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Platon: Für Szlezak ist Platons Dialektik eine Art Geheimlehre

PLATON

Szlezák weist (wieder einmal) Platons Dialektik als eine Art Geheimlehre aus

Platon war von der Philosophiefeindlichkeit der zu seiner Zeit existierenden Staaten überzeugt. Die griechische Gesellschaft bildete keine Ausnahme: Sie ließ kaum zu, dass philosophische Naturen sich ihren Anlagen gemäß ausbilden und entfalten konnten. Gelang es einem außergewöhnlichen Menschen einmal Philosoph im inhaltsschweren Sinn, dem Platon dem Wort gegeben hat, zu werden, so geschah das ohne Zutun der Polis, meist sogar gegen sie. Öffentliches Wirken bedeutete für jemanden, der in philosophischem Sinne der Wahrheit verpflichtet war, sogar die Gefahr eines tödlichen Konflikts.
Für Platon ist das Philosophieren die eigentliche Zweckbestimmung des Menschen. Der Staat müsste deshalb so eingerichtet werden, dass die Ausbildung zur Philosophie und die Verwirklichung dieser höchsten Möglichkeit des Menschen institutionell gesichert und in allen Phasen und in allen Aspekten gefördert würden. Und an seiner Spitze sollte selber ein Philosoph stehen, ein Philosophenherrscher.

Der in Tübingen lehrende Platon-Forscher Thomas A. Szlezák geht in seinem Buch

Szlezák, Thomas A.: Das Bild des Dialektikers in Platons späten Dialogen, 262 S., Ln., € 78.—, 2004, de Gruyter, Berlin

der Frage nach, was denn dieser Philosoph Platon zufolge für Eigenschaften haben soll. Es sind dies: schnelle Auffassungsgabe, intellektuelle Schärfe wie auch charakterliche Gesetztheit, Festigkeit und Verlässlichkeit. Wer nicht von dieser Art ist, soll nicht Anteil „an der genauesten Erziehung“ haben, d.h. an der Dialektik, noch an der Ehre und Herrschaft der Philosophenkönige. Das eigentliche philosophische Kriterium, das schon geeignet ist, die Vielen von den Wenigen zu scheiden, ist aber die Fähigkeit zum Erkennen der Idee: Die „das Schöne an sich“ und die anderen Ideen zu sehen vermögen, sind selten, heißt es in der Politeia 476b11, „und es kommt ihnen kraft ihrer Natur zu, sich mit Philosophie zu befassen und dann auch die Führung in der Stadt zu übernehmen; allen anderen kommt es ebenso nicht zu, an die Philosophie zu rühren, sie sind zum Folgen bestimmt“. Immer wieder betont Platon: „Unmöglich kann die Menge philosophisch sein.“

Für Szlezák hat die Intensität, mit der Platon diese Position vertritt, nicht nur damit zu tun, dass die Menge zum Regieren unfähig ist, sondern auch mit seiner Erfahrung als philosophischer Lehrer und seiner metaphysisch begründeten Überzeugung, dass die philosophische Natur „göttlich“ sei. Darüberhinaus führt der schwierigste Teil der Philosophie, die Kunst des richtigen Gebrauchs der Logoi, d.h. die Dialektik, weitere, in der Sache selbst gelegene Gefahren mit sich: zum unrichtigen Zeitpunkt in der geistigen Entwicklung begonnen, und verantwortungslos als Widerlegungsspiel betrieben, wird der (falsche) Umgang mit den logoi den jungen Philosophen mehr schädigen als fördern. Zudem haben ungeeignete Vertreter der Philosophie zu deren negativem Erscheinungsbild in der Öffentlichkeit beigetragen. Fehlentscheidungen bei der Auswahl von Philosophien stellen für Platon sogar den Erhalt von Staat und Verfassung in Frage. Die Dialektik erschließt dem „göttlichen“ Philosophen den Zugang zur göttlichen Ideensphäre und ihrem transzendentalen Prinzip. Durch diesen Zugang gewinnt der Mensch seinen Rang als „nicht irdisches, sondern himmlisches Gewächs“, das seine Wurzeln „oben“ im Intelligiblen hat.

 

 


So pessimistisch Platon auch das philosophische Potential der Menschen beurteilt, so optimistisch denkt er über die Möglichkeit, sie zur freiwilligen Annahme der Herrschaft der Philosophen zu bewegen.
Wie aber kann man junge, an Philosophie interessierte, aber dafür nicht geeignete Leute von der Dialektik fernhalten? Und dies in einer Kultur, die über ein reiches und detailliertes Schrifttum über Philosophie besitzt? Indem man die ausgewählten zukünftigen
Philosophen nur mündlich mit der Dialektik vertraut macht. Nur hier kann das Entscheidende vermittelt werden: das Überspringen des Funkens und das Aufleuchten der Einsicht. Was da im Aufleuchten des geistigen Lichtes verstanden werden soll, sind sprachlich ausformulierte Erkenntnisse, weswegen ihre Gewinnung „in wohlwollenden Prüfungen“ und in neidlosem „Fragen und Antworten“ erfolgen soll. Das Aufleuchten der Einsicht jedoch kann nicht in Worte eingehen und die sprachlich gefasste Erkenntnis, an der die Einsicht aufleuchten soll, soll Platon zufolge nicht in das öffentlich angreifbare Wort, in die Schrift eingehen. Es handelt sich hier also um eine Art Geheimlehre, wie Szlezák mit Verweis auf Platons Siebten Brief ausführt. In seinen veröffentlichten Dialogen sagt Platon nirgendwo, was das Wesen des Guten ist. Es ist aber nach Platons eigenen Worten die Idee des Guten, die der Gerechtigkeit ihr Wesen und ihren Wert zuweist. Ohne die Idee des Guten zu kennen ist deshalb seine ganze Theorie der Gerechtigkeit inhaltlich nicht ausgewiesen, sie ist mehr auf Luft als auf Sand gebaut. Platon ist also ein Autor, der beim Schreiben schon mehr an Einsichten bereithält, als er in die Schrift einfließen lässt.




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