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19. Jahrhundert: Materialismus-Streit

19. JAHRHUNDERT

Der MaterialismusStreit im 19. Jahrhundert

„Materialismus“ ist eine relativ junge Bezeichnung für eine sehr alte philosophische Konzeption. Eine Definition, so Kurt Bayertz, die ihn scharf von anderen philosophischen Konzeptionen unterscheidet, gibt es nicht. Materialismus beinhaltet jedoch auf jeden Fall die These, dass die gesamte Wirklichkeit als ein objektivreales Sein aufgefasst werden muss, dessen Existenz und Struktur weder vom menschlichen noch von irgendeinem anderen (z.B. göttlichen) Bewusstsein abhängen. Der terminus technicus für dieses objektivreale Sein ist Materie. Der Materialismus beinhaltet weiter die These, dass geistige Lebensäußerungen kein separates Reich bilden, sondern als ein Produkt der Materie aufgefasst werden müssen. Die Materie ist nicht nur ontologisch, sondern auch inhaltlich primär: Was eine wahre Erkenntnis ist, legt der jeweilige (materielle) Erkenntnisgegenstand fest. In ethischer Hinsicht verteidigt der Materialismus den Anspruch der Menschen darauf, in dieser Welt glücklich zu werden. Und dieses Glück ist für ihn nicht unabhängig von der Befriedigung der materiellen Bedürfnisse. Keine dieser Thesen ist jedoch inhaltlich präzise festgelegt, jede von ihnen lässt Raum für unterschiedliche, ja divergierende Deutungen.

Der Materialismus des 19. Jahrhunderts unterscheidet sich wesentlich von seiner klassischen Ausprägung, er ist spezifisch modern. In dem Band

Der MaterialismusStreit. Weltanschauung, Philosophie und Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert herausgegeben von Kurt Bayertz, Myriam Gerhard und Walter Jaeschke, Band 1, 336 S., kt., 2007, € 48.—, Meiner, Hamburg

wird dieses Thema und insbesondere der MaterialismusStreit des 19. Jahrhunderts von verschiedenen Autoren (u. a. K. Bayertz, G. Mensching, R. Wahsner, M. Gerhard, R. Mocek, G. KühneBertram) aufgearbeitet.

Die wesentlichen Motive des Materialismus des 19. Jahrhunderts finden sich bereits bei La Mettrie (17091751). In den Eingangskapiteln seines Traité de l’ame reduziert dieser programmatisch alle geistigen und seelischen Qualitäten auf Eigentümlichkeiten der Materie. Wie Günther Mensching darstellt, wurde dies jedoch damals kaum beachtet, der Antagonismus zwischen Materialismus und Idealismus brach erst im 19. Jahrhundert auf. Eine zentrale Rolle spielte dabei Feuerbach, von ihm ging die Kritik an Hegel aus, die in den divergierenden Tendenzen des Materialismus im 19. Jahrhundert ihre Konsequenzen zeitigte. Feuerbach selber nannte sein Denken zeitweise „anthropologischer Materialismus“. Und noch Marx’ Impetus, Hegel vom Kopf auf die Füße zu stellen, ist Feuerbachschen Geistes.

Worin unterscheidet sich der Materialismus des 19. Jahrhunderts von seinen klassischen Vorläufern? Bayertz nennt dessen spezifisches Verhältnis einerseits zur Natur, andererseits zur Praxis. An die Stelle der Natur tritt bei den modernen Materialisten die Naturwissenschaft. Ihnen zufolge kann uns die Philosophie nichts Besserer (Wahreres) über die Welt sagen als die Naturwissenschaften. Eine autonome Philosophie ist daher nicht nur überflüssig, sondern schädlich, da sie uns auf die Abwege der Spekulation und des Idealismus führt. Denn die Tatsachen und Theorien der Naturwissenschaft geben ein Bild der Natur, wie sie ist. Dieses Bild ist potentiell vollständig im dem Sinne, dass es nichts gibt, dass sich dieser Erkenntnis prinzipiell entzieht. Die zunehmende Autorität der Naturwissenschaften sollte die materialistische Philosophie beglaubigen. Ein Materialist des 19. Jahrhunderts konnte also nichts besseres tun, als die ganze Welt im Licht der damaligen Naturwissenschaften zu deuten.

Allerdings bestehen die Naturwissenschaften nicht nur aus fertigen Resultaten, sondern akkumulieren neue Daten und Theorien und erzwingen bisweilen tiefgreifende Revisionen der bisherigen Erkenntnisse. Für materialistische Philosophie ist dies ein Problem: Die Historizität der naturwissenschaftlichen Erkenntnis reduziert die an sie gebundenen Philosophien zu einer Sequenz intellektueller Moden.
Bayertz zeigt, dass zur Lösung dieses Problems zwei Wege eingeschlagen worden sind:
Der erste besteht darin, mit der jeweils neuen „Mode“ zu gehen, d.h. die jeweils aktuelle wissenschaftliche Theorie zum Angelpunkt der Weltdeutung zu machen. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bot sich dazu die Darwinsche Evolutionstheorie als Basis möglicher philosophischer Konzeptionen an. Vogt, Moleschott und Büchner zögerten nicht, dieses Angebot anzunehmen, der Materialismus wurde darwinistisch.
Auf dem anderen Weg behält man die enge Bindung an die Naturwissenschaften bei, ohne sich weiter an ihre Resultate zu klammern. Die Philosophie extrapoliert die methodische Vorgehensweise und Weltauffassung der Naturwissenschaften. Dieser Weg wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von Ernst Mach und später von den Mitgliedern des Wiener Kreises eingeschlagen.

Die Hauptvertreter des Materialismus im 19. Jahrhundert sind L. Büchner, C. Vogt und J. Moleschott. Moleschott ist als Naturforscher bekannt geworden, sein Kreislauf des Lebens verteidigt den Gedanken von der Erhaltung des Stoffs.

Der Terminus „Materialismusstreit“ im engen Sinne bezeichnet, wie Gudrun KühneBertram darlegt, die polemische Debatte zwi¬schen Carl Vogt und Rudolph Wagner. Sie begann im September 1854 auf einer öffentlichen Sitzung der NaturforscherTagung, als der Physiologe R. Wagner in einem Vortrag „Menschenschöpfung und Seelensubstanz“ gegen eine materialistische und antichrist¬liche Interpretation naturwissenschaftlicher Forschungsergebnisse polemisierte. Die damaligen Wortführer der Materialisten hatten mit ihren populären und vielgelesenen Schriften großen Einfluss auf die deutsche Kultur gewonnen. Vogt machte sich darauf, wie Renate Wahsner darlegt, über Wagners Glauben an eine Lebenskraft und Seelensubstanz lustig und proklamierte mit absichtlich verletzender Schärfe die Abstammung des Menschen vom Affen. Im allgemeinen wird der dabei vertretende Materialismus als vulgär bezeichnet, eine Bezeichnung, die nach Wahsner jedoch auch auf die Gegenseite zutrifft. Aus heutiger Sicht erscheinen beide Seiten naturwissenschaftlich und philosophisch simplifiziert,

Zwei Punkte seien es, „um die es sich vorzüglich in diesem Streit handelt“, schrieb der Katholik J. Frohschammer in seiner „Streitschrift“ gegen Carl Vogt: „Erstens: ob die Physiologie wirklich Thatsachen aufgefunden hat, mit denen schlechterdings die Substantialität und Unsterblichkeit der Menschenseele unvereinbar sey. Zweitens, ob die Physiologie das geistige Leben der Menschheit in Kunst, Wissenschaft, Religion u.s.w. zu erklären vermöge, wenn sie nichts annimmt als die Materie mit ihren physikalischen und chemischen Kräften und Gesetzen.“ Wie Myriam Gerhard darlegt, konzen¬triert sich die Kritik am Materialismus auf diese beiden Punkte: die Bestimmung der Seelensubstanz und die wahre Quelle der Erkenntnis. Der Streit um die Seele lässt sich auf den Satz der Materialisten zurückführen, dass die Seele lediglich der Effekt der Einheit des Organismus sei. Diesem „Fundament der ganzen materialistischen Lehre“ stellen die Spiritualisten den Satz entgegen, dass die Seele, die Einheit des Bewusstseins, nicht die Wirkung, sondern die Ursache dieser Einheit des Organismus sei. Den Materialisten fehlt aus spiritueller Sicht das einigende „geistige Band“. Für I.H. Fichte etwa widerlegt der Materialismus sich selbst, da er weder die durchgängige Identität des Bewusstseins, noch die Reflexivität und den Ursprung des Bewusstseins erklären könne. Für Fichte wird die durchgängige Identität unseres Bewusstseins vermittels der Beharrlichkeit der Seele im Wechsel garantiert. Für die Materialisten hingegen ist die Annahme einer Seele „reiner Unsinn“.

Dem wird entgegengehalten, der Materialismus lasse unerklärt, „wodurch diese eigen¬thümliche Combination des Stoffs, die ihm die Fähigkeit zu empfinden und zu denken gibt, zu Stande kommt.“ (J. Frauenstädt) Die materialistische Wissenschaft gerate mit sich selbst in Widerspruch, wenn „Alles auf die äußere sinnliche Erfahrung abgestellt wird und nur das als wirklich angenommen wird, was Gegenstand der sinnlichen Erfahrung
ist…. Die Wahrheit selbst ist gewiß kein Gegenstand der sinnlichen Erfahrung; ebenso wenig ist es das Gesetz und die Ordnung“, schreibt A. Tanner in seinen Vorlesungen über den Materialismus. Als Wissenschaft beansprucht der Materialismus die Wahrheit seiner Theorie und die objektive Geltung der Naturgesetze. So betrachte der Materialismus auch sich selbst nicht als „einen vorübergehenden Gehirnzustand“, sondern als eine objektiv gültige Theorie. Die objektive Geltung wissenschaftlicher Theorien lasse sich jedoch weder ausschließlich durch die sinnliche Erfahrung begründen noch auf physiologische Prozesse zurückführen. Für F. Michaelis etwa beruht der kardinale Fehler des Materialismus auf der „Verwechslung des Begriffes der sinnlichen Realität mit dem Begriffe der Realität überhaupt“. Die Notwendigkeit nichtempirischer Begriffe hat ihren Grund darin, „dass Empfindung sich nicht wieder an Empfindung ordnen könne“ (F.A.Lange). Dem strengen Sensualismus ist eine objektive Ordnung der Sinnesdaten, die über die individuelle Sinneswahrnehmung hinausgeht, nicht möglich. Lange hält deswegen die Physiologie der Sinneswahrnehmung für das entscheidende Argument gegen den Materialismus: „Der einzige Weg, welcher sicher über die Einseitigkeiten des Materialismus hinausführt, geht mitten durch seine Konsequenzen hindurch.“

Eine andere Kritiklinie geht dahin, dass mit der Bestimmung der Materie als Grund alles anderen das Wesen der Materie selbst noch nicht bestimmt ist. „Wenn also der Materialist fragt: Was ist der Geist? So können wir ihm die Frage entgegenhalten: Was ist Materie?“ (A. Tanner). Auf der Grundlage des Sensualismus lässt sich die Materie weder bestimmen noch erkennen. Die Materie ist kein Gegenstand sinnlicher Erkenntnis, so dass das Prinzip und der Erklärungsgrund alles Bestehenden selbst materialistisch nicht zu begründen ist. Wird die Materie als Existenzgrund aller möglichen Gegenstände behauptet, so ist ihre Existenz entweder durch einen unendlichen Regress oder durch die metaphysische Voraussetzung ihres Daseins zu begründen.
Der MaterialismusStreit löste in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verschiedene Versuche aus, sowohl die alte idealistische Metaphysik als auch die neue naturalistische Metaphysik der Materialisten zu überwinden und zwar zum einen zugunsten der Wissenschaftlichkeit naturwissenschaftlicher Erkenntnisse und zum anderen zum Wohle des individuellen und gesellschaftlichen moralischen Handelns. Hierher gehört, wie Reinhard Mocek darlegt, der anthropologische Materialismus, einsetzend mit den utopischen Sozialisten, fortgeführt durch die Feuerbachianer und die frühen Marxisten, sich ausdifferenzierend in eine Vielzahl humanistischer Philosophien. Kennzeichnend für sie ist, dass die Welt so genommen wird, wie sie ist, ohne göttliche Zutat.




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