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Heideggers Komplizenschaft mit dem Nationalsozialismus


Heideggers Komplizenschaft mit dem Nationalsozialismus

Die Frage nach der Komplizenschaft führender deutscher Intellektueller mit der nationalsozialistischen Bewegung stellt sich nach wie vor als ein beunruhigendes Problem dar. Sie fordert aber auch ein wiederholtes Nachdenken über die Struktur des Nationalsozialismus, wie es Jacob Taubes 1987 formuliert hatte: „Irgendetwas verstehe ich vom Nationalsozialismus nicht, wenn ich nicht verstehen kann, wieso Schmitt und Heidegger von ihm überhaupt angezogen wurden.“ Das gilt aber auch umgekehrt: Auch Heideggers oder Schmitts Denken bleibt unverstanden, wenn ihre Beteiligung am Nationalsozialismus nicht aus diesem heraus erklärt werden kann.
Daniel Morat ist in seinem Buch dieser Frage

Morat, Daniel: Von der Tat zur Gelassenheit. Konservatives Denken bei Martin Heidegger, Ernst Jünger und Friedrich Georg Jünger 19201960, 592 S., Ln., € 48.—, 2007, Wallstein, Göttingen

hinsichtlich Heidegger und den Gebrüdern Jünger nachgegangen, und eine seiner Thesen lautet: Der „Einsatz“ für den Nationalsozialismus bot einer bestimmten Gruppe von radikalkonservativen Intellektuellen, die über einen ausreichenden Vorrat an ideologischer Übereinstimmungen mit dem Nationalsozialismus verfügten, die heiß ersehnte Möglichkeit, Geist und Tat unmittelbar miteinander kurzzuschließen und das Vermittlungsproblem von Theorie und Praxis zugunsten der Praxis zu lösen. Genau hier finden sich die Gemeinsamkeiten von Jünger und Heidegger. Und beide begannen ihre Unterstützung ab Mitte der 1930er Jahre einzustellen: Morat sieht hier eine Parallelentwicklung, die Jünger und Heidegger von anderen Vertretern der extremen Rechten unterscheidet. Auch beinhaltet sowohl bei Heidegger als auch bei den Brüdern Jünger die Auseinandersetzung mit der Technik als einem Systems des Produzierens und Arbeitens eine verdeckte Auseinandersetzung mit dem Problem des Handelns. Und bei beiden findet nach 1945 ein Wandel vom Voluntarismus der Tat zum Attentismus der „Gelassenheit“ statt, was Morat als Teilgeschichte der Transformation des deutschen intellektuellen Konservatismus im 20. Jahrhundert interpretiert. Morat sieht hier einen grundlegenden Unterschied zu anderen Konservativen wie Arnold Gehlen oder Hans Freyer. Freyer etwa hatte sich nach dem Krieg mit der demokratischen Ordnung abgefunden, gleichzeitig aber an seinem Anspruch tätiger Teilhabe am politischen Leben festgehalten. Bei Heidegger und den Brüdern Jünger verhielt es sich gerade umkehrt: Sie blieben auch nach 1945 strikte Antidemokraten, zogen sich aber mehr und mehr aus der Sphäre des Politischen zurück. Sie hielten zwar an ihrem Anspruch fest, durch ihr Denken wirken zu wollen, dies war aber nicht mehr auf konkrete politische Veränderungen gerichtet, sondern auf ein Jenseitiges der Politik: Eine „uneigentliche“ Jetztzeit sollte durch eine „eigentliche“ Zukunft ersetzt werden.

Der Umbruch dieses Denkens begann aber schon viel früher und zwar – das ist eine weitere These von Morat – beim Scheitern der eigenen politischen Ambitionen zu Beginn der 1930er Jahre. Es handelt sich dabei in den Worten von Habermas um den „Prozeß einer eigentümlich uneinsichtigen Enttäuschungsverarbeitung“, der die weitere Entwicklung steuerte und in dieser zu einer Reformulierung des GeistTatProblems führte, das nun einseitig zu Gunsten des Geistes gelöst werden sollte.

Die eigentümlich uneinsichtige Enttäuschungsverarbeitung

Die gesamte Konservative Revolution der Weimarer Republik war auf Aktion anstatt bloßer Meinungsbildung gerichtet. Sie wurde in erster Linie von jungen Rechtsintellektuellen getragen, die durch das Erlebnis des Ersten Weltkrieges nachhaltig geprägt worden waren. Dieser Aktionismus war letztlich auch durch die Unfähigkeit geprägt, ein positives politisches Programm zu entwerfen. Carl Schmitts „Entscheidung für die Entschiedenheit“ sei letztlich inhaltsleer und nur durch Gewalt einzulösen, erkannte schon 1935 Karl Löwith. Und in der Übertragung auf Heidegger sprach Löwith vom „inneren Nihilismus dieser nackten Entschlossenheit“. Das dezisionistische TatDenken verband sich mit spezifisch konservativen Motiven wie „Sehnsucht nach Schicksal und Tiefe“, einem „Denken aus dem Ursprung“, einem Elitismus der Eingeweihten und einem soldatischen Heroismus der Opferbereitschaft und des Todesmutes, sowie einem spezifisch männlichen Führerprinzip. Und die angestrebte Revolution sollte nicht irgendeine, sondern eine „deutsche Revolution“ sein. So schrieb 1923 Hans Freyer: „Wir sind fertig mit den Begriffen, nun greifen wir ein in die Welt…. Und ziehen aus den Prämissen der Philosophie den großen Schluß: die Tat.“

Entsprechend sah Ernst Jünger in der nationalsozialistischen Bewegung „mehr Feuer und Blut, als die so genannte Revolution in den ganzen Jahren aufzubringen imstande war“. Die konservativen Intellektuellen betrachteten die NSDAP als gleichgesinnte Kraft. Der Unterschied lag nicht in der inhaltlichen Ebene, sondern in der Organisationsform als esoterischer Zirkel der einen und als Massenpartei der anderen. Mit wachsendem politischen Erfolg wurden denn auch immer mehr konservative Intellektuelle Mitglieder der Partei.

Im Unterschied zu den Brüdern Jünger blieb Heideggers politische Tätigkeit auf die Universität beschränkt. Doch auch hier zeigt sich sein konservatives Denken deutlich: die Wahrnehmung einer krisenhaften Gegenwart, die er durch ein falsches philosophisches Bewusstsein gekennzeichnet sieht, das durch ein radikales Wiedererlangen eines echten philosophischen Fragens überwunden werden muss. Dies muss durch die tätige Verwandlung des gesamten Daseins durch praktische Anleitung und geistige Führung erfolgen. „Die eigentliche Wiederholung einer gewesenen Existenzmöglichkeit – dass das Dasein sich seinen Helden wählt – gründet existenzial in der vorlaufenden Entschlossenheit; denn in ihr wird allererst die Wahl gewählt, die für die kämpfende Nachfolge und Treue zum Wiederholbaren frei macht“, schrieb Heidegger tiefsinnig. Die verwendeten Begriffe „Wiederholung“, „Wahl des Helden“, und „Widerrufung des Vergangenen im Heutigen“ sind typische Formeln der damaligen konservativen Rechten. Zusammen mit dem Heroismus der Eigentlichkeit weisen entsprechende Abschnitte aus Sein und Zeit voraus auf das NSEngagement Heideggers und belegen die Teilnahme der Existenzialontologie am dezisionistischen Denken der konservativen Revolution. Dazu gehört auch das Sichaufru¬fenlassen aus der Verfallenheit des Man durch den Gewissensruf, der zunächst in Gestalt einer inneren Umkehr erscheint und in einem Aufruf zur Aktion resultiert. Allerdings führt kein direkter Weg von Sein und Zeit zum Nationalsozialismus. Dazu bedarf es nach Morat erst der Weiterentwicklung des heroischen Existentialismus zu einer politischen Konzeption des Handelns und Willens, mithin zu einem „politischen Existenzialismus“ – eine Weiterentwicklung, die in mehreren Schritten in den Vorlesungen der Jahre 1928 bis 1930 erfolgt.

So greift Heidegger in der Vorlesung vom Wintersemester 1929/30 die Motive seines heroischen Existenzialismus auf, um sie aktivistisch zu wenden: Das Konzept des Augenblicks wird zum „Blick der Entschlossenheit zum Handeln“. Das eigentliche Dasein wird an eine übergeordnete Instanz, an ein ihm aufgegebenes Geschick, das es zu erfüllen gilt, gebunden und in den Kontext einer wesentlichen Mitwelt gestellt, denn das Schicksal ist immer „mitbestimmt durch die innere Bereitschaft zur wechselseitigen Gemeinschaft“. Diese Doppelung von Entscheidung und Einordnung erinnert Morat an die Kombination von Freiheit und Notwendigkeit im heroischen Realismus der Gebrüder Jünger. Allerdings führt das bei Heidegger zu einem Leerlauf: Das „wirkliche Wollen und Handeln“ erscheint explizit als „Wollen um das Wollen selbst willen“. Löwith schrieb darüber: „Wer von hier aus vorausblickt auf Heideggers Parteinahme für Hitlers Bewegung, wird schon in dieser frühesten Formulierung der geschichtlichen Existenz die spätere Verbindung mit der politischen Entscheidung angelegt finden.“ Heidegger entwickelte die in Sein und Zeit konzipierten Kategorien der Entschlossenheit, der Selbstwahl, des Schicksals weiter, um seine konservativrevolutionäre Tatbereitschaft zu steigern, die schließlich zu seinem Engagement für den Nationalsozialismus führte.

Diese Weiterentwicklung geschah allerdings nicht linear, sondern ging auf seine durch das Scheitern des Entwurfs von Sein und Zeit (dessen zweiter Teil wurde nie fertig gestellt) entstandene Krise zurück, „aus der heraus der Nationalsozialismus als eine politische Lösung philosophischer Fragen erscheinen konnte“ (Kai Haucke). 1933 schrieb Heidegger an Paul Häberlin, seine „philosophische Arbeit“ müsse sich jetzt „im Praktischen bewähren“. Dabei handelt es sich um das „handelnde Begreifen oder Nichtbegreifen der Weltstunde, in die der Geist dieser Erde eingetreten ist“. Dieses handelnde Begreifen, so Heidegger, „zwingt uns in den Kampf und versetzt uns in Entscheidungen, die in die Zukunft ausgreifen“. Hier spitzt sich Heideggers in den 1920er Jahren entwickeltes philosophisches Programm der Destruktion der Philosophie auf die Entscheidung für oder gegen das Wesen der Wahrheit und damit das eigentliche Dasein zu: „Dieser ungeheure Augenblick, in den der Nationalsozialismus heute gedrängt ist, ist das Werden eines neuen Geistes der Erde überhaupt“, schreibt Heidegger. „Der Nationalsozialismus ist nicht irgendwelche Lehre, sondern der Wandel von Grund auf der deutschen und, wie wir glauben, auch der europäischen Welt“, heißt es an anderer Stelle. Heidegger aber macht umgekehrt auch den Erfolg des Nationalsozialismus davon abhängig, ob dieser sein eigenes philosophisches Anliegen – nämlich die neuerliche Zuwendung zum Sein – zu verwirklichen helfe oder nicht. Denn für ihn ist Philosophie nicht abgehobene Theorie, sondern führt, richtig betrieben, zur „Einsicht in die Notwendigkeit des Handelnmüssens“.

Morat sieht hier Elemente, die Heidegger mit den Brüdern Jünger gemeinsam hat: Verachtung für Stillstand, Mittelmäßigkeit und Harmlosigkeit, dafür Bewunderung für das Unbändige, Zügellose und Wilde und die Aufforderung, sich als „heroischer Mensch ….zu diesem Schicksal zu bekennen und sich ihm gewachsen zeigen“ (Heidegger). Aber auch solche Elemente, die sich bei Carl Schmitt finden: „Feind ist derjenige und jeder, vom dem eine wesentliche Bedrohung des Daseins des Volkes und seiner Einzelnen ausgeht“ (Heidegger). Heidegger hat mit den Brüdern Jünger auch gemeinsam, dass er nach der Machtergreifung zweifache Kritik am Nationalsozialismus übte: Zum einen, dass die nationalsozialistische Revolution für beendet erklärt wurde und zum anderen am Biologismus des nationalsozialistischen Weltbildes. Alle drei propagierten um diese Zeit eine zweite Phase der Revolution. Heidegger seinerseits grenzte sich zwar vom Biologismus ab, vertrat aber selber ein völkisches Blut und BodenDenken. Er unterschied sich von den Brüdern Jünger aber durch sein Insistieren auf der Bedeutung der Philosophie. Daraus resultieren auch seine Versuche, die Universität zu einer Stätte des mittätigen Philosophierens und damit im eigentlichen Sinn zu einer Führungseinrichtung zu machen.

Gegenüber Karl Jaspers behauptete Heidegger, im Frühjahr 1934 „in die Opposition“ gegangen zu sein. In Wirklichkeit ließ er sich aber weiter mit Vertretern des Regimes ein, etwa mit seiner Stellungnahme zur Einrichtung einer Dozentenakademie oder durch seine Unterschrift zur Unterstützung deutscher Wissenschaftler für Hitler im August 1934. Heideggers Distanz zum Regime wuchs aber ab 1935, die allerdings von der Warte eines „wahren“ Nationalsozialismus aus erfolgte. Auch in anderer Hinsicht änderte Heidegger seine Meinung. Während er 1933 noch verlangte, das Volk müsse „seine Metaphysik erst gewinnen“, zielte er ab Ende der 1930er Jahre auf eine „Überwindung der Metaphysik“. Eine Kritik des technischen Nihilismus erlaubte es ihm, sich von seinem Engagement für den Nationalsozialismus zu distanzieren. Die Auseinandersetzung mit Jüngers Arbeiter war ihm dazu eine große Hilfe. Er interpretiert nun Jünger als den wesentlichen, ja einzigen echten Nachfolger Nietzsches, der im Ersten Weltkrieg die Manifestation des von Nietzsche gedachten „Willens zur Macht“ erkannt und Nietzsches Denken von diesem grundlegenden Verständnis aus in das kriegerische Denken des 20. Jahrhunderts übersetzt habe.

Die Denkfigur des Durchstehens der Not, das allein den Umschlag bringen könnte, die bereits für den heroischen Existentialismus der 1920er Jahre charakteristisch war, wurde in dieser Zeit (noch) beibehalten. Aber er distanziert sich vom Begriff des Heroismus, der nun für eine „reine Kapitulation vor der Wirklichkeit“ steht. Eine Überwindung der Not erhofft er sich nun durch den Rückgang „in die Macht des Anfangs unseres geistiggeschichtlichen Daseins“ in der griechischen Philosophie. Durch die „Besinnung“ auf diesen Anfang erhoffte er sich einen anderen Anfang des Denkens. Er entfaltet nun eine Kritik des gegenwärtigen Zeitalters in seinsgeschichtlicher Perspektive, wobei die Begriffe der „Seinsverlassenheit“, der metaphysischen Herrschaft des „Willens zur Macht“ und des „Nihilismus“ maßgebend sind.

Während Heidegger Mitte der 1930er Jahre die „trostlose Raserei der entfesselten Technik“ noch vornehmlich in Amerika und Russland sieht, betont er nun zunehmend die technischmoderne Seite des Nationalsozialismus. Damit kann er sein eigenes Bezugssystem der „Erde“ als wahren Nationalsozialismus vor der NSKontamination retten: „Was heute vollends als Philosophie des Nationalsozialismus herumgeboten wird, aber mit der inneren Wahrheit und Größe dieser Bewegung … nicht das Geringste zu tun hat“ (so Heidegger 1935). Aber auch die Demokratie ist für ihn eine Erscheinungsform des Nihilismus, zusammen mit Liberalismus und Pazifizismus: „Europa will sich immer noch an die ‚Demokratie’ klammern und will nicht sehen lernen, dass diese sein geschichtlicher Tod würde.“

Neben Nietzsche wurde zu dieser Zeit Hölderlin für Heidegger der wichtigste Autor: Hölderlin stifte durch seine Dichtung das Bleibende als das Kommende. Hölderlin ist für ihn der „Dichter, der die Deutschen erst dichtet“ und damit der „Deutscheste der Deutschen“. Das eigentliche Wesen der Deutschen ordnet Heidegger nun in den Kontext Europas und der „Rettung des Abendlandes“ ein. Die Hinwendung zu Hölderlin ist aber zugleich eine Abwendung von der Politik und dem Politiker Hitler. Noch steht das Denken unmittelbar zur Tat, es soll aber nun nicht mehr selbst tätig werden. Auch nach dem Krieg hielt Heidegger an seinem Glauben an das deutsche Wesen fest: „Wir Deutschen können deshalb nicht untergehen, weil wir noch gar nicht angefangen haben und erst durch die Nacht hindurchmüssen“, schreibt er.

Bereits vor 1945 entwickelte Heidegger eine Text und Sprachstrategie, die auf die Schaffung einer esoterischen Gemeinde von Eingeweihten zielte. Deren Gemeinschaft schützte in der unmittelbaren Nachkriegszeit gegen die Anfeindungen an der Universität und in der Öffentlichkeit. Auf der anderen Seite hatte die Rede vom Nihilismus den Charakter eines „in aller Munde“ befindlichen Schlagwortes. Dadurch wurde die „deutsche Katastrophe“ in den Zusammenhang eines länger währenden abendländischen Verfallsgeschehens eingeordnet und damit zugleich relativiert.






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