaus komplexen mathematischen Apparat. An¬dreas Woyke (Technische Universität Darmstadt) vergleicht die „Nanotechnologie“ in historischer Hinsicht mit anderen Tech¬nologien und kommt zum Schluss, entgegen der gängigen Ansicht handle es sich dabei nicht um eine wirklich neue Technologie, sondern um eine Erweiterung Chemischer Technologie. Vieles, was unter dem Label „Nano“ vermarktet wird, ist nichts anderes als eine Fortsetzung und Erweiterung des gezielten Designs und der Produktion neuer Werk und Wirkstoffe. Im Unterschied zu technischen Revolutionen sind denn auch die Gründerfiguren der Nanotechnologie kaum durch neue wissenschaftlichen Ideen und innovative technische Erfindungen aufgefallen. Woyke sieht bei der nanotechnologischen Forschung einen Mangel an theoretischer Orientierung, was zu einer mehr oder weniger unkritischen Oeffnung des Forschungsfeldes für unseriöse Ideen und visionäre Aufladungen geführt habe. Der einzige neuartige Aspekt, mit dem uns die Nanotechnik konfrontiert, ist denn für Woyke die Vision von übergreifenden Transformationsprozessen, die von verschiedenen Gruppierungen initiiert wurde und in der Woyke eine „gesellschaftliche Konstruktion“ sieht.

Manuel Brenner geht der Frage nach, ob Tiere Überzeugungen haben. Er nennt dabei zwei Extrempositionen: Die eine geht davon aus, dass es keinen Sinn hat, nichtsprachfähigen Lebewesen Überzeugungen zuzuschreiben, die andere sieht in der alltäglichen Praxis, Tieren Überzeugungen zuzuschreiben, kein Problem. Für Brenner hängt die Antwort u. a. davon ab, was man unter Überzeugungen versteht und was man als Bedingung ansieht, die es erlaubt, einem Tier Überzeugungen zuzuschreiben. Für Brenner haben Tiere zwar keine rationalen Überzeugungen, sie haben aber Zustände, die Überzeugungen ähnlich sind und die eine ähnliche funktionale Rolle in ihrem Leben spielen wie Überzeugungen. Wenn wir unsere Begriffe von Überzeugungen und Wünsche auf Tiere ausdehnen, können wir ihr Verhalten oft gut erklären. Tiere haben zumindest Empfindungsfähigkeit: Einige ihrer Zustände erleben sie als positiv oder negativ. Und diese Zustände müssen irgendeine Funktion für das Überleben der Tiere haben. Das bedeutet aber, dass das Tier in der Lage sein muss, anlässlich solcher Zustände sich in einer angemessenen Weise zu verhalten. So sollte etwa spätestens das Gefühl des Hungers den Wunsch zu fressen hinreichend stark machen. Empfindungen ohne propositionale Einstellungen, mittels derer sich die Empfindungen in Aktivitäten übersetzen lassen, machen keinen (evolutionären) Sinn. Deshalb müssen, so folgert Bremer, empfindungsfähige Tiere auch Überzeugungen besitzen. Projizieren wir damit nicht menschliche Eigenschaften auf Tiere? Für Brenner können wir menschliche Eigenschaften nicht völlig angemessen auf Tiere projizieren. Aber komplexe Begriffe und entsprechende Ausdrücke verweisen nicht nur auf ein Kriterium ihrer Anwendbarkeit, sondern auf mehrere kontextspezifische Anwendungsweisen. Bremer sieht im konkreten Fall den Anthropomorphismus vermieden, wenn entweder der Begriff der Überzeugung einheitlich genug ist, um auf Tiere und Menschen Anwendung zu finden oder wenn es Begriffe unterhalb der Komplexität des Überzeugungsbe¬griffes gibt, die einheitlich auf Tiere und Menschen angewendet werden können oder zumindest solche Begriffe, die überzeugungsähnliche Zustände betreffen, die eindeutig auf Tiere angewendet werden können. Es geht dabei um eine Theorie, die die relevanten Unterschiede als auch die Beziehungen zwischen rationalen menschlichen Überzeugungen und überzeugungsähnlichen Zuständen klar benennt. Eine solche Theorie liefert sowohl einen Beitrag zur Theorie der menschlichen Kognition als auch zu einer Theorie ihrer evolutionären Herkunft aus der tierischen Kognition.


                                                                                            1/2009

Als Alwin Diemer, Lutz Geldsetzer und Gert König 1969 die „Zeitschrift für allgemeine Wissenschaftstheorie“ gründeten, ging es noch um eine „allgemeine Wissenschafts­theorie“. Das meinte eine Wissenschaftstheorie, die auch die damals in Deutschland vorherrschende Hermeneutik und damit auch die Geisteswissenschaft einbezog. Inzwischen ist erstere mit ihren letzten Vertretern klanglos verschwunden, und Wissenschaftstheorie bezieht sich in der Regel nur noch auf die Naturwissenschaften.  Die „Zeitschrift für allgemeine Wissenschaftstheorie“ hat sich zudem dem Trend oder vielleicht besser dem Zwang zu englischsprachigen Texten angepasst. Sie hat sich umbenannt in „Journal for General Philosophy of Science“ (der alte Name steht noch als Untertitel) und wird mit ihren neuen Herausgebern Helmut Pulte und Gregor Schiemann vorwiegend englischsprachige Texte von Autoren aus der ganzen Welt veröffentlichen. Neben Artikeln finden sich auch Tagungsberichte, Buchbesprechungen und Übersichten über Lehr- und Einführungsliteratur.

 

Die verschiedenen Modelle der Klimaforschung führen zu unterschiedlichen Resultaten, was auf politischer Ebene Irritationen zur Folge hat. Gregor Betz, Juniorprofessor an der Universität Stuttgart, untersucht diese Modelle und zeigt, dass sie auf zwei alternativen Prinzipien beruhen: einerseits dem Prinzip des modalen Induktivismus und andererseits dem Prinzip des modalen Falsifikationismus. Er argumentiert, der modale Falsifikationismus sei für diese Modelle die bessere Methode. David Corfield, Bernhard Schölkopf und Vladimir Vapnik vergleichen Poppers Falsifikationstheorie mit der als VC-Theory (Vapnik-Chervonenki-Theo­rie) bekannten statistischen Lerntheorie. Tamas Démeter vom Berliner Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte unterscheidet zwei Arten von mentalem Realismus. Der eine beinhaltet einen ontologischen Status einer bestimmten Art von Seiendem, und der andere meint eine realistische Interpretation eines Diskurses im Sinne der „folk psychology“.  Demeter nennt diese zweite Art auch Faktualismus.

Weitere Texte: Boccardi, E.: Who’s Driving the Syntactic Engine?; Kantorovich, A: Ontic Structuralism and the Symmetries of Particle Physics; Khalidi, M.A.: How Scientific is Scientific Essiantialism?; Maxwell, N.: Muller’s Critique of the Argument for Aim-Orientied Empiricism; Park, S.: Philosophical Response to Underdetermination in Science. 







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