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Bildung: Für Liessmann ist Bildung heute eine Erscheinungsform von Unbildung


Bildung ist heute eine Erscheinungsform von Unbildung

Wissen und Bildung sind, so heißt es, die wichtigsten Ressourcen im rohstoffarmen Europa. Und es könnte so scheinen, als ob der vermeintliche Traum der Aufklärung vom umfassend gebildeten Menschen in einer rundum informierten Gesellschaft endlich Realität werde.
Ein Irrtum, so der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann in seinem Buch

Liessmann, K.P.: Theorie der Unbildung. Die Irrtümer der Wissensgesellschaft.175 S., Ln., 2006, € 17.90, Zsolnay, Wien,

denn die gegenwärtige Situation ist höchst ernüchternd: Vieles von dem, was unter dem Titel Wissensgesellschaft propagiert und pro¬klamiert wird, erweist sich bei genauerem Hinsehen als eine rhetorische Geste, die weniger einer Idee von Bildung als handfesten politischen und ökonomischen Interessen geschuldet ist. Die Reformen des Bildungswesens zielen auf eine Industrialisierung und Ökonomisierung des Wissens ab, womit die Vorstellungen klassischer Bildungstheorien geradezu in ihr Gegenteil verkehrt werden.

Bei allem, was Menschen heute wissen müssen und wissen können (und das ist nicht wenig) fehlt diesem Wissen die synthetisierende Kraft. Es bleibt, was es sein soll: Stückwerk – rasch herstellbar, schnell anzueignen und leicht wieder zu vergessen. Bildung erscheint deshalb heute, so die These von Liessmann, als Erscheinungsform von Unbildung. Unbildung meint dabei den durchaus intensiven Umgang mit Wissen jenseits der Idee von Bildung. Sie ist unser aller Schicksal, weil sie die notwendige Konsequenz der Kapitalisierung des Geistes ist.

Theodor W. Adorno hatte einst versucht, an der Ethik Spinozas zu demonstrieren, was wahre Bildung sei: Es geht dabei nicht nur um die Kenntnis und Lektüre des Buches, sondern auch um die Cartesische Philosophie und deren systematische und historische Kontexte, ohne die Spinoza nicht angemessen verstanden werden kann. Bildung, so Liessmann, ist der Anspruch auf ein angemessenes Verstehen. Für den Halbgebildeten, dem dafür die Voraussetzungen fehlen, wird Spinozas Ethik deshalb zu einem Konvolut logisch nicht nachvollziehbarer Behauptungen, aus dem er Einzelheiten gerade noch als erstarrtes Bildungsgut zitieren kann. Solch ein Bildungsanspruch zerschellt an einem Verfahren, das, wie die Wissensshows im Fernsehen, bestenfalls noch danach fragt, ob die Ethica, ordine geometrico demonstrata von Descartes, Spinoza, Kant oder Hobbes geschrieben wurde.

Es gibt heute keine bevorzugten Disziplinen und Wissensgebiete mehr, nirgendwo mehr wird ein Kanon abgefragt. Wissen ist zu einem Moment der Unterhaltungsindustrie geworden. Die meisten Wissenschaftssendungen sind in einem hohen Maße an Technologie interessiert, weil damit ein entscheidendes Motiv alles Wissens angesprochen wird: die Neugier. Die Neugier gehört zu den entscheidenden Triebfedern des Erkenntnisprozesses. Gleichzeitig war sie immer dem Verdacht ausgesetzt, sich an das Beliebige, Einzelne, Außergewöhnliche, Unnötige zu verlieren und darüber die grundlegenden Zusammenhänge und Wahrheiten zu übersehen.
Für Liessmann gehört es zu den Paradoxa der Wissensgesellschaft, dass in ihr niemand mehr lernt, um etwas zu wissen, sondern um des Lernens selbst willen. Denn alles Wissen, ausgerechnet das Credo der Wissensgesellschaft, veraltet rasch und verliert seinen Wert. Überprüft man die zahllosen Informationen, die unter dem Titel „Nachrichten“ konsumiert werden, so sieht man, dass diejenigen, die tatsächlich etwas mitzuteilen haben, selten sind und erst mühsam aus der Datenflut herausgefiltert werden müssen. Und was die allabendlichen Fernsehnachrichten betrifft, so gibt es nur einen Bericht, der für die nahe Zukunft eines fast jeden Zuschauers einen Unterschied macht und der deshalb tatsächlich eine Bedeutung hat: der Wetterbericht. Alles andere ist in der Regel Unterhaltung. Wissen, so Liessmann, ist im Gegensatz zur Information eine Interpretation von Daten in Hinblick auf ihren kausalen Zusammenhang und ihre innere Konsistenz. Ohne Durcharbeitung und verstehende Aneignung bleiben die meisten Informationen schlechterdings äußerlich. Nicht nur Studenten verwechseln zunehmend das mechanische Kopieren einer Seminararbeit aus dem Internet mit dem selbständigen Schreiben einer solchen Arbeit. In keiner Datenbank, in keinem Medium, das unstrukturiert Daten akkumuliert, finden wir Wissen. Wissen bedeutet immer, eine Antwort auf die Frage geben zu können, was und warum etwas ist. Wissen kann deshalb nicht konsumiert werden, Bildungsstätten können keine Dienstleistungsunternehmen sein, und die Aneignung von Wissen kann nicht spielerisch erfolgen, weil es ohne die Mühe des Denkens schlicht und einfach nicht geht.

Von der Utopie eines freien und individuellen Zugangs zu den Ressourcen des Wissens ist nicht viel mehr als die Ideologie des lebenslangen Lernens geblieben. Liessmann sieht dahinter ein Instrument, mit dem jederzeit eine Anpassungsleistung an die real exi¬stierenden Eigentumsverhältnisse verlangt werden kann. Die Ideologie des lebenslangen Lernens hat das Mittel selbst zum Ziel erklärt.

Ein vor allem in der schulischen Grundausbildung weit verbreiteter Irrtum besteht darin zu glauben, man könne unnötigen Wissensballast abwerfen, indem man sich einfach auf das Lernen des Lernens beschränke. Das Etwas, das der Begriff des Lernens immer schon voraussetzt, wird dabei als permanente Leerstelle offen gehalten für die rasch wechselnden Anforderungen der Märkte. Liessmann sieht dahinter den Ausdruck einer fundamentalen Unfähigkeit, überhaupt noch angeben zu können, was denn nun eigentlich gelernt werden soll. Und das Fatale an der Sache ist, dass dieser praktische pädagogische Nihilismus heute niemanden mehr erschreckt. Von Wahrheit als Ziel der Wissenschaft ist nur noch am Sonntag die Rede.

Vieles, was unter dem Titel der Effizienzsteigerung zur Reform des Bildungswesens unternommen wird, gehorcht schlicht dem Prinzip der Industrialisierung. Die vielgerühmte Modularisierung von Studien etwa stellt die Übertragung des Prinzips funktional differenzierter Fertigungshallen auf den Wissenserwerb dar: Stück für Stück werden Kurse und Lerneinheiten zu den Abschlüssen montiert und Universitäten in Unternehmen verwandelt. Interessant ist dabei, dass Menschen, die lange – und als beamtete Professoren sogar mit staatlicher Garantie – unter den Prämissen der Souveränität und Freiheit geforscht und gelehrt hatten, ihre Eingliederung in ein hybrides Produktions und Kontrollkonzept relativ problemlos akzeptieren: „Jeder Handwerker, der mit Wehmut, Zorn und verletztem Stolz seine Werkbank gegen einen Arbeitsplatz in einer Fabrik tauschen musste, hatte gegenüber gesellschaftlichen Wandlungen vielleicht mehr Sensibilität ent¬wickelt als ein einstens freier Geist, der nun stolz verkündet, alles zu tun, um das Plansoll und die Ziele seines ‚Unternehmens’ zu erfüllen.“

Und dass sich die einstigen Zentren des Wissens, die Universitäten, zunehmend an Unternehmensberatungen wenden, um ihre Reformprozesse begleiten und strukturieren zu lassen, zeugt für Liessmann von einer Blindheit gegenüber einer Ideologie, deren kritische Demontage früher zu den Aufgaben gesellschaftswissenschaftlichen Wissens gehörte.

Nicht um Bildung geht es dabei, sondern um ein Wissen, das wie ein Rohstoff produziert, gehandelt, gekauft und gemanagt und entsorgt werden soll. Und während Wissen als die sich rasch vermehrende Ressource der Zukunft verkauft wird, nimmt das allgemeine Wissen in atemberaubenden Tempo ab. Die Bildungslücken der sogenannten politischen Eliten bei einfachsten historischen oder kulturgeschichtlichen Fragen sind eklatant, und im Triumph des Meinungsjournalismus sieht Liessmann die Kehrseite der Tatsache, dass niemand mehr etwas weiß. „Bildung“ ist in der Wissens und Informationsgesellschaft zu einem diffusen Begriff geworden, mit dem der Erwerb und die Vermittlung unterschiedlicher Kenntnisse und Qualifikationen ebenso benannt werden können wie die dazugehörigen Institutionen und Verfahren. Die am antiken Ideal und am humanistischen Konzept orientierte Bildung galt in erster Linie als ein Programm der Selbstbildung des Menschen, eine Formung und Entfaltung von Körper, Geist und Seele, von Talenten und Begabungen, die den einzelnen zu einer entwickelten Individualität und zu einem selbstbewussten Teilnehmer am Gemeinwesen und seiner Kultur führen sollte. In der Wissensgesellschaft sind nur noch Schwindstufen dieses Konzepts spürbar. So zehren die Aufregungen über die Ergebnisse der Hirnforschung vom Programm der Selbsterkenntnis, und zumindest als Ideologie kommt keine technische Innovation ohne den Hinweis aus, dass dadurch die Optionen und Handlungspotentiale der Menschen erhöht werden.
Liessmann beschreibt den Stand der Bildungspolitik in einem Satz: Sie erschöpft sich im Schielen auf die Ranglisten. Die geradezu neurotische Fixierung auf Ranglisten aller Art interpretiert er als Rache der modernen Mediengesellschaft an den egalitären Prinzipien der Demokratie. Und als sinnfälligste Beispiel des Ersetzens des Denkens durch das Abzählen einer Rangliste nennt er PISA. „Ehrgeiz“, schrieb Wittgenstein, „ist der Tod des Denkens“.

Durch den Verweis auf einen Ranglistenplatz, den man verfehlt hat oder den man erreichen möchte, erübrigt sich in der Regel jedes weitere Argument. Wer sich mit dem Satz „Ich sage nur PISA!“ jeder Diskussion zu entziehen vermag, hätte sich in einer Welt, die sich nur einen Funken Reflexionsvermögen bewahrt hat, hoffnungslos blamiert. Heute gilt er als Experte. Und je mehr an einer Universität oder Schule von Qualitätssicherung die Rede ist, desto weniger geht es um Qualitäten, sondern einzig darum, Qualitäten in Quantitäten aufzulösen. Liessmann sieht Rankings als ziemlich primitive, aber höchst wirksame Steuerungs und Kontrollmaßnahmen, die dem Bildungsbereich noch das letzte Quentchen Freiheit austreiben sollen, das ihm als Relikt humanistischer Ideale geblieben ist.

Lässt man Kants akademischen Werdegang Revue passieren, muss man zu dem Befund kommen, dass er im gegenwärtigen Wissenschaftsbetrieb keine Chance gehabt hätte. Das beginnt mit seiner sprichwörtlichen Immobilität. Kaum zum Professor ernannt, be¬stätigt er die schlimmsten Vorurteile, die man gegenüber beamteten Wissenschaftler hat: Er hört auf zu publizieren, es folgen zehn Jahre des Schweigens. Wahrscheinlich gehörten diese Jahre zu den produktivsten seines Lebens, aber wer würde in unserem Zeitalter der monströsen Projektanträge und des hektischen Publizierens es wagen, jahrelanges konsequentes und auch singuläres Nachdenken als Forschungsleistung zu qualifizieren? Und als sein Hauptwerk endlich erschien, erlitt Kant den nächsten Tiefschlag: Die Scientific community ignorierte erst das
Werk, dann machte sie sich darüber lustig. Damit hätte Kant seinen letzten Kredit in einer verwertungsorientierten Gesellschaft verspielt: Unverständlich, zu schwierig, nicht kundengerecht, letztlich unnütz – mit solchen Zuschreibungen würden sich weder Drittmittel auftreiben noch eine größere Öffentlichkeit mobilisieren lassen. Auf die Idee, dass eine Forschung im Rahmen der individuell zu verantwortenden universitären Forschungsfreiheit prinzipiell höher bewertet werden müsste als drittmittelfinanzierte Forschung, weil sie eben gerade keinen externen Interessen diverser Auftraggeber und Financiers untergeordnet ist, kommt laut Liessmann ohnehin niemand mehr. Dabei zeigt es sich, dass unter der Hand durch ziemlich willkürliche Festsetzungen vermeintlicher Standards der Wissenschaftsbegriff selbst normiert und transformierbar geworden ist. Die Differenzen unterschiedlicher Wissenskulturen werden dabei in der Regel ebenso ignoriert wie die Frage nach dem tatsächlichen Gehalt wissenschaftlicher Leistungen. Und vor allem: Evaluationen werden nach relativ willkürlichen, aber vorher festgelegten Kriterien vorgenommen, sind also prinzipiell „blind für das Neue“. Gerade das Außergewöhnliche, Originelle, Kreative und Innovative, das angeblich in einer Wissensgesellschaft einen so großen Wert darstellt, wird durch herkömmliche Evaluationsverfahren prinzipiell ignoriert. Durch Evaluierung vermittelte „Exzellenzprojekte“ sind schon aus diesen Gründen höchstwahrscheinliches Mittelmaß.

Die flächendeckende Einführung berufsorientierter Kurzstudien wird das Bild der Universität nachhaltiger verändern als alle anderen Reformen zuvor. Polemisch ausgedrückt: Der Bachelor ist der Studienabschluss für Studienabbrecher. Wer bislang mangels Qualifikation an einer Diplomarbeit scheiterte, wird nun zum Akademiker befördert. Kurzstudien, die entsprechend strukturiert, normiert, und verschult sein werden, werden mittelfristig aus Universitäten Fachhochschulen werden lassen. Liessmann fragt sich, ob solche Kurzstudien überhaupt sinnvoll sein können, wenn sie nach jenen Moden ausgerichtet sind, die das Heil der Geisteswissenschaften in Kombinationen mit Wirtschaft, Medien und den Biotechnologien sehen. Als erstes Opfer des BolognaProzesses sieht er die Freiheit der Lehre und Forschung. War es bisher spätestens im Doktoratsstudium und vor allem in der Habilitation frei, das Thema und die Methode selbst zu bestimmen, so führen die vernetzten Kollegs und vorgegebene Doktoratsprogramme zu einem Wissenschaftsverständnis, das durch die Parameter Planbarkeit, Vernetzung, Standardisierung und Kontrolle gekennzeichnet sind. Man könnte, spottet Liessmann, zu dem Schluss kommen, die modernen Universitäten kennten nur einen wirklichen Feind: den unabhängig forschenden Geist, der sich ihren Vorstellungen von strukturierter und kontrollierter Wissenschaft entzieht. Und was die Lehre betrifft, so steht nun nicht mehr die Sache, sondern Leistungspunkte, Modulzugehörigkeit und Anrechnungsvarianten im Zentrum der Aufmerksamkeit. Von Neugier oder gar Begeisterung für die Wissenschaft wird unter diesen Voraussetzungen wenig zu spüren sein.




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