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Lebenskunst: Das Prinzip der Balance als Kern der Lebenskunst

LEBENSKUNST

Wolfgang Kersting sieht das Prinzip der Balance als Kern der Lebenskunst


Wenn Wissen frei und Freiheit glücklich macht, müssten wir die glücklichsten Menschen sein, die je auf dieser Erde gelebt haben. Denn keine Menschengeneration hat je so viel gewusst wie wir, und keine Menschengeneration war je so frei wie wir. Allerdings korrespondiert dem unaufhörlichen Zuwachs an Freiheit und Wissen kein Zuwachs an Glück. Freud hat die These vertreten, dieses allgemeine Unwohlbefinden der Menschen in den modernen Gesellschaften, diese Gereiztheit, habe ihren Grund in den vielfältigen Versagungen, die die Gesellschaft uns im Namen ihrer kulturellen Ideale abverlange. Die Diagnose, so Wolfgang Kersting in seinem Essay

Kersting, Wolfgang: Über ein Leben mit Eigenbeteiligung (in Kersting, W.: Gerechtigkeit und Lebenskunst. Philosophische Nebensachen. 220 S., Ln., € 24.80, 2006, Mentis, Paderborn

ist, wenn sie denn überhaupt für Freuds Zeiten Gültigkeit besessen hat, heute bestimmt nicht mehr zutreffend.

Kersting sieht den Grund vielmehr darin, dass uns heute die Ideale abhanden gekommen sind: Für große Ideen hat man gegenwärtig keine Verwendung mehr, sie sind allesamt schon in der Wirklichkeit angekommen. Zwar gibt es manche Möglichkeiten der Verbesserung, aber grundsätzliche Alternativen zum Bestehenden können wir uns heute nicht vorstellen. Der erhebende Dienst für Ideale und eine bessere Zukunft weicht dem trainingsintensiven Dienst am Unnützen und Sinnlosen: etwa dem Betreiben von Extremsportarten. Es ist also nicht der entsagungsvolle Dienst am kulturellen Ideal, der für Missvergnügen und Unbehagen verantwortlich ist, sondern das Gegenteil: der Mangel an Idealen, der Mangel an eindeutigen Orientierungen. Denn so repressiv auch das Ideal auftreten mag, als Gegenleistung für den Gehorsam bietet es immerhin Sicherheit: Sicherheit durch Lebensorientierung, Sicherheit durch Wahrheitsgewissheit, Sicherheit durch Sinnstiftung. Da uns diese Art von Sinn nicht mehr im Großformat bereitgestellt wird, müssen wir uns mit dem kleinformatigen Sinn begnügen, den wir selbst unserem Leben zu geben vermögen. Laut Kersting ist das schwer genug und mit beträchtlichem Risiko zu scheitern belastet. Er sieht in der Verwandlung der technischen Verfügungsfreiheit und der ethischen Gestaltungsfreiheit in Selbstmächtigkeit die grundlegende Aufgabe, die moderne Menschen bewältigen müssen. Um sie bewältigen zu können, müssen die Individuen bestimmte Fähigkeiten ausbilden, die es ihnen ermöglichen, die vorfindlichen Optionen zu ordnen, verantwortungsvoll zu gewichten und zu einem Lebensprogramm zu verdichten, in dessen Mittelpunkt die Selbstsorge steht.

Allerdings werden sie dabei nicht allein gelassen. Eine gewaltige Lebensoptimierungsindustrie nimmt sich ihrer an, mit Ratgeber und Orientierungsliteratur, mit Wellnesskliniken, Begegnungsstätten und Beratungszentren. Allerdings macht dies alles nicht glücklicher. Kersting meint, es seien die Lebensverhältnisse, die wir in der Moderne vorfinden, die uns nicht gut tun, die uns gereizt, unausgeglichen und ausgebrannt lassen. Wir haben das Gefühl, dass wir das, was wir vorfinden, nicht alles sein kann, das da noch irgend etwas ist. Auch haben wir das Gefühl, dass das Glück etwas sein muss, das uns widerfährt, das wie das Wetter nicht beeinflussbar ist.

Die antike Philosophie war da anderer Meinung. Sie kannte die Lebenskunst, das Wissen, das nötig ist, um richtig, um gut zu leben und das Leben so zu führen, dass es gelingt, glücklich zu sein. Derjenige, der über diese Kunst verfügt, ist aber kein Lebenskünstler; der Unterschied ist sogar so groß, dass der Lebenskünstler geradezu in einen Gegensatz zur Lebenskunst tritt. Auch darf die Lebenskunst nicht mit Moral verwechselt werden (was häufig der Fall ist). Die Lebenskunst ist eine Kunst der Selbstsorge. Darum ist sie nicht nur von der Moral verschieden, sie kann vielmehr nur die Moral akzeptieren, die sie akzeptiert. Insbesondere die Moral der Selbstlosigkeit muss sie verwerfen. Vor dem christlichen Lied der Demut verschließt sie ihre Ohren genauso wie vor den Zumutungen des selbstvergessenen Altruismus. Es ist deshalb kein Wunder, dass die Tradition der Lebenskunst im vorchristlichen Altertum entwickelt wurde und mit der kulturellen Machtergreifung des Christentums abbrach. Gerne wird auch das Plädoyer für Selbstsorge als neoliberale Rücksichtslosigkeit, als Lobrede auf den Egoismus und als Aufforderung zur Unmoral verstanden. Für Kersting ein verhängnisvoller Trugschluss. Das Selbst, das um sich sorgt, ist durchaus gemeinschafts und kooperationsfähig. Nur sind dies nicht mehr die Gemeinschaften der Tradition, es sind vielmehr moderne individualistische Kooperations und Lebensgemeinschaften, in denen sich selbstsichere Individuen zusammenfinden.

Das Wissen der Selbstsorge unterscheidet sich vom Wissen der Wissenschaft. Letzteres schreitet fort und ist in hohem Maße verhaltensanfällig. Ganz anders das Wissen der Selbstsorge: Es ist das, was die Philosophen früher Weisheit nannten, es ist Wissen über das menschliche Leben, und dieses Wissen ist in hohem Masse verhaltensresistent. Es ist Jedermannswissen, unmittelbar einleuchtend und keines besonderen Beweises bedürftig. Und doch muss man immer wieder Anstrengungen unternehmen, um die Menschen an dieses Wissen zu erinnern. Denn die Menschen ziehen es vor, sich leben zu lassen, anstatt ihr eigenes Leben an die Hand zu nehmen. Sie unterwerfen sich dem, was Heidegger das „Man“ genannt hat. Um ein eigentliches Leben zu gewinnen, muss man dagegen Selbstsein entwickeln, zu einem Selbst werden. Damit eine Person ein Leben führen kann und nicht lediglich von den Verhältnissen mitgenommen wird, muss sie sich Priorität gegenüber ihren Zwecken, Wertvorstellungen und Verpflichtungen erarbeiten. Sie muss die kulturell vermittelte und geschichtlich erworbene Fähigkeit, sowohl die kollektiven Überzeugungen des Traditionshintergrundes als auch die eigenen Vorstellungen von einem gelingenden Leben im Lichte neuer Erfahrungen neu bewerten und revidieren. Dabei gelingt es, Vorliegendes sich anzueignen und den eigenen Vorstellungen anzupassen.

Das Gute, Richtige liegt in der Mitte zwischen einem Zuviel und einem Zuwenig. Wichtiger noch ist aber für die Selbstsorge das Prinzip der Balance. Es handelt sich dabei um ein Organisationsprinzip, das sich auf das Ganze des Lebens erstreckt. Kersting sieht dabei vier Großbereiche der menschlichen Interessen und Bedürfnisse: a) unser Gesundheitsinteresse, b) unsere materiellen Interessen, c) unsere sozialen Interessen und d) das Sinnbedürfnis. Lebenskunst verlangt nun, die Forderungen dieser vier elementaren Interessen an unsere Kraft und unsere Zeit auszubalancieren. Wir müssen unser Leben so organisieren, dass wir uns sowohl mit unserem Körper als auch mit unserer Arbeitswelt, aber auch mit unserem sozialen Umfeld, unserer Familie und unseren Freunden, und schließlich mit unserer sinnsuchenden Seele in Übereinstimmung finden. Das ist schwer; und das Ausmaß dieser Schwierigkeit lässt einen über die vielen Lebensläufe, die misslingen, nicht staunen.

Den Kern des Wissens über die Selbstsorge bilden anthropologische Selbstverständlichkeiten, alltagsethische Binsenwahrheiten und endlichkeitsphilosophische Gemeinplätze. Mit Philosophie hat das für Kersting nichts zu tun. Angesichts des modernen Philosophieverständnisses muss eine lebenskunstdienliche Philosophie geradezu als Widerspruch erscheinen. Die zeitgenössische Philosophie könnte den Zustand der lebensethischen Unmittelbarkeit nur um den Preis der intellektuellen Regression zurückgewinnen. Die Folge wären unerträgliche AristotelesNachahmungen und SenecaImitationen.




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