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Wittgenstein: Briefwechsel mit Engelmann

WITTGENSTEIN

Briefwechsel mit Paul Engelmann


1967 erschienen erstmals die Briefe, die Ludwig Wittgenstein an Paul Engelmann geschrieben hatte. Ilse Somavilla hat diese neu herausgegeben und auch die in der Zwischenzeit aufgefundenen Briefe Engelmanns an Wittgenstein im Zusammenhang veröffentlicht:

Somavilla, Ilse (Hrsg.): Wittgenstein – Engelmann: Briefe, Begegnungen, Erinnerungen. 237 S., Ln., € 24.50, 2006, Haymon, Innsbruck.

Die Korrespondenz der beiden wird durch Briefe Ernestine Engelmanns, der Mutter von Paul, sowie Briefe von Max Zweig und Heinrich Groag ergänzt. Hinzu kommen, wie schon in der ersten Auflage, die Erinnerungen Engelmanns an Wittgensteins.

Wittgenstein lebte im Jahre 1916 einige Monate in Olmütz in Mähren. Auf Empfehlung des Wiener Architekten Adolf Loos besuchte er dessen dort wohnhaften Schüler Paul Engelmann. Wittgenstein nahm in der Folge häufig an den abendlichen Zusammenkünften der Familie teil. Engelmann und Wittgenstein verstanden sich auf Anhieb in besonderer und wohl auch seltener Weise. In der Folge stand der Architekt Engelmann über Jahre mit der Familie Wittgenstein in enger Beziehung. Er war manchmal bis zwei Wochen Gast in den Häusern der Familie in Wien und Umgebung.

„Es ist mir vorgekommen, als ob Sie – im Gegensatz zu der Zeit in Olmütz, wo ich das nicht gedacht hätte – keinen Glauben hätten“, schreibt Engelmann am 8. Januar 1917 an Wittgenstein. „Wenn Sie nun sagen, dass ich keinen Glauben habe, so haben Sie ganz recht, nur hatte ich ihn auch früher nicht. Es ist ja klar, dass der Mensch, der, so zu sagen, eine Maschine erfinden will um anständig zu werden, dass dieser Menschen keinen Glauben hat“, antwortet Wittgenstein. „Aber was soll ich tun? Das eine ist mir klar: Ich bin viel zu schlecht um über mich spintisieren zu können“, „ich werde entweder ein Schweinehund bleiben, oder mich bessern, und damit basta! Nur kein transzendentales Geschwätz, wenn alles so klar ist wie ein Watschen“.

Am 7. November 1918 schreibt Engelmann an Wittgenstein, er befürchte, dass dieser ihn nicht „wiedererkennen werde infolge der moralischen Verfinsterung oder besser gesagt Verfettung, die in letzter Zeit bei mir eingetreten ist. Während ich mir früher unaufhörlich bewusst war, wie unendlich weit ich von dem entfernt bin, was richtig ist, ist dieses Bewusstsein jetzt nur selten vorhanden“. „Ihren Zustand glaube ich gut zu verstehen“, antwortet Wittgenstein. „Denn ich befinde mich gerade jetzt in einem ähnlichen und zwar schon seit meiner Rückkehr aus der Gefangenschaft. Ich glaube es geht damit so zu: Wir gehen nicht auf direkter Strasse zum Ziel, dazu haben wir – oder ich wenigstens – nicht die Kraft. Dagegen gehen wir auf allen möglichen Seitenwegen und so lange wir auf einem solchen vorwärts kommen, geht es uns so leidlich. Wie aber ein solcher Weg aufhört, so stehen wir da und werden uns nun erst bewusst, dass wir ja nicht dort sind, wo wir hingehören.“

Anderthalb Jahre später, am 30 Mai 1920, schreibt Wittgenstein an Engelmann: „Ich möchte mich wieder einmal ausleeren; es ist mir in letzter Zeit höchst miserabel ergangen. Natürlich nur durch meine eigene Niedrigkeit und Gemeinheit. Ich habe fortwährend daran gedacht, mir das Leben zu nehmen und auch jetzt spukt dieser Gedanke noch in mir herum. Ich bin ganz & gar gesunken. Möge es Ihnen nie so ergehen!“ Am 21. Juni präzisiert Wittgenstein: „Ich bin nämlich in einem Zustand, in dem ich schon öfters im Leben war, und der mir sehr furchtbar ist. Es ist der Zustand wenn man über eine bestimmte Tatsache nicht hinweg kommt.“ Am 19. Juli berichtet Wittgenstein, er habe eine Arbeit gefunden, die für seinen gegenwärtigen Zustand das Erträglichste sei: Er sei als Gärtnergehilfe im Stift Klosterneuburg aufgenommen. „Wenn die Arbeit am Abend getan ist“, schreibt er am 20. August, „so bin ich müde und fühle mich dann nicht unglücklich. Freilich graut mir etwas von meinem künftigen Leben. Es müsste mit allen Teufeln zugehen, wenn es nicht traurig ja unmöglich wird.“ Engelmann überlegte sich, was für ein Beruf für Wittgenstein in Frage komme und fand, die Tätigkeit eines Hilfsorgans in großen AdvokatenKanzleien wäre das richtige.

Jahre später, am 24. Februar 1925, antwortet Engelmann auf einen Brief Wittgensteins: „Gewiss sind sie nicht anständig, aber Sie sind doch viel, viel anständiger als ich…. Ich leide sehr unter den Menschen, oder Unmenschen, mit welchen ich lebe, kurz alles wie immer!“

Was die beiden verband – so analysiert Ilse Somavilla in ihrem Nachwort – , waren ihre Ideale. Beide setzten ihre Ideen im persönlichen Lebensvollzug um, und das beinhaltete ein Aktivwerden, eine gelebte „praktische Ethik“ – wenn auch auf unterschiedliche Art und Weise. Engelmann war Pazifist und entwickelte ein Modell der Gesellschaftsveränderung, Wittgenstein nahm aktiv am Krieg teil. Beide sahen ein Missverhältnis zwischen Idealität und Realität – der Wirklichkeit, wie sie sie vorfanden, und der idealen Welt, wie sie sich wünschten, und beide sahen die Ursache dieses Missverhältnisses eher in sich selbst als außerhalb. Das führte zu selbstquälerischen Auseinandersetzungen mit eigenen, vermeintlich begangenen Fehlern und dem Gefühl persönlichen Versagens.

Engelmann erzählt in seinen Erinnerungen, ihn habe damals gequält, dass seine Kriegsgegnerschaft ihn nicht von seiner moralischen Verpflichtung zum Krieg befreie. Er empfand aber, dass eine höhere moralische Forderung ihn zwinge, die hohe patriotische Verpflichtung zu brechen. Wittgenstein empfand demgegenüber, dass der Verpflichtung, Kriegsdienst zu leisten, unter allen Umständen Folge geleistet werden müsse. Ihn quälte dagegen das Erlebnis des eigenen Versagens und der Sündhaftigkeit. Wittgenstein vertrat in allen Fragen des Lebens einen ethischen Totalitarismus, ein unbedingtes Reinhalten der kompromisslosen ethischen Forderung, und ihn bedrängte das Bewusstsein der eigenen dauernden Entferntheit von ihr. Engelmanns eigene Qual jedoch brachte ihn dazu, die Wittgensteins zu verstehen, und dieses Verständnis machte ihn für Wittgenstein unentbehrlich.




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