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Ricoeur: Über das Böse

PAUL RICOEUR

Woher kommt und worin besteht das Böse? Was ist die „Herausforderung für Philosophie und Theologie“? Ricoeur beginnt seinen kurzen und dichten Essay

Paul Ricoeur: Das Böse – Eine Herausfor-derung für Philosophie und Theologie. Aus dem Französischen von Laurent Karels, mit einem Vorwort von Pierre Bühler, 61 S., € 11.80, 2006, Theologischer Verlag, Zürich

mit einer Phänomenologie, in deren Zentrum er die verschiedenen Erfahrungsweisen des Bösen stellt. Sodann zeichnet er die Diskursebenen des Denkens über das Böse nach. Sie enden jedes Mal in einer Aporie, weil sie keinen Platz für die Figur des ‚leidenden Gerechten’ finden. Deshalb formuliert Ricoeur im dritten Teil eine Antwort auf der Ebene des Handelns und Fühlens.

Der Begriff des Bösen umfasst so scheinbar gegensätzliche Phänomene wie Sünde und Leiden, und zunächst betont Ricoeur auch deren grundsätzliche Verschiedenheit. In der Sünde begegnet uns das moralisch Böse in Gestalt eines von einem Menschen begangenen Übels, das Gegenstand der Anklage und des Tadels ist. Der Mensch zeigt sich hier als Übeltäter, der Strafe verdient. Dagegen ist er im Leiden ein Opfer, das Grund zur Klage hat. Das Leiden widerfährt dem Menschen und Ricoeur bemerkt eine „erstaunliche Vielfalt“ seiner Ursachen, wie Krankheit, Tod oder eine feindliche Natur.

Ist diese Contraposition erreicht, wird jedoch deutlich, dass beide Phänomene in einem gemeinsamen „niemals völlig entmythisierten“ Grund wurzeln. So ist einerseits Strafe ein auferlegtes Leiden, und andererseits ist eine der Hauptursachen menschlichen Leids die Sünde, namentlich in Form von Gewalt. Mehr noch: Für Ricoeur kommen wir dem Rätsel des Bösen näher, „wenn wir ahnen, dass Sünde, Leiden und Tod auf verschiedene Weise dasselbe ausdrücken: das menschliche Dasein in seiner Tiefe und Ganzheit“. Der Sünder macht im Innersten der Schuld die „verworrene und stumme Erfahrung“, selbst Opfer zu sein. Den Klagenden aber kann das Gefühl überkommen, womöglich Schuld auf sich geladen zu haben und dass sein Leiden mithin verdient ist. So steht der Mensch wie zwischen zwei Spiegeln, die sein Täter- und Opfersein ins Unendliche vervielfachen und unauflöslich ineinander verschränken. Offenbar wird die ganze Rätselhaftigkeit des Bösen.

Philosophie und Theologie haben oft versucht, dem Bösen mit einer Art des Denkens zu begegnen, das sich, so Ricoeur, „den Forderungen logischer Kohärenz (...), das heißt dem Gesetz der Widerspruchsfreiheit und der systematischen Totalität“ unterwirft. Diese rationale Theologie, die in ihrem Kern oft genug eine Apologie Gottes ist, hat freilich Entwicklungsstadien durchlaufen. Sie beleuchtet Ricoeur im zweiten Abschnitt seines Essays über die Diskursebenen näher.
Ihren Ursprung verortet Ricoeur in den vielgestaltigen Mythen, die als erste Erklä-rungsmodelle dafür anboten, wie das Böse in die Welt kam und ihm zugleich einen Platz in deren Ordnung zuwiesen. Sie vermögen es, die Spannung zwischen ihrer ordnungstiftenden Funktion und den in ihnen vorkommenden „Ambivalenzen und Paradoxien“ auszuhalten, jedoch nicht, sie zu lösen. Diesen Versuch unternahm fortan die rationale Theologie mit den Mitteln der Argumentation. Zuerst im Stadium der Weisheit, das sich der Frage widmete ‚Warum widerfährt gerade mir Böses?’. Die Antwort fand es im Konzept der Vergeltung, das das Leiden als Ausdruck der Strafe für „eine individuelle oder kollektive, bewusste oder unbewusste Verfehlung“ sieht. Das heißt für Ricoeur, dass es das individuelle Leid zunächst ernst nahm, es jedoch sogleich auf eine höhere Ebene transferierte und damit wieder dem Zugriff des Einzelnen entzog. Exemplarisch deutlich wird das in der Erzählung um Hiob. In seiner Gestalt des ‚leidenden Gerechten’, der sich überzeugt weiß, keine Sünde begangen zu haben, findet Ricoeur die zentrale Herausforderung, an der sich alle Denkarbeit über das Böse messen lassen muss. Für Ricoeur ist klar, auch die folgenden Stadien verfeinern und bereichern die Argumente, eine zufrieden stellende Antwort auf Hiobs Klage finden sie nicht.

Muss nun der Versuch der rationalen Theologie, das Böse restlos erklären zu wollen, als gescheitertes Unterfangen betrachtet werden? Gemessen an deren eigenen Ansprüchen lautet Ricoeurs Antwort ‚ja’ – wenn auch auf höchstem Niveau. Allerdings war deshalb nicht alle Arbeit umsonst. Wenn er fragt, ob „... die Weisheit nicht darin [be-steht], den aporetischen Charakter des Den-kens über das Böse anzuerkennen, der gerade durch die Bemühung errungen wird, weiter und anders zu denken“, so deutet Ricoeur den Ebenenwechsel bereits an. Für ihn liegt der Wert des Denkens darin, dass es sich im Moment der Anerkennung seiner Vergeblichkeit – nicht Nutzlosigkeit! – im „praktischen Kampf gegen das Böse“ und in der in-dividuellen Trauerarbeit fruchtbar machen lässt. Im dritten Abschnitt versucht Ricoeur aufzuzeigen, dass die klagenden Fragen nach dem ‚Warum’ und ‚Woher’ des Übels vielleicht nicht beantwortet werden können, dass der Mensch es jedoch vermag, seine Existenz trotz des Bösen zu bejahen und ihm eine Antwort handelnd und fühlend entgegenzusetzen.

Paul Ricoeur vermag es, auf nur wenigen Seiten die Rätselhaftigkeit des Bösen luzide werden zu lassen und das darob entspringen-de Denken philosophiegeschichtlich und hin-sichtlich einiger seiner hervorstechendsten Argumente kritisch zu beleuchten. Mehr noch, er überführt es in überzeugender Art und Weise auf Ebenen, die aus „abstrakter Verstandesarbeit ... ganz konkrete Lebensar-beit“ machen, wie Pierre Bühler in seinem Vorwort schreibt.
Joris Denzin, Berlin





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