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Medienethik: Die verschiedenen Ansätze der Medienethik

MEDIENETHIK

Die verschiedenen Ansätze der Medienethik


Die einzelnen Ansätze der Medienethik setzen an unterschiedlichen Punkten der Medienproduktion und distribution an. Nachfolgende Übersicht folgt dem Buch Ingrid Stapf, MedienSelbstkontrolle. Ethik und Institutionalisierung (398 S., kt., € 39.—, UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz).

Individualethik

Die Individualethik hat den Journalisten im Blickpunkt und will die Sensibilität für seine Handlungen und Entscheidungen steigern, damit ein deutlicheres Bewusstsein des moralisch Richtigen in Entscheidungssituationen anstreben. Aus dieser Perspektive ist Ethik personal. Fähig zum moralisch Richtigen wird der Journalist aufgrund von Einsicht und Autonomie. Neben die handwerkliche tritt seine moralische Kompetenz. Letztere besteht in der Aufgabe, Situationen und Entscheidungen moralisch zu bewerten und gegeneinander abzuwägen.

Laut diesem von dem im Jahre 2002 verstorbenen katholischen Medienethiker Hermann Boventer vertretenen Ansatz ist Journalismus „philosophiebedürftig“. Was als das journalistisch Richtige und Gute zu gelten hat, kann nicht durch ein „ethisches Rezeptbuch für gutes und faires Handeln im Journalismus“ vorgegeben werden. Ethische Frage bleiben offene Fragen, die dauernd zu stellen sind. Mittels öffentlichem und freiem Dialog in der Gesellschaft kann die Journalismusethik zwischen normativer Ethik und journalistischer Praxis eine Brücke schlagen.

Das Prinzip Verantwortung bedeutet, dass der Journalist nicht alles darf, was er kann. Ins Zentrum journalistischer Tätigkeit rückt die Verantwortung als eine „Funktion von Macht und Wissen“. Kernbestand der Medienethik im Sinne Boventers ist die innere Geistesfreiheit und die damit verbundene Freiheitsmoral. Sie wird garantiert durch die Pressefreiheit als das politisch stärkste Grundrecht. Doch da die Freiheitsfrage leicht zur Machtfrage wird, braucht sie einen Maßstab – Boventer sieht diesen in der Menschenwürde.

Die konkrete Verantwortung des Journalisten umfasst u. a. die wahrheitsgetreue Unterrichtung, Sorgfalt, Richtigstellung von Falschmeldungen und den Schutz der Privatsphäre. Boventer zählt dazu drei Maximen auf: 1. Ehrlichkeit im Beobachten. 2. Sorgfalt beim Recherchieren 3. Unabhängigkeit im Urteil. Da die Verantwortung im journalistischen System personal zugewiesen wird, steht und fällt die Ethik mit dem Gedanken der Selbstbindung und Selbstkontrolle.

Ingrid Stapf bringt gegenüber der Individualethik vor, diese vernachlässige die praktischen Gegebenheiten. Es reiche nicht aus, wenn der einzelne Journalist versucht, moralisch zu handeln, aber das Umfeld, in dem er arbeitet, dieses Verhalten nicht belohnt oder es gar bestraft. „Die Medien“ sind mehr als die Summe der darin arbeitenden Journali¬sten, gerade weil sie auch gesellschaftlich und politisch und damit öffentlich wirken. Der einzelne Journalist agiert in einem Kontext, in dem auch andere Faktoren als sein moralisches Bewusstsein für sein Handeln ausschlaggebend sind.
Literatur zur Individualethik:
Boventer, Hermann: Pressefreiheit ist nicht grenzenlos. Einführung in die Medienethik, Bouvier, 1989.

Institutions, Organisations und Unternehmensethik

Dieser von dem Bamberger Kommunika¬tionswissenschafler Manfred Rühl und dem Zürcher Publizistikprofessor Ulrich Saxer vertretene Ansatz hebt die Verantwortung der Medienunternehmen als Institution hervor. Zentrale Kategorie ist dabei die menschliche Achtung, die es in Form von Berufs und Arbeitsethos zu standardisieren und ko¬difizieren gilt.
Der Ansatz gründet auf Luhmanns Systemtheorie. Ein System ist danach ein geordnetes Ganzes, das sich von anderen Systemen durch Abgrenzung und Differenzierung über eine Ordnung unterscheidet. Entstehungsgrund von Systemen ist Komplexität. Ein System entsteht mit dem Ziel der Reduktion von Komplexität: Als Systeme des Handeln gelten alle realen Ganzheiten wie Gesellschaften und soziale Gruppen, aber auch kulturelle Normen und Wertsysteme. Sie haben die Funktion, die komplexe Umwelt durch bestimmte Formen der Erlebnisverarbeitung, die sich institutionell verfestigt haben, zu vereinfachen und dadurch konkretes Verhalten zu erleichtern. Sittliche Ziele gelten in diesem Ansatz nicht als allgemeine Handlungsziele, sondern als Funktionen zur Verminderung von Komplexität und sind relativ zu bestimmten Wirkungen. Die Einlösung von Sollenserwartungen im Kommunika¬tionsprozess führt zur SelbstStabilisierung des sozialen Systems in seinen Wechselbeziehungen. „Ethik als soziale Entscheidungsstruktur“ ist daher „einzubetten in die durch konkrete Personal und Sozialsysteme konstituierten Situationssysteme, die sich wiederum in einer gesellschaftlichen Gesamtlage spezifischer Kulturen befinden“ (Rühl/Sa¬xer). Als moralischer Indikator zählt Ächtung.

Für Saxer könne in der von wachsender Komplexität und Arbeitsteilung geprägten
Gesellschaft medienethische Ansprüche nicht nur Personen zugeschrieben werden. Denn im „überindividuell gesellschaftlichen Funktionssystem“ (Rühl) fungiert Journalismus sowohl als Persönlichkeit als auch in seiner Sozietät. In einer freiheitlichen Gesellschaft mit ausgeprägter Medienfreiheit ist Ethik jedoch notwendig. Medienkommunikation steht in freiheitlichen Demokratien unter ethischem Legitimationszwang. Der Journalismus muss „zwar von gesamtgesellschaftlichen Werten wie Freiheit, Frieden, Sicherheit, Wohlfahrt usw. ausgehen, sie aber in eine Reihe von Strukturen, u. a. in einem Berufsethos umsetzen, die darüber hinaus in redaktionsinternen Strukturen u. a. in ein organisationsspezifisches Arbeitsethos kleinzuarbeiten sind“ (Rühl/Saxer).

Die Differenzierung moderner Gesellschaften pluralisiert die Ethik gemäß gesellschaftlicher Subsysteme. Mit einer einheitlichen oder allgemein zu akzeptierenden Journalismus und Medienethik ist nicht zu rechnen. Dagegen wird journalistisches Handeln durch drei ethikrelevante Strukturen beeinflusst: institutionelle Rahmenbedingungen, MedienOrganisationsrationalität und journalistische Routinen. Als Qualität der Gesamtsituation sieht Saxer eine schwach ausgebildete Individualethik, eine gespaltene Organisationsethik und eine nicht sehr effiziente rechtliche Regelung. Medienethik stellt sich unter diesen Rahmenbedingungen und im Gefolge dieser inneren Strukturen als „schwach ausdifferenziertes, widersprüchliches und damit auch nur partiell wirksames Steuerungssystem der Medienaktivitäten“ dar. Entsprechend wenig ausgebildet ist die Fähigkeit des Mediensystems zur Selbstkorrektur, soweit diese nicht vom Markt erzwungen wird.

Die Individualethik kann nach dieser Argumentation nicht viel leisten. Effektive Medienethik ist daher nach Saxer „in erster Linie Organisationsethik, ethische Selbstverpflichtung qua Organisation und zwar um so konsequenter und vielseitiger, je umfassender jeweils der Umweltbezug der betreffenden Medienorganisation zu optimieren ist“. Im Kern ist daher Medienethik als Unternehmensethik der Medienunternehmung zu konzipieren.

Bonventer hat diesen Ansatz kritisiert: er laufe Gefahr, jegliche Systemzwecke zu legitimieren, er sieht eine „pseudoobjektive“ Reduzierung von Journalismus auf seine jeweils vorfindbare Praxis. Außerdem werden beim Rekurs auf Zwänge und Marktmechanismen nur wenig handlungsleitende Qualitäten aufgezeigt. Dass dieses medienethische Modell primär mit dem Status quo arbeitet, bringt ihm überdies die Kritik reiner Empirie ein.

Literatur:
Haller, M./Holzhey, M. (Hrsg.): Medienethik. Beschreibungen, Analysen, Konzepte, 1992, Westdeutscher Verlag.

Publikumsethik

Clifford G. Christians, Cees J. Hamelink, Rüdiger Funiok, Wolfgang Wunden und Lee Thayer vertreten die Auffassung, die Verpflichtung auf der Produktionsseite der Medien gehe einher mit einer Verpflichtung der Empfänger. Medien können nur so „gut“ und „moralisch“ sein wie ihre Nutzer. Überschreitet die Boulevardproduktion moralische Grenzen, kann die Verantwortung nicht allein den Medien zugeschoben werden.

Die Publikumsethik sieht entsprechend den Schlüssel zum Verständnis des Kommunikationsprozesses im Publikum. Als „mündiger“ Zuschauer, Zuhörer oder Leser soll der Rezipient das Qualitätsniveau durch die existierenden Formen der Mitbestimmung (Leserbriefe, Boykotte) anzuheben versuchen.

Darüber hinaus sehen die Autoren die Notwendigkeit einer Medienpädagogik zur Förderung der Medienkompetenz und Stärkung der Motivation zum verantwortlichen Umgang mit und zur Informiertheit über Medien. Dabei wird der Begriff der „Medienkompetenz“ zunehmend vom Begriff „Medienbildung“ differenziert, um neben den handwerklichen und kognitiven Fähigkeiten im Umgang mit den Medien auch die politischen, sozialen und kommunikativen Aspekte der Mediennutzung mit einzubeziehen.

Während sich die Medienkompetenz auf die Anwendung von Medien bezieht, beinhaltet Medienbildung die „Verschränkung von Wissen und Können“.

Rüdiger Funiok geht von einer „Anthropologie des Publikums“ aus und sieht einen „idealen Nutzer“, einen „aktiv suchenden, bewusst auswählenden und kritisch beurteilenden Rezipienten“. Wolfgang Wunden schlägt den Begriff des „Medienteilnehmers“ vor.

Ingrid Stapf bemerkt gegenüber der Publikumsethik kritisch, die Mündigkeit des Rezipienten sei nur idealiter gegeben. Der praktische Nutzer interessiere sich für sensationshaltige Bilder, auch wenn sie die Menschenwürde verletzen.

Literatur:
Funiok, Rüdiger (Hrsg.): Grundfragen der Kommunikationsethik, Ölschläger, Konstanz 1996.

Die Professionsethik

Eine effektive Medienethik bedarf neben einzelnen Individuen und Medienunternehmen eines Ortes, an dem sich die Bestrebungen zur Medienethik versammeln, Foren zur Diskussion bilden und medienethisch relevante Richtlinien entwickeln können. Im Rahmen der Professionsethik trägt hauptsächlich die Profession Verantwortung. Ihre Ziele sind neben der Erstellung von Richtlinien für Medienschaffende die Vermeidung von Fremdkontrolle. Angestrebt wird deshalb eine Selbstkontrolle der Medien, basierend auf Rollen und Aufgabenverantwortung, die mit der Macht der Medien in der Gesellschaft einhergeht.

Zentral für die Professionsethik ist die Idee der Selbstkontrolle, die in der Profession erfolgen soll. Freiwillige MedienSelbstkon¬trolle gilt als die Gesamtheit der Regeln und Verfahrensweisen, die sich die Presse oder Teile der Presse freiwillig auferlegt und anerkennt, um den Machtmissbrauch einzelner Presseorgane zu verhindern und der Verantwortung einer freien Presse gegenüber dem Gemeinwohl gerecht zu werden.

In Deutschland verfolgt im Printbereich der „Deutsche Presserat“ neben anderen Institutionen die Aufgabe, für die Pressefreiheit einzutreten und das Ansehen der deutschen Presse zu wahren. Er tritt für den ungehinderten Zugang zu allen Nachrichtenquellen und gegen die Gefährdung der freien Information und Meinungsbildung des Bürgers ein. Er entwickelt aber auch Richtlinien für die publizistische Arbeit und wirkt als Beschwerdeorgan auf die Beseitigung von Missständen im Pressewesen hin.

Die professionsethischen Maßstäbe laufen auf eine professionalisierte Aus und Weiterbildung hinaus. Wichtig dabei ist die Einbeziehung der Berufsethik in die Journalistenausbildung. Es geht dabei darum, den Journalisten „ihr Bewusstsein von den ethischmoralischen Dimensionen journalistischen Handelns zu wecken und Kriterien zu vermitteln, die für die immer wieder zu treffenden Entscheidungen bedeutsam sein können“.




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